Lebensdaten
1788 bis 1869
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Chemiker ; Industrieller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 107050978 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reichenbach, Karl Ludwig Friedrich
  • Reichenbach, Karl Freiherr von
  • Reichenbach, Karl Ludwig Friedrich

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Zitierweise

Reichenbach, Karl Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd107050978.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Carl Ludwig R. (1757-1837), Bibliothekar u. Archivar in St. (s. K. Bader, Lex. dt. Bibliothekare, 1925), S d. Jeremias Friedrich (1725–1810), württ. Feldscher im Inf.rgt. d. Gen. Roeder in Schorndorf, u. d. Susanne Sophie Schwegler, aus Beilstein;
    M Beate Friederike (1765–1841), T d. Hofkammerrats Karl Friedrich Schweizer u. d. Beate Dorothea Schumann;
    Ur-Gvv Jakob Friedrich, Chirurgus iuratus in Cannstatt;
    Gr-Ov Johann Friedrich (1720–90), zweiter Leibchirurg u. Kammerdiener d. württ. Hzg. Carl Eugen, führte 1767 e. erste erfolgreiche Staroperation durch;
    Ov Friedrich Carl Ludwig (* 1755), Pfarrer in Leonbronn, Erdmannhausen b. Marbach/Neckar, Wilhelm Heinrich R. (1763-1843), württ. Leib- u. Rgt.medikus (s. Lb. Schwaben XVI);
    Tante-v Ludovike (1759–1827, ⚭ Franz Johann Simanowi[t]z, 1753-1827, württ. Lt.), Malerin (s. ADB 34; Lb. Schwaben XII; Lb. Schorndorf; Baden-Württ. Portraits; Kussmaul);
    - Stuttgart 1810 Friederike Louise ( 1835), T d. Verlagsbuchhändlers Christoph Heinrich Erhard;
    3 S (1 früh †) u. a. Reinhold v. R. (1812-87, ⚭ Antonia, * 1817, T d. Joseph Rr. v. Hauer, 1778–1863, k. k. Wirkl. Geh. Bergrat, Vizepräs. d. k. k. Hofkammer, Paläontol., s. ADB XI; Wurzbach; NDB VIII*, Schw d. Franz Rr. v. Hauer, 1822–99, Dir. d. Geol. Reichsanstalt in Wien, s. NDB VIII), Dr. phil. h. c., techn. Chemiker, korr. Mitgl. d. Geol. Reichsanstalt in Wien, 2 T.

  • Leben

    Schon als Gymnasiast in Stuttgart sammelte R. Pflanzen, Insekten und Mineralien und befaßte sich mit elektrischen und mechanischen Experimenten. 1807 begann er an der Univ. Tübingen das Studium der Kameralistik, wurde aber 1808 als Mitglied einer geheimen, an freiheitlich-demokratischen Ideen orientierten Auswanderungsgesellschaft verhaftet, der Verschwörung bezichtigt und einige Wochen inhaftiert. Nach der Entlassung war er kurzzeitig als Amtsschreiber tätig, suchte dann aber nach einer Betätigung in Technik und Industrie. Die Mitgift seiner Frau ermöglichte es ihm, sich eigenen wiss. und technischen Studien zu widmen, auf Reisen zahlreiche technische Anlagen zu besichtigen und sich v. a. mit den Grundlagen der Eisenverhüttung und Holzverkohlung vertraut zu machen. 1821 wurde er in Tübingen zum Dr. phil. promoviert, ohne ein regelrechtes Studium absolviert zu haben.

    1818 übersiedelte R. nach Hausach (Schwarzwald) und errichtete eine Holzverkohlungsanlage nach eigener Erfindung, die eine wesentlich höhere Ausbeute an Holzkohle, Holzgeist und Holzteer erzielte als bisher üblich, und beteiligte sich an einigen Eisenwerken. Der große Erfolg der Unternehmen R.s bewog Hugo Altgraf v. Salm-Reifferscheid-Krautheim, ihm die Leitung der Salmschen Berg-, Hütten- und Eisenwerke in Blansko nahe Brünn zu übertragen. Trotz eines nicht sehr günstigen Vertrags übernahm R. die Werke und entwickelte sie seit 1821 zum führenden Industrieunternehmen Österreichs. Eine auf seine Initiative errichtete Zuckerfabrik, die trotz technischer Innovationen nicht den erwarteten Erfolg zeigte, führte zu Mißhelligkeiten mit Salms Sohn, der 1836 Besitzer der Betriebe geworden war, und 1840 zu R.s Amtsenthebung. Durch das seit 1818 erworbene Vermögen und namhafte von Salm gezahlte Entschädigungen war R. imstande, neben mehreren Gütern auch das Schloß Reisenberg nahe Wien und 1854 eine Beteiligung an einem Eisenwerk zu erwerben; seit 1857 war er Alleininhaber des „Ternitzer Eisenwerks Reichenbach“, welches später das Bankhaus Schoeller übernahm.

    Seit etwa 1830 wandte sich R. der Untersuchung des Buchenholzteers zu, einem Nebenprodukt der Holzverkohlung. Bis 1836 erschienen über 20 einschlägige Arbeiten, die u. a. zu Auseinandersetzungen mit Friedlieb Ferdinand Runge (1797–1865) führten, der ähnliche Arbeiten mit Steinkohlenteer durchführte. R. entdeckte 1830 das Paraffin und wies auch auf dessen Eignung zur Kerzenherstellung hin; er beschrieb eine flüssige Fraktion von Destillationsprodukten, die dem heutigen Benzin vergleichbar ist, stellte mit dem Kreosot ein Desinfektions- und Konservierungsmittel dar, dessen Hauptbestandteile Phenol Guajakol und Kresole waren, und erhielt wahrscheinlich auch den ersten Anilinfarbstoff. Außerdem legte R. eine umfangreiche Sammlung von Meteoriten an, leistete Beiträge zu ihrer Systematik und versuchte, ihre außerirdische Herkunft nachzuweisen. Die Sammlung schenkte er später der Univ. Tübingen.

    Seit 1844 befaßte sich R., beeinflußt von der romantischen Naturphilosophie, mit der Erforschung der angeblichen Sensitivität bestimmter Menschen auf Magnete sowie mit deren Wahrnehmung von Lichteindrücken im Dunkeln. Durch zahlreiche Experimente versuchte er zu beweisen, daß diesen Phänomenen eine besondere Kraft, das „Od“, zugrunde liege, das sich jedoch physikalischen Meßmethoden entziehe. Besondere Phänomene waren die Übertragbarkeit des Ods (Odverladung) und das „odische Leuchten“. Alle Bemühungen R.s, anerkannte Gelehrte von der Richtigkeit seiner psychophysischen Messungen und der Odlehre zu überzeugen, scheiterten. Lediglich Albert v. Schrenck-Notzing zog 1891 das Od zur Deutung psychopathologischer Erscheinungen heran. Beachtung fand er jedoch in spiriritistisch-esoterisch orientierten Kreisen, wo die Odlehre auch heute noch auf Interesse stößt.

    Zum Verlust seines wissenschaftlichen Ansehens kam der finanzielle Niedergang, bei dem R. das in Industrieunternehmen angelegte Kapital verlor und erhebliche Schulden anhäufte. 1867 mußte er Gut Reisenberg verkaufen. Ohne Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse, seinen tiefen Fall auch als persönliche Kränkung empfindend, verließ er Österreich und verbrachte die letzten Lebensjahre in Leipzig.|

  • Auszeichnungen

    württ. Kronorden (1834); Ehrenbürger v. Stuttgart (1836); korr. Mitgl. d. Wiener Ak. d. Wiss. (1848); Dr. rer. nat. h. c. (Tübingen 1858).

  • Werke

    Geol. Mitt. aus Mähren, 1834;
    Das Kreosot in chem., phys. u. med. Beziehung, 21835;
    Physikal.-physiol. Unterss. über d. Dynamide d. Magnetismus, d. Elektrizität, d. Wärme, d. Lichtes, d. Krystallisation, d. Chemismus in ihren Beziehungen z. Lebenskraft, 2 Bde., 1845, 21849/50;
    Odisch-magnet. Briefe, 1852, 21856, Neudr. 1904 (auch dän., engl., franz. u. ital.);
    Der sensitive Mensch u. sein Verhalten zum Ode, 2 Bde., 1854/55, 21910;
    Die Pflanzenwelt in ihren Beziehungen z. Sensitivität u. zum Ode, 1858;
    Die odische Lohe u. einige Bewegungserscheinungen als neuentdeckte Formen d. odischen Prinzips in d. Natur, 1867, Neudr. Leipzig 1909;
    zahlr. Aufss. in Zss.

  • Literatur

    ADB 27;
    C. Vogt, Köhlerglaube u. Wiss., 1853;
    J. Hoffer, in: Alm. d. ksl. Ak. d. Wiss. Wien 19, 1869, S. 326-69;
    G. T. Fechner, Erinnerungen an d. letzten Tage d. Odlehre u. ihres Urhebers, 1876;
    A. Bauer, Naturhist.-biogr. Essays, 1911, S. 1-26;
    F. Quade, Odlehre, 1924;
    M Habacher, C. F. Hochstetter u. K. L. v. R., 1964;
    J. Mentschl u. G. Otruba, Altösterr. Unternehmer, 1969, S. 93 f.;
    F. Burkhardt, in: Lb. Schwaben XII, 1972, S. 200-12 (Qu, L, P);
    F. Ferzak, K. v. R., d. größte, rechtschaffenste u. anständigste Wissenschaftler d. 19. Jh., 1987, 21999 (W-Verz., L, P);
    Wurzbach;
    Pogg. II, III, VII a, Suppl.;
    DSB XI;
    ÖBL.

  • Portraits

    Zwei Lith. v. R. Hoffmann nach Phot. v. F. v. Küß u. C v. Jagemann.

  • Autor/in

    Michael Engel
  • Empfohlene Zitierweise

    Engel, Michael, "Reichenbach, Karl Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 305-307 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd107050978.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Reichenbach: Karl Freiherr v. R., Chemiker und Industrieller, geb. am 12. Febr. 1788 zu Stuttgart, am 22. Jan. 1869 zu Leipzig. Der Vater war Hofbibliothekar in Stuttgart. Der Sohn erhielt seine Bildung auf dem dortigen Gymnasium und auf der Universität zu Tübingen, wo er Naturwissenschaften und Nationalökonomie studirte und zum Doctor der Philosophie promovirt wurde. Schon als 16jähriger Jüngling stiftete er einen geheimen Bund zur Realisirung seiner Idee, auf den Südseeinseln ein deutsches Reich zu gründen. Er gewann damit viele Anhänger, wurde aber schließlich der Napoleonischen Polizei denuncirt, in Untersuchung gezogen und einige Monate als Staatsgefangener auf dem Hohenasperg festgehalten. Nach absolvirtem Studium bereiste er die Eisenwerke Deutschlands und Frankreichs, gründete dann zu Villingen selbst ein solches Werk und später zu Haufach die ersten großen Holzverkohlungsöfen. 1821 verband er sich mit dem Grafen Hugo zu Salm in Wien und mit vereinter Kraft riefen sie zu Blansko in Mähren rasch nacheinander eine Reihe Eisenwerke und anderer einschlägiger Industrien, ja auch eine Rübenzuckerfabrik ins Leben, die Blansko großes Ansehen und ihm große Reichthümer brachten. Er erwarb die Herrschaften Gutenbrunn und Neidlung in Niederösterreich, Nisco in Galizien und Reisenberg bei Wien, die Eisenwerke zu Terniz und die Hochöfen bei Gaya u. s. w. Im J. 1839 ward er vom König von Württemberg in den Freiherrnstand erhoben. Nach Salm's Tode (1836) wurde er von dessen Sohne mit Beschuldigungen wegen schlechter und unregelmäßiger Verwaltung überhäuft und rief dagegen mit Erfolg die Gerichte an. In den späteren Jahren seines Lebens bewohnte er Schloß Reisenberg bei Wien, siedelte aber im J. 1867 nach Leipzig über, wo er starb.

    R. hat als Forscher einen geachteten Namen hinterlassen und wir verdanken ihm Untersuchungen mineralogischen, geologischen und chemischen Inhalts. Er hat sich um die Lehre von den Meteorsteinen verdient gemacht und besaß eine ausgezeichnete Sammlung solcher, die er nach seinem Tode dem österreichischen Staate vermachte. Er hat die Gegend um Brünn und Blansko, die er geognostisch untersuchte, in einer Monographie „Geologische Mittheilungen aus|Mähren“ (Wien 1834) beschrieben. Von größerer Wichtigkeit noch sind seine chemischen Forschungen, die meist mit den von ihm technisch gewonnenen Producten im Zusammenhang stehen. So entdeckte er das Paraffin und das Kreosot aus dem Holztheer. Dies sind allerdings keine Körper im chemischen Sinne und Reichenbach's Untersuchung muß auch als eine unvollständige angesehen werden, doch haben diese Stoffe durch ihre praktische Verwendbarkeit eine große Wichtigkeit erlangt. Eine Reihe anderer von ihm entdeckter Substanzen, wie das Eupion, das Picamar, das Kapnomar und das Assamar haben weniger Beachtung gefunden und verdienen auch solche nicht, da sie wissenschaftlich nicht genau charakterisirt und praktisch ohne Bedeutung sind. Dagegen sind die von ihm aus dem Theer dargestellten schönen Farbstoffe, das Crediret und das Pittakal (Eupittonsäure) neuerdings durch Liebermann und Hofmann eingehend untersucht worden, so daß ihre chemische Natur aufgeklärt ist. Auch einem größeren Publicum wurde R. bekannt durch seine Untersuchungen über das sogen. Od (vom lateinischen vado, ich gehe schnell). Er verstand unter Od eine besondere Kraft, die namentlich sensitiven Personen eigen und sie u. A. in Stand sehe, unter der Erde verborgene Quellen oder Erzgänge zu fühlen, den positiven Magnetpol von dem negativen zu unterscheiden, einen Pendel, ohne ihn anzustoßen, in Bewegung zu setzen u. dergl. m. Nach R. erhebt sich das Od über den Fingerspitzen und bildet im schwachen Tageslicht eine zarte Lohe, die aufwärts zieht, jedoch etwas nach Süden geneigt u. s. w. R. hat über das Od eine große Anzahl von Schriften veröffentlicht, wovon hier die folgenden erwähnt sein mögen: „Untersuchungen über die Dynamide Magnetismus, Elektrizität, Wärme und Licht in ihren Beziehungen zur Lebenskraft“ (2 Bde., Braunschweig 1850); „Odischmagnetische Briefe“ (Stuttgart 1852); „Der sensitive Mensch und sein Verhalten zum Ode“ (2 Bde., Stuttgart 1854); „Die Pflanzenwelt in ihren Beziehungen zur Sensitivität und zum Ode“ (Wien 1858); „Aphorismen über Sensitivität und Od“ (Wien 1866); „Die odische Lehre und einige Bewegungserscheinungen als neuentdeckte Formen des odischen Prinzips in der Natur“ (Wien 1867). Bei der Gelehrtenwelt fand er freilich mit diesen Untersuchungen und Ansichten keinen Beifall, im Gegentheil, er wurde heftig darob angegriffen (u. A. von Karl Vogt und Moleschott) und auch lächerlich gemacht. Er aber ließ sich dadurch nicht anfechten und zog deshalb nach Leipzig, um seinen Ansichten mehr Anerkennung zu verschaffen. Nach seinem dort bald erfolgten Tode sprach Niemand mehr über das Od und heute ist es ganz vergessen, wenn auch ähnliche Ansichten seitdem vielfach wieder allerdings unter anderen Namen aufgetaucht sind.

    • Literatur

      Staats- und Gesellschaftslexikon von Wagener. — Poggendorff, Biogr.-litter. Handwörterbuch.

  • Autor/in

    Ladenburg.
  • Empfohlene Zitierweise

    Ladenburg, Albert, "Reichenbach, Karl Freiherr von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 27 (1888), S. 670-671 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd107050978.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA