Lebensdaten
1769 bis 1847
Geburtsort
Groß-Corbetha bei Weißenfels
Sterbeort
Dresden
Beruf/Funktion
Philosoph ; Professor der Philosophie in Wittenberg und am Akademie in Hamburg ; Psychologe
Konfession
lutherische Familie
Normdaten
GND: 104352531 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Grohmann, Johann Christian August
  • Grohmann, Christian August
  • Grohmann, Johann Christian August

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Zitierweise

Grohmann, Christian August, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd104352531.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Chrstn. Frdr. (ca. 1731–1801), Pastor in G., seit 1781 Sup. in Querfurt;
    M Victorie Eleonore, T d. Joh. Reinhold Gottsched, Hofgerichtsadvokat in Königsberg/Pr., u. d. Anna Eleonore Michaelis;
    Groß-Om Joh. Christoph Gottsched ( 1766, s. NDB VI);
    B Joh. Frdr. Reinhold (s. Gen. 2);
    1) Christiana Salome Dresde ( 1804), 2) Henrica Friederica (1771–1832), T d. preuß. Justizamtmanns Joh. Frdr. Starcke in Calbe u. d. Susanna Merle; kinderlos;
    N Paul (s. 2);
    Groß-N Hilde Charl. ( Phil. Forchheimer, 1933, Hydrauliker u. Wasserbau-Ing., s. NDB V).

  • Leben

    G. studierte 1786-90 Theologie und Philosophie in Leipzig (Promotion zum Dr. phil. 1790), ging anschließend nach Dresden, um dort die Kunstsammlungen zu besuchen, und habilitierte sich 1792 in Wittenberg, wo er 1798 außerordentlicher, 1803 ordentlicher Professor für Logik und Metaphysik wurde. Hatte er schon 1791 durch seine „Ideen zu einer physiognomischen Anthropologie“ die Aesthetik durch neue Sicht erweitert, so verfaßte er 1808 eine „Philosophie der Medizin“, durch die er bis heute auch in ärztlichen Lexicis genannt wird. 1810 folgte er einem Ruf an das Hamburger Akademische Gymnasium. Diese Tätigkeit vermittelte ihm die Freundschaft zu dessen Leiter J. Gurlitt. Nach dem Tode seiner Frau zog G. nach Dresden.

    In den „Ideen“ folgt G. Lavaters Gedanken, doch entwickelt sich der eigene Conceptus vielschichtiger. Er setzt sich mit der einschlägigen Literatur von G. L. L. Buffon und J. G. Herder an auseinander und nimmt auch gegen M. Mendelssohn und K. H. Heydenreich Stellung. Dem zeitlichen Bemühen entsprechend geht es ihm um eine Erweiterung der Anthropologie im naturwissenschaftlichen Sinn. Anthropologie sei bisher entweder zu anatomisch oder zu auflösend empfindsam betrieben worden. Naturwissenschaftliche Anatomie müsse sich mit physiognomischer Schau paaren. In diesem Zusammenhang bemüht sich G. um ein neues vom Gegenstand absehendes Kunstempfinden primärer Ausdruckswirkungen von Farbe, Linie, Rhythmus. Er befaßt sich mit der alten Konstruktionsidee eines Farbenklaviers, wie sie L. B. Castel im 17. Jahrhundert versucht hatte; er verfolgt die Idee der Farbenmusik, die nur deshalb nicht zu verwirklichen sei, weil die Geschwindigkeit des Lichtes – im Gegensatz zur Schallgeschwindigkeit – ein Nebeneinandersein der Eindrücke statt einer Aufeinanderfolge verursachen würde. Seine Aesthetik verneint die traditionelle Mimesisauffassung des Jahrhunderts; er folgt der Ausweitung des Physiognomischen auf die Sache und kann so bei aller Vorsicht als Vorläufer des Abstrakten in der Kunst angesehen werden. In seiner 1830 erschienenen „Aesthetik als Wissenschaft“ wendet er sich gegen Kant, und zwar – bei aller Verehrung des Philosophen – gegen dessen Herausnehmen des Gefühls aus dem Gesamtbereich der Vernunft; in einem eigenen Schema fügt er die Gefühlssphären in die Vernunft als ideelles Vermögen des Übersinnlichen ein.

    Das reichliche Schrifttum G.s ist auch über die damaligen medizinischen Zeitschriften verteilt. In Nasses Zeitschriften ist er führend tätig gewesen, in Hufelands „Journal“ ebenso wie in Friedreichs „Magazin für Seelenkunde“ und Caspers „Wochenschrift für Heilkunde“. G.s „Philosophie der Medizin“ vermeidet einen mechanistischen oder idealistischen Ansatz, sucht aber nach der Wirkung des Organischen mit dem Instrument der Induktion, Analogie und Erfahrung, um auch hier eine vielschichtige Kausalität freier Zweckmäßigkeit zu finden, die er als Schönheit bezeichnet. Ironisch behandelt er die damalige Humorallehre, den Brownianismus und die eigentliche romantische Naturphilosophie, um etwas resignierend vor der Irrationalität der Medizin und des ärztlichen Handelns zu kapitulieren. Von größter Bedeutung aber wurde seine Feststellung, es gebe eine seelische Krankheitsform angeborener Art, die man als „moralischen Blödsinn“ bezeichnen könne. Damit wurde er 1819 ein Vorläufer Prichards. Anhänger F. J. Galls, wurde er zum tapferen Gegner der Todesstrafe.

  • Werke

    Weitere W u. a. Diss. de generationis atque temperamentorum legibus, Wittenberg 1792;
    Psychol. d. kindl. Alters, 1812;
    Lettres sur l'éducation ou psychol. de l'âge de l'enfance, 1812;
    Ideen z. Entwicklung d. kindl. Alters, 1817;
    Über d. Träume d. schlafenden u. wachenden Zustandes, in: Hufeland's Journal d. prakt. Arzneikde. 46, 1818, S. 81-125;
    Anfrage an d. gerichtl. Arzneiwiss., ebd. 53, 1821, S. 65-94;
    Vorschlag zu e. vgl. Liste d. Selbstmorde, ebd. 57, 1823, S. 79-105;
    Psychol. d. Verbrechen aus Geisteskrankheiten etc., in: Nasses Zs. f. psych. Aerzte 1, 1818, S. 174-200;
    Über krankhafte Affektionen d. Willens, ebd. 2, 1819, S. 159-78;
    Einteilung d. psych. Krankheiten, ebd., S. 179-205;
    Kotzebues u. Sands unglückl. Ende, ebd., S. 206-18;
    Physiol. Momente üb. d. Unfreiheit d. Willens etc., ebd. 3, 1820, S. 23-48;
    weiteres ebd. Bd. 3-5;
    Die Stufenleiter d. Natur, Instinkt, Geist, Unsterblichkeit, in: Zs. f. d. Anthropol., hrsg. v. F. Nasse, 1823, I, S. 290-316;
    Hist. Gründe, welche d. Schluß in d. gerichtsärztl. Gutachten auf d. Freiheit d. Willens u. d. Territionssystem d. Todesstrafen sehr in Zweifel setzen, ebd., S. 316-35;
    Physiolog. u. psycholog. Bemerkungen, ebd., 1823, II, S. 264-70;
    Läuft d. Staat Gefahr, wenn er d. Todesstrafen wenigstens auf einige Zeit versuchsweise suspendiert?, ebd., S. 273-321;
    weiteres ebd. bis Jg. 1830.

  • Literatur

    ADB IX;
    W. Leibbrand u. A. Wettley, Der Wahnsinn, 1961, S. 435, 437, 508, 662;
    I. Lohmann-Siems, in: Jb. d. Hamburger Kunstslgg. 8, 1963, S. 67-84;
    dies., Der universale Formbegriff d. Physiognomik d. 18. Jh., ebd. 9, 1964, S. 49-74;
    I. Jeitteles, Aesthet. Lex. I, 1839, S. 515;
    Callisen, Bd. 7, 28;
    BLÄ.

  • Autor/in

    Werner Leibbrand
  • Empfohlene Zitierweise

    Leibbrand, Werner, "Grohmann, Christian August" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 119 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd104352531.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Grohmann: Joh. Christian August G., geb. am 7. August 1769 in Groß-Corbetha bei Weißenfels (Rgsbzrk. Merseburg), am 3. Juli 1847 in Dresden, Sohn eines Predigers, welcher mit einer Tochter Gottsched's verheirathet war, besuchte die Bürgerschule zu Querfurt, wohin sein Vater 1780 umgesiedelt war, und bezog 1786 die Universität Leipzig als Studirender der Theologie, fühlte sich aber bald in höherem Maße von Philosophie und Psychologie angezogen, wobei besonders Platner's Vorlesungen auf ihn wirkten. Nachdem er in Folge einer Amsterdamer Preisaufgabe eine „Aesthetische Beurtheilung der Klopstock'schen Messiade“ veröffentlicht hatte, promovirte er in Leipzig (März 1790) als Doctor der Philosophie, und begab sich dann nach Dresden, um Kunststudien zu machen; dort schrieb er (1791) „Ideen zu einer physiognomischen Anthropologie“, eine sehr phantastische an Lavater anknüpfende Combination über die vier Temperamente und deren Zusammenhang mit Kunst und Religion. Im J. 1792 habilitirte er sich durch eine Dissertation „De generationis atque temperamentorum legibus“, als Privatdocent in Wittenberg, wo er 1798 außerordentlicher und 1803 ordentlicher Professor und Bibliothekar wurde. Er entwickelte eine reiche schriftstellerische Thätigkeit, in welcher er sich im Ganzen den Grundsätzen Kant's anschloß; so erschienen: „Ueber das Verhältniß der Theorie zur Praxis" (1795), „Neue Beiträge zur kritischen Philosophie und insbesondere zur Logik" (1796), woselbst er die Logik auf Reflexion, d. h. absehend von Abstraction und Kategorien, zu begründen versucht, dann „Ueber den Begriff der Geschichte der Philosophie“ (1797), wo er im Gegensatze gegen chronologische Reihe eine systematische Darlegung fordert; letztere Schrift ist wieder abgedruckt in seinen „Neuen Beiträgen zur kritischen Philosophie und insbesondere zur Geschichte der Philosophie“ (1798), welche außerdem eine auf kantischem Boden|stehende Abhandlung „Ueber die Beurtheilungsprincipien der Offenbarung" und eine Darstellung der „Hauptpunkte der Kant'schen und Fichte'schen Philosophie" enthalten; zur gleichen Zeit gab er zusammen mit Zachariä „Philosophische Abhandlungen" heraus (1796 f.) und in seiner anonymen Schrift „Kritik der christlichen Offenbarung“ (1798) versuchte er im Anschlusse an Kant's Postulate der praktischen Vernunft eine ins Einzelne gehende Begründung dieser Frage, womit auch seine Abhandlung „Ueber Mythologie und Offenbarung“ (1799) zusammenhing. Im J. 1801 veröffentlichte er „Annalen der Universität zu Wittenberg“, worauf Schriften folgten, in welchen er sich gegen die Gegner Kant's wendete, nämlich „Ueber das Verhältniß der Kritik zur Metakritik“ (1802), „Dem Andenken Kant's oder die neueren philosophischen Systeme in ihrer Nichtigkeit dargestellt“ (1804) und „De recentissimae philosophiae vanitate“ (1809). Seine „Philosophie der Medicin“ (1808), in welcher er mit arger Großsprecherei auftritt, enthält eine ziemlich kindliche Teleologie nebst ästhetischen Tändeleien, auch Einflüsse der Gall'schen Schädellehre, und den Hinweis auf das Accomodations-Vermögen der Organismen. Im J. 1810 folgte er einem Rufe an das akademische Gymnasium zu Hamburg, wo er die Professur der theoretischen Philosophie und der Beredsamkeit übernahm, aber nie zu ersprießlichen Lehrerfolgen gelangte, ja selbst die Schuld an Störungen der Disciplin trug und außerdem eine gereizte Feindschaft gegen classische Philologie kund gab. Eine gewisse grübelnde Innigkeit führte ihn mit Vorliebe auf psychologische Punkte, und so suchte er auch den Verkehr mit excentrischen oder unglücklichen Menschen, daher er gerne und häufig in Gefängnissen Beobachtungsstoff sammelte. Zeugniß dieser Richtung geben seine zahlreichen Aufsätze in Hufeland's Journal, in Nasse's Zeitschrift für psychische Aerzte (dort z. B. über den Attentäter Stapß und über F. L. Zach. Werner), in Nasse's Zeitschrift für Anthropologie, in Friedreich's Magazin für Seelenkunde. Daneben schrieb er: „Ueber die philosophische und ästhetische Cultur unseres Zeitalters" (1810), „Ueber die höhere religiöse Ueberzeugung“ (1811), „Was ist der Deutsche?“ (1813), „Hamburgs Schicksal unter Davoust" (1814), „Darstellung des Heiligen auf der Bühne" (1816); den Inhalt seiner sentimentalen blumenreichen Schrift „Psychologie des kindlichen Alters" (1812) gab er in näherer Einzelndurchführung wieder unter dem Titel „Ideen zu einer Geschichte der Entwicklung des kindlichen Alters“ (1817). In der „Aesthetik als Wissenschaft“ (1830) geht er, unbefriedigt durch Kant und ablehnend gegen Herbart, sowie gegen Hegel, seine eigenen Wege, indem er eine Vernunftwissenschaft des Gefühlsvermögens durchführen will, welche das Uebersinnliche bei Erörterung des Erhabenen, des Schönen, des Romantischen und des Lächerlichen etwas überschwänglich verwerthet und in solcher Weise die Grundsätze darbietet zu einer reichhaltigen Besprechung der vier Hauptkünste Poesie, Malerei, Plastik und Musik. Als er 1833 in Hamburg in den Ruhestand versetzt wurde, zog er nach Leipzig und dann nach Dresden, wo er in Zurückgezogenheit bis zu seinem Tode lebte, nur bisweilen kleinere Reisen unternehmend. Litterarisch beschäftigte ihn ein Gegenstand, welchen er bereits 1827 in einem Hamburger Programme „De summis in imputatione delictorum ad capitis usque supplicia extendenda periculis") berührt hatte; nämlich aus seinem Bestreben, für Abschaffung der Todesstrafe zu wirken, ging zunächst die Schrift „Ueber das Princip des Strafrechts" (1832) hervor, in welcher er die Rechtsstrafe als äußeren Zwang der Vernunftfreiheit zu begründen versuchte, worauf folgten „Mittheilungen zur Aufklärung der Criminal-Psychologie und des Strafrechts“ (1833), hierauf „Christenthum und Vernunft für die Abschaffung der Todesstrafe“ (1835), wo er einen Wiederabdruck der sächsischen landständischen Verhandlungen über dieses Thema veranstaltete und verschiedene eigene und fremde Aufsätze (selbst eine Predigt Schleiermacher's) beifügte; dann richtete er hierüber (1836) ein Sendschreiben an die sächsischen Stände und desgleichen (1837) an Eisenstuck und veröffentlichte auch „Philosophische Ideen über die Begründung eines vernünftigen Strafrechtes behufs des für das Königreich Norwegen beabsichtigten Strafgesetzentwurfes" (1836). In seinen zwei letzten Schriften griff er wieder auf seine früheren Neigungen zurück, nämlich „Untersuchungen der Phrenologie oder Gall'sche Schädellehre“ (1842) und „Kopf-Formen des Somnambulismus“ (1844 in Struve's Zeitschr. f. Phrenologie).

    • Literatur

      Neuer Nekrolog der Deutschen, Jahrgang 1847, S. 491 ff.

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Grohmann, Christian August" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 709-711 unter Grohmann, Johann Christian August [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd104352531.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA