Lebensdaten
um 1470 bis 1530 oder 1537
Geburtsort
Tolkemit (Ostpreußen)
Sterbeort
Danzig (?)
Beruf/Funktion
Dominikaner ; Chronist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 10434833X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Grunau, Simon

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Zitierweise

Grunau, Simon, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd10434833X.html [16.12.2018].

CC0

  • Leben

    Über das Leben G.s ist nur weniges aus seiner „Preußischen Chronik“ bekannt. Seine Vaterstadt Tolkemit war 1454 vom Deutschen Orden abgefallen, 1466 an den König von Polen abgetreten worden. So ist G., sicher deutscher Herkunft, in einer dem Deutschen Orden feindlichen Umgebung aufgewachsen. Als Mönch des Dominikanerordens hat er sich vorübergehend in Elbing, sicher, wie Lukas David und Kaspar Hennenberger bezeugen, später in Danzig aufgehalten. Hier hat er vielleicht den Ansturm des Deutschen Ordens gegen Danzig 1520 und 1524/25 den Einbruch der Reformation und die Ausschreitungen gegen die Klöster, besonders die Dominikaner, darauf dann die Gegenmaßnahmen des Königs Sigismund I. von Polen, dem G. auch einmal begegnet ist, erlebt. Herkunft und Erlebnis erklären die feindliche Tendenz seiner Chronik gegen den Deutschen Orden und die Reformation, seine Sympathien gelten Polen. Dabei ist G. beseelt von einem preußischen Regionalpatriotismus. Er sieht das seit 1466 in 2 Teile aufgespaltene Preußen als eine Einheit, wie es der Deutsche Orden zusammengefügt hatte. G. hat Latein gekonnt; kaum Polnisch, da er polnische Namen entstellt. Er schreibt ein populäres Deutsch und hat ein volkstümliches Erzählertalent. Obgleich er auch humanistische Schriftsteller benutzt, ist er vom Humanismus innerlich unberührt. Er erwähnt eine Reise nach Rom 1520. An seiner Chronik hat G. wohl schon 1510, eingehender dann 1517 gearbeitet; eine 1. Fassung ist 1521 zu datieren, eine Erweiterung von 1526 liegt vor, und Zusätze führen bis 1530. Bald danach ist er wohl gestorben. G.s Chronik ist die 1. gesamte Darstellung der Geschichte Preußens bis zu seiner Zeit. Seine Quellen sind zum Teil noch vorhanden, zum Teil verloren, zum Teil von ihm erfunden. Er hat seine Quellen phantasievoll ausgeschmückt, neuere Ereignisse in ältere Zeiten versetzt. Für die Geschichte seiner Zeit ist die Chronik nicht wertlos; sie bringt neben vielen Anekdoten und manchem Klatsch auch volkskundliches Material von Bedeutung, so auch Nachrichten über das altpreußische Volkstum und Proben der altpreußischen Sprache. Als Mönch ist G. mit den breiten Schichten des niederen Volkes vertraut. Seine Chronik, obgleich erst Ende des 19. Jahrhunderts gedruckt, übte eine große Wirkung aus, wurde schon von den Chronisten des 16. Jahrhunderts (David, Hennenberger und anderen) benutzt. Der Unwert der Partien zur älteren Geschichte wurde von Johann Voigt und Max Toeppen kritisch herausgearbeitet. Nach ihrer Drucklegung ist die Wertschätzung der Chronik als zeitgeschichtliche und volkskundliche Quelle gestiegen. Die Debatte um G. und seine Quellen ist noch im Gange.

  • Werke

    Preuß. Chronik, hrsg. v. M. Perlbach, R. Philipp u. P. Wagner, 3 Bde., 1876-96.

  • Literatur

    ADB X;
    M. Toeppen, Gesch. d. preuß. Historiogr., 1853, S. 122-201;
    J. Yčas, Der Chronist S. G. im Wandel d. Jh., Diss. Königsberg 1920 (ungedr.), litau. Druckauszug: S. G. XVI amžiaus kronisto reikalu, in: Svietimo darbas, Nr. 3-6, Kowno 1922;
    E. Hermann, Ist S. G.s Vaterunser lettisch?, in: Nachrr. d. Ak. d. Wiss. in Göttingen, Hist.-phil. Kl., 1948, S. 19-29;
    ders., Eine unbek. Überlieferung d. preuß. Vokabulars S. G.s, ebd. 1949, 6, S. 151-66;
    W. Hubatsch, Zur altpreuß. Chronistik d. 16. Jh., in: Archival. Zs. 50/51, 1955, S. 429-62;
    J. Dworzaczkowa, Kronika pruska Szymona Grunaua jako źródło historyczne, in: Studia źródłoznawcze, Commentationes 2, Posen 1958, S. 119-46;
    Lietuvių Enciklopedija, Boston/Mass. 1956;
    K. Górski, in: Polski Słownik Biograf IX, Krakau 1960/61;
    Altpreuß. Biogr.

  • Autor/in

    Kurt Forstreuter
  • Empfohlene Zitierweise

    Forstreuter, Kurt, "Grunau, Simon" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 216 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd10434833X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Grunau: Simon G., geboren zu Tolkemit in Preußen, lebte als Dominicanermönch zu Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts in verschiedenen Conventen seines Ordens in Preußen (wahrscheinlich in Elbing und|Danzig) und verfaßte eine umfangreiche „Cronika und beschreibung aller lüstlichen, nützlichsten und waren historien des namkundigen landes Zu Prewssen“ in 24 Tractaten (Büchern), die von der Urzeit bis zum J. 1529 reicht. Sein Werk ist eine Tendenzschrift der schlimmsten Art gegen die Herrschaft des deutschen Ordens und die Ausbreitung der Reformation in Preußen zu Gunsten der Polen und der alten Kirche und daher als Geschichtsquelle durchaus unbrauchbar. Obwol ihm reichliche Quellen, handschriftlich verbreitete Chroniken und kürzlich gedruckte Geschichtswerke (z. B. Aeneas Sylvius und Matthias von Miechow) zur Hand waren, entstellt er seine Vorlagen auf das Aergste zu Gunsten seiner Tendenz, erfindet Daten und Zahlen willkürlich und construirt sich für seine Fabeln eine Anzahl Gewährsmänner, die nur in seinem Kopfe existirt haben. Einen gewissen Werth hat Grunau's Chronik für sein eigenes Zeitalter, wir ersehen aus ihr die Aufregung, die sich damals in Preußen der Gemüther bemächtigt hatte, doch tischt er meistens Wirthshausgeschwätz mit schmutzigen Anecdoten vermischt auf. Leider hat seine tendenziös entstellte Erzählung durch spätere treuherzige Benützer (z. B. Lucas David und Caspar Hennenberger) die Tradition der preußischen Geschichte vergiftet: erst Johannes Voigt hat seinen ganzen Unwerth aufgedeckt. Die ersten 15 Tractate (bis 1440) sind kürzlich von dem Verein für die Geschichte der Provinz Preußen herausgegeben worden.

    • Literatur

      M. Toeppen, Geschichte der preußischen Historiographie, Berlin 1853, S. 122—201.

  • Autor/in

    Perlbach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Perlbach, Max, "Grunau, Simon" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 33-34 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd10434833X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA