Lebensdaten
1620 bis 1667
Geburtsort
Zürich
Sterbeort
Zürich
Beruf/Funktion
Orientalist
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 104286547 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hottinger, Johann Heinrich

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Hottinger, Johann Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd104286547.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Kaspar ( 1648), Schiffmeister in Z.;
    M Anna Thumysen;
    Anna, T d. Pfarrers u. Philol. Heinrich Ulrich (1575–1630, S d. Prof. d. Theol. Jakob U., 1538–1605, s. HBLS);
    S Heinrich (s. Gen. 2), Salomon (1649–1713), Prof. d. Naturwiss. u. d. Math. in Z., Joh. Jakob (1652–1735), Prof. d. AT u. Kirchenhist. in Z. (s. ADB 13), Hans Konrad (1655–1730), Apotheker u. Numismatiker in Z.;
    E David (1685–1736), Prof. d. Gesch. am Carolinum in Z., Numismatiker, Joh. Henrich (s. 2).

  • Leben

    H. durchlief die Schulen Zürichs und galt als sprachbegabter und ehrgeiziger Student. 1638 zog er als Stipendiat mit Johann Heinrich Ott für 2 Monate nach Genf, wo er Friedrich Spanheimder Ältere begegnete, dann durch Frankreich und die Niederlande nach Groningen. Er hörte Franz Gomarus, „ille Arminianorum malleus“. Heinrich Alting nahm sich seiner besonders an, Matthias Pasor führte|ihn in das Arabische ein. Von den Lehrern der Universität Leiden, wohin sich H. anschließend begab, waren Jakob Alting und der Arabist Jakob Golius für ihn von besonderer Bedeutung. H. benützte die Gelegenheit, seine Kenntnisse der orientalischen Sprachen zu erweitern; er war nicht nur mit dem Hebräischen, sondern auch mit dem Aramäischen, Syrischen, Arabischen, Persischen, Koptischen und Türkischen vertraut. Der Einspruch von Zürich verhinderte die vorgesehene Teilnahme an einer Gesandtschaft nach Konstantinopel als wissenschaftlicher Begleiter. H. reiste nach England und kehrte über Frankreich, wo er in Paris mit reformierten und katholischen Gelehrten Verbindung aufnahm, nach seiner Heimatstadt zurück. 1642 begann er als 23jähriger die Lehrtätigkeit am Collegium humanitatis und am Lectorium. Er lehrte Kirchengeschichte, Orientalia, Katechetik, Rhetorik und alttestamentliche Theologie. 1655 wurde er durch den Kurfürsten von der Pfalz nach Heidelberg berufen, wo er am Wiederaufbau der Universität beteiligt war. Die Erneuerung des Collegium Sapientiae war sein Verdienst. Als Rektor und Kirchenrat wie als Gelehrter berühmt, kehrte er 1661 auf Begehren Zürichs in die Heimat zurück, um weiterhin vielseitig tätig zu sein. Neben den Werken zur Orientalistik ist besonders die umfangreiche „Historia Ecclesiastica Novi Testamenti“ (9 Bände, 1651–67) hervorzuheben, weil darin zahlreiche heute unauffindbare Quellen verarbeitet sind. Konfessionell trat H. für die Unionspläne von John Durie ein. Mehrere Rufe an ausländische Hochschulen lehnte er ab. Doch 1667 nahm er den Ruf nach Leiden an. Vor der Abreise stehend, ertrank er mit Familienmitgliedern beim Kentern eines Bootes in der Limmat.

  • Werke

    Weitere W Exercitationes Anti-Morinae de Pentateucho Samaritano, 1644;
    Christenl. unparthey. Wegweyser, 3 T., 1647-49;
    Thesaurus philologicus seu clavis scripturae, 1649, 21659, 31696;
    Hist. orientalis, 1651, 21660;
    Smegma Orientale u. Promptuarium sive Bibl. Orientalis, 1658;
    Schola Tigurinorum Carolina cum Bibl. Tigurina, 1664. -
    Thesaurus Hottingerianus, 52 Bde. (Zürich, Zentralbibl.).

  • Literatur

    ADB 13;
    J. H. Heidegger, Hist. vitae et obitus I. H. H., 1667;
    A. Schweizer, Die theol.-eth. Zustände d. 2. Hälfte d. 17. Jh. in d. Zürcher. Kirche, 1857;
    L. Diestel, Gesch. d. AT in d. christl. Kirche, 1869;
    H. Steiner, Der Zürcher Professor J. H. H. in Heidelberg 1655–61, 1886;
    E. Gagliardi, H. Nabholz u. J. Strohl, Die Univ. Zürich 1833-1933 u. ihre Vorläufer, Festschr., 1938;
    L. Forrer, in: Große Schweizer I, 1938;
    R. Feller u. E. Bonjour, Gesch.schreibung d. Schweiz I, 1962 (Bibliogr.);
    G. A. Benrath, Ref. KGschreibung an d. Univ. Heidelberg im 16. u. 17. Jh., 1963 (P);
    PRE;
    RGG3.

  • Portraits

    Kupf., anonym, 1650;
    v. J. Schweizer, 1660 (Kopie, Heidelberg, Kurpfälz. Mus.), Abb. in: Ruperto Carola, Sonderbd., Aus d. Gesch. d. Univ. Heidelberg u. ihrer Fakultäten, 1961, u. b. Benrath, s. L;
    v. Conrad Meyer, 1664 u. 1665, mit Psalm 25, 5 als Überschr. (alle Zürich, Graph. Slg. d. Zentralbibl.).

  • Autor/in

    Rudolf Pfister
  • Empfohlene Zitierweise

    Pfister, Rudolf, "Hottinger, Johann Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 656 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd104286547.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hottinger: Johann Heinrich H., einer der Gründer orientalischer Sprachwissenschaft, Archäologie und Litteraturgeschichte, geb. in Zürich am 10. März 1620, zeigte schon als Knabe und dann als Studirender der Theologie daselbst ungewöhnliche gelehrte Wißbegierde und Befähigung, welche sich auf mehrjährigen Reisen noch bedeutender entwickeln sollte. Sein Sprachtalent war hervorragend, deutsche Predigten soll er sofort griechisch niedergeschrieben haben. Mit öffentlicher Unterstützung begab er sich 1638 nach Genf und in die Niederlande, besuchte England und Frankreich, verweilte in Leyden, wo er von Golius in die arabische Litteratur eingeweiht wurde, und in Gröningen, befestigte sich im Hebräischen und lernte Türkisch; auch gelang es ihm, mit Gelehrten, wie Grotius und Pococke, freundschaftliche Verbindungen anzuknüpfen. Statt als Gesandtschaftsprediger nach Constantinopel zu gehen, was ihm angetragen wurde, folgte er 1642 einem Rufe nach der Universität seiner Vaterstadt. Hier hat er nach einander die verschiedensten Fächer übernommen, zuerst die Kirchengeschichte, dann die Katechetik, die hebräische Sprache, die Logik und Rhetorik, das Alte Testament und sogar die Controverslehren. Doch blieben die Orientalia sein eigentliches Studium, und diesem hat er vom 24. Jahre an, obgleich durch Nebengeschäfte, gelehrte Besuche und Anfragen vielfach abgezogen, eine eminente schriftstellerische Fruchtbarkeit gewidmet. Den theologischen Doctorgrad erhielt er in Basel. Während der J. 1655—61 finden wir ihn als Professor des Alten Testaments und der Orientalia und Ephorus des Sapienz-Collegiums in Heidelberg, wo er ebenfalls neben Spanheim glücklich wirkte. Im November 1661 nach Zürich zurückgekehrt, übernahm er den Vorsitz bei einer daselbst projectirten Revision der deutschen Bibelübersetzung und leitete seit 1662 als Rector die dortige Hochschule Jahre lang und unter schwierigen Verhältnissen. Von Amsterdam und Deventer, Bremen und Marburg, waren inzwischen ehrenvolle Anträge an ihn ergangen, er lehnte sie ab; aber einer Berufung nach Leyden, wo 1666 Hoornbeck gestorben war, konnte er nicht widerstehen. Ungern entließ ihn die Stadt, der Entschluß wurde verhängnißvoll, denn er sollte seinem Leben ein frühzeitiges Ziel setzen. Am 5. Juni 1667 begab sich H. mit seiner Familie zu Schiff, mitten im Strome der Limmat schlug das Boot um, er selbst mit 3 Kindern und einem Freunde ertrank, während seine Frau und eine Magd gerettet wurden. Es wird erzählt, daß 8 Tage vorher auf einer Tafel neben seinem Katheder der Vers zu lesen war: „Carmina jam moriens canit exequialia cygnus“. Allein schon dieses kurze Leben reichte hin, um ihm innerhalb dieser ersten Epoche der orientalischen Wissenschaft eine höchst ehrenvolle Stelle zu sichern. Seine zahlreichen Werke sind theils grammatischen und lexikalischen Inhalts, theils betreffen sie hebräische Alterthümer und mosaisches Recht, dazu kommen Quellensammlungen und Verzeichnisse als Grundlage einer „orientalischen Bibliothek“. Auszuzeichnen sind: „Thesaurus philologicus", Tig. 1649, „Juris Hebraeorum leges 261“, 1655, „Etymologicum orientale“, Francof. 1661. Als Exeget hat er den richtigen Weg schon bezeichnet, der aber erst später mit Glück verfolgt werden konnte. Sein dogmatisches Werk: „Wegweiser“, Zürich 1647—49, 3 Bde., beweist neben einigen anderen Schriften, daß er in religiös-theologischer Beziehung dem System des strengen Calvinismus treu|bleiben wollte. Die Universität Zürich bewahrt noch jetzt den vielbändigen handschriftlichen Nachlaß seiner Sammlungen als „Thesaurus Hottingerianus“.

    • Literatur

      Hirzel's Artikel bei Ersch und Gruber. L. Meister. Berühmte Züricher, II. S. 10 ff. Dazu der Artikel in Herzog's Encyklopädie.

  • Autor/in

    Gaß.
  • Empfohlene Zitierweise

    Gaß, Wilhelm, "Hottinger, Johann Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 13 (1881), S. 192-193 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd104286547.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA