Lebensdaten
1673 bis 1721
Geburtsort
Wöhrd bei Nürnberg
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Kartograph ; Astronom ; Geodät
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 104161744 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Ioh. Christoph.
  • Müller, Johann Christoff
  • Müller, Johannes Christophorus

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Zitierweise

Müller, Johann Christoph, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd104161744.html [28.07.2017].

CC0

Müller, Johann Christoph

Kartograph, Ingenieuroffizier, * 15.3.1673 Wöhrd bei Nürnberg, 21.6.1721 Wien. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Jan (Johann) ( 1731), Schullehrer in Altdorf b. Nürnberg; M Ursula Lufft; B Johann Heinrich (1671–1731, Clara Maria Eimmart, 1676–1707, Zeichnerin, Malerin u. Astronomin, s. NDB IV*; ThB), Stipendiat d. Elisabeth Krauß'schen Stiftung in Nürnberg, Prof. d. Astronomie in Altdorf, Mitgl. d. Leopoldina u. d. Berliner Ak. d. Wiss. (s. ADB 22).

  • Leben

    M. studierte nach der Schulausbildung angewandte Mathematik und Zeichnen bei dem Astronomen und Kupferstecher G. Ch. Eimmart an der Nürnberger Malerakademie. 1696-1703 stand er im Dienst des Geographen und kaiserl. Obersten L. F. Gf. Marsili in Wien. M. arbeitete hier an einem großen kartographischen und hydrogeographischen Werk über die Donau mit, für das er die geographischen Koordinaten ungar. Orte bestimmen sollte. Er begleitete deshalb Marsili nach Ungarn; seine wissenschaftliche Ausrüstung bestand u. a. aus einem astronomischen Messingquadranten mit einem Halbmesser von 2½ Fuß, der auf horizontalem Kreis drehbar war. 1697 kehrte er zunächst nach Wien zurück, beobachtete dort den Durchgang des Merkur durch die Sonne und verfaßte 1698 hierüber einen Artikel (Observatio de transitu Mercurii sub sole). Nach dem Frieden von Karlowitz (1699) wurde Marsili mit der kartographischen Darstellung der Grenzziehung beauftragt. M. begleitete ihn auf dieser Reise und fertigte selbständig Blätter einzelner Grenzabschnitte. Aus diesen Karten entstand später die bekannte Mappa geographica (Maßstab 1: 450 000). Außerdem vermaß M. mäandrierende Flüsse mittels einer Bussole (Magnetkompaß).

    Seit 1703 war M. Militäringenieur in kaiserlichen Diensten u. a. im Rheinland. Die Teilnahme am Italienfeldzug 1705 ist nicht eindeutig belegt; eine Verwundung oder Erkrankung führte M. zur Rekonvaleszenz nach Nürnberg zurück. Dort erarbeitete er für Prinz Eugen von Savoyen eine Karte der ungar. Grenzgebiete in 39 Blättern (Maßstab 1: 375 000). Diese bildete die Grundlage für die 1708 in Auftrag gegebene Große Ungarnkarte, welche 1709 Prinz Eugen gewidmet wurde. Seine Vorarbeiten zum Atlas Austriae umfaßten auch trigonometrische Aufnahmen in Mähren (1708). Die Große Ungarnkarte (Maßstab 1: 550 000) mit trapezförmigem Gradnetz beruht auf eigenen Vermessungen (Kompaßaufnahmen) M.s und enthält Komitatsnamen, das Gelände im Aufriß, reiches Flußnetz, wenige Straßen, Wälder und erstmals den Neusiedlersee in korrekter Nord-Süd-Erstreckung sowie die Unterscheidung zwischen See- und Sumpfflächen. Dies ist die erste Karte mit einer geographisch exakten Aufnahme des Donauknies von Esztergom bis zur Mündung der Drawa. Insgesamt bietet die Karte zu wenig topographische Details, um als Militärkarte nutzbar zu sein, ist aber aussagekräftiger als Del Isles Karte von 1703. Nach der Fertigstellung dieser Karte trat M. dafür ein, weitere österr. Länder (Böhmen, Schlesien, Mähren) topographisch vermessen zu lassen. 1716 überreichte er die Mährenkarte an Karl VI. Bis 1720 erschienen von der Böhmenkarte 25 Blätter, die volle Anerkennung fanden. Darauf sind insgesamt 11 000 Orte registriert, ferner Hügelzeichnungen für die Reliefdarstellung. Diese 1720-22 in Augsburg gestochene Karte ist die letzte Fundamentalkarte, die von einer Einzelperson angefertigt wurde. Sie war 100 Jahre lang die Grundlage für alle Böhmenkarten. Mit 12 500 topographischen Namen, 48 Signaturen, zweisprachigen Erläuterungen und einem Zeichenschlüssel für Bergbausignaturen ist diese Karte das letzte und zugleich berühmteste Werk M.s. Nach seinem Tod wurden die Druckplatten seiner Karten als Staatssache unter Verschluß gehalten. Einzig der Ingenieur Hans Wolfgang Wieland durfte lizenzierte Korrekturen durchführen und neu drucken.

    M. war der bedeutendste österr. Kartograph des 18. Jh. Er verwendete verschiedene Methoden von der Astronomie über die Richtungsmessung bis hin zur Trigonometrie. Die Karten M.s weisen Fehler in der Längenzählungbis zu acht Bogenminuten auf, dies führt zu ost-westlichen Verzerrungen der dargestellten Länder. Die geographischen Breitenangaben sind bis auf wenige Ausnahmen genau, die Geländedarstellung geht weit über die zeitübliche Norm hinaus. Mit dem (unvollendeten) Atlas Austriae schuf M. fortschrittliche Länderkarten, die bis zu Beginn des 19. Jh. vielfach nachgedruckt wurden.

  • Werke

    Grenzkarte d. Habsburger Monarchie in 6 Bll. (1: 450 000), 1699; Karte v. Ungarn in 4 Bll. (1: 550 000), 1709; Karte v. Mähren in 4 Bll. (1: 180 000), 1716; Karte v. Böhmen in 25 Bll. (1: 132 000), 1722. – Nachdrucke einzelner od. mehrerer Bll., u. a. durch J. B. Homann (Nürnberg 1769, 1776), A. Elsenwanger (Prag 1771), K. Lotter (Augsburg), J. Covens (Amsterdam), Le Rouge (Paris).

  • Literatur

    ADB 22; G. A. Will, Nürnberg. Gelehrtenlex. II, 1758; J. C. M. Paldus, Ein Btr. z. Gesch. Vaterland. Kartographie, in: Mitt. d. k. u. k. Kriegsarchivs, 3.|Folge, V, 1907; K. Peucker, Der österr. Topograph J. C. M. (1672-1721) u. d. Vaterländ. Kartographie, in: Mitt. d. geogr. Ges. Wien 51, 1908, S. 149-60; F. Fiala, Jan Kristof Mueller, Inzenyr-Kartograf, 1922; L. Bagrow, Die Gesch. d. Kartographie, 1951; K. Kuchar, Mapy ceskych zemi do poloviny 18. stoleti, in: Vyvoj maoveho zobrazeni uzemi ceskolovenske republiky, 1959, S. 22-67; W. Bonacker, Kartenmacher aller Länder u. Zeiten, 1966; K. Wawrik, Alte Landkarten d. Sudetenländer an d. österr. Nationalbibl. u. im Kriegsarchiv Wien, in: Informationsbrief f. sudetendt. Heimatarchive u. Heimatmuseen, 15. Folge, 1978; Flüsse im Herzen Europas, Ausst.kat. d. Staatsbibl. Preuß. Kulturbes., 1995; Lex. z. Gesch. d. Kartographie, 2 Bde., 1986; Pogg. II; Wurzbach; ThB; Biographisches Lexikon Böhmen.

  • Autor

    Ursula von den Driesch
  • Empfohlene Zitierweise

    Driesch, Ursula von den, "Müller, Johann Christoph" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 422-423 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd104161744.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Müller, Johann Christoph

  • Leben

    Müller: Johann Christoph M., Astronom und Geodät. M., geboren am 15. März 1673 in der Vorstadt Wörth bei Nürnberg, kam frühzeitig in die lateinische Schule und widmete sich später (seit 1692) unter dem verdienten Astronomen Eimmart dem Studium der mathematischen Wissenschaften. Der Umstand, daß für diese letzteren die Reichsstadt Nürnberg seit Regiomontan's Zeit als eine Pflanzschule ersten Ranges galt, bewirkte, daß M. in eine Bahn gelenkt ward, zu welcher seine bisherigen Studien ihn wenig zu qualificiren schienen, nämlich in die militärische. Der Graf Marsigli, jener berühmte Geograph, der später auf so traurige Art aus dem kaiserlichen Heeresdienste scheiden mußte, damals aber noch eine hervorragende Stellung in demselben bekleidete, wandte sich im Jahre 1696 nach Nürnberg mit der Bitte, ihm einen im Zeichnen und Rechnen wohlgeübten jungen Mann als Gehülfen bei seinen Vermessungsarbeiten zuzusenden. Eimmart dachte sogleich an seinen Zögling M., und dieser erklärte sich bereit dem Rufe zu folgen. Er ging nach Wien und später nach Ungarn, wo er mehrfach geographische Ortsbestimmungen machte, die dann von dem Grafen für sein Prachtwerk "Danubius Panonico-Mysicus" (Hagae 1726) verwerthet wurden. 1699 ward der Friede von Carlowitz abgeschlossen, und da Marsigli zu einem der Commissäre ernannt war, welche die Grenzregulirung zu besorgen hatten, so fügte es sich von selbst, daß auch M. eine Reihe von Vermessungen und Kartirungen in Croatien, Slavonien und Serbien ausführte. Auch bei dem nun folgenden Rheinfeldzug begleitete M. seinen bisherigen Chef als dessen Geheimschreiber. Aus dessen persönlichem Dienste entlassen, erhielt er den Rang eines Ingenieurlieutenants, als welcher er seine massenhaft angesammelten Skizzen zu ordnen und genaue Karten der besuchten Länder auszuarbeiten beauftragt wurde. Diese Arbeit führte er in seiner Vaterstadt aus, wo ihm mehr wissenschaftliche Hülfsmittel zu Gebote standen; das Resultat war ein großes Kartenwerk auf Pergament in 24 Sectionen, welches dem Generalissimus, Prinzen Eugen, überreicht ward. Das Jahr 1704 brachte den bekannten Krieg in Italien, welchen M. im Gefolge des Generals v. Harsch|mitmachte, allein die Strapazen warfen ihn bald auf ein langwieriges Krankenlager, dessen Folgen erst verschwanden, als er sich mit längerem Urlaub nach Nürnberg zurückgezogen hatte. Völlig erholt, kehrte er nach Wien zurück und empfing hier die ehrenvolle Weisung, eine genaue Mappirung der kaiserlichen Kronländer ins Werk zu setzen. Nach sieben bis acht Jahren unausgesetzter Arbeit lagen in 25 Sectionen die Karten von Böhmen, Mähren und Ungarn vor, und eben gedachte der rastlose Mann auch Schlesien in Angriff zu nehmen, als ihn am 21. Juni 1721 nach kurzem schwerem Krankenlager zu Wien der Tod ereilte. Müller's kartographische Leistungen stellen sich dem Besten an die Seite, was die erste Halste des XVIII. Jahrhunderts auf diesem Felde aufzuweisen hat, und man erkannte dies auch am Kaiserhofe an, wie er denn 1713 das Patent eines Ingenieurhauptmanns, 1716 ein mit Diamanten besetztes Bild des Kaisers zum Geschenk erhielt. — Schriftstellerisch scheint M. nur in einem einzigen Falle hervorgetreten zu sein, indem er 1697 ein "Observatio de transitu Mercurii sub sole" betiteltes Schriftchen seinem Lehrer Eimmart widmete. Dasselbe enthält eine Beschreibung der Beobachtung, welche er auf seiner ungarischen Reise von dem erwähnten Phänomen hatte machen können.

    • Literatur

      Wolf, Geschichte der Astronomie, München 1877, S. 105. — Doppelmayr, Historische Nachricht von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern, Nürnberg 1730, S. 138 ff.

  • Autor

    Günther.
  • Empfohlene Zitierweise

    Günther, "Müller, Johann Christoph" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 582-583 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd104161744.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA