• Genealogie

    V Jürgen, Bürger u. Schneider in Braunschweig;
    M Ilsabe Dünnemanns, Bürgerstochter aus Braunschweig.

  • Leben

    E. wurde nach einer freudlos und schwermütig verbrachten Jugend Tuchmacher. Er fühlte das Gesetz Gottes auf sich lasten. 1622 erkrankte er schwer. Während die Angehörigen ihn bereits seit Stunden tot wähnten, sah er sich vor die Tore der Hölle und dann zu Christus in den Himmel entrückt. Nachdem er die Freude des Himmels geschmeckt, spürte er das Leben in seine Glieder zurückkehren und war sich seiner Berufung zur Seligkeit gewiß. Fortan mußte er wie unter einem Zwang seine Mitmenschen von dem bloß historischen Artikelglauben zu dem in der Liebe tätigen Glauben rufen: „Ein Glaub ohne Lieb, Demut ohne Fried, Sanftmut verführt, stürzt in der Höllen Glut.“ Sein Bußruf, der die Wirrnisse und Leiden des 30jährigen Krieges als Gottesgericht hinstellte, liegt auf einer Linie mit vielen Stimmen innerhalb der lutherischen Kirche jener Zeit; auch Johann Arndt hatte in diesem Sinne in Braunschweig gewirkt. Mit der Stadtgeistlichkeit, von der E. zunächst geduldet wurde, geriet er in Konflikt, als seine Bußpredigt auch vor ihr nicht Halt machte. Er wurde vom Abendmahl ausgeschlossen und sollte seine Aussagen widerrufen. Um weiteren Verfolgungen auszuweichen, begann er 1625 als Wanderprediger Norddeutschland zu durchziehen und gelangte bis über Hamburg hinaus. Sein Weg war von weiteren wunderbaren Begebenheiten (dreiwöchiges Fasten ohne Kräfteverlust, Wasser wurde in seinem Munde wie Wein, Bewahrung in Todesgefahr u. ä.) und Visionen begleitet. 1642 starb er, ohne wieder zum Abendmahl zugelassen zu sein. Es ist bezeichnend, daß E. die Kirche als Organisation nie bekämpft hat; er hat vielmehr auf das Predigtamt, Sonntagsheiligung und vor allem Gottes Wort, das 1000mal wichtiger sei als alle Wunderzeichen, mit Ernst hingewiesen. Sein Denken umkreiste zwar ständig seine visionären Erlebnisse, doch war er sich der Mehrdeutigkeit solcher Erscheinungen bewußt und fand in ihnen wesentlich nur bestätigt, daß der wundertätige, prophetische Geist der apostolischen Kirche noch nicht erloschen sei. Sein „Prophetenamt“ verstand E. als Betätigung des allgemeinen Priestertums, indem er seinen Mitmenschen Buße verkündigte, sie zum heiligen Wandel mahnte und die Geängsteten tröstete. Seine Art, mit der Bibel umzugehen, war von lebendiger Unmittelbarkeit und erstaunlich sachgemäß. Seine durchaus klaren Gedanken verraten die Beeinflussung durch die lutherische Predigt jener Tage. Ihr Besonderes, der Ruf zu schleuniger Buße, ist aus dem damals verbreiteten Gerichtsernst zu erklären; er beruht aber auf einer beseligend erfahrenen Tatsache: Gott tut Wunder. Die Tatsache, daß E.s Schriften 1686 und 1783 nochmals herausgegeben wurden, bezeugt, daß die kirchliche Lehre jener Tage bestimmte Bezirke der Volksfrömmigkeit unbefriedigt ließ. Seine Wirkung wird daraus ersichtlich, daß 1697 eine Gesamtausgabe seiner Schriften in holländischer Sprache erschien und sein Gedicht von den 3 Ständen 1680 ins Französische übersetzt wurde. Eine Gemeinschaft, die sich auf ihn berief, entstand nicht.

  • Werke

    u. a. Christl. Wunderreicher Bindbrief … darin des … H. E. Bürger u. gewesenen Tuchmachers in Braunschweig Leben … beschrieben, o. O. 1639;
    Ein wahrhaftige Geschieht u. Gesicht v. Himmel u. d. Hellen, o. O. 1640.

  • Literatur

    ADB VI;
    Ph. J. Rethmayer, Der berühmten Stadt Braunschweig Kirchenhistorie, Braunschweig 1707-15, IV, S. 417 ff. (vollst. W-Verz.);
    G. Arnold, Kirchen- u. Ketzerhistorie, Frankfurt/M. 31729, III, S. 217 ff.;
    A. F. W. Beste, in: Braunschweig. Mgz., 1839, S. 44 ff.;
    ders., in: Zs. f. d. hist. Theol. 14, 1844, S. 122 ff.;
    K. Kayser, in: Zs. d. Ges. f. nd.sächs. KG 10, 1905, S. 11 ff.

  • Autor/in

    Horst Reller
  • Empfohlene Zitierweise

    Reller, Horst, "Engelbrecht, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 511 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd102438773.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Engelbrecht: Hans E., geboren in Braunschweig 1599, 1642, ein Schwärmer, der sich für den Elias ausgab und, obschon ungebildeter Handwerksmann, mehr zu wissen wähnte, als ein Doctor in etlichen 100000 Jahren erlernen könne. Mit einer merkwürdigen Gewalt über den Leib, wird in trübsinniger Ueberspannung sein Geist, wie ein Pfeil von der Armbrust, hinaufgeschnellt in das überirdische Paradies. Die Seligkeit findend im eignen vom himmlischen Wesen vergotteten Herzen, zog er in Niedersachsen und im Holsteinischen als scharfer Bußprediger gegen die Bauchpriester des Lutherthums umher, wofür er mancherlei Unbill und Anfechtung zu erleiden hatte. Seine Schriften|sind in wiederholten (deutschen, holländischen, französischen) Gesammtausgaben erschienen.

    • Literatur

      Leben und Beruf Hans Engelbrecht's, Hannover 1768. A. F. W. Beste, H. Engelbrecht (in Ztschr. f. histor. Theologie, 1844, H. 1). Die übrige zahlreiche Litteratur ist verzeichnet in W. D. Fuhrmann's Handwörterbuch d. christl. Religions- und Kirchengeschichte I. 701.

  • Autor/in

    G. Frank.
  • Empfohlene Zitierweise

    Frank, G., "Engelbrecht, Hans" in: Allgemeine Deutsche Biographie 6 (1877), S. 130-131 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd102438773.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA