Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Papierfabrikanten
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 102073356X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spiro

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Zitierweise

Spiro, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd102073356X.html [11.12.2018].

CC0

  • Leben

    Die Firma „Ignaz Spiro & Söhne“ in Krumau/Moldau (Český Krumlov, Böhmerwald), war das größte Privatunternehmen der österr.-ungar. Papierindustrie. Ihr Begründer war Ignaz (1817–94). Ursprünglich hatte er auf der Jeschiwa (Talmudhochschule) in Kalladay (Koloděje nad Lužnicí) studiert, um Rabbiner zu werden. Er engagierte sich als Begründer und Vorsteher der jüd. Gemeinde in Krumau. Während seiner Amtszeit wurden ein Friedhof mit Bethalle und ein Tempelbaufond angelegt, in der Široká-Gasse auch ein Waisenhaus errichtet. Mit seinem Bruder Jacob betrieb er Hadernhandel und kam so in Kontakt mit der Papierindustrie. 1843 pachtete Ignaz die Papiermühle in Neubistritz (Nová Bystřice), 1850 kaufte Jacob die Papierfabrik in Roth-Retschitz (Červená Řečice). 1859 verkaufte Theodor Pachner v. Eggenstorf die Papiermühle in Böhmisch Krumau an Ignaz, 1861 erfolgte die Gründung der Maschinenpapierfabrik „Ignaz Spiro & Söhne“ in Krumau, welche 1886 durch einen Brand fast vollständig vernichtet und modern wieder aufgebaut wurde. 1867 kaufte Ignaz die Pötschmühle (Pečkas Mühle) unterhalb von Wettern (Větřní) und errichtete hier bis 1870 eine Holzschleiferei und eine Pappenfabrik. Die Pötschmühle wurde 1880 in eine Papierfabrik umgewandelt, 1883 um eine Zellstoff-Fabrik ergänzt. 1891 und 1893 wurden weitere Papiermaschinen aufgestellt. Die Söhne übernahmen 1877 die Leitung des Unternehmens: Ludwig ( 1926, s. L) wurde kaufmännischer Direktor und Emanuel (1855–1928, Dr.-Ing. h. c., s. L) technischer Direktor, er war 1912–19 Präsident der Vereinigung der Österr. Papierindustrie. Julius S. (1864–1937) war zunächst in Deutschland und in den USA in der Papierindustrie tätig, bevor er 1898 in das Familienunternehmen eintrat. Seine Tochter Elly (1903–2001, s. L), verheiratete Offenheimer, später Offen, studierte Rechts- und Staatswissenschaften, emigrierte 1938 nach England, später nach San Francisco.

    Am Ende des 19. Jh. hatte die Papierfabrik in Krumau 182 Arbeitnehmer, die Betriebe in Větřní 460. In Hohenfurt (Vyšší Brod) gründete die Firma 1902 ein Elektrizitätswerk zur Versorgung der eigenen Betriebe, so daß 1909 ein Großkraftschleifer auf elektrischen Antrieb umgestellt werden konnte. 1911 wurde die damals größte Rotationspapiermaschine auf dem Kontinent aufgestellt. 1913 verfügte das Unternehmen, das Druckpapiere, Umschlagpapiere, Seidenpapiere sowie Pergamentimitationspapiere („Pergamyn“) produzierte, über 6 Papiermaschinen, 10 Pappenmaschinen, 3 Entwässerungsmaschinen, 6 Zellstoffkocher und 7 Holzschleifapparate. Otto Schwarz (1867–1927, s. ÖBL), Papierindustrieller und Mäzen, Ehemann von Margarete, Tochter Ludwigs, war maßgeblich am weiteren Aufstieg des Unternehmens beteiligt. Seine Kinder Willy und Eva Schwarz wurden als seine Erben Miteigentümer des Unternehmens. Im Sept. 1929 wurde das Unternehmen in eine AG mit einem Kapital von 60 Mio. tschechoslowak. Kronen umgewandelt. 1938 floh die Familie S. kurz vor dem „Anschluß“ an das Dt. Reich. Die Familie wurde enteignet, das Unternehmen einem Treuhänder unterstellt und mit der Papierfabrik Steyrermühl in Steyer zusammengeschlossen. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Familie S. als „Deutsche“ von Tschechen entschädigungslos enteignet, das Unternehmen 1946 in einen „volkseigenen Betrieb“ namens Jihočeské papírny in Větřní umgewandelt.

  • Literatur

    L C. Hofmann, Sulfitstoff- u. Papierfabrikation in Böhmen, in: Papier-Ztg. 20, 1895, 67, S. 2126, 68, S. 2158, 69, S. 2190; Ignaz Spiro & Söhne, Krummau in Böhmen, ebd. 37, 1912, 32, S. 1171 f. (P), 33, S. 1212–15 (P); F. Krawany, Gesch. d. Papierind. d. ehemal. Österr.-Ungar. Monarchie, 1923, S. 55 f.; L. Hirsch, Gesch. d. Juden in Böhm. Krumau, in: H. Gold (Hg.), Die Juden u. Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit u. Gegenwart, Bd. 1, 1934, S. 49 f. (P); R. Fink, Advokat u. Zuckerbäcker, Handel, Gewerbe u. Ind. im Böhmerwald 1930 bis 1940, 2005, S. 213;
    Internet: Gesch. d. Papierfabrik in Větřní, Internetseite v. Böhm.Krumau;
    zu Hans: Jber. d. Ver. d. Zellstoff- u. Papier-Chemiker u. -Ingenieure 1937, 1938, S. 133 (P);
    zu Ludwig: Wbl. f. Papierfabrikation Biberach 57, 1926, 43, S. 1189, 44, S. 1218;
    zu Emanuel: Wbl. f. Papierfabrikation, 59, 1928, 19, S. 520 f. (P); S. Ferenczi, in: Papier-Ztg. 53, 1928, H. 33, S. 1110; ebd., H. 37, S. 1232–34 (P);
    zu Elly Offenheimer (Offen): J. Nautz, Zw. Emanzipation u. Integration, Die Frauen d. Wiener Schule f. Nat.ök., in: L. Fischer u. E. Brix (Hg.), Die Frauen d. Wiener Jh.wende, 1997; ders., in: Wissenschafterinnen Österr.

  • Autor/in

    Frieder Schmidt
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Frieder, "Spiro" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 707-708 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd102073356X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA