Lebensdaten
erwähnt 1248, gestorben nach 1278
Beruf/Funktion
Dichter ; Minnesänger ; steyrischer Edelmann
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 100946135 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Herrand von Wildonie
  • Herrand
  • Wildon, Herrand II. von
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Zitierweise

Herrand von Wildon, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100946135.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ulrich (v. 1219-n. 1262), Bannerträger d. Steirer in d. Schlacht b. Kroisenbrunn 1260, S d. Herrand ( n. 1222), 1. bekannter Träger d. Fam.-namens u. 1. Inh. d. später in d. Fam. erbl. Amtes e. Truchseß d. steir. Herzöge;
    M N. N.;
    B Leutold v. Diernstein ( vor 1277), Hertnid (urkundet 1257-1302), Marschall v. Steier, dem 1295 durch e. Schiedsgericht d. Stammsitz Alt-Wildon, b. Graz a. d. Mur, abgesprochen wurde;
    - vor 1260 Perchta, T d. Dichters Ulrich v. Liechtenstein ( vor 1277), mit dessen Geschl. d. Fam. auch anderweit verschwägert war;
    2 S Ulrich v. Eppenstein, Herrand v. W.

  • Leben

    Die Zeit des Interregnums brachte das durch ausgedehnten Grundbesitz, die Nähe zum jeweiligen Herzoghaus und wichtige verwandtschaftliche Beziehungen für die Geschicke der Steiermark besonders in der 1. Hälfte des 13. Jahrhundert bedeutsame Geschlecht in weitgreifende Interessen- und Loyalitätskonflikte. Sie akzentuierten H.s Lebenslauf, soweit zahlreiche Urkunden und die Österreich Reimchronik Ottokars aus der Gaal ihn überblicken lassen: Seit 1249 sympathisiert er mit der Ungarnherrschaft (1254), wendet sich dann aber Ottokar von Böhmen zu, bis zur endgültigen Niederlage Belas von Ungarn (1260). 1268 wird er durch Ottokar gefangengesetzt, und 1276 verpflichtet er sich auf die Sache Rudolfs von Habsburg, nach dessen Sieg er am Wiener Hof erscheint.

    Zwei von H.s kurzen Verserzählungen, „Der nackte Kaiser“ und „Die Katze“, spiegeln als Kernmotive dieses politisch bewegten, streitbaren Lebens Fragen der Grenzziehung in der Rolle des Adels auf der einen, der des Landesfürsten auf der anderen Seite. Unmittelbare Anlässe werden nicht greifbar; H.s Anliegen ging auch über das rein Politische hinaus. Seine zwei anderen Erzählungen, „Die treue Gattin“ und „Der betrogene Gatte“, behandeln in ähnlich kontrastierender Weise das Thema der ehelichen Treue in einer durch Formalisierung und Verrohung gleichermaßen bedrohten adligen Lebens- und Wertordnung. Als Minnesänger wird H. von Hugo von Trimberg im „Renner“ (1179 ff.) sogar neben Walther von der Vogelweide genannt; die Große Heidelberger Liederhandschrift überliefert – unter falschem Wappen – nur 3 Lieder. Der Einfluß des dichtenden Schwiegervaters und politischen Bundesgenossen Ulrich von Liechtenstein ist in Sprache und Metrik überall deutlich, und H.s wohl schon als Sammlung (um 1260) konzipierte Erzählungen sind im Ambraser Heldenbuch (1512) unmittelbar vor Ulrichs „Frauendienst“ überliefert, „Der nackte Kaiser“ allerdings auch – die weitere Wirkung bezeugend – in einer schwäbischen Prosaauflösung von circa 1480. Neben Ulrich ist der Stricker mit seiner maeren- und bispel-Dichtung|von Einfluß gewesen. So gewinnt H.s aus geläufigen Erzählstoffen geschöpftes Werk im Bemühen um höfische Neuorientierung und in Auseinandersetzung mit modernen, allgemeinere Ziele anstrebenden Form- und Lehrtendenzen seine eigene Aussagekraft, mit spürbarer Wirkung in der noch jungen Entwicklung der kurzen Erzählgattungen in Deutschland.

  • Werke

    Vier Erzz., hrsg. v. H. Fischer, 1959 (Bibliogr. S. IX f.);
    Lieder in: Dt. Liederdichter d. 13. Jh., ed. C. v. Kraus, I, 1952, S. 588 f., Kommentar in II besorgt v. H. Kuhn, 1958, S. 635.

  • Literatur

    ADB 42 (unter Wildon, auch f. Fam.);
    Ottokars Österr. Reimchronik, ed. J. Seemüller, 1890, = MG, Dt. Chron. V, 1, 5939 ff., 9853 ff., 9905 ff., 14060 ff.;
    K. F. Kummer, Das Ministerialengeschl. v. Wildonie, in: AÖG 59, 1880, S. 177-322 (Aufarbeitung d. Qu.);
    ders., Die poet. Erzz. d. H. v. W. u. d. kleinen innerösterr. Minnesinger, 1880 (als Ausg. überholt);
    E. Schröder, H. v. W. u. Ulrich v. Liechtenstein, in: Nachrr. v. d. Göttingenschen Ges. d. Wiss., Philol.-hist. Kl., 1923, S. 33-62;
    A. Kracher, H. v. W., Politiker, Novellist u. Minnesänger, in: Bll. f. Heimatkde. (hrsg. v. Hist. Ver. f. Steiermark) 33, 1959, S. 40-53;
    M. Curschmann, Zur lit.hist. Stellung H.s v. W., in: Dt.-Vjschr. 40, 1966, S. 56-79;
    ders., Ein neuer Fund z. Überlieferung d. „Nackten Kaiser“ v. H. v. W., in: Zs. f. dt. Philol. 86, 1967, S. 22-58 (L);
    Vf.-Lex. d. MA II.

  • Autor/in

    Michael Curschmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Curschmann, Michael, "Herrand von Wildon" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 681-682 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100946135.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Wildon: Herrand v. W., Lyriker und Epiker, urkundlich belegt 1248—1278, ist der Zweite seines Namens aus dem Ministerialengeschlechte der Herren von Wildonie. Dieses Geschlecht, von dessen Stammburg heute noch die Trümmer südlich von Graz am rechten Murufer zu sehen sind, spielte bis zu seinem Erlöschen (im 14. Jahrhundert) eine wichtige Rolle in der Geschichte Steiermarks. Auch Herrand hatte während der bewegten Zeit des Interregnums Gelegenheit genug, in die Geschicke des Landes einzugreifen (s. o. S. 510).

    Außer einigen Liedern (von der Hagen, MS., I, 347), die nur in der Art der Naturbetrachtung bisweilen individuelle Züge aufweisen, hat W. vier poetische Erzählungen in der Manier der höfischen Dichtungen verfaßt. Sie sind in einer schlichten und einfachen Sprache geschrieben, zeigen aber schon Spuren des Verfalls und sind sämmtlich von fremden Mustern abhängig. In der Erzählung „Diu getriu frowe“ sticht sich eine Frau ein Auge aus, um vor ihrem Mann, der im Turnier ein Auge verloren hat, nichts voraus zu haben. Das Gedicht berührt sich sehr nahe mit der Erzählung (Daz ouge) eines unbekannten Verfassers. „Der verkêrte wirt“ behandelt das Thema des betrogenen Ehemanns und ist ein Zweig der weitverbreiteten, von Indien ihren Ausgangspunkt nehmenden Novellendichtung. In der Geschichte „von dem blôzen keiser“ wird der hochmüthige Kaiser Gorneus von einem Engel, der, während der Kaiser im Bade ist, dessen Gestalt angenommen hat, zur Demuth zurückgeführt. Dieses|Gedicht, sowie die Fabel „von der katzen“, d. i. dem Kater, der der Reihe nach Sonne, Nebel, Wind, Mauer und Maus freien will und dann doch wieder zu seiner Katze zurückkehrt, gehen auf Erzählungen des Strickers zurück. In den beiden letzten Gedichten fehlt es auch nicht an Anspielungen auf die trostlosen Zustände der kaiserlosen Zeit.

    • Literatur

      Ausgaben von Bergmann (Wiener Jahrbücher d. Litt., 1841, Bd. 95 und 96) und Kummer (Die poetischen Erzählungen des H. v. W. und die kleinen innerösterreichischen Minnesinger, Wien 1880). — Näheres b. Goedeke, Grundriß, 2. Aufl., I, 113 f.

  • Autor/in

    Wu.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wu., "Herrand von Wildon" in: Allgemeine Deutsche Biographie 42 (1897), S. 512-513 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100946135.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA