Lebensdaten
1797 oder 1794 bis 1861
Geburtsort
Karlseck (Kirchspiel Hohenkirchen, Friesland)
Sterbeort
Friedrichroda (Thüringen)
Beruf/Funktion
Professor der Philosophie ; politischer Schriftsteller ; evangelischer Theologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 100790429 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hinrichs, Hermann Friedrich Wilhelm

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Zitierweise

Hinrichs, Hermann Friedrich Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100790429.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ulrich Wilhelm ( 1823), aus Jever, Pastor, seit 1798 in Middoge;
    M Dor. Sophia, T d. Eigners Göcke Meins Ewen in K.

  • Leben

    Fasziniert vom politischen Impetus der Vorlesungen Hegels, wechselte H. als Student in Heidelberg von der Jurisprudenz zur Philosophie über. Nach der Habilitation (1819) wurde er im Zuge der Hegelianisierung der philosophischen Lehrstühle in Preußen 1822 zum außerordentlichen Professor für Philosophie in Breslau und 1824 zum ordentlichen Professor in Halle ernannt. Dort vertrat er als Exponent der Hegelschen Rechten die Lehre in ihrer bildungsbürgerlich akademisch-kontemplativen Gestalt, die sich politisch in einem preußischkleindeutschen Konstitutionalismus gemäßigt liberaler Observanz niederschlug.

    In seinen Veröffentlichungen wie auch in seiner Lehrtätigkeit bestand H. auf einem strikten Nachvollzug der Hegelschen Spekulation und unterwarf ihr – streng nach dem Vorbild seines Lehrers – alle Bereiche der Wirklichkeit in einem oeuvre, das Religion, Philosophie, Literatur, Politik und Natur in der einen Totalität des absoluten Geistes zusammendachte. In seiner ersten Schrift „Die Religion im inneren Verhältnisse zur Wissenschaft“ (1822), zu der Hegel das Vorwort schrieb, bekennt er sich zum Grundmotiv der Schule: Die Überwindung der tiefgreifenden Krise der Zeit, die in der Entzweiung von Religion und Wissenschaft ihre Ursache hat, verlangt, daß die absolute Wahrheit des Christentums in die reine Form des absoluten Wissens gefaßt wird. In diesem spekulativen Akt gelangt der absolute Geist selbst im Bewußtsein des hegelianischen Individuums zur Existenz und damit die absolute Wahrheit zu ihrer Manifestation in der Zeit.

    Aus seiner epigonalen Situation heraus konzipierte H. in seiner „Genesis des Wissens“ (1835) als Ergänzung zu Hegels „Phänomenologie“ eine „Methaphysik des wirklichen Geistes“. H. argumentierte darin gegen Hegel, daß die Philosophie „nicht bloß das Resultat einer alten Lebensgestalt, sondern zugleich der Ausgangspunkt einer neuen“ sei. Deswegen forderte er, daß der „Geist der Wissenschaft“ sich in der „Idealität des Lebens“ erweisen müsse. Besonders in seinen vormärzlichen Publikationen zur Geschichte und Politik nimmt H. diese öffentliche Funktion der Philosophie wahr, die Nation über sich zum Bewußtsein zu bringen. Aus der Konvergenz von Weltgeist, Volksgeist, Zeitgeist und dem Geist der Hegelscben Spekulation, dem Resultat eines progressiven Vervollkommnungsprozesses des Geistes der Menschheit in der Geschichte, ist ein neues Prinzip in die Wirklichkeit getreten: der Rechts- und Gedankenstaat. In ihm ist die Substantialität, Objektivität und Allgemeinheit des Geistes zu sich selbst gekommen, da nun der Mensch im Staat seine selbstbewußte Vernunft erkennt und als Selbstbestimmung objektiviert. Insofern hängt nunmehr nach H. das Heil des Vaterlandes mit der Wissenschaft der Philosophie zusammen. Das neue Prinzip des Rechts- und Gedankenstaates muß sich in Preußen-Deutschland politisch in einer konstitutionellen Monarchie mit landständischer Verfassung und spirituell in der Auflösung von Protestantismus und Katholizismus in eine hegelianisch-christliche Nationalkirche verwirklichen. H. macht sich die liberalen Forderungen nach Pressefreiheit, Öffentlichkeit der Gerichtsbarkeit, Geschworenengerichten etc.|zu eigen. Sein Verfassungsmodell vereinigt monarchische und republikanische Elemente: Eine fürstliche Gewalt schlägt Gesetze vor und bestätigt sie, eine regierende Gewalt führt sie aus und berät die Legislative. Diese repräsentiert das Volk in zwei Kammern; die erste besteht aus dem Erbadel und einer Art Verdienstadel, die zweite basiert auf Volkswahl, allerdings nicht der Individuen, sondern der landständischen Gemeinden und Genossenschaften, wobei nach einem Zensus gewählt wird, der Frauen, Tagelöhner und Bedienstete von der Wahl ausschließt. Solchermaßen realisiert sich nach H. in der Organisation des Staates „das Sittliche im Felde der Wirklichkeit“. Mit dem Scheitern der bürgerlichen Revolution von 1848 fallen im Werke H.s die historischen und die politischen Komponenten seines Denkens auseinander. Einmal sucht er die modernen Prinzipien des Rechts- und Gedankenstaates seit dem Mittelalter zu erhellen und verhilft durch deren Historisierung zur politischen Ideengeschichte dieser Literaturform zu ihrer Entstehung. Zum anderen verweist er die Verwirklichung des wahrhaft konstitutionellen Königtums in die Zukunft nach Amerika, das berufen sei, dieses Königtum in einer freien bürgerlichen Gesellschaft hervorzubringen.

  • Werke

    Weitere W u. a. Ästhet. Vorlesungen üb. Goethes Faust, 1825;
    Grundlinien d. Philos. d. Logik, 1826;
    Das Wesen d. antiken Tragödie, 1827;
    Pol. Vorlesungen, 2 Bde., 1843;
    Ferienschrr., 2 Bde., 1844/45;
    Trier/Ronge/Schneidemühl, 1845;
    Friedr. Wilh. IV., 1848;
    Gesch. d. Rechts- u. Staatsprincipien seit d. Ref., 3 Bde., 1849–53, Neudr. 1962;
    Die Könige, 21853;
    Das Leben in d. Natur, 1854.

  • Literatur

    ADB XII;
    J. F. Erdmann, Grundriß d. Gesch. d. Philos. II, 21896, passim;
    W. Moog, Hegel u. d. Hegelsche Schule, 1930;
    K. Löwith, Von Hegel zu Nietzsche, 1953;
    Rossi, Hegeliana, destra e sinistre, in: Enc. Filosofica II, 1957, Sp. 1017-30;
    H. Lübbe, Einleitung, in: Die Hegelsche Rechte, 1962, S. 7-17;
    ders, Pol. Philos. in Dtld., 1963, S. 27-84.

  • Autor/in

    Jürgen Gebhardt
  • Empfohlene Zitierweise

    Gebhardt, Jürgen, "Hinrichs, Hermann Friedrich Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 187-188 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100790429.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hinrichs: Hermann Friedrich Wilhelm H., geb. am 22. April 1794 in Karlseck im Oldenburgischen, in Friedrichroda (im Thüringer Wald) am 17. Septbr. 1861, widmete sich, nachdem er das Gymnasium zu Jever besucht hatte, in Straßburg dem Studium der Theologie, wurde aber hierauf in Heidelberg, wohin er sich 1816 begab, durch Hegel's Vorlesungen so sehr begeistert, daß er die Vertretung der Philosophie desselben zur Lebensaufgabe wählte. Bald nachdem Hegel nach Berlin abgegangen war, habilitirte er sich (1819) als Privatdocent in Heidelberg, worauf er 1822 als außerordentlicher Professor nach Breslau und dann 1824 als Ordinarius nach Halle kam, woselbst er bis zu seinem Tode wirkte. Seine Erstlingsschrift „Die Religion im inneren Verhältnisse zur Philosophie“ (1822) verdiente es, von Hegel durch eine Vorrede empfohlen zu werden, denn letzterer durfte bezüglich seines Versteckenspielens mit dem christlichen Dogma in jenem Buche eine Morgenröthe der Vereinigung des Wissens und des Glaubens begrüßen. Ueberhaupt gehörte H. zu jenen Hegelianern, welche einen orthodoxen und conservativen Standpunkt durch Hegelschen Formelkram aufputzten. So bewegen sich seine „Grundlinien der Philosophie der Logik" (1826) und die unvollendete Schrift „Genesis des Wissens" (1. Thl. 1835) lediglich im Fahrwasser Hegel's. Auch die der Philosophie der Kunst angehörigen Schriften „Aesthetische Vorlesungen über Goethe's Faust" (1825), „Das Wesen der antiken Tragödie“ (1827) und „Schiller's Dichtungen nach ihren historischen Beziehungen und ihrem inneren Zusammenhange“ (1837 f.)|zeigen durch ihre schwerfällige und minder genießbare Darstellung mehr den Formalismus der Schule, als den ästhetischen Sinn des Meisters. Ansprechender sind seine „Politischen Vorlesungen" (1843), in welchen sich auch inhaltlich eine wohlmeinende Gesinnung kund gibt, und die beste seiner Leistungen ist sicher die „Geschichte der Rechts- und Staatsprinzipien seit der Reformation bis auf die Gegenwart" (3 Bde., 1848—52), wobei nur zu beklagen ist, daß in Folge eines nicht sehr vorsichtigen Vertrages mit dem Verleger die Darstellung am Schlusse des Werkes unverhältnißmäßig kurz und dürftig gerathen ist. Zur Richtung aber der Alt-Hegelianer kehrte er wieder zurück, indem er in „Die Könige, eine Entwickelungsgeschichte des Königthumes“ (1852) die geschichtlich auftretenden Formen der Monarchie als vorübergehende Entwickelungsmomente construirte, welche ihren dialektischen Abschluß in der damaligen preußischen Gestaltung des Staates finden sollten. Auch sein letztes Werk „Das Leben in der Natur; Bildungs- und Entwickelungsstufen desselben in Pflanze, Thier und Mensch“ (1854), welches als Vorarbeit zu einer Geschichte der Erde beabsichtigt war, enthält, was die Grundsätze betrifft, nur eine Wiederholung der Naturphilosophie Hegel's.

    • Literatur

      Einige Notizen in „Der Gedanke“, herausgegeben von Michelet, Bd. I. S. 256 f. u. Bd. II. S. 269.

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Hinrichs, Hermann Friedrich Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 462-463 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100790429.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA