Lebensdaten
1768 bis 1839
Geburtsort
Aalen (Württemberg)
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Publizist ; evangelischer Theologe ; Pfarrer ; Schriftsteller ; Historiker ; Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 10038384X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Käsbohrer, Sebastian (Pseudonym)
  • Alethinos (Pseudonym)
  • Wurmsamen, Athanasius (Pseudonym)
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Zitierweise

Pahl, Johann Gottfried von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd10038384X.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Georg Caspar P. (1736-1809), Kaufm. u. Lebküchner in A., S d. Johann Caspar P. (1702-48), Kaufm. u. Lebküchner in A., u. d. Margaretha Stockhauß (1705–61): M Helena (1732–89), T d. Georg Marcus Simon (1690–1751), Färber in A., u. d. Maria Elisabetha Simon (1702–58);
    Aalen 1791 Ernestina (1768–1850), T d. Benjamin Friedrich Ehrhardt (1714–81), Dr. med. in St., u. d. Wilhelmina Faber (* 1730);
    6 S (4 früh †) Wilhelm Matthäus P. (1795-1875), Prof., Rektor d. Gymnasiums in Tübingen, 1848/49 württ. LT-Abg. (s. W), Christian P. (1799-1853), Rektor d. Lyzeums in Oehringen, Gymnasialprof., 8 T (2 früh †).

  • Leben

    P. nahm 1784 in Altdorf das Studium der Theologie auf; Armut erzwang jedoch schon 1786 seine Rückkehr in die Heimat. Noch im selben Jahr erhielt er ein Vikariat im Pfarrdorf Fachsenfeld. Nach einem weiteren Vikariat in Essingen wurde P. 1790 Pfarrer zu Neubronn, 1801-08 war er dort auch Gemeindeamtmann. Später erfolgten Berufungen auf die bedeutenderen Pfarren Affalterbach und|Vichberg. 1824 wurde er zum Dekan der Diözese Gailsdorf bestellt, 1832 folgte die Ernennung zum Prälaten und Generalsuperintendenten des Sprengels Hall. 1831 wurde er Mitglied des württ. Landtags. Als Theologe und Pfarrer war P. zeitlebens der rationalistischen und liberalen Richtung des württ. Protestantismus verpflichtet; seit jungen Jahren war er eng mit dem kath. Reformtheologen Jakob Salat (1766–1851) befreundet.

    Literarisch trat P. zunächst als Brotschriftsteller mit historisch-romantischen Erzählungen hervor. Unter dem Eindruck der Franz. Revolution wandelte er sich zum politischen Publizisten, der in einer Reihe polemischer und satirischer Schriften die politischen Mißstände im absolutistischen Württemberg anprangerte. Obwohl P. radikale republikanische Auffassungen ablehnte und eine konstitutionell-monarchische Verfassung befürwortete, geriet er in den Ruf eines „Demokraten“ und wurde 1798 der Teilhabe an den geheimen (schwäbisch-)republikanischen Umtrieben verdächtigt. 1800 setzte ihn die österr. Polizei auf die Proskriptionsliste; dies blieb ohne Folgen, da die Franzosen erneut in Oberschwaben einrückten. Neben zeitgeschichtlichen Abhandlungen zur Franz. Revolution und württ. Politik gab P. seit 1801 eine patriotisch-liberale, zunehmend antinapoleonische Wochenschrift „(National-)Chronik der Teutschen“ heraus. Sie wurde 1809 von Kg. Friedrich I. verboten. P. zog sich daraufhin von der politischen Publizistik zurück und widmete sich Studien zur deutschen Geschichte. Die restaurative Politik des Deutschen Bundes nach 1815 lehnte er ab. Seine Hoffnungen stützten sich nun auf die süddeutschen Repräsentativverfassungen, die eine konstitutionelle Entwicklung offenzuhalten schienen. Als Abgeordneter Göppingens im württ. Landtag vertrat er eine auf Vermittlung bedachte altliberale Position.

  • Werke

    u. a. Bertha v. Wöllstein, Eine Reihe v. Briefen aus d. MA, 1794;
    Ulrich v. Rosenstein, Eine Gesch. aus d. Ritterzeit, 1795;
    Die Philosophen aus d. Uranus, Blicke auf d. pol., lit. u. moral. Zustand v. Teutschland, 1796;
    Freimüthige Darst. d. Adels in Württ., 1798;
    Leben u. Thaten d. ehrwürdigen Paters Simpertus. od. Gesch. d. Verfinsterung d. Fürstenthums Strahlenberg, 1799;
    Gesch. d. franz. Rev.krieges, 3 Bde., 1799-1801;
    Ulrich Höllriegel, Gesch. e. württ. Magisters, 1802 (kommentierter Neudr. 1989);
    Über d. Obscurantismus, der d. teutsche Vaterland bedroht, 1826;
    Gesch. v. Württ., f. d. württ. Volk geschrieben, 6 Bde., 1827-31;
    Denkwürdigkeiten aus meinem Leben u. aus meiner Zeit, Nach d. Tode d. Verf. hg. v. dessen Sohne Wilhelm Pahl, 1840 (W-Verz.).

  • Literatur

    ADB 25;
    E. Schmid, in: ZWLG 1, 1937, S. 189-223;
    D. Narr. J. G. P. u. J. Salat, Ein Btr. z. Spätaufklärung, ebd., 1959, S. 96;
    ders., J. G. P. u. d. Affalterbacher Pietisten, in: ders., Stud. z. Spätaufklärung im dt. Südwesten, 1979, S. 317-55;
    H. Strenger, in: Lb. aus Schwaben u. Franken VIII, 1962, S. 161-77 (L, P);
    W. Koch, in: Aalener Jb., 1978, S. 143-69;
    J. Weber, Mag. Ulrich Höllriegel u. d. Franz. Rev., Ein Roman als Qu. d. pol. Umtriebe im Tübinger Stift in d. J. 1792/93, in: Der dt. Roman d. Spätaufklärung, hg. v. H. Zimmermann, 1990, S. 106-53;
    ders., Wallfahrten ins gelobte Land d. Freiheit, Dt. Rev.begeisterung in satir. Reiseromanen, in: Europ. Reisen im Za. d. Aufklärung, hg. v. H.-W. Jäger, 1992, S. 340-59;
    Baden-Württ. Pfarrerbuch II, 1981;
    Reinalter;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy.

  • Autor/in

    Johannes Weber
  • Empfohlene Zitierweise

    Weber, Johannes, "Pahl, Johann Gottfried von" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 3 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd10038384X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Pahl: Johann Gottfried v. P. wurde geboren am 12. Juni 1768 in Aalen, einer der kleinsten schwäbischen Reichsstädte, als Sohn eines Lebküchners und Kaufmanns. Am Geburtsort selbst nur nothdürftig für die Hochschule vorbereitet ging er nach Altdorf, um dort protestantische Theologie zu studiren, allein das Versiegen seiner Mittel zwang ihn vor der Zeit die Hörsäle zu verlassen und auf Pfarrvicariaten ein spärliches Auskommen zu suchen, die Lücken seiner Kenntnisse aber durch Privatfleiß auszufüllen. Die religiösen Anschauungen der Aufklärungszeit und die politischen Ideen, mit welchen die französische Revolution die Welt erfüllte, sagten seinem hellen Kopfe zu und gaben den Grundton ab für seine ersten litterarischen Hervorbringungen. Angeregt durch seinen Jugendfreund, den Philosophen Jakob Salat und den Rektor Gräter in Hall entschloß er sich nämlich früh zu schriftstellerischer Thätigkeit. Von seiner abgelegenen Dorfpfarrei Neubronn (N-W. von Aalen) aus schleuderte er die Pfeile seiner Satyre einerseits gegen die unnatürlichen Vorrechte des Adels und die heillose Maitressenwirthschaft im benachbarten Herzogthum Württemberg, andererseits griff er durch das Buch „Leben und Thaten des Paters Simpertus“ (1799) die|Obscuranten an, wie sie damals in den Hochstiften Ellwangen und Augsburg sich breit machten; denn auch im katholischen Lager hatte P. persönliche Verbindungen mit freier denkenden Männern wie Sailer, Weber, Zimmer in Dillingen angeknüpft und ihre Bedrücker waren auch die Zielscheibe seiner Geschosse. Das Hereinbrechen der französischen Heere unter Moreau (1796), welches über seinen Wohnsitz und über dessen Umgegend schweres Ungemach brachte, gab ihm Veranlassung, in den „Materialien zur Geschichte des Kriegs in Schwaben“ Alles zu sammeln, was er in seinem Kreise erlebte und in Erfahrung bringen konnte. Diese als Vorarbeit für einen Geschichtschreiber der Revolutionskriege schätzbare Stoffsammlung setzte P. später, als wieder Franzosen mit den Oesterreichern kämpfend den schwäbischen Boden betraten, in seinen „Denkwürdigkeiten zur Geschichte von Schwaben während der beiden Feldzüge von 1799 und 1800“ fort. Da er aber die Kriege dieser Jahre überhaupt in ihrem ganzen Verlauf auch außerhalb Schwabens mit Aufmerksamkeit verfolgte, stellte er sich außerdem die Aufgabe, ein größeres Geschichtsbild von denselben nach Art der Posselt'schen Annalen zu entwerfen ("Geschichte des französischen Revolutionskriegs“, 3 Bde., 1799—1801). So wurde immer mehr die Zeitgeschichte das Feld seiner schriftstellerischen Thätigkeit. Nebenher gingen jedoch publicistische Arbeiten, wie der „Patriotische Appel“, zu welchem P. durch den Friedenscongreß von Luneville und die ihm folgenden Regensburger Verhandlungen angeregt wurde. Ihm, dem Pfarrer und Amtmann eines ritterschaftlichen Dorfes, eingekeilt zwischen anderen reichsunmittelbaren Herrschaften, reichsstädtischen Gebieten, geistlichen Fürstenthümern mußte die Zerrissenheit des deutschen Reichs in ihrer ganzen Tragikomik täglich vors Auge treten. So galt denn jener Aufruf der Neuorganisation des Reichs, um zu retten, was noch zu retten war, die Glieder des Reichskörpers fester an einander zu schließen und seine Kräfte zu concentriren. In demselben Jahr (1801), in welchem dieser vielbeachtete Reichsverfassungsentwurf erschien, gründete P. eine Wochenzeitung, in welcher er die Begebenheiten der Zeit in übersichtlicher Darstellung zusammenzufassen und durch politische und staatsrechtliche Erörterungen, statistische Zusammenstellungen und historische Rückblicke zu erläutern suchte, — die „Nationalchronik (später blos Chronik) der Teutschen“. Da abgesehen von dem belehrenden Inhalt ein aufgeklärter Geist, ein gemäßigt-liberaler Standpunkt und deutsch-nationale Gesinnung in dem Blatte walteten, sammelte sich um dasselbe bald ein Kreis gebildeter Leser vorzüglich im südlichen Deutschland, auf dem linken Rheinufer und in der Schweiz. Das Blatt hatte während der wenigen Jahre seines Bestehens Ereignisse zu besprechen wie den Zusammenbruch des deutschen Reichs, die Gründung des Rheinbundes, die Niederlagen Preußens — lauter Stoffe von höchstem publicistischem Interesse; das moralische Urtheil über die Gewalthaber durfte freilich nur mit äußerster Vorsicht gefaßt, das Festhalten an der Einheit der Nation nur schüchtern als Ideal hingestellt werden, wenn der Herausgeber sein Blatt nicht der schärfsten Censur, ja sich selbst persönlicher Verfolgung anheimfallen lassen wollte. P. kannte das aus Erfahrung. Hatte ihn früher sein Eifer gegen die „Obscuranten und Stabilitätsritter“ auf die Proscriptionsliste der österreichischen Polizei gebracht, so gerieth er jetzt bei der napoleonischen durch böswillige Denunciation in den Verdacht, Verfasser des Buchs „Teutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ zu sein und erhielt die Einquartierung eines französischen Offiziers, der sein Treiben beobachtete und die Nationalchronik eifrig durchforschte, aber schließlich nichts von einem Aufrührer an P. entdecken konnte. Die Lage verschlimmerte sich noch dadurch, daß der Verlagsort der Chronik Gmünd und der Wohnsitz Pahl's selbst zum würtembergischen Gebiet geschlagen wurde, dessen Herrscher ebenso dienstbeflissen gegen Napoleon als despotisch gegen seine Unterthanen war. Zusehends mehrten sich nun die Censurstriche in der Chronik und als P. eines Tages Angesichts eines Kriegs zwischen Napoleon und Oesterreich letzteres als eine keineswegs gering zu schätzende Kriegsmacht schilderte, verschloß König Friedrich dem „im Fach der Politik herumirrenden Dorfpfarrer“ den Mund, indem er das weitere Erscheinen der Chronik verbot (Jan. 1809). So wieder auf das Bücherschreiben verwiesen fand P. für gut ein Werk über den „Krieg in Deutschland im Jahre 1809“ unter dem Pseudonym Alethinos in München erscheinen zu lassen, wandte aber dann mehrere Jahre hindurch der Zeitgeschichte den Rücken, um in der „Herda“ (4 Bde. 1811—1815) Bilder aus der deutschen Vergangenheit zu entwerfen. Als Napoleon geschlagen war und die Abrechnung mit Frankreich herankam, erhob auch P. seine Stimme für die Zurückforderung des Elsaßes (in Rottecks deutschen Blättern). Wie diese so wurden auch andere Hoffnungen der Patrioten nach den Befreiungskriegen nicht erfüllt. P. beklagte dies, aber er sah wenigstens die wesentlichsten Volksrechte gewährleistet Seitens der süddeutschen Staaten, deren Regierungen Repräsentativverfassungen eingeführt hatten und auf dem constitutionellen Weg ehrlich fortzuwandeln schienen. Um für seinen gemäßigten Liberalismus ein Organ zu schaffen, gab P. in den Jahren 1820—24 die „Neue Nationalchronik der Teutschen“ heraus, welche übrigens der alten weder in der Bedeutung des Stoffs noch in der Kraft der Sprache gleichkam. Erst im höheren Alter erhielt P. Gelegenheit seinen Standpunkt auch in parlamentarischer Thätigkeit zu erproben, indem die Ernennung zum Generalsuperintendenten des Jaxtkreises ihm im J. 1832 Sitz und Stimme in der zweiten Kammer des würtembergischen Landtags verschaffte, in welcher er als Altliberaler eine Mittelstellung zwischen den Parteien einnahm. Seiner theologischen Richtung nach war er Rationalist, jedoch duldsam gegen Andersdenkende und nur denen, welche die Volksaufklärung geflissentlich hindern wollten, muthig entgegentretend (vergl. sein Buch „über den Obscurantismus, welcher das teutsche Vaterland bedroht“ 1826). Vom rationalistischen Gesichtspunkte aus behandelte P. auch das Kirchenrecht, als das Aufrücken zu höheren Kirchenämtern in ihm das Bedürfniß weckte, sich auf diesem Gebiet heimisch zu machen und im Zusammenhang damit in einem Buche „das öffentliche Recht der evangelischlutherischen Kirche in Teutschland“ kritisch darzustellen. P. starb zu Stuttgart den 18. April 1839. Es war ihm noch vergönnt gewesen, vor Eintritt des Greisenalters die letzte Hand an seine „Geschichte von Württemberg“ (6 Bde. 1827—31) zu legen, welche durch ihre lichtvolle und gewandte Darstellung in vielen Familien sich einbürgerte, ohne jedoch auf tieferem Quellenstudium zu ruhen. Dagegen hinterließ er als unfertiges Manuscript die „Denkwürdigkeiten aus meinem Leben und meiner Zeit“, welche von seinem Sohn Wilhelm, Rector des Lyceums in Tübingen, herausgegeben wurden (1840). Sie schilderten immerhin die an Erlebnissen und Beziehungen reichere Hälfte seines Lebens (bis 1814) und wurden als werthvoller Zuwachs zu der deutschen Memoirenliteratur willkommen geheißen. Sein Bild stach Vockerodt nach einer Zeichnung von Fischer.

    • Literatur

      Außer den soeben erwähnten Denkwürdigkeiten vergl. die Lebensabrisse im Schwäb. Merkur vom 3—5. Juni 1839 und im Neuen Nekrolog der Deutschen. Jahrg. 17., (1839) Thl. 1, S. 383—391. — Gust. Bacherer, Salon deutscher Zeitgenossen, Thl. 1, 1838 S. 93—314. — Desselben Stellungen und Verhältnisse, Bd. 1, S. XLVIII—LXIV (wo sich Briefe Pahl's an Salat finden).

  • Autor/in

    Heyd.
  • Empfohlene Zitierweise

    Heyd, Wilhelm von, "Pahl, Johann Gottfried von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 25 (1887), S. 69-71 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd10038384X.html#adbcontent

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