Lebensdaten
1782 bis 1828
Geburtsort
Osnabrück
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Germanist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 100082505 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Docen, Bernhard Joseph
  • B. J. D.
  • Docen, B. J.
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Zitierweise

Docen, Bernhard Joseph, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd100082505.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Häuptlingsgeschlecht v. Butjadingen, v. dem Eberhard (1574–1654) seit 1627 Bgm. v. Bremen war u. ein Zweig im 30-jährigen Krieg nach Osnabrück kam;
    V Phil. Werner (1743–1802), seit 1773 Sekretär der Land- u. Justizkanzlei in Osnabrück, S des Kammerkanzlisten Phil. Heinr.;
    M Anna Franziska Driver ( 1820) aus Vechta; ledig.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Carolinums in Osnabrück bezog D. 1799 die Universität Göttingen, um Medizin zu studieren. Er wandte sich aber bald der Philologie und Archäologie zu. 1802 ging er nach Jena. Eigene germanistische Forschungsarbeiten begann er im Jahr darauf in Nürnberg mit Hans-Sachs-Studien. Chr. von Aretin holte ihn nach München an die Staatsbibliothek, wo er 1806 Skriptor und 1811 Kustos sowie Adjunkt an der Akademie der Wissenschaften wurde. Den größten Teil seiner Lebensarbeit widmete er der Beschreibung und Bestimmung der dortigen Handschriftenbestände. Der Zuwachs, den diese durch die Säkularisation erhalten hatten, war für einen Forscher seiner Begabungsrichtung ein fast einmaliger Glücksfall: kaum ein anderer hat zu so vielen Quellen der altdeutschen Literatur erstmaligen Zugang gewonnen. Damit stellte sich ihm die Aufgabe kritischer Editionen. Daß er sich in ihrer Bewältigung vielfach behindert fand und nur mit Vorbehalt als ein Wegbereiter K. Lachmanns gelten darf, steht zweifellos mit seiner Nähe zum romantischen Zeitgeist im Zusamenhang. Doch hatte ihm die junge Wissenschaft der deutschen Philologie eine Fülle von Entdeckungen zu danken. Er war einer der ersten Kenner der althochdeutschen Sprache und Literatur, der neben der Auffindung des „Muspilli“ und der Herausgabe des Ludwigsliedes den hohen sprachgeschichtlichen Wert der kleineren Denkmäler, namentlich der Glossographie richtig einschätzte und im Hinblick auf ein althochdeutsches Wörterbuch auszuwerten begann. Sein wichtigster Fund auf mittelhochdeutschem Gebiet waren die Wolframschen Titurel-Fragmente. Entgegen seinem ursprünglich richtigen Gefühl bestimmte er sie, veranlaßt durch die damals allgemein herrschende Meinung, daß der jüngere Titurel ein Werk Wolframs sei, als „voreschenbachisch“. A. W. Schlegel hat demgegenüber in seiner Kritik des ihm gewidmeten „Sendschreibens“ die Stellung der Fragmente zutreffend erkannt. Als Jakob Grimm den Versuch unternahm, die Gleichheit des Minne- und Meistersangs nachzuweisen, geriet D. hierüber mit ihm in eine literarische Fehde, bei der er die Kunst des Minnesangs dem handwerklich Mechanischen der Meistersängerei gegenüberstellte, dies jedoch nicht entschieden genug durchhielt, so daß er sich letzten Endes selbst um den Erfolg brachte. An den Vorhaben der „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“, zu deren ersten bayerischen Mitgliedern D. zählte, hat er lebhaften Anteil genommen. Die Vielzahl der ihn beschäftigenden Einzelfragen, die in einer schwer überschaubaren Menge kleiner und verstreuter Veröffentlichungen ihren Ausdruck gefunden hat, ließ ihm zur Ausführung größerer Pläne weder Zeit noch Kraft.

  • Werke

    u. a. Andenken an Hans Sachs, 1803; Glossograph. Denkmäler d. älteren dt. Sprache, v. 9.-13. Jh., in: Ch. v. Aretins Btrr. z. Gesch. u. Lit., 1804, 9. Stück;
    Entdeckung, das sog. Heldenbuch Heinrichs v. Ofterdingen betr., ebd., 10. u. 11. Stück;
    Marginalien zu H. Fr. Adelungs Nachrr. v. altdt. Gedichten, welche a. d. Heidelberg. Bibl. in d. Vatikan, gekommen sind, in: Neuer lit. Anz., 1806. Nr. 9;
    Miscellaneen z. Gesch. d. dt. Lit., 2 Bde., 1807, 21809;
    Über d. Unterschied u. d. gegenseitigen Verhältnisse d. Minne- u. Meistersänger, in: Mus. f. altdt. Lit. u. Kunst I, H. 1, 1809, H. 2, 1810;
    Erstes Sendschreiben üb. d. Titurel, 1810;
    Lied e. fränk. Dichters auf Kg. Ludwig III., 1813;
    Über d. Ursachen d. Fortdauer d. lat. Sprache seit d. Untergange d. abendländ.Röm.Reichs, 1815;
    Vereinfachung d. dt. rechtschreibung u. erleichterung d. dt. schreibeunterrichts durch entfernung d. großen anfangsbuchstaben, 1826;
    - Hrsg. (mit F. H. v. der Hagen u. J. G. G. Büsching): Mus. f. altdt. Lit. u. Kunst, 1809-11.

  • Literatur

    ADB V;
    J. A. Schneller, in: NND, 6. Jg., 1828, II, 1830;
    A. W. Schlegel, Sämtl. Werke, hrsg. v. Böcking, Bd. 12, 1847, S. 288-321;
    R. v. Raumer, Gesch. d. German. Philol., 1870, S. 343 ff., 395 ff.;
    Ph. Strauch, Zur Gesch. d. dt. Philol., Briefe an B. J. D., in: Anz. f. dt. Altertum u. dt. Lit. 28, 1902, S. 123-59;
    ders., Ein Brief Therese Hubers an D., in: Euphorion, 28. Jg., 1927, S. 369 f.;
    K. O. v. Aretin, Die Beziehungen d. Ges. f. ältere dt. Gesch.kde. zu Bayern in d. J. 1819-24, in: DA 13, 1957, S. 349 f. u. ö.;
    H. W. Rotermund, Das gel. Hannover I, 1823 (W);
    R. Eckart, Lex. d. Niedersächs. Schriftst., 1891 (W);
    Hdb. d. Bibl.wiss. I, 1940, S. 618;
    Kosch, Lit.-Lex.;
    Goedeke VIII, XII. – Zu V Phil. Werner: Mitt. d. Ver. f. Gesch. u. Landeskde. v. Osnabrück 17, 1892, S. 261, 34, 1909, S. 201, 205. - Qu.: Hs. Nachlaß (auch eigene Dichtungen) in d. Bayer. Staatsbibl. München.

  • Portraits

    Scherenschnitt-Silhouette (München, Bayer. Staatsbibl., Doceniana).

  • Autor/in

    Adalbert Elschenbroich
  • Empfohlene Zitierweise

    Elschenbroich, Adalbert, "Docen, Bernhard Joseph" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 8 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100082505.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Docen: Bernhard Joseph D., altdeutscher Philolog, geb. 1. October 1782 zu Osnabrück als Sohn eines Beamten: die Familie stammte aus Baiern. Er besuchte das katholische Gymnasium seiner Vaterstadt, bezog 1799 die Universität Göttingen, um Medicin zu studiren, wandte sich aber bald der Litteratur und Archäologie zu, indem er sich besonders an Heyne anschloß. 1802 ging er nach Jena und Dresden; im Sommer 1803 treffen wir ihn in Nürnberg schon mit altdeutschen Studien beschäftigt, aus denen zunächst sein „Andenken an Hans Sachs“ hervorging. Seit dem Spätherbst 1803 lebte er in|München, von 1804 ab an der Staatsbibliothek beschäftigt, durch die zuströmenden Handschriften aufgehobener Klöster gefesselt, durch Aretin (Joh. Christ., s. Allg. d. Biogr. I. 518) vorzugsweise gefördert, 1806 Scriptor, 1811 Custos, bis er am 21. Novbr. 1828 starb, unverheirathet, freundlos, eine einsame, wenn auch nicht ungesellige Natur. Um die Ordnung und Katalogisirung der Münchener Bibliothek hat er sich die größten Verdienste erworben: die älteren deutschen Manuscripte beschrieb er vollständig; aber auch z. B. in lateinischen Handschriften gelang es ihm, eine große Menge von unbestimmten Stücken richtig zu bestimmen; das entlegenste wußte er aufzufinden; überall begegnet man den Spuren seiner zierlichen Hand. Dabei kam ihm seine Vielseitigkeit zu statten, die ihm sonst nicht überall förderlich war. Bildung und Wissenschaft, so nahe verwandt, sind zuweilen Gegensätze. In D. ist der Fachgelehrte durch den gebildeten Mann gehemmt. Heyne's Schule und romantische Anregungen blieben bei geringer persönlicher Originalität maßgebend. D. dichtet und läßt die sehr schwachen Eingebungen seiner Muse (baierisch-patriotische Poesien, die Catalani in München und sonstige Gelegenheitspoesie) leider auch drucken. Er zeichnet und übt Kunstkritik, mit Verständniß des Einzelnen, nach gesunden Grundsätzen, im Sinne Goethe's. Er schreibt über Bibliothekswissenschaft, über den Nachdruck (für 20jährige Frist), über deutsche Orthographie (für lateinische Schrift mit Accenten und kleinere Anfangsbuchstaben), sogar über die Eröffnung der baierischen Landstände. So hätte sich auch seine Thätigkeit für die deutsche Litteratur und Sprache ganz und gar in Broschüren und Journalartikeln verzettelt, wenn er nicht in seinen „Miscellaneen zur Geschichte der teutschen Litteratur“ (2 Bde. 1807) und in dem mit v. d. Hagen und Büsching herausgegebenen „Museum für altdeutsche Litteratur“ (1809—11) einen weiteren Rahmen für seine immer etwas kurzathmigen Arbeiten gefunden hätte. Er trug sich mit großen Plänen, er dachte an grammatische Vergleichungstafeln, an eine Theorie der älteren deutschen Sprache, an eine Ausgabe von Lessing's Schriften; in seinem Nachlasse fand sich ein Stammwörterbuch der jetzigen deutschen Sprache (in zwei Fassungen), es fanden sich Materialien zu einem mittelhochdeutschen Wörterbuch und Vorarbeiten zu einer mittelhochdeutschen Grammatik. Er wußte im allgemeinen, worauf es in der jungen Wissenschaft ankam, er wußte gleichstrebende Genossen auf manche Fehler aufmerksam zu machen, aber er konnte die Wege des Fortschrittes nicht genauer bezeichnen und er hatte nicht Energie und Sammlung genug, um selbst einen großen Fortschritt zu begründen. Er besaß eine umfassende Kenntniß unserer Litteratur und hat die Forschung durch Einzelmittheilungen und Uebersichten mannigfach gefördert. Aber wie sein Stil etwas mühsames und geziertes behielt und den bündigen sachgemäßen Ausdruck nicht traf, so fehlt ihm bei wissenschaftlichen Combinationen der einfache Gradsinn und die Genialität des unwillkürlichen Treffens. Darum zog er in seinem Streit mit Jakob Grimm über Minnesang und Meistersang (s. den Art. Jakob Grimm) den kürzeren; darum entging ihm bei dem glücklichen Funde der prachtvollen Titurelfragmente die wichtige Entdeckung, daß er ein echtes Werk Wolframs v. Eschenbach vor sich habe und daß der sogen jüngere Titurel nicht von Wolfram herrühre. Aber er hat das große Verdienst, daß er auf vollständige Induction als Grundlage der Litteraturgeschichte drang: dann werde manches, was für sich unbedeutend scheine, durch die Stelle, die es einnehme, bedeutend werden. Nach dieser Richtung hat er selbst die schönste Wirksamkeit entfaltet. Seine Lebensstellung kam ihm zu Hülfe: er hatte wol Ursache, die Aufhebung der baierischen Klöster in Reimen zu preisen: er pries damit die Grundlage seines eigenen Ansehens, die unerschöpfliche Fundgrube, aus der er alt- und mittelhochdeutsche Schriftdenkmäler hervorholte. Er ist als Herausgeber entfernt nicht mit Benecke oder vollends|mit Lachmann zu vergleichen, er hat die Methode des Edirens und Interpretirens nicht verbessert. Er ist von dem Vorwurf der Heimlichthuerei (woran die Sünde der Verschleppung hängt) nicht frei zu sprechen. Er bewegt sich mit Vorliebe auf Nebenwegen und überläßt die Hauptstraße anderen Forschern. Aber er ist scharfsinnig und gewissenhaft; er weiß Fragmentarisches an den richtigen Ort zu stellen; er gibt vielfältige Anregung. So für die Poesie des 12. und 13. Jahrhunderts, für die Mystik des 14. Jahrhunderts, für die Anfänge des Volksliedes. Vor allem jedoch hat er im Gegensatze zu manchen romantischen Zeitgenossen, aber in Uebereinstimmung mit älteren Forschern, wie Junius, Eckhart, Pez, die große Bedeutung erkannt, welche den litterarisch fast werthlosen kleinen Prosadenkmälern, den lateinisch-deutschen Wörterbüchern und den deutschen Worterklärungen in lateinischen Handschriften des 8. — 12. Jahrhunderts für die Kenntniß der Sprache zukommt. Diese Glossen und Glossare will er, so weit sie die Bibel betreffen, ihrer Hauptmasse nach auf Hrabanus Maurus zurückführen: eine Meinung, die sich zwar nicht bestätigte, aber doch als Anfang einer gründlichen Untersuchung des inneren Zusammenhangs in diesem weitschichtigen Material stets mit Ehren genannt werden wird. Er hat zugleich durch sein „Glossarium theotisco-latinum“ einen wichtigen Beitrag für das althochdeutsche Wörterbuch geliefert. Diese und überhaupt seine beste Thätigkeit fällt um das J. 1807. Von 1813 an etwa mag er den Vorwurf des Unfleißes verdient haben, den ihm Jakob Grimm einmal macht. Auch jene beste Thätigkeit ist nicht viel mehr als gute Handlangerarbeit. Aber man könnte sagen: D. ist der in einen Handlanger verzauberte Architekt. Denn immer ist sein Herbeischleppen durch die Ahnung des Bauplanes geleitet.

    • Literatur

      Neuer Nekrolog der Deutschen 1828, II. S. 803—810 (Schmeller). Ersch-Gruber, Sect. I. Thl. 29. S. 334. Raumer, Gesch. 343—354. 395 ff. Görres, Briefe, s. Register. Die deutschen Handschriften zu München II. 538—542. Mitth. Halm's.

  • Autor/in

    Scherer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Scherer, Wilhelm, "Docen, Bernhard Joseph" in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 278-280 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100082505.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA