Oesterhelt, Dieter

Lebensdaten
1940 – 2022
Geburtsort
München
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Biochemiker
Konfession
unbekannt
Normdaten
GND: 10701016X | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Oesterhelt, Dieter
  • Oestherhelt, Diether

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Zitierweise

Oesterhelt, Dieter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd10701016X.html#indexcontent [09.10.2026].

CC0

  • Oesterhelt, Dieter

    1940 – 2022

    Biochemiker

    Der Biochemiker Dieter Oesterhelt entdeckte 1970 mit der lichtaktiven Protonenpumpe Bakteriorhodopsin eine evolutionär alte, einfache Form der Fotosynthese. In der Folge wurden mikrobielle Rhodopsine zu Modellen der molekularen Lebenswissenschaften sowie Werkzeugen der Optogenetik, um neuronale Funktionen mit Licht zu analysieren und zu steuern. Aus der von 1979 bis 2008 von Oesterhelt geleiteten Abteilung Membranbiochemie am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München gingen viele renommierte Forscherinnen und Forscher hervor.

    Lebensdaten

    Geboren am 10. November 1940 in München
    Gestorben am 28. November 2022 in München
    Grabstätte Waldfriedhof in München
    Dieter Oesterhelt, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft (InC)
    Dieter Oesterhelt, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft (InC)
  • 10. November 1940 - München

    1946 - 1959 - München

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Ridler-Schule; seit 1950 Theresien-Gymnasium

    1959 - 1965 - München

    Studium der Chemie

    Universität

    1965 - 1967 - München

    Promotion (Dr. rer. nat.)

    Institut für Biochemie der Universität

    1969 - 1970/71 - San Francisco (Kalifornien, USA)

    Forschungsaufenthalt im Arbeitskreis von Walther Stoeckenius (1921–2013)

    Medical School der University of California

    1970 - 1973 - München

    Akademischer Rat; Akademischer Oberrat

    Institut für Biochemie der Universität

    1973 - München

    Habilitation für Biochemie

    Universität

    1973 - 1974 - Tübingen

    Leiter einer biologischen Arbeitsgruppe

    Friedrich-Miescher-Laboratorium der Max-Planck-Gesellschaft

    1975 - 1979 - Würzburg

    ordentlicher Professor für Biochemie

    Universität

    1979 - 2008 - Martinsried bei München

    Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft; Direktor

    Max-Planck-Institut für Biochemie

    1980 - München

    Honorarprofessor; Mitglied

    Fakultät für Chemie und Pharmazie der Universität

    2004 - 2007 - Martinsried

    Mitgründer; Aufsichtsrat

    IZB Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie

    28. November 2022 - München

    alternativer text
    Dieter Oesterhelt, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft (InC)

    Oesterhelt wuchs in München auf, erhielt 1959 am Theresien-Gymnasium das Abitur und studierte anschließend an der Universität München Chemie. Von 1965 bis 1969 arbeitete er als Doktorand im Labor des Biochemikers Feodor Lynen (1911–1979) am Max-Planck-Institut für Zellchemie in München zu Struktur-Funktions-Beziehungen der Fettsäure-Synthetase, eines Schlüssel-Proteinkomplexes der Lipidbiosynthese; die Promotion zum Dr. rer. nat. am Institut für Biochemie der Universität erfolgte 1969.

    Während eines Forschungsaufenthalts im Labor des Elektronenmikroskopikers Walther Stoeckenius (1921–2013) an der Medical School der University of California in San Francisco (Kalifornien, USA) zwischen 1969 und 1971 untersuchte Oesterhelt die Zellmembran der halophilen Mikrobe Halobacterium salinarum. Mit Stoeckenius und dem Biophysiker Allan Blaurock (1940–2007) isolierte und charakterisierte er das lichtaktive Membranprotein Bakteriorhodopsin (BR). Nach seiner Rückkehr an das Münchner Universitätsinstitut für Biochemie deckte Oesterhelt die biologische Funktion des BR als lichtgetriebene Protonenpumpe auf und beschrieb damit eine bis dahin unbekannte, evolutionär sehr alte, einfache Form der Fotosynthese. Seit Mitte der 1970er Jahre wurden BR und verwandte Membranproteine zu Modellsystemen der Erforschung biologischer Membranproteine, die dabei halfen, Mechanismen der Energieumwandlung und Signalweitergabe mit biochemischen oder biophysikalischen Methoden wie Elektronenmikroskopie oder Spektroskopien auf molekularer Ebene zu untersuchen.

    Oesterhelt wurde 1973 Arbeitsgruppenleiter am Friedrich-Miescher-Laboratorium der Max-Planck-Gesellschaft in Tübingen, habilitierte sich 1973 an der Universität in München für Biochemie und erhielt 1975 einen Ruf als Professor für Biochemie an die Universität Würzburg. 1979 wurde er Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München. Die von ihm bis 2008 geleitete Abteilung Membranbiochemie etablierte er als ein produktives, international vernetztes und renommiertes Zentrum der Erforschung fotobiologischer Prozesse, zu deren herausragenden Ergebnissen etwa die Charakterisierung der Kanalrhodopsine aus der Grünalge Chlamydomonas durch den Nachwuchsgruppenleiter Peter Hegemann (geb. 1954) und die erste Röntgenstruktur eines Membranproteins, des fotosynthetischen Reaktionszentrums der Mikrobe Rhodospirillum rubrum, durch Oesterhelts Nachwuchsgruppenleiter Hartmut Michel (geb. 1948) gehörte. Letzteres brachte Michel mit dem Röntgenkristallografen Johann Deisenhofer (geb. 1943) und dessen Abteilungsleiter, Robert Huber (geb. 1937), den Nobelpreis für Chemie 1988 ein. Für die fundamentale Rolle mikrobieller Rhodopsine für das seit ca. 2000 entstehende Forschungsfeld der Optogenetik wurde Hegemann mit Oesterhelt und dem in Stanford (Kalifornien, USA) wirkenden Neurowissenschaftler Karl Deisseroth (geb. 1971) 2021 mit dem Lasker-Award ausgezeichnet. Die Nutzung mikrobieller Rhodopsine als molekularer Werkzeuge der Optogenetik zur zielgerichteten Modifikation der elektrochemischen Aktivität von Nerven- und Sinneszellen eröffnete dem Forschungsfeld Perspektiven und Anwendungen in Biomedizin und Biotechnologien, die nur auf der Basis jahrzehntelanger Grundlagenforschung und einer Integration von Methoden der Zellbiologie, der Neurophysiologie sowie rekombinanter DNA-Technologien erreicht wurde.

    Seit Mitte der 1970er Jahre fungierte Oesterhelt in international führenden Zeitschriften der Biochemie und der molekularen Lebenswissenschaften als Herausgeber und hatte Positionen in zahlreichen Gremien und wissenschaftlichen Gesellschaften auf nationaler und internationaler Ebene inne. 1984 war er Mitgründer des Genzentrums der Universität München; in den Folgejahren avancierte Martinsried zu einem der bedeutendsten Forschungs- und Technologiestandorte der Biotechnologie in Europa. Oesterhelt, dessen Interesse an Sport und Alpinismus auch das offene Klima seines Instituts prägte, leitete nach seiner Emeritierung 2008 die Forschungsgruppe Membranbiochemie.

    1973 Stipendiat der Karl-Winnacker-Stiftung der Farbwerke Hoechst AG, vorm. Meister, Lucius & Brüning
    1974 FEBS Anniversary Prize der Gesellschaft für Biologische Chemie
    1980–1984 Mitglied des Fund Commitee der European Molecular Biology Organization
    1982 Feldberg-Preis für deutsch-britischen Austausch in den Lebenswissenschaften
    1983 Liebig-Denkmünze der Gesellschaft Deutscher Chemiker
    1983 Wellcome Trust Visiting Award, London (Großbritannien)
    1983–1988 Mitgründer und wissenschaftlicher Beirat des Genzentrums der Universität München
    1985–1997 Mitgründer und wissenschaftlicher Beirat des Martinsrieder Instituts für Protein-Sequenzdaten
    1987–1989 Präsident der Gesellschaft für Biologische Chemie
    1987–1991 Mitglied im Senat und Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft
    1987–1994 Mitglied des Scientific Advisory Board des European Molecular Biology Laboratory
    1989 Dannie-Heinemann-Preis der Akademie der Wissenschaft zu Göttingen
    1989 Mitglied der Leopoldina
    1989–1991 Mitglied der Arbeitsgruppe Biowissenschaften und Medizin des Wissenschaftsrats zur Begutachtung außeruniversitärer Forschungseinrichtungen der Neuen Länder
    1990 Karl Heinz Beckurts-Preis der Karl Heinz Beckurts-Stiftung
    1991 Otto-Warburg-Medaille der Gesellschaft für Biologische Chemie
    1992 Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2004 Verdienstkreuz 1. Klasse am Bande)
    1993 Gregor-Mendel-Medaille der Leopoldina
    1993 Philip Morris Forschungspreis
    1993 Röntgen-Medaille der Stadt Würzburg
    1993–1999 Mitglied im Senat der Max-Planck-Gesellschaft
    1995 Otto-Hahn-Preis der Gesellschaft Deutscher Chemiker und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft
    1996/97 Mitglied im Rat für Forschung, Technologie und Innovation des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie
    1996–1998 Mitglied des Scientific Advisory Board des Weizmann Institute, Rehovot (Israel)
    1998 Alfried-Krupp-Wissenschaftspreis
    1998–2002 Mitglied des Rats für Wissenschaft und Forschung des Bayerischen Kultusministeriums
    1999 Werner-von-Siemens Ring
    2002 Paul-Karrer-Goldmedaille der Universität Zürich
    2010 Peter Mitchell Medaille
    2011 Wissenschaftspreis des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft
    2016 Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst
    2021 Albert Lasker Award for Basic Medical Research der Lasker Foundation

    Nachlass:

    Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem.

    Zur Kenntnis der Fettsäuresynthetase aus Hefe, 1967. (Diss. rer. nat.)

    Dieter Oesterhelt/H. Bauer/Feodor Lynen, Crystallization of a Multienzyme Complex. Fatty Acid Synthetase from Yeast, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 63 (1969), S. 1377–1382.

    Dieter Oesterhelt/Walther Stoeckenius, Rhodopsin-Like Protein from the Purple Membrane of Halobacterium halobium, in: Nature New Biology 233 (1971), S. 149–152.

    Dieter Oesterhelt/Benno Hess, Reversible Photolysis of the Purple Complex in the Purple Membrane of Halobacterium halobium, in: European Journal of Biochemistry 37 (1973), S. 316–326.

    Dieter Oesterhelt/Günter Krippahl, Light Inhibition of Respiration in Halobacterium halobium, in: FEBS Letters 36 (1973), S. 72–76.

    Dieter Oesterhelt/Walther Stoeckenius, Functions of a New Photoreceptor Membrane, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 70 (1973), S. 2853–2857.

    Manfred Sumper/W. Heribert Reitmeier/Dieter Oesterhelt, Biosynthesis of the Purple Membrane of Halobacteria, in: Angewandte Chemie International Edition 15 (1976), S. 187–194.

    Hartmut Michel/Dieter Oesterhelt/Richard Henderson, Orthorhombic Two-Dimensional Crystal Form of Purple Membrane, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 77 (1980), S. 338–342.

    Hartmut Michel/Dieter Oesterhelt, Three-Dimensional Crystals of Membrane Proteins: Bacteriorhodopsin, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 77 (1980), S. 1283–1285.

    Hartmut Michel/Dieter Oesterhelt, Electrochemical Proton Gradient across the Cell Membrane of Halobacterium halobium, in: Biochemistry 19 (1980), S. 4615–4619.

    G. Wagner/Dieter Oesterhelt/Günter Krippahl/Janos K. Lanyi, Bioenergetic Role of Halorhodopsin in Halobacterium halobium Cells, in: FEBS Letters 131 (1981), S. 341–345.

    Lorenz Kerscher/Dieter Oesterhelt, The Catalytic Mechanism of 2-Oxoacid. Ferredoxin Oxidoreductases from Halobacterium halobium, in: European Journal of Biochemistry 116 (1981), S. 595–600.

    Janos K. Lanyi/Dieter Oesterhelt, Identification of the Retinal Binding Protein in Halorhodopsin, in: Journal of Biological Chemistry 257 (1982), S. 2674–2677.

    Peter Hegemann/M. Steiner/Dieter Oesterhelt, Isolation and Characterization of the Retinal-Binding Component of Halorhodopsin, in: The EMBO Journal 1 (1982), S. 1177–1183.

    Ernst Bamberg/Peter Hegemann/Dieter Oesterhelt, Reconstitution of the Light-Driven Electrogenic Ion Pump Halorhodopsin, in: Biochimica Biophysica Acta 773 (1984), S. 53–60.

    Paul Tavan/Klaus Schulten/Dieter Oesterhelt, The Effect of Protonation and Electrical Interactions on the Stereochemistry of Retinal Schiff Bases, in: Biophysical Journal 47 (1985), S. 415–430.

    Wolfgang Marwan/Dieter Oesterhelt, Signal Formation in the Halobacterial Photophobic Response Mediated by a Fourth Retinal Protein (P475), in: Journal of Molecular Biology 195 (1987), S. 333–342.

    Magsudul Alam/Dieter Oesterhelt, Purification, Reconstitution and Polymorphic Transition of Halobacterial Flagella, in: Journal of Molecular Biology 194 (1987), S. 495–499.

    Hans-Jürgen Butt/Klaus Fendler/Ernst Bamberg/Jörg Tittor/Dieter Oesterhelt, Aspartic Acids 96 and 85 Play a Central Role in the Function of Bacteriorhodopsin as a Proton Pump, in: The EMBO Journal 8 (1989), S. 1657–1663.

    Dieter Oesterhelt/Christoph Bräuchle/Norbert Hampp, Bacteriorhodopsin. A Biological Material for Information Processing, in: Quarterly Reviews of Biophysics 24 (1991), S. 425–478.

    Lars Oliver Essen/R. Siegert/Wolf-Dieter Lehmann/Dieter Oesterhelt, Lipid Patches in Membrane Protein Oligomers. Crystal Structure of the Bacteriorhodopsin-Lipid Complex, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 95 (1998), S. 11673–11678.

    Ulrich Haupts/Jörg Tittor/Dieter Oesterhelt, Closing in on Bacteriorhodopsin. Progress in Understanding the Molecule, in: Annual Review of Biophysics and Biomolecular Structure 28 (1999), S. 367–399.

    Michael Kolbe/Hüseyin Besir/Lars Oliver Essen/Dieter Oesterhelt, Structure of the Light-Driven Chloride Pump Halorhodopsin at 1.8. A Resolution, in: Science 288 (2000), S. 1390–1396.

    Werkverzeichnis:

    Dieter Oesterhelt/Mathias Grote, Leben mit Licht und Farbe. Ein biochemisches Gespräch, 2022, S. 256-277.

    Monografien:

    Mathias Grote, Membranes to Molecular Machines. Active Matter and the Remaking of Life, 2019. (P)

    Dieter Oesterhelt/Mathias Grote, Leben mit Licht und Farbe. Ein biochemisches Gespräch, 2022. (P)

    Aufsätze:

    Mathias Grote/Martin Engelhard/Peter Hegemann, Of Ion Pumps, Sensors and Channels. Perspectives on Microbial Rhodopsins between Science and History, in: BBA Bioenergetics 1837 (2014), S. 533–545.

    Christina Beck, Einzeller bringen Licht in die Neurobiologie, in: Max Planck Forschung. 20.11.2014. (Onlineressource)

    Jeffrey M. Friedman, How the Discovery of Microbial Opsins Led to the Development of Optogenetics, in: Cell 184 (2021), H. 21, S. 5266–5270.

    Nachrufe:

    Peter Hegemann/Hartmut Michel, Dieter Oesterhelt (1940–2022), in: Science 379 (2023), S. 337. (P)

    Peter Hegemann/Hartmut Michel, Dieter Oesterhelt (1940–2022), in: Nachrichten aus der Chemie 71 (2023), H. 3, S. 79. (P)

    Fotografien, Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem, Nachlass D. Oesterhelt.

  • Autor/in

    →Mathias Grote (Greifswald)

  • Zitierweise

    Grote, Mathias, „Oesterhelt, Dieter“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd10701016X.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA