Pohl, Hans

Lebensdaten
1935 – 2019
Geburtsort
Bärdorf (bei Münsterberg, Niederschlesien, heute Polen)
Sterbeort
Erftstadt-Lechenich
Beruf/Funktion
Wirtschafts- und Sozialhistoriker ; Unternehmer ; Nationalsozialist
Konfession
römisch-katholisch
Normdaten
GND: 124997821 | OGND | VIAF: 45250306
Namensvarianten

  • Pohl, Hans Hermann
  • Pohl, Hans
  • Pohl, Hans Hermann

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Zitierweise

Pohl, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd124997821.html [06.04.2026].

CC0

  • Pohl, Hans Hermann

    1935 – 2019

    Wirtschafts- und Sozialhistoriker

    Hans Pohl war Historiker, Wissenschaftsorganisator und Mittler zwischen Wissenschaft, Unternehmen und Verbänden. Mit seinen Forschungen zur deutschen und internationalen Wirtschafts- und Sozialgeschichte vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, seinem Engagement bei der inhaltlichen und organisatorischen Weiterentwicklung seines Fachs und seiner Vernetzung in nationalen und internationalen wissenschaftlichen Gremien war er einer der einflussreichsten deutschen Wirtschafts- und Sozialhistoriker seiner Zeit.

    Lebensdaten

    Geboren am 27. März 1935 in Bärdorf (bei Münsterberg, Niederschlesien, heute Polen)
    Gestorben am 10. Dezember 2019 in Erftstadt-Lechenich
    Grabstätte Friedhof in Erftstadt-Lechenich
    Konfession römisch-katholisch
  • 27. März 1935 - Bärdorf (bei Münsterberg, Niederschlesien, heute Polen)

    1945 - Siegerland

    Flucht der Familie

    1946 - 1955 - Dillenburg

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    1946 Realgymnasium

    1955 - 1961 - Köln

    Studium der Geschichtswissenschaft, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Klassischen Philologie und Wirtschaftswissenschaften

    Universität

    1961 - Köln

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1961 - 1968 - Köln

    Wissenschaftliche Hilfskraft; Wissenschaftlicher Assistent; Kustos

    Universität

    1968 - Köln

    Habilitation für Wirtschafts- und Sozialgeschichte

    Universität

    1969 - 2000 - Bonn

    ordentlicher Professor für Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (1974/75 Dekan, langjährig Senatsmitglied)

    Universität

    10. Dezember 2019 - Erftstadt-Lechenich

    Ausbildung und wissenschaftlicher Werdegang

    Nach der Flucht der Familie bei Kriegsende aus Niederschlesien in das Siegerland legte Pohl 1955 das Abitur in Dillenburg ab und begann ein Studium der Geschichtswisssenschaft, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Klassischen Philologie und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Köln. Sein Interesse galt v. a. der europäischen und überseeischen Handelsgeschichte, angeregt von Richard Konetzke (1897–1980), Ludwig Beutin (1903–1958) und Hermann Kellenbenz (1913–1990), der ihn am stärksten prägte.

    Nach Archivstudien u. a. in Madrid, Hamburg, Bremen und Lübeck wurde Pohl 1961 in Köln bei Konetzke mit der Dissertation „Die Beziehungen Hamburgs zu Spanien und dem spanischen Amerika in der Zeit von 1740 bis 1806“ zum Dr. phil. promoviert. 1968 habilitierte er sich an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln mit der Studie „Die Portugiesen in Antwerpen (1567–1648). Zur Geschichte einer Minderheit“ und erhielt die Venia legendi für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 1969 wurde er als ordentlicher Professor auf den Lehrstuhl für Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an die Universität Bonn berufen und leitete dort bis zur Emeritierung 2000 die Abteilung Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte am Historischen Seminar. Rufe nach Hamburg und Innsbruck 1980 und Wien 1989 lehnte er ab.

    Forschungstätigkeit und Wissenschaftsorganisation

    Pohls wissenschaftliche Arbeitsgebiete umfassten Themen der deutschen Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte sowie der europäischen und transatlantischen Wirtschafts- bzw. Handelsbeziehungen vom Beginn der Neuzeit bis zur Gegenwart. Er publizierte in ca. 20 Monografien und ca. 150 Aufsätzen meist auf Archivalien gestützte Detailstudien ebenso wie Überblicksdarstellungen, auch zum wissenschaftlichen Standort des Fachs. Von 1971 bis 2010 gehörte er zum Herausgebergremium der „Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ und gab über 50 Einzelwerke sowie Zeitschriften heraus, darunter von 1973 bis 1989 24 Bände mit Überblicksdarstellungen zu Themen bzw. Epochen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte in der von ihm initiierten Reihe „Wissenschaftliche Paperbacks Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“. Ein bleibendes Verdienst ist die Anregung, Konzeption und Mitherausgabe der „Deutschen Verwaltungsgeschichte“ (6 Bde., 1983–1986).

    Auf dem Gebiet der vormodernen und modernen Handels- und Verflechtungsgeschichte publizierte Pohl neben der Dissertation und Habilitationsschrift u. a. mit „Aufbruch der Weltwirtschaft“ (1989) einen Überblick über die weltwirtschaftlichen Beziehungen im 19./20. Jahrhundert sowie die „Wirtschaftsgeschichte Hispanoamerikas in der Kolonialzeit“ (1996). Sein zweites Arbeitsfeld war die allgemeine und die regionale Industrialisierungsgeschichte: 1969 wurde er Sprecher des Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Geschichte der Frühen Industrialisierung in Deutschland“, anschließend auch des nachfolgenden Schwerpunkts „Deutsche Industriegeschichte bis zum Ersten Weltkrieg“. Pohls Interesse richtete sich auf Finanzierungsfragen der Industrie und der mittelständischen Wirtschaft, auf die Wirtschaftspolitik, Kartellierung und Konzentration, das Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Wissenschaft und auf die Wirtschaftsstatistik. Seine Arbeiten trugen dazu bei, dass die Industrialisierung seit den 1970er Jahren wieder stärker wirtschafts- und sozialhistorisches Interesse gewann.

    Pohls drittes Arbeitsgebiet war die Unternehmensgeschichte, deren Entwicklung zu einer wissenschaftlich fundierten Disziplin er erheblich förderte. Er war 1976 an der Gründung der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte beteiligt, war Vorsitzender ihres Wissenschaftlichen Beirats, Mitglied ihres Vorstands und gab ihre „Zeitschrift für Unternehmensgeschichte“ und deren Beihefte bis 1994 federführend heraus. Als Nebeneffekt seiner breitenwirksamen Vortragsveranstaltungen, für die er auch Manager gewann, begannen immer mehr Unternehmen, ihre schriftliche Überlieferung zu erschließen und Archive zu errichten.

    Pohl arbeitete auch zur Finanzgeschichte, insbesondere der Geschichte der Banken und Sparkassen sowie der Assekuranz, war hier Vorstands- und Beiratsmitglied mehrerer Forschungsinstitute und trieb die historische Forschung voran; er gab u. a. die „Deutsche Börsengeschichte“ (1992) und die „Europäische Bankengeschichte“ (1993) sowie Publikationen zu einzelnen Börsenplätzen heraus. Um die Erträge der deutschsprachigen unternehmens- und finanzhistorischen Forschung international bekannter zu machen, initiierte er das „German Yearbook on Business History“ (1981–1995).

    Zu seinen zahlreichen Schülerinnen und Schülern zählen Gerhard Adelmann (1923–2006), Carsten Burhop (geb. 1973), Wilfried Feldenkirchen (1947–2010), Boris Gehlen (geb. 1973), Günther Schulz (geb. 1950) und Mark Spoerer (geb. 1963).

    1969–1989 Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (1981–1989 Vorsitzender)
    1975–1983 Mitglied des Fachkollegiums für Wirtschaftswissenschaften der Deutschen Forschungsgemeinschaft
    1976–1994 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte
    1985–1992 Stiftungsbeirat des Museums für Technik und Arbeit, Mannheim
    1985–1991 Mitglied des Editorial Advisory Boards der „Business History Review‟
    1985–2004 Mitglied des Arbeitskreises für Sparkassengeschichte der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e. V.
    1985–2004 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats und Vorstandsmitglied des Instituts für Bankhistorische Forschung
    1986 Mitglied des Comitato Scientifico des Istituto Internazionale di Storia Economica Datini in Prato (seit 1993 Mitglied der Giunta Esecutiva)
    1989 Mitglied des Editorial Advisory Boards der „Business History‟
    1994 Mitglied des Executive Committee der International Economic History Association
    1994 Mitglied des Steering Committee der European Business History Association
    Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Österreichischen Gesellschaft für Unternehmensgeschichte
    2006 Dr. phil. h. c., Universität Leipzig

    Nachlass:

    Universitätsarchiv Bonn.

    Weitere Archivmaterialien:

    Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln, Abt. 457.

    Monografien:

    Die Beziehungen Hamburgs zu Spanien und dem spanischen Amerika in der Zeit von 1740 bis 1806, 1963. (Diss. phil.)

    Studien zur Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas, 1976.

    Die Portugiesen in Antwerpen (1567–1648). Zur Geschichte einer Minderheit, 1977. (Habilitationsschrift)

    WestLB. Von der Hülfskasse von 1832 zur Landesbank, 1982.

    Hans Pohl/Stefanie Habeth-Allhorn/Beate Brüninghaus, Die Daimler–Benz AG in den Jahren 1933–1945. Eine Dokumentation, 1986, 32017.

    Aufbruch der Weltwirtschaft. Geschichte der Weltwirtschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, 1989.

    Die Wirtschaft Hispanoamerikas in der Kolonialzeit (1500–1800), 1996.

    Die rheinischen Sparkassen. Entwicklung und Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft von den Anfängen bis 1990, 2001.

    Wirtschaft, Unternehmen, Kreditwesen, soziale Probleme. Ausgewählte Aufsätze, 2 Teile, 2004.

    Hans Pohl/Bernd Rudolph/Günther Schulz, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der deutschen Sparkassen im 20. Jahrhundert, 2005.

    Historische Skizzen zur Bankassekuranz, 2011.

    Herausgeberschaften:

    Betriebliche Sozialpolitik deutscher Unternehmen seit dem 19. Jahrhundert, 1978.

    Die Entwicklung des Arbeitskampfrechts Deutschlands und in den westlichen Nachbarstaaten, 1980.

    Legitimation des Managements im Wandel. Zur Diskussion über Funktion und Auftrag der Unternehmensleitung während der letzten 150 Jahre, 1983.

    Hans Pohl/Kurt G. A. Jeserich/Georg-Christoph von Unruh, Deutsche Verwaltungsgeschichte, 6 Bde., 1983–1986.

    Die Frau in der deutschen Wirtschaft, 1985.

    Die Auswirkungen von Zöllen und anderen Handelshemmnissen auf Wirtschaft und Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 1987.

    The European Discovery of the World and its Economic Effects on Pre-Industrial Society, 1500–1800, 1990.

    Jüdische Unternehmer in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, 1992.

    Deutsche Börsengeschichte, 1992.

    Europäische Bankengeschichte, 1993.

    Geschichte der deutschen Kreditwirtschaft seit 1945, 1998.

    Deutsche Bankiers des 20. Jahrhundert, 2008.

    (Mit)Herausgeberschaften von Zeitschriften und Buchreihen:

    Hansische Umschau, 1965–1968. (Schriftleiter)

    Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas, 1969–1999.

    Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG) und ihre Beihefte, 1971–2010. (bis 2001 federführend)

    Wissenschaftliche Paperbacks Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 24 Bde., 1973–1989.

    Ibero-Amerikanisches Archiv, 1975–1991.

    Zeitschrift für Unternehmensgeschichte und ihre Beihefte, 1976–1994.

    Beiträge zur Unternehmensgeschichte, Bde. 1–22, 1997–2005 (Alleinhg.), Bde. 23–35, 2006–2016 (Mithg.).

    Bibliografie:

    Wilfried Feldenkirchen/Frauke Schönert-Röhlk/Günther Schulz (Hg.), Wirtschaft, Gesellschaft, Unternehmen. Festschrift für Hans Pohl zum 60. Geburtstag, 2 Teilbde., 1995, S. 1237–1249. (Verzeichnis seiner Schriften bis 1994)

    Wilfried Feldenkirchen/Frauke Schönert-Röhlk/Günther Schulz (Hg.), Wirtschaft, Gesellschaft, Unternehmen. Festschrift für Hans Pohl zum 60. Geburtstag, 2 Teilbde., 1995.

    Carsten Burhop, Nachruf auf Prof. Dr. Hans Pohl (27. März 1935 bis 10. Dezember 2019), in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 65 (2020), S. 125–127.

    Renate Pieper, In memoriam Hans Pohl, in: Jahrbuch für Geschichte Lateinamerikas 57 (2020), S. 1–3.

    Günther Schulz, Hans Pohl (1935–2019), in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 107 (2020), S. 4–8.

  • Autor/in

    Günther Schulz (Bonn)

  • Zitierweise

    Schulz, Günther, „Pohl, Hans“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd124997821.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA