Klatte, Fritz

Lebensdaten
1880 – 1934
Geburtsort
Diepholz
Sterbeort
Klagenfurt
Beruf/Funktion
Chemiker
Konfession
evangelisch-lutherisch
Normdaten
GND: 124883044 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Klatte, Friedrich Heinrich August
  • Klatte, Fritz
  • Klatte, Friedrich Heinrich August

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Zitierweise

Klatte, Fritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd124883044.html#indexcontent [02.11.2026].

CC0

  • Klatte, Fritz (eigentlich Friedrich Heinrich August Klatte)

    1880 – 1934

    Chemiker

    Fritz Klatte zählt zu den bedeutendsten Kunststoffchemikern des 20. Jahrhunderts. Er legte den Grundstein für die industrielle Herstellung von Polyvinylchlorid (PVC) und Polyvinylacetat (PVA). Seine Arbeiten zur Polymerisation von Vinylverbindungen markieren einen entscheidenden Schritt in der Entwicklung der makromolekularen Chemie.

    Lebensdaten

    Geboren am 28. März 1880 in Diepholz
    Gestorben am 11. Februar 1934 in Klagenfurt
    Grabstätte Friedhof St. Georgen, Klasse I, Feld 6, Reihe 01, Nummer 8 (aufgelassen) in Klagenfurt
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Fritz Klatte, Firmenarchiv Hoechst (InC)
    Fritz Klatte, Firmenarchiv Hoechst (InC)
  • 28. März 1880 - Diepholz

    1886 - 1896 - Diepholz; seit 1893 Osnabrück

    Schulbesuch (Abschluss: Reifezeugnis für Obersekunda)

    Rektorschule; seit 1893 Realgymnasium

    1896 - 1899 - Syke bei Bremen

    Lehre als Apothekengehilfe (Abschluss: Apothekergehilfe)

    1900 - 1902 - Riesa; Meißen; Diepholz; Zürich; Florenz; Berlin

    Apothekergehilfe

    1902 - 1904 - Berlin

    Studium der Pharmazie (Abschluss: Staatsexamen)

    Universität

    1904

    Approbation (Apotheker)

    1904 - 1907 - Berlin; seit 1905 Tübingen

    Studium der Chemie (Abschluss: Verbandsexamen, 1905)

    Universität

    1907 - Tübingen

    Promotion (Dr. rer. nat.)

    Universität

    1907 - 1908 - Berlin

    Institut für Gärungsgewerbe der Landwirtschaftlichen Hochschule

    1908 - 1933 - Griesheim am Main

    Chemiker

    Labor des Werks Mainthal der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron; seit 1925 I. G. Farbenindustrie AG

    1931 - Rheinfelden

    Übersiedlung

    1932 - 1934 - Klagenfurt

    Aufenthalt

    Lungensanatorium

    11. Februar 1934 - Klagenfurt

    Klatte besuchte seit 1886 die Rektorschule in Diepholz und von 1893 bis 1896 das Realgymnasium in Osnabrück. Anschließend absolvierte er bis 1899 eine Lehre zum Apothekergehilfen. Zwischen 1900 und 1902 war er als Apothekergehilfe in Riesa, Meißen, Diepholz, Zürich, Berlin und Florenz tätig, wo er auch Italienisch lernte. Nach dem Studium der Pharmazie von 1902 bis 1904 an der Universität Berlin (Abschluss: Staatsexamen) und Chemie von 1904 bis 1907 an den Universitäten in Berlin und Tübingen wurde Klatte mit der Dissertation „Über den Benzoylacetonoxalester“ bei Wilhelm Wislicenus (1861–1922) zum Dr. rer. nat. promoviert. 1908 trat er als Chemiker in die Chemische Fabrik Griesheim-Elektron (CFGE) ein.

    Auf der Suche nach einem Verfahren zur Herstellung von Essigsäure aus Acetylen entwickelten Klatte Nathan Grünstein (1878–1940), Adolf Rollet (1885–1915) und Emil Zacharias (1864–1944) verschiedene Verbindungen basierend auf Acetylen. Klatte konzentrierte sich auf Experimente mit Acetylen und Säuren und setzte verschiedene Katalysatoren ein, um Synthesewege für die Herstellung industriell nutzbarer Verbindungen zu finden. 1912 stellte er erstmals Vinylchlorid aus Acetylen und Chlorwasserstoff her. Bei weiteren Untersuchungen fand er, dass sich in vinylgefüllten Glasgefäßen unter dem Einfluss von Sonnenlicht aus dem Gas Vinylchlorid eine feste Substanz bildet. Da deren chemische Struktur unbekannt war, ließ sich die Polymerisation nicht erklären. Klatte erforschte in den folgenden Jahrzehnten unter welchen Bedingungen, Vinylchlorid zu hochmolekularen Produkten polymerisiert werden kann.

    Die CFGE meldete 1913 das von Klatte entwickelte grundlegende Verfahren zur Herstellung von Vinylacetat, Vinylchlorid und deren Polymerisationsprodukten zum Patent an und produzierte während des Ersten Weltkriegs im Werk Mainthal auf Basis der Synthesen von Klatte, Rollet und Zacharias Polyvinylacetat als Ersatz für Naturharz, das unter dem Namen Mowilith vertrieben wurde, sich allerdings nicht durchsetzte. Nach der mit Klattes Zustimmung erfolgten Freigabe der Patente 1926 produzierten die Farbwerke Hoechst seit 1928 ein verbessertes Mowilith und stellten 1930 bereits 45 Tonnen her.

    Die Ende der 1920er Jahre hergestellten Produkte aus Polyvinylchlorid (PVC) auf Basis von Klattes grundlegenden Arbeiten waren spröde und thermisch instabil und daher kommerziell wenig erfolgreich. Klatte, dem seit 1930 die Bearbeitung des PVC-Gebiets innerhalb der I. G. Farbenindustrie AG übertragen wurde, verbesserte in Zusammenarbeit mit den Chemikern um Georg Wick (1899–1939) im Bitterfelder Werk die industrielle Fertigung des PVCs, sodass 1930 die Versuchsproduktion in Rheinfelden und Bitterfeld aufgenommen wurde. In den frühen 1930er Jahren errichtete die I. G. Farben großtechnische PVC-Produktionsanlagen, deren Ausstoß im Laufe des Jahrzehnts und bis in den Zweiten Weltkrieg hinein erheblich anstieg. PVC fand dabei Anwendungen in der elektrischen Isolierung, in Flugzeugkomponenten und korrosionsbeständigen Beschichtungen für militärische Ausrüstungen. Es wurde vom Ersatzstoff zu einem weitverbreiteten Kunststoff.

    1931 übersiedelte Klatte nach Rheinfelden und hielt sich 1932/33 in einem Lungensanatorium in Klagenfurt auf. Den Erfolg seines Syntheseverfahrens, das das Fundament der Polymer-Sparte der I. G. Farben bildete und die Entwicklung der synthetischen Kunststoffindustrie in Deutschland förderte, erlebte er nicht mehr.

    1930 Mitglied der Kunststoff-Kommission der I. G. Farbenindustrie AG
    1978 Gedenktafel aus PVC am Geburtshaus in Diepholz
    1981 Gedenkstein, Diepholz
    1989 Dr.-Fritz-Klatte-Haus, Verwaltungsgebäude der Firma P+S Polyurethan-Elastomere GmbH & Co. KG, Diepholz
    Fritz-Klatte-Straße, Frankfurt am Main, Bad Dürrenberg und Diepholz
    Beratungsraum Dr.-Fritz-Klatte, Verwaltungsgebäude Chemiepark Bitterfeld-Wolfen

    Firmenarchiv Hoechst GmbH, Frankfurt am Main, H0002015_Akte Klatte. (u. a. Lebenslauf, Schriften)

    Stadtarchiv Bitterfeld, EKB BG 614, S. 6 u. 12. (PVC-Technikum) u. EKB BG 206, S. 298-304. (Emil Zacharias, Die Entwicklung der Mainthalwerke in den letzten 50 Jahren, in: Gustav Pistor (Hg.) Zum fünfzigjährigen Bestehen des Werk Süd-Bitterfeld (Werk I) der I. G. Farbenindustrie AG, Bitterfeld, 1944)

    Landesarchiv Sachsen-Anhalt Abt. Merseburg, I 506, Nr. 1598. (Korrespondenz über Polyvinylchlorid); I 506, Nr. 1603 (Igelit Entwicklung) u. I 506, Nr. 1790. (Korrespondenz über Igelit PC)

    Schriften:

    Über den Benzoylacetonoxalester. (Diss. rer. nat.)

    Eduard Buchner/Fritz Klatte, Über die Eigenschaften des Hefepreßsaftes und die Zymasebildung in der Hefe, in: Biochemische Zeitschrift 8 (1908), S. 415–435.

    Eduard Buchner/Fritz Klatte, Adsorption von Trytase durch feste Körper, in: ebd., S. 436–438.

    Eduard Buchner/Fritz Klatte, Über das Coferment des Hefepreßsaftes, in: ebd., S. 520–527.

    Vortrag „Die Arbeiten Griesheims auf dem Vinylestergebiet“, VII. Sitzung der Lösungsmittel-Kommission der IG Farben, 4. Juli 1929. (ungedr., Firmenarchiv Hoechst, H0002015_Akte Klatte, S. 752–764)

    Vortrag „Verfahren zur Polymerisation“, II. Sitzung der Kunststoff-Kommission der IG Farben, 16. Oktober 1930. (ungedr., Firmenarchiv Hoechst, H0002015_Akte Klatte, S. 1017–1023)

    Patente:

    Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Verfahren zur Darstellung von Estern und Äthern des Äthylidenglykols und Vinylalkohols DE271381, angemeldet 22.6.1912, veröffentlicht 13.3.1914.

    Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Verfahren zur Darstellung der Halogenwasserstoff-Additionsprodukte des Acetylens DE278249, angemeldet 11.10.1912, veröffentlicht 18.9.1914.

    Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Verfahren zur Herstellung technisch wertvoller Produkte aus organischen Vinylestern DE281687, angemeldet 4.7.1913, veröffentlicht 18.1.1915.

    Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Verfahren zur Herstellung technisch wertvoller Produkte aus organischen Vinylestern DE281688, angemeldet 2.4.1914, veröffentlicht 26.1.1915.

    Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Verfahren zur Herstellung einer auf Hornersatz, Films, Kunstfäden, Lacke u. dgl. verarbeitbaren plastischen Masse DE281877, angemeldet 4.7.1913, veröffentlicht 4.2.1915.

    Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Verfahren zur Darstellung der Halogenwasserstoffadditionsprodukte des Acetylens DE288584, angemeldet 11.9.1913, veröffentlicht 9.11.1915.

    Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Lack aus Polymerisationsprodukten organischer Vinylester DE290544, angemeldet 13.11.1913, veröffentlicht 7.3.1916.

    Fritz Klatte/Adolf Rollet, Plastic Composition and Process of Producing it US1241738, angemeldet 2.7.1914, veröffentlicht 2.10.1917.

    Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Lacke aus Polymerisationsprodukten organischer Vinylester. Zusatz zum Patent 290544 DE291299, angemeldet 8.5.1915, veröffentlicht 11.4.1916.

    Fritz Klatte/Arthur Zimmermann (I. G. Farbenindustrie AG), Verfahren zur Stabilisierung von monomeren Vinylestern organischer Säuren DE503919, angemeldet 8.11.1928, veröffentlicht 5.8.1930.

    Fritz Klatte/Hermann Müller (I. G. Farbenindustrie AG), Verfahren zur Herstellung von hochmolekularen Polyvinylhalogeniden DE671889, angemeldet 9.8.1930, veröffentlicht 2.2.1939.

    Monografien:

    Walter Mehdorn, Kunstharzpreßstoffe und andere Kunststoffe, 31949, S. 283.

    Gustav Pistor, Hundert Jahre Griesheim 1856–1956, 1958, S. 75–86.

    Hans Walter Flemming, Dr. Klattes Pionierpatente. Bildung von Kunstharzen durch Licht, 1965.

    Hans Walter Flemming, Anerkennung Dr. Klattes in der IG, 1966.

    Hans Georg Janson, Fritz Klatte und die Anfänge der Kunststoffe und Kunstharze. Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung im Firmenmuseum der Hoechst AG, 1980.

    Herbert Major, Zur Erinnerung an Dr. rer. nat. Fritz Klatte. Wegbereiter des Kunststoffzeitalters, 1989.

    Gottfried Plumpe, Die I. G. Farbenindustrie AG. Wirtschaft. Technik. Politik 1904–1945, 1990, S. 325–339.

    Birgit Tragsdorf (Hg.), Bitterfelder Chronik. 100 Jahre Chemiestandort Bitterfeld-Wolfen, 1993, S. 42 f.

    Dieter Wagner, Innovation und Standort. Geschichte und Unternehmensstrategien der Chemischen Fabrik Griesheim 1856–1925, 1999, S. 289–296.

    Dietrich Braun, Polyvinylchlorid. Ein Zeitzeugenbericht zu Technik, Umwelt und Nachhaltigkeit, in: Peter Löhnert/Herbert Bode/Wolfgang Scheinert (Hg.), Zeitzeugenberichte XI. Chemische Industrie. Tagung „Industriekreis“ der GDCh-Fachgruppe Geschichte der Chemie, 2013, S. 196–210.

    Artikel:

    Herbert Bode, Art. „Klatte, Fritz“, in: Hans-Ludwig Wußing/Hans Dietrich/Walter Purkert/Dietrich Tutzke (Hg.), Fachlexikon abc. Forscher und Erfinder, 1992, S. 318. (P)

    Klaus Krug, Art. „Klatte, Fritz“, in: Chemiker von A – Z, Eine biografisch-lexikalische Übersicht über die Chemie und ihre bedeutendsten Vertreter in Ostdeutschland, hg. v. Arbeitgeberverband Nordostchemie e. V., 2003, S. 46.

    Jochen Gerecke, 100 Jahre PVC. 20 Jahre SCI, in: Merseburger Beiträge zur Geschichte der chemischen Industrie Mitteldeutschlands 18 (2013), H. 33, S. 27–36.

    Heinz Rehmann, Polyvinylchlorid (PVC) aus Mitteldeutschland, in: Merseburger Beiträge zur Geschichte der chemischen Industrie Mitteldeutschlands 24 (2019), H. 39, S. 8–39.

    Günter Matter, Mit Licht zur Revolution, in: Nachrichten aus der Chemie 73 (2025), H. 10, S. 17–21.

    Fotografien, Firmenarchiv Hoechst GmbH, Frankfurt am Main.

  • Autor/in

    →Günter Matter (Erfurt)

  • Zitierweise

    Matter, Günter, „Klatte, Fritz“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd124883044.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA