Klahr, Alfred
- Lebensdaten
- 1904–1944
- Geburtsort
- Wien
- Sterbeort
- Warschau
- Beruf/Funktion
- Politiker ; Journalist ; Staatswissenschaftler ; Jurist
- Konfession
- jüdisch (nicht praktizierend)
- Normdaten
- GND: 114555443 | OGND | VIAF: 57321537
- Namensvarianten
-
- Rudolf
- Gruber, Ph.
- Gruber, Philipp
- Mathieu, Johann
- Lokmanis
- Lokmanis, Ludwig
- Klahr, Alfred
- Rudolf
- Gruber, Ph.
- Gruber, Philipp
- Mathieu, Johann
- Lokmanis
- Lokmanis, Ludwig
- b3
- Rudolph
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Klahr, Alfred
Pseudonyme: Rudolf; Ph. (Philipp) Gruber; Johann Mathieu; (Ludwig) Lokmanis
1904 – 1944
Politiker, Journalist
Alfred Klahr war einer der bedeutendsten Theoretiker in der Geschichte der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ). Besondere Verdienste erwarb er sich mit seinen Arbeiten zur Existenz einer eigenständigen österreichischen Nation. Nach Widerstandstätigkeit gegen das austrofaschistische und nationalsozialistische Regime wurde Klahr 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. 1944 flüchtete er nach Warschau, wo er von einer SS-Streife ermordet wurde.
Lebensdaten
Alfred Klahr, Alfred Klahr Gesellschaft (InC) -
Autor/in
→Martin Krenn (Wien)
-
Zitierweise
Krenn, Martin, „Klahr, Alfred“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd114555443.html#dbocontent
Aus einem jüdischen Elternhaus stammend, wuchs Klahr in ärmlichen Verhältnissen in Wien-Leopoldstadt auf, wo er das Realgymnasium in der Kleinen Sperlgasse (heute Sperlgymnasium) besuchte. Nach der Matura 1923 schrieb er sich an der Universität Wien für Chemie ein, wechselte 1924 zum Studium der Staatswissenschaften und wurde im Juli 1928 mit der Dissertation „Verhältnis von Parlament und Regierung in parlamentarischen Republiken“ bei den Rechtswissenschaftlern Adolf Merkl (1890–1970) und Hans Kelsen (1881–1973) zum Dr. rer. pol. promoviert.
Klahr, der in seiner Gymnasialzeit der Vereinigung Sozialistischer Mittelschüler und später dem Kommunistischen Jugendverband beigetreten war, wurde 1924 Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), für die er in der Folgezeit hauptberuflich tätig war. 1928 ging er nach Berlin, absolvierte ein Volontariat bei dem von Heinz Neumann (1902–1937) geführten Zentralorgan der KPD „Die Rote Fahne“ und arbeitete 1929/30 in der KPD-Bezirksleitung Berlin-Lichtenberg. Anschließend übersiedelte er nach Moskau, wo er sich in der Kommunistischen Jugendinternationale und als österreichischer Referent in der Komintern-Schule betätigte. Im März 1932 nach Wien zurückgekehrt, wirkte Klahr als Leitartikelschreiber der „Roten Fahne“ und wurde Stellvertreter des Chefredakteurs Richard Schüller (1901–1957).
Nach den Februarkämpfen im April 1934 verhaftet und bis Mitte Dezember 1934 im Polizeigefängnis Rossauer Lände inhaftiert, emigrierte Klahr Anfang 1935 nach Prag, beteiligte sich hier an der Herausgabe der für illegal erklärten Parteizeitung und ging 1935 erneut nach Moskau, wo er bis 1937 als Lehrer im österreichischen Sektor der Internationalen Lenin-Schule tätig war.
Klahr beschäftigte sich in dieser Zeit intensiv mit der Frage nach einer eigenständigen österreichischen Nation und veröffentlichte 1937 unter dem Pseudonym „Rudolf“ in der von Franz Marek (1913–1979) geleiteten Zeitschrift „Weg und Ziel“, dem zentralen Theorieorgan der KPÖ, die Artikelserie „Zur nationalen Frage in Österreich“. Darin trat er großdeutschen Positionen entgegen und argumentierte, dass Österreich aus historischer Perspektive kein Teil der deutschen Nation sei, sondern eine eigenständige nationale Entwicklung aufweise. Klahr, der den Erhalt der Unabhängigkeit Österreichs als politische Frage ersten Ranges betrachtete, steuerte so einen wesentlichen Aspekt zur politischen Programmatik der KPÖ und der Widerstandstätigkeit der Partei während der NS-Zeit bei. Während innerhalb der KPÖ und Komintern kritische Stimmen zu Klahrs Thesen vorherrschten, die auf einen Zusammenschluss Österreichs mit einem revolutionären Deutschland abzielten, fand Klahr u. a. in Georgi Dimitroff (1882–1949), dem Generalsekretär der Komintern, einen prominenten Unterstützer. Anfang 1938 machte sich die KPÖ Klahrs Standpunkt zu eigen und rief nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich zum Kampf für ein unabhängiges Österreich auf.
1937 wurde Klahr aufgrund innerparteilicher Kämpfe als Lehrer der Moskauer Lenin-Schule abgesetzt und kehrte spätestens Anfang 1938 nach Prag zurück, wo er Redakteur von „Weg und Ziel“ wurde. Nach Abschluss des Münchner Abkommens übersiedelte er im Oktober 1938 nach Brüssel, leitete hier zeitweise die österreichische kommunistische Emigrantengruppe und war für die Herstellung der „Roten Fahne“ und deren Transport nach Österreich mitverantwortlich. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Belgien wurde Klahr im Mai 1940 von den belgischen Behörden als „feindlicher Ausländer“ festgenommen und in das Internierungslager St. Cyprien (Département Pyrénées-Orientales, Frankreich) verbracht, aus dem ihm im August 1940 die Flucht gelang. In der Folgezeit engagierte er sich in der Résistance und überschritt im Sommer 1941 illegal die Schweizer Grenze, wurde jedoch von der Zürcher Kantonspolizei verhaftet und in dem Lager Le Vernet (Département Ariège, Frankreich) interniert.
Wahrscheinlich Anfang August 1942 wurde Klahr in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, unter dem Namen „Lokmanis“ in das Nebenlager Jawischowitz eingeliefert und später in das Stammlager Auschwitz überstellt. Das Internationale Lagerkomitee in Auschwitz ermöglichte ihm Ende Juni 1944 in Zusammenarbeit mit der polnischen Untergrundbewegung die Flucht. Klahr schlug sich nach Warschau durch, wo er im Zuge einer von SS-Streifen durchgeführten Razzia aufgegriffen und erschossen wurde; sein genauer Todestag ist unbekannt.
| 1953 | Gedenktafel, Novaragasse 17–19, Wien-Leopoldstadt |
| 1962 | Briefmarke der Deutschen Post der DDR |
| 1979 | Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs |
| 1993 | Alfred Klahr Gesellschaft, Wien |
Nachlass:
nicht bekannt.
Weitere Archivmaterialien:
Archiv der Alfred Klahr Gesellschaft, Wien. (Materialsammlung)
Universitätsarchiv Wien. (Dekanatsakten der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät, Promotionsprotokoll)
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien. (Aktenkopien der Komintern- und ILS-Akten; Fahndungs- und Haftunterlagen; Briefe aus Le Vernet)
Zur nationalen Frage in Österreich, in: Weg und Ziel. Blätter für Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung 2 (1937), Nr. 3, S. 126–133. (unter dem Pseudonym Rudolf)
Zur nationalen Frage in Österreich, in: ebd., Nr. 4, S. 173–181. (unter dem Pseudonym Rudolf)
Das Verhältnis zwischen Parlament und Regierung in parlamentarischen Republiken, 1928. (ungedr. Diss. phil., Universität Wien)
Die nationale Frage und die Stellungnahme der Kommunisten in Österreich. in: Kommunistische Internationale 18 (1937), H. 10, S. 939–946. (unter dem Pseudonym Rudolf)
März 1848 – März 1938. Noch sind nicht alle Märzen vorbei..., in: Weg und Ziel. Blätter für Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung 3 (1938), Nr. 3/4, S. 134–141. (unter dem Pseudonym Ph. Gruber)
Dr. Karl Renner, in: ebd., Nr. 5, S. 188–190. (unter dem Pseudonym Ph. Gruber)
Auslandsberatung der R. S., in: ebd., Nr. 6, 235 f. (unter dem Pseudonym Ph. Gruber)
Zur Diskussion über die Annexion, in: ebd., Nr. 8, S. 304–314. (unter dem Pseudonym Ph. Gruber)
Gegen den Pangermanismus in der Arbeiterbewegung, in: Weg und Ziel. Blätter für Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung 4 (1939), Nr. 1, S. III f. (unter dem Pseudonym Ph. Gruber)
Nationaler und sozialer Freiheitskampf in Oesterreich, in: ebd., Nr. 3, S. III f. (unter dem Pseudonym Ph. Gruber)
Österreichs Freiheitskampf und die deutsche Revolution, in: Alfred Klahr, Zur österreichischen Nation. Mit einem Beitrag von Günther Grabner zur Biografie von Alfred Klahr, hg. v. d. KPÖ, 1994, S. 95–109.
Auschwitz-Text, in: ebd., S. 132–143.
Hilde Koplenig, Alfred Klahr (1904–1943), in: Zeitgeschichte 3 (1976), H. 4, S. 97–111.
Michel Cullin/Ernst Karl Winter, Alfred Klahr et les origines de la culture politique de la seconde République, in: Austriaca. Numéro spécial (Juli 1978), S. 171–184.
Winfried R. Garscha, KPÖ und nationale Frage. Zur historischen Bedeutung der theoretischen Arbeiten von Alfred Klahr, in: Fortschrittliche Wissenschaft 4 (1979), Nr. 1/2, S. 44–54.
N. N., Art. „Klahr (Klaar), Alfred“, in: Werner Röder/Herbert A. Strauss (Hg.), Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd. 1, 1980, S. 366 f.
Arnold Reisberg, Alfred Klahr. Erster marxistisch-leninistischer Theoretiker über die österreichische Nation, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 25 (1983), Nr. 3, S. 411–417.
Winfried R. Garscha, Alfred Klahr und die Rolle der nationalen Frage im Kampf der KPÖ gegen die Bedrohung Österreichs durch Hitlerdeutschland, in: Geschichte des Marxismus-Leninismus und der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft 1917–1945. Wege zu ihrer Erforschung und Darstellung, 1985, S. 64–70.
Winfried R. Garscha/Willi Weinert, Das Aufrollen der nationalen Frage durch die KPÖ, in: Die Kommunistische Partei Österreichs. Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik, hg. v. d. Historischen Kommission beim Zentralkomitee der KPÖ, 1987, S. 245–255.
Winfried R. Garscha, Bemerkungen zur Periodisierung der österreichischen Nationsgenese. Die ethnischen Grundlagen der österreichischen Nation, in: Fortschrittliche Wissenschaft 12 (1988), Nr. 1, S. 7–21.
Wolfgang Häusler, Wege zur österreichischen Nation. Der Beitrag der KPÖ und der Legitimisten zum Selbstverständnis Österreichs vor 1938, in: Römische Historische Mitteilungen 30 (1988), S. 381–411.
Herbert Steiner, Die Kommunistische Partei Österreichs und die nationale Frage, in: „Anschluß“ 1938. Eine Dokumentation, hg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, 1988, S. 77–84.
Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, 1989, S. 799.
Winfried R. Garscha, Für eine neue Chronologie der österreichischen Nationsgenese, in: Gerhard Botz/Gerald Sprengnagel (Hg.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, 1994, S. 346–352.
Gerhard Oberkofler/Peter Goller, Der junge Alfred Klahr im Umfeld der Kelsen-Schule (1928), in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 4 (1997), Nr. 1, S. 1 f. (Onlineressource)
Fritz Keller, Alfred Klahr im KZ Auschwitz. Interview mit Emmy Rosdolsky, in: Jahrbuch 1998, hg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, 1998, S. 69–72.
N. N., Art. „Klahr, Alfred“, in: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert, hg. v. d. Österreichischen Nationalbibliothek, 2002, S. 680.
Michael Buckmiller/Klaus Meschkat (Hg.), Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale. Ein deutschrussisches Forschungsprojekt, 2007. (CD-ROM mit biografischer Datenbank)
Julia Köstenberger, Die Geschichte der Internationalen Leninschule in Moskau (1926–1938). Unter besonderer Berücksichtigung des deutschen und österreichischen Sektors, 2010. (ungedr. Diss., Wien)
Martin Krenn/Michael Tatzber-Schebach, Alfred Klahr (1904–1944). Neue Forschungen zu seiner Biographie, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 19 (2012), Nr. 2, S. 1–10. (P) (Onlineressource)
Fotografien, Alfred Klahr Gesellschaft, Wien.