Lebensdaten
1902 – 1944
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
KZ Auschwitz-Birkenau
Beruf/Funktion
Rabbinerin ; Religionslehrerin
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 121507009 | OGND | VIAF: 30394595
Namensvarianten
  • laut Geburtsregister Jonas, Regine
  • Jonas, Regina
  • laut Geburtsregister Jonas, Regine
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Zitierweise

Jonas, Regina, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd121507009.html [12.07.2024].

CC0

  • Regina Jonas war die erste Rabbinerin in der Geschichte des Judentums. Sie studierte von 1924 bis 1930 an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. In ihrer Abschlussarbeit „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ begründete sie umfassend, dass vom halachischen (religionsgesetzlichen) Standpunkt her Frauen Rabbinerinnen sein können. Nach ihrer Ordination 1935 arbeitete Jonas als Rabbinerin in Berlin und seit 1942 im Ghetto Theresienstadt, von wo aus sie in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

    Lebensdaten

    Geboren am 3. August 1902 in Berlin
    Gestorben am nach dem 12. Oktober 1944 (Deportationsdatum) in KZ Auschwitz-Birkenau
    Konfession jüdisch
  • Lebenslauf

    3. August 1902 - Berlin

    - 1923 - Berlin-Weißensee

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Oberlyzeum (heute Primo Levi-Gymnasium)

    1924 - 1930 - Berlin

    Rabbinatsstudium

    Hochschule für die Wissenschaft des Judentums

    1930 - Berlin

    halachische Qualifikationsschrift; Zeugnis über die akademische Religionslehrerprüfung

    Hochschule für die Wissenschaft des Judentums

    1930 - 1942 - Berlin

    Religionslehrerin

    öffentliche und jüdische Schulen; Privatunterricht

    1935 - Offenbach am Main

    Rabbinatsprüfung bei Rabbiner Max Dienemann (1875–1939) im Auftrag des Allgemeinen Rabbiner-Verbands; Erhalt der Hatarat Hora‘a (Rabbinatsdiplom)

    1937 - 1942 - Berlin

    Angestellte in rabbinischer Funktion

    Jüdische Gemeinde

    1939 - 1942 - Deutschland

    nebenberufliche Wanderrabbinerin

    Reichsvereinigung der Juden in Deutschland

    1941 - 1942 - Berlin

    Zwangsarbeit

    Kartonagenfabrik EPeCo

    6.11.1942 - 1944 - Theresienstadt

    Deportation; Rabbinerin

    Ghetto

    12.10.1944 - Auschwitz-Birkenau

    Deportation; Ermordung

    Konzentrationslager

    nach dem 12. Oktober 1944 (Deportationsdatum) - KZ Auschwitz-Birkenau
  • Genealogie

    Vater Wolf Jonas 1843–1913 aus Bütow (Pommern, heute Bytów, Polen); Kaufmann in Berlin
    Mutter Sarah Jonas, geb. Hess 1876–1944 aus Böchingen (Bayern); Kauffrau in Berlin; mit ihrer Tochter 1942 in das Ghetto Theresienstadt und 1944 in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und hier ermordet
    Bruder Abraham Jonas 1900–1941 jüdischer Religionslehrer in der Synagoge am Kottbusser Tor, Berlin; am 24.10.1941 nach Łódź deportiert, danach verschollen
    Lebenspartner seit 1939 Joseph Norden 17.6.1870–7.2.1943 aus Hamburg; Rabbiner ebenda; im Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet; Vater des Albert Norden (1904–1982), kommunistischer Politiker und Journalist; 1958–1981 Mitglied des Politbüros des ZK der SED und Abgeordneter der Volkskammer, 1960–1979 Mitglied des Nationalen Verteidigungsrats der DDR
    Kinder keine
    Diese Grafik wurde automatisch erzeugt und bietet nur einen Ausschnitt der Angaben zur Genealogie.

    Jonas, Regina (1902 – 1944)

    • Vater

      Wolf Jonas

      1843–1913

      aus Bütow (Pommern, heute Bytów, Polen); Kaufmann in Berlin

    • Mutter

      Sarah Jonas

      1876–1944

      aus Böchingen (Bayern); Kauffrau in Berlin; mit ihrer Tochter 1942 in das Ghetto Theresienstadt und 1944 in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und hier ermordet

    • Bruder

      Abraham Jonas

      1900–1941

      jüdischer Religionslehrer in der Synagoge am Kottbusser Tor, Berlin; am 24.10.1941 nach Łódź deportiert, danach verschollen

  • Biografie

    Jonas wuchs in bescheidenen Verhältnissen im Berliner Scheunenviertel in einer streng religiösen Familie auf. Gleichwohl scheinen ihre Eltern mit der Zeit gegangen zu sein und Jonas in religiöser Hinsicht zur Gleichberechtigung motiviert zu haben. Nach dem Tod des Vaters 1913 zog Jonas mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Abraham nach Berlin-Prenzlauer Berg, wo sie in der Synagoge Rykestraße die Gottesdienste von Rabbiner Max Weyl (1873–1942) besuchte. Er machte Jonas zu seiner Assistentin und studierte mit ihr Tanach (Hebräische Bibel), Midrasch und Talmud (rabbinische Exegese) sowie halachische (religionsgesetzliche) Literatur. Nach Abschluss ihrer Schulzeit am Oberlyzeum Berlin-Weißensee mit dem Abitur 1923 schrieb sich Jonas 1924 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ein, der liberalen Rabbinerausbildungsstätte in Berlin. Diese hatte bald nach ihrer Gründung 1872 Frauen zum Studium zugelassen, damit sie jüdische Religionslehrerin wurden oder ihre jüdischen Kenntnisse vertieften.

    Jonas war vermutlich die einzige Studentin, die ihr Studium mit dem bereits in ihrer Schulzeit erklärten Ziel begann, Rabbinerin zu werden. War die Vorstellung von einer Frau in dieser Funktion für die Mehrzahl der jüdischen Gemeindemitglieder zu dieser Zeit noch undenkbar, so wurde Jonas doch in ihrem Vorhaben von einigen Rabbinern unterstützt, etwa dem der Sprecher des liberalen Judentums, Leo Baeck (1873–1956). Eduard Baneth (1855–1930), Professor für Talmud an der Hochschule und für die rabbinischen Ordinationen zuständig, ermöglichte ihr kurz vor seinem Tod, eine halachische Abschlussarbeit zu der Frage „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ zu schreiben – möglicherweise mit dem Vorhaben, Jonas zu ordinieren.

    In ihrer 1930 eingereichten Arbeit begründete Jonas anhand der biblischen, talmudischen und halachischen Literatur, dass die Gleichberechtigung der Frau immer schon im Judentum angelegt gewesen sei und die für den Rabbinerberuf erforderlichen Tätigkeiten vom halachischen Standpunkt her auch von Frauen ausgeübt werden könnten. Eine Ordination von Jonas zerschlug sich zunächst, weil Baneths Nachfolger, Chanoch Albeck (1890–1972), eine solche strikt ablehnte und einen Skandal für die Hochschule fürchtete. Jonas erhielt das „Zeugnis über die akademische Religionslehrerprüfung“, arbeitete in der Folgezeit als jüdische Religionslehrerin an Berliner Mädchenschulen, hielt aber an ihrem Ziel fest, Rabbinerin zu werden. 1935 beauftragte der Allgemeine Rabbiner-Verband, wahrscheinlich auf Initiative Baecks, den renommierten liberalen Rabbiner Max Dienemann (1875–1939) aus Offenbach am Main, Jonas‘ Rabbinatsprüfung abzunehmen. Am 27. Dezember 1935 erhielt Jonas von ihm die Hatarat Hora‘a, ein Dokument, das sie als Rabbinerin auswies.

    Trotz Anfeindungen von Seiten des orthodoxen Rabbinats setzte die Jüdische Gemeinde zu Berlin Jonas schrittweise als Rabbinerin ein, zunächst in seelsorgerischer Funktion und als Predigerin in Gottesdiensten, etwa der Synagoge des Jüdischen Krankenhauses. Zugleich hielt sie Vorträge in jüdischen Vereinigungen wie dem Jüdischen Frauenbund und der Women‘s International Zionist Organization, schrieb Artikel zu jüdischen Festen und religiösen Themen und reiste im Auftrag der Reichsvereinigung der Juden zu jüdischen Gemeinden in Deutschland, die keinen Rabbiner hatten.

    Obwohl Jonas in einem Brief an Martin Buber (1878–1965) 1938 die Erwägung äußerte, nach Palästina zu flüchten, blieb sie in Berlin, wo sie die unter den Repressionen des nationalsozialistischen Systems notleidende jüdische Bevölkerung unterstützte und seit 1941 Zwangsarbeit in einer Fabrik leisten musste. 1942 mit ihrer Mutter in das Ghetto Theresienstadt deportiert, arbeitete Jonas hier in dem von dem Psychiater Viktor Frankl (1905–1997) geleiteten Referat für psychische Hygiene der jüdischen Selbstverwaltung und wirkte weiterhin als Rabbinerin. Als solche hielt sie Vorträge und Predigten, zu denen Dokumente erhalten sind. Im Oktober 1944 wurden Jonas und ihre Mutter nach Auschwitz-Birkenau deportiert und hier bald nach der Ankunft ermordet.

    Nach 1945 geriet Jonas in Vergessenheit. Erst seit den 1990er Jahren wird sich ihrer als weltweit erster Rabbinerin erinnert. 1999 erschien eine kommentierte Ausgabe ihrer Abschlussarbeit. Diese hatte sich ebenso wie ihr Rabbinatsdokument jahrzehntelang unentdeckt im ehemaligen Gesamtarchiv der Juden in Deutschland befunden, bis sie 1991 von der evangelischen Theologin Katharina von Kellenbach (geb. 1960) in einem Archiv in Ostdeutschland gefunden wurden. Jonas‘ Biografie diente 2013 als Vorlage für den Dokumentarfilm „Regina“ (Regie: Diana Groó, geb. 1973) mit Rachel Weisz (geb. 1970) in der Rolle der Titelfigur.

  • Auszeichnungen

    2001 Gedenktafel der jüdischen Fraueninitiative Bet Debora am ehemaligen Wohnhaus Krausnickstraße 6, Berlin-Mitte (weiterführende Informationen)
    2002 Regina-Jonas-Weg, Offenbach am Main
  • Quellen

    Nachlass:

    Archiv der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, 1, 75 D Jo.

    Weitere Archivmaterialien:

    Archiv Památník, Terezin, Sammlung Karl Hermann. (Vorträge u. eine Predigt)

    Israelische Nationalbibliothek, Nachlass Martin Buber. (Brief an Martin Buber, 12.12.1938)

    Gedruckte Quellen:

    Joseph Norden, Liebesbriefe an Regina Jonas, hg. v. Elisa Klapheck/Ulrike Schrader, 2023.

  • Werke

    Fräulein Rabbiner Jonas. Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?, ed., komm., eingel. v. Elisa Klapheck, 1999, 22000. (P)

  • Literatur

    Monografien:

    Elisa Klapheck, Regina Jonas. Die weltweit erste Rabbinerin, 2003, 22019. (P)

    Maria Teresa Milano, Regina Jonas. Vita di una rabbina. Berlino 1902–Auschwitz 1944, 2012. (P)

    Emily Leah Silverman, Edith Stein and Regina Jonas. Religious Visionaries in the Time of the Death Camps, 2013. (P)

    Antje Yael Deusel/Rocco Thiede (Hg.), Reginas Erbinnen. Rabbinerinnen in Deutschland, 2021. (P)

    Aufsätze:

    Katharina von Kellenbach, Forgotten Voices. German Women’s Ordination and the Holocaust, in: Proceedings of the Second Biennial Conference on Christianity and the Holocaust, Rider College, 1992, Bd. 2.

    Katharina von Kellenbach, „…die Majorität ist gegen Sie“. Der Leidensweg der Regina Jonas. Rabbinerin in Nazi-Deutschland, in: Aufbau (New York) 59, Nr. 6 v.12.3.1993.

    Katharina von Kellenbach, God Does Not Oppress Any Human Being. The Life and Thought of Rabbi Regina Jonas, in: Leo Baeck Institute. Yearbook 39 (1994), S. 213–225.

    Katharina von Kellenbach, Fräulein Rabbiner Regina Jonas (1902–1945). Lehrerin, Seelsorgerin, Predigerin, in: Yearbook of the European Society of Women in Theological Research, 1994, S. 97–102.

    Elizabeth Sarah, Rabbi Regina Jonas 1902–1944. Missing Link in a Broken Chain, in: Sybil Sheridan (Hg.), Hear Our Voice. Women Rabbis Tell Their Stories, 1994, S. 2–8.

    Katharina von Kellenbach, Reproduction and Resistance during the Holocaust, in: Esther Fuchs (Hg.), Women and the Holocaust, 1998, S. 19–32.

    Rachel Monika Herweg, Regina Jonas (1902–1944), in: Hans Erler/Ernst Ludwig Ehrlich/Ludger Heid (Hg.), Meinetwegen ist die Welt erschaffen. Das intellektuelle Vermächtnis des deutschsprachigen Judentums. 58 Porträts, 1997, S. 72–77.

    Elisa Klapheck, Der Mythos Regina Jonas, in: Regina Jonas, Fräulein Rabbiner Jonas. Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?, ed., komm., eingel. v. Elisa Klapheck, 22000, S. 15–98.

    Claudia Prestel, Confronting Old Structures. Regina Jonas, the First Female Rabbi, in: Judith Szapor/Andrea Petö/Maura Hametz/Marina Calloni (Hg.), Jewish Intellectual Women in Central Europe 1860–2000. Twelve Biographical Essays, 2012, S. 375–410.

    Elisa Klapheck, Frauen im Rabbinat. Feministische Aufbrüche im Judentum von der ersten Rabbinerin Regina Jonas bis heute, in: Barbara Stollberg-Rilinger (Hg.), Als Mann und Frau schuf er sie. Religion und Geschlecht, 2014, S. 267–278.

    Katharina von Kellenbach, Remembering Regina Jonas. On the Intersectionality of Women’s, Jewish, German, and Holocaust History, in: Hartmut Bomhoff/Denise Eger/Kathy Ehrensperger/Walter Homolka (Hg.), Gender and Religious Leadership. Women Rabbis, Pastors and Ministers, 2019, S. 145–162.

  • Onlineressourcen

  • Porträts

    Fotografie, Fotograf unbekannt, nach 1939, in: Archiv der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Berlin.

  • Autor/in

    Elisa Klapheck (Frankfurt am Main)

  • Zitierweise

    Klapheck, Elisa, „Jonas, Regina“ in: NDB-online, URL: https://www.deutsche-biographie.de/121507009.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA