Hollein, Hans
- Lebensdaten
- 1934 – 2014
- Geburtsort
- Wien
- Sterbeort
- Wien
- Beruf/Funktion
- Architekt ; Architekturtheoretiker ; Designer
- Konfession
- unbekannt
- Normdaten
- GND: 118809113 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Hollein, Hans Leo Alois
- Hollein, Hans
- Hollein, Hans Leo Alois
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Hollein, Hans Leo Alois
1934 – 2014
Architekt, Architekturtheoretiker, Designer
Der Wiener Architekt Hans Hollein war ein international bedeutender Vertreter der Postmoderne. Seit den 1960er Jahren wurde er mit seiner Theorie „Alles ist Architektur“ bekannt und engagierte sich in den Bereichen Design, Kunst und Ausstellungsgestaltung. Hollein entwarf u. a. das Museum Abteiberg in Mönchengladbach (1972–1982) und das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (1987–1991). 1985 erhielt er den Pritzker-Preis für Architektur.
Lebensdaten
Hans Hollein, Österreichische Nationalbibliothek (InC) -
Autor/in
→Gabriela Denk (Stuttgart)
-
Zitierweise
Denk, Gabriela, „Hollein, Hans“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118809113.html#dbocontent
Ausbildung
Nach dem Besuch der Bundesgewerbeschule studierte Hollein von 1953 bis 1956 Architektur bei Clemens Holzmeister (1886–1983) in Wien und setzte seine Ausbildung von 1958 bis 1960 in Chicago (Illinois, USA) am Illinois Institute of Technology bei Mies van der Rohe (1886–1969) sowie in Berkeley (Kalifornien, USA) an der University of California fort. Während seiner Reisen durch die USA und Mexiko beschäftigte er sich intensiv mit den Bauten von Richard Neutra (1892–1970), Rudolph Schindler (1887–1953) und Frank Lloyd Wright (1867–1959) sowie mit den Pueblos der nordamerikanischen Ureinwohner. Die Weite der Landschaft und deren Umwandlung in Architektur, technische Innovationen und die Raumfahrt bildeten wichtige Bezugspunkte seiner frühen Schaffensphase.
Wiener Avantgarde
In den 1960er Jahren schloss sich Hollein der Wiener Avantgarde an, zu der auch Friedensreich Hundertwasser (1928–2000), Markus Prachensky (1932–2011) und Arnulf Rainer (1929–2025) zählten. Sie wandten sich gegen die funktionalistische Architektur der Nachkriegszeit und suchten nach neuen Ausdrucksformen. Einen interdisziplinären Ansatz vertretend, plädierte Hollein für eine absolute, zweckfreie Architektur, die Gestaltung im erweiterten Sinne sei. 1963 präsentierte er mit Walter Pichler (1936–2012) dieses breite Architekturverständnis in Otto Mauers (1907–1973) Galerie nächst St. Stephan in Wien. Seine architektonischen Konzepte entwickelte Hollein u. a. in der Collagen-Reihe „Transformationen“, wobei er z. B. einen Flugzeugträger als Zentrum einer ruralen Landschaft montierte (1964). Die Verbindung von Architektur, Technik und Landschaft war ein zentrales Thema seines Werks und prägte sowohl seine theoretischen als auch praktischen Arbeiten.
„Alles ist Architektur“
Mit dem Leitsatz „Alles ist Architektur“ formulierte Hollein 1968 einen umfassenden Architekturbegriff, der über die klassische Bautätigkeit hinausging und Alltagsgegenstände, Kommunikationsmedien und Inszenierungen einschloss. Als konzeptionelle Einheit von Fassadengestaltung, Innenarchitektur und Design realisierte Hollein, der 1964 ein Architekturbüro in Wien eröffnete, seinen ersten Auftrag: Das Kerzengeschäft Retti am Wiener Kohlmarkt (1964/65) misst 14 m2 und ist sowohl außen als auch innen vollständig mit Aluminium und Spiegeln ausgekleidet. Es folgten weitere Gestaltungsaufträge für Geschäfte, darunter die Richard Feigen Gallery in New York City (1967–1969), die Juwelierläden Schullin I (1972–1974) und Schullin II (1981/82) in Wien sowie die Innenräume des Modehauses Ludwig Beck im Trump Tower in New York City (1981–1983).
Dass bei Hollein alles Architektur war, zeigte sich auch an der Gestaltung der Media-Linien für das Olympische Dorf in München (1971/72) und besonders in der gleichnamigen Ausstellung „Hans Hollein: Alles ist Architektur. Eine Ausstellung zum Thema Tod“ im Städtischen Museum Mönchengladbach (1970). Hollein arrangierte dafür in mehreren Räumen symbolhafte Objekte und Alltagsgegenstände zu begehbaren Installationen. Rituale des Sterbens und deren architektonische Räume spielten in der Ausstellung ebenso eine Rolle wie Fragen der Erinnerungskultur, Aufbewahrung und Musealisierung von Relikten. Die Ausstellung markierte den Anfang von Holleins Zusammenarbeit – auch vermittelt über Mauer und Joseph Beuys (1921–1986) – mit dem Museumsdirektor Johannes Cladders (1924–2009), der ihn als Architekten für den Neubau des Städtischen Museums Mönchengladbach gegenüber der Stadtverwaltung durchsetzte. Das Gebäude setzt sich aus collageartig zusammengefügten ober- und unterirdischen Bauteilen zusammen und versteht sich als begehbare Stadtlandschaft. Die Kunstsammlung erschließt sich vertikal von oben nach unten und diagonal durch kommunizierende Räume und Blickachsen. In die Gestaltung des Museums Abteiberg (1972–1982) bezog Hollein die Topografie, die historische Umgebung und das kuratorische Konzept Cladders mit ein. 1985 erhielt er dafür den Pritzker-Preis.
In den folgenden Jahren entstanden weitere Gebäude, darunter das Haas-Haus am Stephansplatz in Wien (1985–1990) mit einer verspiegelten Fassade sowie das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (1982–1991) auf spitzwinkligem Grundriss. Daneben entwarf Hollein Wohn- und Bürogebäude in Spanien, Peru, Liechtenstein, Taiwan und China sowie kulturelle Einrichtungen – darunter Museen, Konzerthallen und Galerien – in den USA, dem Iran, in Frankreich, Japan und Saudi-Arabien.
Designer und Ausstellungsmacher
Als Designer verstand Hollein Gestaltung als Verbindung von Kunst, Alltag und Raum. Seit den 1960er Jahren entwarf er Möbel, Leuchten, Schmuck und Objekte des täglichen Gebrauchs, häufig mit skulpturalen Formen und ungewöhnlichen Materialien, wie sein für die italienische Designfabrik Alessi entwickeltes Tee- und Kaffeeset „Aircraft Carrier“ oder seine Obstschale „Centrotavola“ für den italienischen Designhersteller Cleto Munari.
Zu seinen Ausstellungsgestaltungen zählen der österreichische Beitrag zur Mailänder Triennale 1968, genannt „Austriennale“, die Designausstellung „MAN transFORMS“ 1976 im Cooper-Hewitt Museum in New York City sowie die Ausstellung „Traum und Wirklichkeit. Wien 1870–1930“ 1985 im Wiener Künstlerhaus.
Holleins Kunstwerke – vornehmlich Collagen, Installationen und Zeichnungen – zeigte u. a. das Museum of Modern Art in New York City. Sie wurden auf der documenta in Kassel (1977, 1987) sowie der Kunst-Biennale (1972, 1984, 2003) und der Architektur-Biennale (1980, 1996, 2000, 2006) in Venedig präsentiert, für die er auch in unterschiedlichen kuratorischen Funktionen tätig war. 1987 erhielt er als erster Architekt eine Retrospektive „métaphores et métamorphoses“ im Centre Georges Pompidou in Paris.
Neben seiner gestalterischen Tätigkeit war Hollein als Lehrender an Universitäten in den USA, an der Kunstakademie Düsseldorf sowie an der Universität für angewandte Kunst Wien tätig. Zu seinen Schülern zählt u. a. Wolf D. Prix (geb. 1942), Mitgründer des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au.
| 1966/1984 | R.S. Reynolds Memorial Prize der Reynolds Metals Company und des American Institute of Architects, USA |
| 1968 | Österreichischer Staatspreis für Umweltgestaltung |
| 1970 | Bard Award for Excellence in Architecture and Urban Design des City Club of New York, USA |
| 1974 | Preis der Stadt Wien für Architektur |
| 1976 | Ehrenmitglied des Bunds Deutscher Architekten |
| 1983 | Großer Österreichischer Staatspreis für Architektur |
| 1983 | Deutscher Architekturpreis des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen und der Bundesarchitektenkammer |
| 1985 | The Pritzker Architecture Prize der Hyatt-Stiftung, USA (weiterführende Informationen) |
| 1990 | Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst |
| 1994 | Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien |
| 1997 | Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland |
| 1998 | Grand Prix of the VII. Architecture-Biennale Buenos Aires |
| 2004 | Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold |
| 2004 | Goldenes Komturkreuz des Ehrenzeichens für Verdienst um das Land Niederösterreich |
| 2009 | Officier dans l’Ordre de la Légion d’Honneur, Frankreich |
| 2009 | Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich |
| 2009 | „Goldener Rathausmann“ der Stadt Wien |
| seit 2016 | Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur, jährlich |
Nachlass:
Archiv Hans Hollein, Architekturzentrum Wien und Museum für angewandte Kunst, Wien. (Teilnachlass)
Privatarchiv Hollein, Wien.
Schriften:
Hans Hollein/Walter Pichler, Architektur. Work in Progress. Begleitheft zur Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan, 1963. (P)
Zukunft der Architektur, in: BAU (1965), H. 1, S. 8–11. (Onlineressource)
Alles ist Architektur, in: BAU (1968), H. 1/2, S. 2–27. (Onlineressource)
Austriennale. Die große Zahl XIV., 1968.
Hans Hollein. MAN transFORMS. Konzepte einer Ausstellung, 1989.
Hans Hollein/Walter Pichler, Absolute Architektur, in: Ulrich Conrads (Hg.), Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts, 2014, S. 174 f.
François Burkhardt/Paulus Manker (Hg.), Hans Hollein. Schriften & Manifeste, 2002.
Werke:
Collage Aircraft Carrier City in Landscape, 1964, Museum of Modern Art, New York City. (weiterführende Informationen)
Kerzenladen Retti, Wien, 1964/65.
Austriennale-Brille mit Helene Hollein, 1968, Architekturzentrum Wien. (weiterführende Informationen)
Media-Linien Olympisches Dorf, München, 1971/72.
Juwelier Schullin I, Wien, 1972–1974.
Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 1972–1982. (weiterführende Informationen)
Österreichisches Verkehrsbüro, Wien, 1976–1979
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, 1982–1991.
Juwelier Schullin II, Wien, 1981/82.
Haas-Haus, Stephansplatz in Wien, 1985–1990.
Österreichische Botschaft, Berlin, 1996–2001.
Torre Interbank, Lima, 1996–2001.
Eingangsbereich Albertina und Soravia Wing, Wien, 2001–2003.
Skulptur Car Building, vor dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, 2011.
Ausstellungen:
Hans Hollein. Alles ist Architektur. Eine Ausstellung zum Thema Tod, Städtisches Museum, Mönchengladbach, 1970. (weiterführende Informationen)
Die Turnstunde. Eine Rauminstallation von Hans Hollein, Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 1984.
Métaphores et Métamorphoses, Centre George Pompidou, Paris, 1987.
Ausstellungsgestaltungen:
Austriennale. Die große Zahl, Österreich auf der 14. Triennale, Mailand, 1968.
MAN transFORMS, Cooper-Hewitt Museum, New York City, 1976.
Die Türken vor Wien. Europa und die Entscheidung an der Donau 1683, Historisches Museum der Stadt Wien, 1983.
Traum und Wirklichkeit. Wien 1870–1930, Historisches Museum der Stadt Wien, 1985.
Werkverzeichnis:
Peter Weibel (Hg.), Hans Hollein, Katalog der Ausstellung in der Neue Galerie Graz am Universalmuseum Joanneum, 2012, S. 416–418.
Monografien:
Wolfgang Pehnt, Hans Hollein. Museum in Mönchengladbach: Architektur als Collage, 1986. (P)
Wilfried Kuehn/Christoph Thun-Hohenstein/Susanne Titz/Marlies Wirth (Hg.), Hans Hollein fotografiert von Aglaia Konrad und Armin Linke, 2014.
Samuel Korn/Wilfried Kuhn/Susanne Titz (Hg.), Alles ist Architektur? Ausstellen und Forschen. Hans Hollein und das Museum Abteiberg, 2015.
Liane Lefaivre, Rebel modernists. Viennese Architecture since Otto Wagner, 2017, S. 187–239.
Eva Branscome, Hans Hollein and Postmodernism. Art and Architecture in Austria, 1958– 1985, 2018. (P)
Gabriela Denk, Die Architektur der Inszenierung. Hans Holleins Ausstellungen 1960–1987, 2023.
Lorenzo De Chiffre/Benni Eder/Theresa Krenn (Hg.), hollein calling. Architectural Dialogues, 2023. (P)
Eva Branscome, Hans Hollein’s Masterpiece. Art, Architecture and the City, 2025. (P)
Ausstellungskataloge:
François Burkhardt/Claude Eveno/Hans Hollein (Hg.), Hans Hollein. Métaphores et Métamorphoses, Katalog zur Ausstellung im Centre George Pompidou, 1987.
Günter Düriegl (Hg.), Hans Hollein, Katalog der Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien, 1995. (P)
Peter Weibel (Hg.), Hans Hollein, Katalog der Ausstellung in der Neue Galerie Graz am Universalmuseum Joanneum, 2012. (P)
Frédéric Migayrou (Hg.), Hans Hollein. transFORMS, Katalog der Ausstellung im Centre Pompidou, 2025. (P)
Lexikonartikel:
Peter Rumpf, Art. „Hans Hollein“, in: Vittorio Magnago Lampugnani (Hg.), Hatje-Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts, 1983, S. 128.
N. N. Art. „Hollein, Hans“, in: Isabella Ackerl/Friedrich Weissensteiner (Hg.), Österreichisches Personenlexikon der ersten und zweiten Republik, 1992, S. 185. (P)
N. N. Art. „Hollein, Hans“, in: Ernst Bruckmüller (Hg.), Personenlexikon Österreich, 2001, S. 213.
N. N. Art. „Hans Hollein“, in: Helmut Weihsmann, In Wien erbaut. Lexikon der Wiener Architekten des 20. Jahrhunderts, 2005, S. 159 f. (P)
Thorsten Smidt, Art. „Hollein, Hans“, in: Günter Meißner/Andreas Beyer (Hg.), Allgemeines Künstlerlexikon: die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 74, 2012, S. 272.
Claudia Olbrych, Art. „Hollein, Hans“, in: Frankfurter Personenlexikon. (P) (Onlineressource)
Werke v. Hans Hollein, in: Architekturzentrum Wien, Sammlung Online.
Werke v. Hans Hollein, in: Centre Georges Pompidou, Sammlung Online.
Werke v. Hans Hollein, in: Museum of Modern Art, Sammlung Online.
Aufnahmen mit und über Hans Hollein, in: Österreichische Mediathek.
Architektur im Gespräch: Hans Hollein und Laurent Stalder, in: ETH Zürich, 4.3.2008.
zwei Fotografien v. Gerhard Heller (1947–2017), um 1990, Albertina, Wien. (Onlineressource) (Onlineressource)