Harnack, Elisabet von
- Lebensdaten
- 1892 – 1976
- Geburtsort
- Berlin-Wilmersdorf
- Sterbeort
- Berlin-West
- Beruf/Funktion
- Sozialarbeiterin ; Sozialwissenschaftlerin ; Politikerin ; Feministin
- Konfession
- evangelisch-lutherisch
- Normdaten
- GND: 1050559983 | OGND | VIAF: 308209217
- Namensvarianten
-
- Harnack, Elisabet
- Harnack, Elisabet von
- Harnack, Elisabet
- Harnack, Elisabeth von
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Harnack, Elisabet von (bis 1914 Elisabet Harnack)
1892 – 1976
Sozialarbeiterin, Sozialwissenschaftlerin
Elisabet von Harnack war eine Pionierin der Sozialen Arbeit. Geprägt vom Reformgeist der Weimarer Republik, suchte sie das System der Armenfürsorge aus der Kaiserzeit auf Grundlage des republikanischen Sozialrechts zu überwinden. Sie hatte als Geschäftsführerin der Berliner Wohlfahrtsverbände eine tragende Rolle bei deren Etablierung in Berlin bis 1933 und verantwortete nach 1945 deren Neuaufbau. Ihr Engagement bezog sich insbesondere auf die Jugendfürsorge und auf Reformprozesse in der Sozialen Arbeit, wobei ihre internationalen Beziehungen v. a. in die USA wirksam wurden.
Lebensdaten
Elisabet von Harnack, Staatsbibliothek zu Berlin (InC) -
Autor/in
→Annette Eberle
-
Zitierweise
Annette Eberle, „Harnack, Elisabet von“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd1050559983.html#dbocontent
Harnack wuchs in einem christlich-liberalen Elternhaus auf, das großen Wert auf ihre Bildung legte. Sie erhielt bis 1907 Privatunterricht und besuchte anschließend die Auguste Victoria Studienanstalt in Charlottenburg bei Berlin, die sie 1911 mit dem Abitur abschloss. Über ihre Familie kam sie früh in Kontakt mit führenden Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung wie Gertrud Bäumer (1873–1954), Helene Lange (1848–1930) und Alice Salomon (1872–1948). Auf Salomons Rat hin engagierte sie sich bereits als Jugendliche v. a. in der sozialpädagogischen Praxis des Jugendheim e. V. und später in den sozialen Jugendgruppen des Landjugendheims Finkenkrug mit seinen reformpädagogischen Ansätzen, wo sie auch die Ausbildungskurse der Frauenschule absolvierte. Von 1914 bis 1918 studierte Harnack Nationalökonomie, Staatswissenschaften, Kirchen- und Dogmengeschichte an der Universität Berlin und schloss das Studium mit der Dissertation „Fürsorge für schulpflichtige Kinder in Kinderhorten“ (1918)“ und der Promotion zur Dr. phil. ab.
Zwischen 1915 und 1933 etablierte sich Harnack als Sozialpädagogin mit Schwerpunkt Frauen- und Jugendfürsorge sowie als Organisatorin in der freien Wohlfahrtspflege. Seit Ende 1918 Hilfsreferentin im Deutschen Frauenamt in Brüssel, wurde sie 1921 Geschäftsführerin der Berliner Wohlfahrtsvereinigungen (heute Paritätischer Wohlfahrtsverband) und 1927 des Berliner Frauenvereins. Zudem engagierte sie sich in der Internationalen Vereinigung für Kinderhilfe in Genf, war Vorsitzende der Ortsgruppe Berlin des Deutschen Verbands für Sozialbeamtinnen und Geschäftsführerin des Deutschen Verbands für Schulkinderpflege. In diesen Ämtern trat sie für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Kinderarbeit und für das Verbot der Prügelstrafe in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendfürsorge ein. Damit gelang es ihr, Konzepte des Kinderschutzes in reformorientierten Einrichtungen wie dem Jugendheim e. V. zu etablieren, jedoch scheiterten politische Initiativen für entsprechende rechtliche Änderungen. Harnacks Interesse, von reformorientierten Ansätzen der internationalen Sozialen Arbeit und der Frauenbewegung zu lernen, führte Ende 1926 auf Einladung der US-amerikanischen Frauenrechtlerin und Soziologin Jane Addams (1860–1935) zu ihrer Studien- und Vortragsreise in die USA, u. a. an die Universität Chicago.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor Harnack wegen ihrer liberal-demokratischen politischen Haltung und der ihrer Familie, v. a. ihres Bruders Ernst von Harnack (1888–1945) und ihres Vetters Arvid Harnack (1901–1942), alle Ämter. Mit ihrer Schwester Agnes von Zahn-Harnack (1884–1950) schloss sie sich der Bekennenden Kirche an und half, jüdische Kinder, die mithilfe der Quäker außer Landes gebracht wurden, im Landjugendheim Finkenkrug zu verstecken. Harnack arbeitete seit 1936 bei der Berliner Inneren Mission als leitende Fürsorgerin und Referentin und wurde aufgrund der Widerstandstätigkeit ihrer Familienmitglieder mehrfach von der Gestapo verhört.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs engagierte sich Harnack in Westdeutschland für den Aufbau der Sozialen Arbeit. Von 1949 bis 1957 war sie für den Westberliner Senat als Hauptreferentin in der Abteilung für Sozialwesen tätig, u. a. zuständig für Flüchtlings-, Vertriebenen- und Heimkehrerfürsorge, und arbeitete zwischen 1949 und 1951 eng zusammen mit der Stadträtin für Sozialwesen, Marie-Elisabeth Lüders (1878–1966). Harnack hatte prägenden Einfluss auf die Entwicklung der sozialen Arbeit in der Bundesrepublik, insbesondere im Bereich der Jugendpflege und des Hortwesens; sie knüpfte an ihre praktische und wissenschaftliche Tätigkeit der 1920er und 1930er Jahre an. Damit gelang es ihr auch, die reformorientierten Ansätze des Vereins Jugendheim in den demokratischen Neuaufbau der Wohlfahrtspflege in der Bundesrepublik zu überführen. Sie engagierte sich beim Wiederaufbau kommunaler Strukturen der Selbstverwaltung in der Wohlfahrtspflege, bei der Wiederbelebung des Zentralausschusses für soziale Aufgaben und der Arbeitsgemeinschaft für öffentliche und freie Wohlfahrtspflege in Berlin. Als Mitbegründerin der Zeitschrift „Soziale Arbeit“ 1951 trug sie entscheidend bei zur Neuorganisation und Wiederbelebung des fachlichen und wissenschaftlichen Austauschs der Profession, auch in internationaler Perspektive. Sie förderte die Internationalisierung der Sozialen Arbeit u. a. durch ihre Teilnahme an der V. Internationalen Konferenz der Sozialen Arbeit in Paris Ende Juli 1950, zu der erstmals nach Kriegsende eine deutsche Delegation eingeladen war. 1951/52 bereiste sie erneut die USA zum Studium der neuesten Entwicklungen in Wohlfahrtssystemen, Kinder- und Jugendarbeit, Berufs- und Interessenorganisation sowie der Ausbildungssysteme der Sozialarbeit, worüber sie in Fachpublikationen berichtete.
| 1958 | Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland |
Nachlass:
Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung, NL 323.
Weitere Archivmaterialien:
Landesarchiv Berlin, A Rep. 001-06, Nr. 11 229. (Personalakte)
Ida-Seele-Archiv zur Erforschung der Geschichte des Kindergartens, Dillingen an der Donau.
Fürsorge für schulpflichtige Kinder in Kinderhorten, 1918. (Diss. phil.)
Von sozialer Arbeit in Amerika, in: Mitteilungen des Deutschen Vereins für Sozialbeamtinnen 1 (1927), S. 12–16.
Germany's New Public Welfare Law, in: Social Service Review 1 (1927), H. 3, S. 406–413.
Renten für alleinstehende Mütter mit unmündigen Kinder in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in: Deutsche Zeitschrift für Wohlfahrtspflege 7 (1928), S. 348–350.
Elisabet von Harnack/Walter Stengel (Hg.), Ahnen des Geistes. Wilhelm-von-Humboldt-Ausstellung im Märkischen Museum. Lebensbilder aus der Geschichte der Berliner Universität, Berlin 9. April–15. Mai, 1935. (Ausstellungskatalog)
Freiwillige ehrenamtliche Sozialarbeit in Nordamerika, in: Soziale Arbeit 2 (1952), S. 400–404.
Vorläufige Neuordnung der sozialen Ausbildung in Berlin, in: Soziale Arbeit 4 (1955), S. 69–71.
Senatsverwaltung für Arbeit und Sozialwesen 1953, in: ebd., S. 97–100.
„Fröhliche Jugend“ in der Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost 1914–1964. Ein Brief, in: Lebendige Ökumene. Festschrift für Friedrich Siegmund-Schulze zum 80. Geburtstag, hg. v. Heinrich Foth, 1965, S. 151–157.
Gisa Bauer, Agnes von Zahn-Harnack und Elisabet von Harnack. Liberale Protestantinnen im Widerstand, in: Manfred Gailus/Clemens Vollnhals (Hg.), Mit Herz und Verstand. Protestantische Frauen im Widerstand gegen die NS-Rassenpolitik, 2013, S. 21–47.
Manfred Berger, Art. „Harnack, Elisabet von“, in: Hugo Maier (Hg.), Who is who der Sozialen Arbeit, 1998, S. 229–231. (W)
Nachruf auf Dr. Elisabet v. Harnack, in: Soziale Arbeit 25 (1976), S. 406.
Fotografien in: Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung, NL 323.