Grisar, Erich

Lebensdaten
1898 – 1955
Geburtsort
Dortmund
Sterbeort
Dortmund
Beruf/Funktion
Arbeiterschriftsteller ; Journalist ; Fotograf ; Bibliothekar ; Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116855304 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Grisar, Erich

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Zitierweise

Grisar, Erich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd116855304.html#indexcontent [20.06.2026].

CC0

  • Grisar, Erich

    1898 – 1955

    Arbeiterschriftsteller, Journalist, Fotograf, Bibliothekar

    Erich Grisars beherrschende Themen waren Arbeit, Arbeitsalltag und Arbeitswelt der 1920er und 1930er Jahre. In seinem umfangreichen Nachlass finden sich Lyrik, Kurzgeschichten, Dichtungen für Arbeiterchöre, Romane, Reportagen, Reiseberichte und ein großer fotografischer Bestand. Als Lyriker literaturgeschichtlich bedeutend und als Anekdotenschreiber im Gedächtnis geblieben, wurde Grisar in den letzten Jahren als Fotograf, Romanautor und Journalist wieder entdeckt.

    Lebensdaten

    Geboren am 11. September 1898 in Dortmund
    Gestorben am 30. November 1955 in Dortmund
    Grabstätte Südwestfriedhof in Dortmund
    Konfession evangelisch
  • 11. September 1898 - Dortmund

    1904 - 1911 - Dortmund

    Schulbesuch (Volksschulabschluss)

    Volksschule

    1911 - 1913 - Dortmund

    Lehre als technischer Vorzeichner

    Brückenbau- und Behälterbauanstalt Heinrich Behrend

    1913 - 1916 - Dortmund

    Angestellter

    Gewerkschaft Schüchtermann & Kremer (Maschinenbauunternehmen)

    1916 - März 1919 - Flandern; Galizien; Lazarett Sulzbach (Oberpfalz, seit 1934 Sulzbach-Rosenberg)

    Kriegsdienst; seit April 1918 Lazarettaufenthalt

    1919 - 1921 - Dortmund

    Vorzeichner in der Kesselschmiede

    Westfalenhütte

    1922 - 1924 - Butzbach (Wetterau); seit 1923 Leipzig

    Arbeiter in der eisenverarbeitenden Industrie; freiberuflicher Schriftsteller

    1924 - 1939 - Dortmund

    freiberuflicher Journalist; Schriftsteller; Fotograf

    1927 - 1931 - Dortmund

    Schriftleiter

    „Monatshefte“ des Vereins Freie Volksbühne

    1928 - 1932 - Deutschland; Europa

    Reisen

    1939 - 1945 - Dortmund

    Vorzeichner

    Schüchtermann & Kremer-Baum Aktiengesellschaft für Aufbereitung (Maschinenbauunternehmen)

    1945 - 1955 - Dortmund

    Bibliothekar

    Volksbüchereien

    30. November 1955 - Dortmund

    Grisar wuchs im Arbeitermilieu der Dortmunder Nordstadt auf. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er seit 1911 eine Lehre als technischer Vorzeichner bei der Brückenbau- und Behälterbauanstalt Heinrich Behrend in Dortmund und wurde 1913 bei dem Maschinenbauunternehmen Gewerkschaft Schüchtermann & Kremer angestellt. 1916 zum Kriegsdienst einberufen, war er in Flandern, 1917 in Galizien, dann wieder an der Westfront eingesetzt, wo er im April 1918 schwer verwundet wurde. Während des Kriegs führte Grisar Tagebücher, in denen er das grausame Kriegsgeschehen festhielt wie auch die ihn beeindruckenden Landschaften und Lebensverhältnisse in Flandern sowie das karge Leben der Bauern in Galizien beschrieb.

    Im März 1919 kehrte Grisar als entschiedener Pazifist aus dem Lazarett in Sulzbach (Oberpfalz, seit 1934 Sulzbach-Rosenberg) nach Dortmund zurück und arbeitete in der Kesselschmiede der Westfalenhütte als Vorzeichner. 1920 veröffentlichte er seine erste, expressionistisch geprägte Lyriksammlung „Morgenrot“, die Gedichte aus der Zeit des Lazarettaufenthalts enthält. In den folgenden Jahren versuchte er, in Butzbach (Wetterau) und seit 1923 in Leipzig eine Existenz als freier Schriftsteller zu begründen, was ihm auch nach der Publikation seines zweiten Gedichtbands „Morgenruf“ (1923) nicht gelang, sodass er 1924 nach Dortmund zurückging. Hier arbeitete er als Journalist und Schriftsteller, veröffentlichte bis 1926 weitere Gedichtbände und einen Prosaband.

    Grisar verfasste einige der bei Treffen und Feiern der Arbeiterbewegung beliebten Sprechchöre und der ihnen vorangestellten Prologe. Der Sprechchor „Der Tag des Lichts“ wurde 1926 anlässlich einer sozialdemokratischen Veranstaltung für die weltliche Schulbewegung vor 12 000 Zuschauern in der Westfalenhalle in Dortmund aufgeführt. In der großen Messehalle in Köln erlebte der Sprechchor „Opferung“ im selben Jahr aus Anlass des ersten Treffens der westdeutschen Arbeiterjugendbündler des Ruhrgaus seine Uraufführung.

    Für Grisars Lebensunterhalt sorgten seine Pressearbeit und seine Aktivitäten in der Dortmunder Kulturszene. Er beteiligte sich an der Agitpropgruppe Henkelmann, redigierte das Verbandsorgan des Deutschen Guttemplerordens, war Geschäftsführer des Vereins Freie Volksbühne und von 1927 bis 1931 Schriftleiter ihrer „Monatshefte“. Als Sozialdemokrat unterstützte er die Bildungsarbeit der SPD, u. a. als Mitglied im Bildungsausschuss für Großdortmund.

    Grisar schrieb humorvolle, viel gelesene Alltagsgeschichten und zahllose Anekdoten. Sein Roman „Heinrich Volkmann. Roman eines Arbeiters“ erschien 1927 in Fortsetzungen im „Dortmunder Generalanzeiger – General-Anzeiger für Dortmund“ und bediente das Interesse der Leser an Geschichten über Technikerfolg und Menschlichkeit. Seit ca. 1928 war Grisar auch als Bildreporter tätig. Für den „Dortmunder Generalanzeiger“, der vor dem Zweiten Weltkrieg auflagenstärksten Zeitung in Deutschland, und für die „Westfälische Allgemeine Volkszeitung“ lieferte er Fotografien zu seinen Berichten. Seine Bilder erschienen auch auf dem Titelblatt und als doppelseitige Reportagen in der „Volksblatt-Illustrierten“, einer Beilage des „Sächsischen Volksblatts“. Seine Motive fand Grisar im Arbeitermilieu der Großstädte.

    Grisars Erfolg als Journalist, Fotograf und Schriftsteller ermöglichte ihm seit Ende der 1920er Jahre ein relativ komfortables Leben, das zahlreiche Reisen innerhalb Deutschlands und des europäischen Auslands einschloss. Seine Fotografien erschienen in mehreren Bildbänden, u. a. 1931 in Georg Schwarz’ ( 1896–1943) „Kohlenpott. Ein Buch von der Ruhr“ und 1932 in dem Reisereportageband „Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa“, für den Grisar Aufnahmen aus elf Ländern verwendete, die in noch heute beeindruckender Form den sozialen Alltag in den europäischen Metropolen abseits der touristischen Routen dokumentieren.

    Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 waren Grisars Publikationsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Mit seinen Mitgliedschaften im Reichsverband Deutscher Schriftsteller und der Reichsschriftumskammer versuchte er, sich den neuen politischen Verhältnissen anzupassen. Während „Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa“ 1938 verboten wurde und sein Versuch, in NS-Zeitschriften Gedichte zu veröffentlichen, erfolglos blieb, konnten sein Roman „Siebzehn Brückenbauer – ein paar Schuh“ (1937) und die Erzählsammlung „Monteur Klinkhammer und andere Brückenbauergeschichten“ (1943) erscheinen. Die darin enthaltenen Texte sind literarisch unbedeutend, in ihrem Ton angepasst pathetisch und deutschtümelnd, ohne sich jedoch hetzerischer und antisemitischer Wortwahl zu bedienen. In seiner Entwicklung als Fotograf und Journalist behindert, arbeitete Grisar seit 1939 wieder als Vorzeichner bei Schüchtermann & Kremer-Baum Aktiengesellschaft für Aufbereitung. Viele seiner Fotografien wurden bei einem Bombenangriff auf sein Wohnhaus zerstört.

    Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschaffte Fritz Hüser (1908–1979), der Direktor der Dortmunder Volksbüchereien, Grisar 1945 eine Anstellung als Bibliothekar. An die Erfolge aus den 1920er Jahren konnte Grisar nicht wieder anknüpfen. Ebenfalls erfolglos verwies Hüser nach Grisars Tod 1955 immer wieder auf die literarische Bedeutung der im Nachlass vorhandenen unveröffentlichten Texte und Romanmanuskripte, u. a. auf ein 1931 abgeschlossenes Romanmanuskript mit dem Titel „Ruhrstadt“, eine Hommage an seine Heimatstadt Dortmund, und den 1948 vollendeten Roman „Cäsar 9“, der von Bombenkrieg, Zerstörung, dem Umgang mit Kriegsgefangenen und dem schwierigen Neubeginn handelt.

    Eine Neuentdeckung und Würdigung Grisars setzte 60 Jahre nach seinem Tod ein: Der Fotografiebestand mit rund 4350 Aufnahmen, davon je ein Drittel aus Dortmund, aus Regionen Deutschlands und von Reisen durch Europa, wurde digitalisiert und 2017 in einer Ausstellung im Ruhrmuseum in Essen sowie 2022 im LWL Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund gezeigt, Grisars Band „Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa“ 2016 neu kommentiert wieder aufgelegt, und seine Romane aus dem Nachlass wurden zwischen 2015 und 2017 veröffentlicht. Grisar gilt heute wegen seiner sozialistischen Überzeugung sowie der literarischen wie fotografisch präzisen Dokumentation des proletarischen Alltags als wichtiger und vielseitiger Chronist dieser Klasse sowie einer untergegangenen Arbeiter- und Industriegesellschaft der Jahre zwischen den Weltkriegen.

    1958 Grisarstraße, Dortmund

    Nachlass:

    Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Dortmund. (angereicherter Nachlass, Findbuch, 997 Verzeichnungseinheiten) (weiterführende Informationen)

    Stadtarchiv Dortmund, Fotosammlung.

    Morgenrot. Gedichte, 1920.

    Morgenruf. Gedichte, 1923.

    Das Herz der Erde hämmert. Skizzen und Gedichte, 1923.

    Unser ist der Tag. Ein Spiel im Geist der, die siegen werden, 1924.

    Gesänge des Lebens. Gedichte, 1924.

    Das atmende All. Gedichte, 1925.

    Schreie in der Nacht. Ein Buch der Besinnung, 1925.

    Opferung. Sprechchor, 1927.

    Das Tor. Sprechchor für Maifeiern und ähnliche Veranstaltungen, [1929].

    Der Tag des Lichts. Sprechchor, [1930].

    Bruder, die Sirenen schrein. Gedichte für meine Klasse, 1931.

    Die Grenzen auf! Ein fröhliches Spiel für die arbeitende Jugend, [1932].

    Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa. Bilder und Berichte, 1932, neu hg. v. Andrea Zupancic, 2016.

    Siebzehn Brückenbauer, ein paar Schuh. Ein Werkroman, 1937.

    Monteur Klinkhammer und andere Brückenbauergeschichten, 1943.

    Kindheit im Kohlenpott, 1946, neu hg. v. Walter Gödden, 2016. (Autobiografie)

    Die Holtmeiers. Roman, 1946.

    Zwischen den Zeiten. Ausgewählte Gedichte, 1946.

    Denk ich an Deutschland in der Nacht. Eine Anthologie deutscher Emigrantenlyrik, 1946. (Hg.)

    Die Tat des Hilko Boßmann. Erzählung, 1947.

    Die Hochzeit in der Kesselschmiede. Roman, 1949.

    Zwischenfall beim Brückenbau. Erzählungen aus der Welt der Brückenbauer, 1950.

    Der lachende Reinoldus. Alte und neue Anekdoten aus einer alten Hanse- und jungen Industriestadt, 1953.

    Werk- und postume Ausgaben:

    Walter Gödden (Hg.), Lesebuch Erich Grisar, 2012. (P) (Onlineressource)

    Fiona Dummann/Walter Gödden/Kerstin Mertenskötter (Hg.), Ausgewählte Werke, 2014.

    Arnold Maxwill (Hg.), Cäsar 9. Roman, 2015.

    Arnold Maxwill (Hg.), Ruhrstadt. Porträt einer Stadt. Roman, 2016.

    Arnold Maxwill (Hg.), Heinrich Volkmann. Roman eines Arbeiters, 2017.

    Fritz Hüser/M. Neumann-Honsmann, Erich Grisar 1898–1955. Zur Erinnerung an seinen 80. Geburtstag, 1978.

    Josef Jansen, Erich Grisar, in: Bernd Kortländer (Hg.), Literatur von nebenan (1900–1945). 60 Portraits von Autoren aus dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen, 1995, S. 114–119.

    Dieter Sudhoff, Die literarische Moderne und Westfalen. Besichtigung einer vernachlässigten Kulturlandschaft, 2002, S. 286–332.

    Dirk Buchholz (Bearb.), Cäsar 9. Ein unveröffentlichter Roman von Erich Grisar, in: Heimat Dortmund (2005), Ausg. 1, S. 32–35.

    Walter Gödden, Nachwort, in: ders. (Hg.), Lesebuch Erich Grisar, 2012, S. 133–157. (P)

    Walter Gödden, Erich Grisar. Ein Autor zwischen den Stühlen, in: Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung 13 (2014), S. 283–317.

    Hanneliese Palm, Feldgrau und Morgenrot. Aus den Tagebüchern Erich Grisars 1916–1919, in: Heimat Dortmund (2014), Ausg. 1, S. 54–59.

    Arnold Maxwill, „Und das jetzt, ist das denn auch noch ein Leben? Ein Dreck ist es.“ Erich Grisars Blick auf Bombenkrieg und Nachkriegszeit, in: ders. (Hg.), Erich Grisar, Cäsar 9. Roman, 2015, S. 331–359.

    Arnold Maxwill, Straße, Siedlung, Hüttenwerk. Grisars „Ruhrstadt“ ist ein Porträt Dortmunds, aber auch eine Chronik der Krise – und nicht zuletzt ein Roman der Arbeiterschaft, in: ders. (Hg.), Erich Grisar, Ruhrstadt. Porträt einer Stadt. Roman, 2016, S. 267–297.

    Andrea Zupancic, Erich Grisar. Die Entdeckung eines Fotografen, in: Rundbrief Fotografie 22 (2015), Nr. 3, S. 16–26.

    Erhard Schütz/Andrea Zupancic, „Heute ziehe ich als Bildreporter durch die Welt.“ Nachwort, in: Andrea Zupancic (Hg.), Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa. Bilder und Berichte von Erich Grisar, 2016, S. 165–207.

    Heinrich Theodor Grütter/Stefan Mühlhofer/Stefanie Grebe/Andrea Zupancic (Hg.), Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien 1928–1933, Katalog der Ausstellung im Ruhr Museum auf Zollverein Essen, 2016.

    Porträtfotografien, Nachlass, Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Dortmund, und Stadtarchiv Dortmund.

    Lithografie v. Emil Stumpp (1886–1941), 1929, Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt am Main.

  • Autor/in

    Hanneliese Palm (Dortmund)

  • Zitierweise

    Palm, Hanneliese, „Grisar, Erich“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116855304.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA