Brandes, Heinrich Wilhelm
- Lebensdaten
- 1777 – 1834
- Geburtsort
- Groden (heute Cuxhaven)
- Sterbeort
- Leipzig
- Beruf/Funktion
- Mathematiker ; Astronom ; Physiker ; Meteorologe ; Chemiker
- Konfession
- evangelisch-lutherisch
- Normdaten
- GND: 100055427 | OGND | VIAF: 69269327
- Namensvarianten
-
- Brandes, Heinrich Wilhelm
- Brandes, Heinrich W.
- Brandes
- Brandes, Hr. W.
- Brandes, H. W.
- Brandes, H.W.
- Brandes, Henricus Guilielmus
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Brandes, Heinrich Wilhelm
1777 – 1834
Mathematiker, Astronom, Physiker
Der zu Lebzeiten geachtete, aber nach seinem Tod kaum gewürdigte Heinrich Wilhelm Brandes verfasste zahlreiche mathematische, astronomische und meteorologische Publikationen. Er hatte Anteil am Nachweis des kosmischen Ursprungs der Meteore und begründete die Synoptische Meteorologie, in dem er erstmals entsprechende Wetterkarten erstellte. An der Universität Leipzig trug er zur Etablierung des Physikalischen Instituts bei.
Lebensdaten
Heinrich Wilhelm Brandes, Wetterkarte 1821 (InC) -
Autor/in
→Michael Börngen (Leipzig)
-
Zitierweise
Börngen, Michael, „Brandes, Heinrich Wilhelm“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd100055427.html#dbocontent
Nach dem Besuch der Lateinschule von 1786 bis 1793 übte Brandes unter Anleitung des Wasserbaudirektors Reinhard Woltman (1757–1837) 1794/95 die Aufsicht über die Wasserbauten auf der kaum bewohnten Insel Neuwerk (Nordsee) aus. In dieser Zeit betrieb er mathematisch-naturwissenschaftliche Studien. Von 1796 bis 1798 studierte er an der Universität Göttingen, wo er sich, da eine weitere Anstellung beim Wasserbau beabsichtigt war, v. a. mit Baukunst und Feldmessen beschäftigte. Die höhere Mathematik und Physik waren Nebenstudien; die Vorlesungen Georg Christoph Lichtenbergs (1742–1799) waren prägend. 1798 beobachteten Brandes und sein Kommilitone Johann Friedrich Benzenberg (1777–1846) gleichzeitig von getrennten Standorten Sternschnuppen (Meteore) und konnten mittels Triangulation deren Höhen bestimmen und damit deren kosmischen Ursprung beweisen.
Nach kurzem Aufenthalt in Hamburg, wo Brandes Privatunterricht in Mathematik erteilte und Persönlichkeiten wie Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) begegnete, war er auf Woltmans Empfehlung von 1801 bis 1811 Deichconducteur in dem am Jadebusen gelegenen Eckwarden und 1811, unter französischer Besatzung, Deichinspector am unteren rechten Weserufer. In diesen Jahren beschäftigte er sich mit Mathematik und optischen Erscheinungen in der Atmosphäre. Seine Beobachtungen zur Strahlenbrechung und zu Nebensonnen wurden hauptsächlich in dem von Ludwig Wilhelm Gilbert (1769–1824) herausgegebenen „Annalen der Physik“ veröffentlicht. Seine mathematischen Studien fanden ihren Niederschlag im „Lehrbuch der Arithmetik, Geometrie und Trigonometrie“ (2 T., 1808/10).
1811 erhielt Brandes den Ruf als Professor für Mathematik an die neu gegründete Universität Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen). Hier entstand mit den 1820 erschienenen „Beiträge zur Witterungskunde“ sein bedeutendstes, auch von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) geschätztes Werk, worin er eine Geschichte der Witterung des Jahres 1783 für den europäischen Raum präsentierte und die synoptische Betrachtungsweise in die Meteorologie einführte. Rufe an die Universitäten in Dorpat (Russland, heute Tartu, Estland) und Greifswald 1818 sowie 1823 nach Jena schlug Brandes aus, während er 1826 als Professor für Physik an die Universität Leipzig wechselte. Mit der 1826 in Leipzig eingereichten „Dissertatio Physica de Repentinis Variationibus in Pressione Atmosphaerae Observatis” setzte er eine – wenn auch in bescheidenerem Maße – kartenmäßige Darstellung der Wettererscheinungen um, deren Vorteile er bereits ein Jahrzehnt zuvor Gilbert gegenüber beschrieben hatte. Die vier Abbildungen, in denen die Abweichungen des Luftdrucks zu einem bestimmten Zeitpunkt an verschiedenen Orten dargestellt sind, gelten als die ersten synoptischen Wetterkarten.
Brandes stand der universitären Apparatesammlung vor, bemühte sich erfolgreich um die Schaffung eines physikalischen Instituts und engagierte sich in der in Leipzig beheimateten Jablonowskischen Gesellschaft der Wissenschaften, in dem er durch die Formulierung von Preisfragen Untersuchungen zu Mathematik und Meteorologie anregte. Brandes’ letztes größeres Werk waren die für ein breites Publikum gedachten „Vorlesungen über die Naturlehre“ (3 Bde., 1830–1832). Die überarbeitete Auflage von 1844 wurde von seinem Sohn Carl Wilhelm Hermann Brandes (1814–1843) begonnen. Zu Brandes’ Schülern zählen der Mathematiker Heinrich Ferdinand Scherk (1798–1885) und der Meteorologe Heinrich Wilhelm Dove (1803–1879). Brandes, der in den meisten Lexika Erwähnung fand, aber lange keine Ehrung als Namensgeber erfuhr, wurde nach 1990 bei der Erforschung der Geschichte verschiedener Wissenschaftszweige in Leipzig wieder entdeckt, wobei v. a. seine Bedeutung für die Meteorologie deutlich wurde.
| 1828 | Mitglied der Fürstlich-Jablonowskischen Gesellschaft der Wissenschaften, Leipzig |
| 1830 | korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Göttingen |
| 1833 | korrespondierendes Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg |
| 2008 | Brandesweg, Leipzig |
Nachlass:
nicht bekannt.
Weitere Archivmaterialien:
Niedersächsisches Landesarchiv, Oldenburg KB 7, Trauungen, Jg. 1806, Nr. 28, S. 140.
Stadtarchiv Cuxhaven, Kirchenbuchdatei, Pfarre Groden, 1769–1808.
Stadtarchiv Leipzig, Polizeimeldebücher der Stadt Leipzig, Verzeichnis der bleibenden Einwohner 1814–1831, Bd. 2 (A–Br).
Universitätsarchiv Greifswald, Phil. Fak. I-15. (Wiederbesetzung der Professur für Mathematik und Astronomie)
Universitätsarchiv Leipzig, PA 339. (Personalakten)
Universitätsbibliothek Leipzig, Handschriftenabteilung, Nachl. 251-2.4.2.2. (von Brandes formulierte Preisarbeiten 1807–1836)
Gedruckte Quellen:
Hans-Joachim Borucki, Beiträge zur Geschichte der physikalischen Sammlung und der Experimentalphysikvorlesung an der Leipziger Universität, zusammengestellt nach dem Material der Archive, 1958. (ungedr. Staatsexamensarbeit, Universitätsarchiv Leipzig Bibliothek 2084)
Exseqvias Henrici Gvilielmi Brandesii, [1834].
Franz Schmidt/Paul Stäckel (Hg.), Briefwechsel zwischen Carl Friedrich Gauss und Wolfgang Bolyai, 1899.
Johann Wolfgang von Goethe, Wolkengestalt nach Howard, in: Helmut Holtzhauer (Hg.), Goethes Werke, Bd. 12: Philosophische und naturwissenschaftliche Schriften, 41981, S. 283–303.
Monografien:
Johann Friedrich Benzenberg/Heinrich Wilhelm Brandes, Versuche, die Entfernung, die Geschwindigkeit und die Bahnen der Sternschnuppen zu bestimmen, 1800.
Beobachtungen und theoretische Untersuchungen über die Stralenbrechung [sic!]. Erster Band, welcher die Beobachtungen und empirische Resultate aus denselben enthält, 1807.
Lehrbuch der Arithmetik, Geometrie und Trigonometrie zum Gebrauche für zwey verschiedene Lehrcurse in Schulen, wie auch zum Selbstunterrichte, 2 T., 1808/10, Nachtrag 1815.
Die vornehmste Lehren der Astronomie deutlich dargestellt in Briefen an eine Freundin, 4 T., 1811–1816.
Lehrbuch der Gesetze des Gleichgewichts und der Bewegung fester und flüssiger Körper, 2 T., 1817/18.
Der polynomische Lehrsatz und leichte Anwendungen desselben (auch: Vorbereitungen zur Höheren Analysis), 1820.
Beiträge zur Witterungskunde (auch: Untersuchungen über den mittleren Gang der Wärme-Änderungen durchs ganz Jahr; über gleichzeitige Witterungs-Ereignisse in weit von einander entfernten Weltgegenden; über die Formen der Wolken, die Entstehung des Regens und der Stürme, und über andere Gegenstände der Witterungskunde), 1820.
Lehrbuch der höheren Geometrie, in analytischer Darstellung, 2 T., 1822/24.
Unterhaltungen für Freunde der Physik und Astronomie, 3 H., 1825–1829.
Heinrich Wilhelm Brandes/Leopold Gmelin/Johann Kaspar Horner/Karl Ludwig Edler von Littrow/Georg Wilhelm Muncke/Johann Wilhelm Andreas Pfaff, Johann Samuel Traugott Gehler‘s Physikalisches Wörterbuch, neu bearbeitet, 11 Bde., 1825–1845. (Brandes’ Mitarbeit endet mit Bd. 7, 1834).
Dissertatio Physica de Repentinis Variationibus in Pressione Atmosphaerae Observatis, 2 T., 1826.
Vorlesungen über die Astronomie, zur Belehrung derjenigen, denen es an mathematischen Vorkenntnissen fehlt, 2 Bde., 1827.
De cometarum caudis. Disquisitio mathematica. P. 1, 1830, Nachdr. 2011.
Vorlesungen über die Naturlehre zur Belehrung derer, denen es an mathematischen Vorkenntnissen fehlt, 3 Bde., 1830–1832, 21844, hg. v. Carl Wilhelm Hermann Brandes/Julius Wilhelm Hermann Michaelis.
Aufsätze über Gegenstände der Astronomie und Physik für Leser aus allen Ständen von H. W. Brandes. Aus des Verfassers hinterlassenen Papieren, hg. v. Carl Wilhelm Hermann Brandes, 1835.
Übersetzungen und Kommentare:
Die Gesetze des Gleichgewichtes und der Bewegung flüssiger Körper, dargestellt von Leonhard Euler. Übersetzung aus dem 13. bis 16. Band der Novi Comenterarii der Petersburger Akademie mit einigen Abänderungen und Zusätzen, 1806.
John Leslie, Kurzer Bericht von Versuchen und Instrumenten, die sich auf das Verhalten der Luft zu Wärme und Feuchtigkeit beziehen (A Short Account of Experiments and Instruments, Depending on the Relation of Air to Heat and Moisture, 1813), übersetzt mit Anmerkungen, 1823.
Anmerkungen zu David Brewster, Sir Isaak Newtons Leben, nebst einer Darstellung seiner Entdeckungen, 1833.
Aufsätze und Beiträge:
Über die Durchschnitte ebener Flächen mit Flächen zweyter Ordnung, in: Archiv der reinen und angewandten Mathematik 3 (1799), H. 10, S. 138–177.
Fortgesetzte Beobachtungen über die irdische Strahlenbrechung; in: Annalen der Physik 20 (1805), S. 346–353.
Einige meteorologische Bemerkungen vom Ufer der Jahde im Oldenburgischen, in Beziehung auf Beobachtungen in Norwegen, in: Annalen der Physik 31 (1809), S. 435–438.
Aus einem Schreiben des Professor Brandes, meteorologischen Inhalts, in: Annalen der Physik 55 (1817), S. 112–114.
Bericht von dem Erfolg gleichzeitig unternommener Sternschnuppen-Beobachtungen, in: Annalen der Physik 58 (1818), S. 303–326.
Einige Resultate aus der Witterungs-Geschichte des Jahres 1783, und Bitte um Nachrichten aus jener Zeit, in: Annalen der Physik 61 (1819), S. 421–426.
Umständliche Anleitung zur Beobachtung von Sternschnuppen, in: Annalen der Physik 62 (1819), S. 284–299.
Vorschläge zu Witterungsbeobachtungen, in: Journal für Chemie und Physik 29 (1820), S. 261–274.
Beobachtungen mit dem Fraunhoferschen Heliometer, vom Herrn Prof. Brandes in Breslau, unterm 25. May 1821 eingesandt, in: Astronomisches Jahrbuch für das Jahr 1824 (1821), S. 160–167.
Nachricht über den neuesten Fall (2. Febr. 1823) eines ausserordentlich schnellen und tiefen Sinkens des Barometers in Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Polen, in: Annalen der Physik 74 (1823), S. 65–76.
Bemerkungen über das Klima von Leobschütz im Vergleich mit dem zu Breslau, in: Bulletin der Naturwissenschaftlichen Sektion der Schlesischen Gesellschaft 2 (1824), S. 1–5.
Ernst Florenz Friedrich Chladni, Neue Beiträge zur Kenntnis der Feuermeteore und der herabgefallenen Massen, in: Annalen der Physik 82 (1826), S. 161–182.
Ludwig Friedrich Kämtz, Lehrbuch der Meteorologie, T. 2, 1832, S. 49.
Friedrich August Schmidt (Hg.), Neuer Nekrolog der Deutschen 12, 1834 (1836), S. 396–398.
Carl Christian Bruhns, Art. „Heinrich Wilhelm Brandes“, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 3, 1876, S. 242 f. (Onlineressource)
Rudolf Wolf, Notizen zur Kulturgeschichte der Schweiz, in: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich 21 (1876) bis 25 (1880), 21 (1876), S. 395 f., 407 f., 22 (1877), S. 219 f., 426 f., 444, 23 (1878), S. 114 f., 125 f., 189 f., 192, 208, 284–286, 289 f., 294, 24 (1879), S. 139 f., 319 u. 25 (1880), S. 211.
Gustav Hellmann, Repertorium der deutschen Meteorologie, 1883, Sp. 57 f.
Ernst Schwabe, Die Fürstlich Jablonowski’sche Gesellschaft in Leipzig. Ihre Geschichte nach den Quellen dargestellt, 1915, S. 43.
Götz v. Selle (Hg.), Die Matrikel der Georg-August-Universität zu Göttingen 1734–1837, 1937, S. 349, 361 u. 386. (Onlineressource)
Georg Edmund Dann, Rudolph Brandes, Wilhelm Brandes und Heinrich Wilhelm Brandes als Meteorologen und ihre Beziehung zu Goethe. Eine Richtigstellung. in: Deutsche Apotheker-Zeitung 47 (1965), S. 1657–1664.
Manfred Reichstein, Kometen. Kosmische Vagabunden, 1985, S. 138.
Wolfgang Schreier, Die Physik an der Leipziger Universität bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Reihe 34 (1985), H. 1, S. 5–19.
Karl-Heinz Schlote, Zu den Wechselbeziehungen zwischen Mathematik und Physik an der Universität Leipzig in der Zeit von 1830 bis 1904/05, 2004, S. 10 f. u. 34.
Michael Börngen, Heinrich Wilhelm Brandes (1777–1834), in: Gerald Wiemers (Hg.), Sächsische Lebensbilder, Bd. 6, Teilbd. 1, 2009, S. 113–136.
Dieter Michel/Volker Riede, Physik, in: Ulrich von Hehl (Hg.), Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd. 4, Halbd. 2: Fakultäten, Institute, zentrale Einrichtungen, 2009, S. 1228–1284, hier S. 1230 f.
Hartmut Zwahr, Geschichte der Universität Leipzig 1409–2009, Bd. 2: Das neunzehnte Jahrhundert 1830/31–1909, 2010.
Hans-Joachim Girlich, Die Breslauer Schule der Geometrie (I), 2017, S. 2 f.
Michael Börngen, Heinrich Wilhelm Brandes (1777–1834). Erfinder der Wetterkarte, Leipzig 1817/1826, 2017.
Bodo Geyer/Dieter Michel, Geschichte der Physik an der Universität Leipzig, 2023, 1. Bd., S. 166-427 u. 3. Bd. S. 337 f.