Bertsch, Heinrich

Lebensdaten
1897 – 1981
Geburtsort
Rosenfeld (Württemberg)
Sterbeort
Berlin-Ost
Beruf/Funktion
Industriechemiker ; Chemiker
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 142687626 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Bertsch, Gottlob Heinrich
  • Bertsch, Heinrich
  • Bertsch, Gottlob Heinrich
  • Bertsch, H.
  • Bertsch, Heinrich Gottlob

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Zitierweise

Bertsch, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd142687626.html#indexcontent [03.10.2026].

CC0

  • Bertsch, Gottlob Heinrich

    1897 – 1981

    Industriechemiker

    Heinrich Bertschs Arbeiten zu grenzflächenaktiven Stoffen führten in den 1920er und 1930er Jahren zur Entwicklung und Produktion des ersten synthetischen Waschmittels. Nach 1945 beeinflusste Bertsch die Entwicklung der chemischen Industrie in der DDR. Er gehörte 1953 zu den Gründungsmitgliedern der Chemischen Gesellschaft der DDR, gründete 1958 das Institut für Dokumentation, leitete von 1958 bis 1966 das Institut für Fettchemie der Akademie der Wissenschaften und war einige Jahre Mitherausgeber des „Chemischen Zentralblatts“.

    Lebensdaten

    Geboren am 11. Januar 1897 in Rosenfeld (Württemberg)
    Gestorben am 19. März 1981 in Berlin-Ost
    Konfession konfessionslos
    Heinrich Bertsch (InC)
    Heinrich Bertsch (InC)
  • 11. Januar 1897 - Rosenfeld (Württemberg)

    - bis 1916 - Rosenfeld (Württemberg); Ludwigsburg

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Volks- und Lateinschule; Oberrealschule

    1916 - 1919

    Kriegsdienst (zuletzt Leutnant der Landwehr)

    Wintersemester 1918/19 - Juli 1922 - Stuttgart

    Studium der Chemie (1921 Abschluss: Dipl.-Ing.)

    TH

    Juli 1922 - Stuttgart

    Promotion (Dr.-Ing.)

    TH

    1921 - 1922 - Stuttgart

    Laborant

    Firma Eberle & Co.

    1922 - 1924 - Dresden

    Betriebschemiker; Betriebsleiter

    Deutsche Dégras-AG

    1924 - 1941 - Chemnitz

    Chemiker für wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Textilhilfsmittel; seit 1927 Chefchemiker und Prokurist; seit 1935 Geschäftsführer

    H. Th. Böhme AG; seit 1934/35 Böhme Fettchemie GmbH

    1937 - 1945

    Mitglied

    Deutsche Arbeitsfront

    1939 - 1945 - Rodleben bei Dessau

    Vorstandsmitglied; Leiter

    Deutsche Hydrierwerke

    1941 - 1945 - Düsseldorf; Berlin

    Vorstandsmitglied; Geschäftsführer; Leiter des Büros für die Betreuung der mitteldeutschen Werksgruppe der Henkel-Gruppe

    Henkel & Cie. AG

    1943 - 1948 - Chemnitz

    Geschäftsführer; seit 1945 Gesamtleiter und Treuhänder

    Böhme Fettchemie GmbH

    - bis 1945

    Mitglied

    Nationalsozialistische Volkswohlfahrt

    1946

    Mitglied

    KPD, seit April 1946 SED

    1946 - Chemnitz

    Technischer Direktor

    Industrieverwaltung Chemie

    1946 - Chemnitz

    Direktor

    Industrie- und Handelskammer Chemnitz

    1949 - Berlin-Ost

    Leiter

    Hauptverwaltung Chemie der Deutschen Wirtschaftskommission der Sowjetische Besatzungszone

    1950 - 1954 - Berlin-Ost

    Leiter

    Hauptverwaltung Chemie bei dem Ministerium für Industrie der DDR

    1953 - 1963 - Berlin-Ost

    Professor mit Lehrauftrag für Chemische Technologie; Direktor für Chemische Technologie

    Humboldt-Universität

    1954 - 1963 - Berlin-Ost

    Direktor

    Institut für Organische Chemie der Akademie der Wissenschaften (AdW); 1958–1966 auch Institut für Fettchemie der AdW (seit 1962 auf Honorarbasis); 1958–1961 auch Institut für Dokumentation der AdW

    19. März 1981 - Berlin-Ost

    Bertsch besuchte die Volks- und Lateinschule in Rosenfeld (Württemberg) und die Oberrealschule in Ludwigsburg, wo er 1916 das Abitur erhielt. Anschließend leistete er Kriegsdienst. Nach seiner Entlassung als Leutnant der Landwehr zu Beginn des Jahres 1919 studierte er an der TH Stuttgart Chemie (1921 Dipl.-Ing.) und wurde 1922 bei Alexander Gutbier (1876–1926) und Georg Grube (1883–1966) mit der Arbeit „Studien über Chlorosalze des Rhodiums“ zum Dr.-Ing. promoviert.

    Noch während des Studiums arbeitete Bertsch als Laborant und danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Firma Eberle & Co. in Stuttgart, ehe er 1922 als Betriebschemiker und -leiter nach Dresden zur Deutschen Dégras-AG wechselte. Nach deren Liquidation wurde er 1924 bei der H. Th. Böhme AG Chemnitz als Chemiker für wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Textilhilfsmittel angestellt. 1927 erhielt er die Prokura und wurde zum Chefchemiker ernannt.

    In dieser Zeit forschte Bertsch an der Reaktion von Rizinusöl mit Schwefelsäure unter verschiedenen Reaktionsbedingungen. 1925 meldete er das Patent „Verfahren zur Herstellung türkischrotölartiger Produkte“ an. Damit verbesserte er die Reaktionsbedingungen für die seit 1834 durch Versuche von Friedlieb Ferdinand Runge (1794–1867) bekannte Umsetzung von Schwefelsäure mit Rizinusöl ganz wesentlich. In den folgenden Jahren widmete er sich Untersuchungen zu Monoestern der Schwefelsäure mit langkettigen aliphatischen Alkoholen. Unter seiner Leitung wurde 1932 das erste vollsynthetische Waschmittel der Welt entwickelt, das sich dadurch auszeichnete, dass es faserschonend war. Unter dem Markennamen Fewa (als Abkürzung für Feinwaschmittel) wurde die erfolgreiche Produktion 1935 in der Böhme-Fettchemi GmbH, später von Henkel & Cie – unter Bertschs Leitung – und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1992 von dem VEB Fettchemie Karl-Marx-Stadt fortgeführt. Spätere Forschungsarbeiten von Bertsch am Institut für Organische Chemie der Akademie der Wissenschaften standen im engen Zusammenhang mit der Tensidchemie.

    1935 erfolgte Bertschs Berufung zum Geschäftsführer der Böhme-Fettchemie GmbH und 1939 zum Leiter der zu Henkel gehörigen Deutschen Hydrierwerke AG Rodleben. Henkel & Cie übernahm 1941 die Böhme-Fettchemie GmbH und Bertsch wurde Vorstandsmitglied und Geschäftsführer. Seit 1941 leitete er auch das Büro für die Betreuung der mitteldeutschen Werksgruppe der Henkel-Gruppe mit Sitz in Berlin, blieb aber infolge der Kriegszerstörungen in Berlin im Wesentlichen in Chemnitz und Rodleben bei Dessau. Bertsch übernahm 1943 auch wieder die Geschäftsführung der Böhme Fettchemie GmbH Chemnitz. Seine Rolle bei dem Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern im Henkel-Unternehmen wurde noch nicht untersucht.

    Bertsch, der während des Zweiten Weltkriegs nicht eingezogen wurde, verließ 1945 als einziger Geschäftsführer der Henkel-Betriebe die Sowjetische Besatzungszone nicht und übernahm wissenschafts- und industrieorganisatorische Aufgaben: 1945 die treuhänderische Leitung und nach der Enteignung bis 1948 die Werksleitung der Böhme Fettchemie GmbH Chemnitz, 1946 zusätzlich die Direktion der Industrie- und Handelskammer Chemnitz. 1947 wurde ihm die gesamte chemische Industrie des Landes Sachsen unterstellt. 1949 ging er nach Berlin und leitete die Hauptverwaltung Chemie der Deutschen Wirtschaftskommission. 1950 bis 1954 war er Leiter der Hauptverwaltung Chemie bei dem Ministerium für Industrie der DDR. Bertsch initiierte die Gründung der Vereinigung Volkseigener Betriebe der chemischen Industrie in Halle an der Saale.

    Wissenschaftlich aktiv wurde Bertsch 1953 mit seiner Berufung zum Professor mit Lehrauftrag für Chemische Technologie und zum Direktor für Chemische Technologie an der Humboldt-Universität in Berlin-Ost (emeritiert 1963). Von 1958 bis 1966 stand er dem neu gegründeten Institut für Fettchemie bei der Akademie der Wissenschaften und zusätzlich bis 1961 dem Institut für Dokumentation vor. Seine wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen sich mit der Synthese grenzflächenaktiver Stoffe und der Herstellung synthetischer Waschmittel. In den 1950er und 1960er Jahren standen Untersuchungen zu Reaktionen an Kohlenhydraten im Mittelpunkt, um auf diese Weise Tenside gewinnen zu können. Zu seinen Schülern gehörten u. a. Anneliese Greiner (geb. 1926) , Günter Kretzschmar (1927–2007) und Heinz Reinheckel (1929–1983).

    Darüber hinaus war Bertsch an der Neuorganisation der Chemie in der DDR beteiligt, u. a. 1953 als Mitgründer der Chemischen Gesellschaft der DDR. Von 1957 bis 1969 gab er mit Wilhelm Klemm (1896–1985) das „Chemische Zentralblatt“ heraus, das älteste Referateblatt auf dem Gebiet der Chemie, das auch nach der Teilung Deutschlands bis 1969 als gesamtdeutsches Projekt existierte. Zugleich wirkte er in verschiedenen Gremien, so in der Kommission für kernphysikalische Forschung, im Kuratorium der Forschungsgemeinschaft, in der Kommission Schwarze Pumpe als Vorsitzender, im Kuratorium des Wilhelm-Ostwald-Archivs Großbothen und in der Kommission für Standardisierung der Kammer der Technik.

    vor 1946 Kriegsverdienstkreuz für Erfindungen auf dem Waschmittelgebiet
    bis 1937 Mitglied des Vereins Deutscher Chemiker
    1937–1945 Mitglied des Nationalsozialistischen Bunds Deutscher Technik
    1953 ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Berlin-Ost (1957–1961 Sekretar der Klasse für Chemie, Geologie und Biologie)
    1953 Mitgründer der Chemischen Gesellschaft der DDR (1972 Ehrenmitglied)
    1953 Nationalpreis der DDR II. Klasse
    1959 Vaterländischer Verdienstorden in Silber

    Nachlass:

    Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin.

    Weitere Archivmaterialien:

    Staatsarchiv Sachsen. (Akten zur Böhme Fettchemie GmbH, Chemnitz und Industrie- u. Handelskammer Chemnitz)

    Universitätsarchiv Stuttgart, 7/163 (Akten, betreffend Diplomhauptprüfungen der Chemiker u. Hütteningenieure im Studienjahr 1920/21) u. 10/103. (Promotionsverzeichnis vom 22.2.1901 bis 24.7.1934)

    Schriften:

    Studien über Chlorosalze des Rhodiums, 1922. (Diss.)

    Wirkung kationaktiver Fettstoffe auf die pflanzliche Faser, in: Angewandte Chemie 48 (1935), S. 52 f.

    Walther Schrauth zum Gedächtnis, in: Fette und Seifen 46 (1939), S. 265 f.

    Heinrich Bertsch/Anneliese Greiner/Günter Wagner, Gewinnung von Fettsäuren und Fettalkoholen durch Ozonspaltung von Olefinen, in: Chemische Technik 10 (1958), H. 12. S. 690–692.

    Die Perspektiven der Dokumentation und Information in der DDR, in: Dokumentation 6 (1959), H. 4/5, S. 101–105.

    Heinrich Bertsch/Ernst Ulsperger/Werner Gerhardt, Grezflächenaktive Polyhdroxyverbindungen IX. N-n-Alkylcarbaminsäure-D-glucopyranose-ester-6 der Kettenlänge C8-C12, in: Journal für praktische Chemie 11 (1960), S. 265–271.

    Heinrich Bertsch/Günter Kretzschmar/Horst Fruhner, Beiträge zur Kenntnis des Waschprozesses I. Beschreibung eines Gerätes zur direkten kontinuierlichen Messung des Weißgehalts von Stoffproben in der Waschflotte, in: Fette, Seifen, Anstrichmittel, die Ernährungsindustrie 63 (1961), S. 843 f.

    Heinrich Bertsch/Ernst Ulsperger/Manfred Bock, Grenzflächenaktive Polyhydoxyverbindungen XIV. Über Umsetzungen von Mono- und Di-isocyanato-trans-stilbenen mit 2,3,4,6-Tetraacetyl-β-D-glucopyranose, in: Journal für praktische Chemie 13 (1961), S. 134–137.

    Heinrich Bertsch/Heinz Reinheckel/Günther Czichocki, Darstellung und Eigenschaften der Ricinolsäure- und 12-Hydroxy-stearinsäure-n-alkylester von normal primären Alkoholen der Kettenlänge C1 bis C6 bzw. C1 bis C5, in: Fette, Seifen, Anstrichmittel, die Ernährungsindustrie 67 (1965). S. 780–783.

    Patente:

    H. Th. Böhme AG Chemnitz, DE000000553503A Verfahren zur Herstellung türkischrotölartiger Produkte, angemeldet 12.11.1925, veröffentlicht 27.6.1932.

    H. Th. Böhme AG, DE000000557662A Verfahren zur Herstellung sulfonierter Oele mit hohem Netzvermögen, angemeldet 11.03.1930, veröffentlicht 10.09.1932.

    H. Th. Böhme AG, US000001868376A Textile Treatment Liquid, angemeldet 20.08.1928, veröffentlicht 19.07.1932

    H. Th. Böhme AG, US000002049758A Process for the Production of Glucosides of Higher Aliphatic Alcohols, angemeldet 31.05.1934, veröffentlicht 04.08.1936.

    Mitherausgeberschaft:

    Chemisches Zentralblatt, 1965–1969.

    Beiträge:

    Fritz Püschel, Heinrich Bertsch zum 65. Geburtstag, in: Zeitschrift für Chemie 2 (1962), H. 1, S. 1 f.

    Heinz Reinheckel, Heinrich Bertsch. 70 Jahre, in: Fette, Seifen, Anstrichmittel 69 (1967), S. 157 f.

    Rückschau auf die Gründung der Chemischen Gesellschaft der DDR, in: Mitteilungsblatt der Chemischen Gesellschaft der DDR 25 (1978), H. 10, S. 202–206.

    Jörg Feldkamp (Hg.), Die Chemnitzer Fettchemie. Von der Seifensiederei und Drogenhandlung zum Chemiebetrieb, Begleitschrift zur Ausstellung im Industriemuseum Chemnitz, 1997, S. 44–52.

    Renate Kießling, Die Chemische Gesellschaft der DDR. T. 1: Die Gründungsgeschichte, in: Mitteilungen der Gesellschaft Deutscher Chemiker / Fachgruppe Geschichte der Chemie 23 (2013), S. 145–175.

    Lexikonartikel:

    J. C. Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften, Bd. 7a, 1958, S. 165 f.

    Anneliese Greiner, Art. „Bertsch, Heinrich“, in: Hans-Ludwig Wußing (Hg.), Fachlexikon abc. Forscher und Erfinder, 1992, S. 62 f.

    Horst Kant, Art. „Bertsch, Heinrich“, in: Helmut Müller-Enbergs/Jan Wielgohs/Dieter Hoffmann (Hg.), Wer war wer in der DDR? Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, 2000, S. 70. (Onlineressource)

    Nachrufe:

    Eberhard Leibnitz, Ein Leben für die produzierende Chemie. Zum Tode von Akademiemitglied Heinrich Bertsch, in: Spectrum. Die Monatszeitschrift für den Wissenschaftler 9 (1981), S. 22 f.

    Heinz Reinheckel, Nachruf auf Heinrich Bertsch, in: Mitteilungsblatt der Chemischen Gesellschaft der DDR 28 (1981), H. 6, S. 140.

    Fotografie, Sächsisches Staatsarchiv, Chemnitz, Bestand 30953 - VEB Fettchemie Karl-Marx-Stadt. (Betriebsgeschichte, Foto-Archiv I: Chronologie 1945-1971)

  • Autor/in

    →Gisela Boeck (Rostock)

  • Zitierweise

    Boeck, Gisela, „Bertsch, Heinrich“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd142687626.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA