Wiener, Alfred
- Lebensdaten
- 1885 – 1965
- Geburtsort
- Potsdam
- Sterbeort
- London (Großbritannien)
- Beruf/Funktion
- Verbandsfunktionär ; Orientalist ; Publizist ; Bibliotheksdirektor ; Holocaustforscher
- Konfession
- -
- Normdaten
- GND: 119543230 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Wiener, Alfred
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Wiener, Alfred
| Verbandsfunktionär, Orientalist, Publizist, Bibliotheksgründer und -direktor, * 16.3.1885 Potsdam, † 4.2.1964 London (Großbritannien), ⚰London, Hoop Lane Cemetery. (jüdisch)
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Genealogie
V Karl (Carl) (1855–95), Kaufm. in P. u. Bentschen;
M Amalie Rosenberg (1860–1938), Geschäftsinh., emigrierte 1936 n. Amsterdam;
⚭ 1) Berlin 1921 Margarete Saulmann (1895–1945), aus Hamburg, Dr. phil., Nat.ök., Autorin, bis 1933 Vorstandsmitgl. d. Vereinigung d. Nat.ökonominnen Dtld.s (VdN), emigrierte n. Amsterdam, inhaftiert im KZ Westerbork, dann Bergen-Belsen, zuletzt in St. Gallen oder Kreuzlingen (s. W), 2) London 1953 Lotte Philips;
1 S aus 1) Karl Kurt (1922–1928), 3 T aus 1) Ruth (1927–2011, ⚭ Paul Klemens, 1925–2012, Prof. f. Physik an d. Univ. of Connecticut, s. Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft), Lehrerin in West Hartford (USA) (s. Qu), Eva (1930–77, ⚭ Ted Plaut,* 1926), Graphikerin u. Dozentin an d. New School for Social Research in New York, Mirjam (1933–2017, ⚭ Ludwik Finkelstein, 1929–2011, Order of the Brit. Empire, Ph. D., Prof. f. Measurement and Instrumentation an d. City Univ. of London), Lehrerin in L. -
Biographie
W. wuchs in Bentschen (Prov. Posen) und in Potsdam auf, wo er das Ev. Viktoria-Gymnasium besuchte. Die preuß. Erziehung erklärte er später als genauso prägend für sein Leben wie die jüd. Wurzeln. Nach dem Abitur 1903 begann er ein Rabbinatsstudium an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. 1905 wechselte er zu einem Studium der Orientalistik an die Univ. Berlin. 1907–09 bereiste er Ägypten und den Nahen Osten, wo er sich mit arab. Kultur und Literatur auseinandersetzte. Nach Fortsetzung seines Studiums an der Univ. Heidelberg wurde W. dort 1913 mit einer Arbeit zur arab. Literatur zum Dr. phil. promoviert. Erste Berufserfahrungen sammelte er als Privatsekretär von Paul Nathan (1857–1927), dem Vorsitzenden des Hilfsvereins der dt. Juden. Im 1. Weltkrieg kämpfte W. als Soldat in Frankreich und an der Sinaifront. Nach Kriegsende ergriff er gegen antisemitische Verleumdungen mit Vehemenz Partei für jüd. dt. Soldaten. In seiner Schrift „Vor Pogromen? Tatsachen für Nachdenkliche“ (1919) rief er dazu auf, dem „Pogromantisemitismus“ mit Distanz und Ratio zu begegnen. Seit 1919 war W. auch für den „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (CV) tätig: bis 1923 als Syndikus des Landesverbandes Groß-Berlin, anschließend als stellv. Direktor. Gleichzeitig gehörte er zur Leitung des „Philo Verlags“. Eine Reise durch Palästina, die W. 1926 im Auftrag des CV unternahm, bestärkte ihn in seiner zionismuskritischen Haltung.
Ende der 1920er Jahre war der CV die bedeutendste Organisation der Juden in Deutschland. Als einer ihrer Sprecher verfolgte W. den Aufstieg der NSDAP mit großer Besorgnis. Neue Strategien gegen die immer radikaler agierenden Antisemiten entwickelte das von ihm an der Seite von Hans Reichmann (1900–1964) und Walter Gyßling (1903–1980) 1928 mitinitiierte „Büro Wilhelmstraße“, das Informationen sammelte und Gegenpropaganda betrieb. Nach den Wahlerfolgen der NSDAP 1932 warnte W. die demokratischen Eliten vor der drohenden Gefahr. Hitlers Ernennung zum Reichskanzler im Jan. 1933 galt ihm auch als eigene Niederlage. Im Herbst 1933 emigrierte W. mit seiner Familie in die Niederlande. In Amsterdam gründete er mit David Cohen (1882–1967) das „Jewish Central Information Office“ (JCIO), das Informationen über NS-Deutschland auswertete und verbreitete. Vor dem drohenden Krieg transferierte W. den Großteil des JCIO nach London, wo es seit dem 1.9.1939 als „Dr. Wiener’s Library“, später als „Wiener Library“ die Arbeit fortsetzte. Die Library wurde zur wichtigsten Informationsquelle der BBC und brit. Regierungsabteilungen über NS-Deutsch|land. W. selbst betrieb die Recherche- und Informationsarbeit seit 1940 von New York aus.
W.s Bemühungen, seine Familie und verbliebene JCIO-Mitarbeiter aus den Niederlanden herauszuholen, blieben vergeblich. W.s Familie wurde 1943 in Westerbork interniert und 1944 nach Bergen-Belsen deportiert. Im Jan. 1945 bei einem Gefangenenaustausch befreit, starb W.s Frau unmittelbar hinter der Schweizer Grenze. W. kehrte im April 1945 nach London zurück und holte 1947 seine zunächst zu US-amerik. Pflegefamilien gegebenen Töchter zu sich.
Nach Mai 1945 richtete sich die „Wiener Library“ neu aus. Ihre Dokumentensammlung spielte eine wichtige Rolle bei den Nürnberger Prozessen. Von großer Bedeutung war auch die 1945 begonnene Sammlung von Augenzeugenberichten über den Holocaust. Ein 1955 entwickelter Plan zum Transfer an die Univ. Jerusalem zerschlug sich. In London gelangen unter W.s Direktion bis 1961 Konsolidierung und Erweiterung. Seit den 1950er Jahren unternahm W. regelmäßig Vortragsreisen in die Bundesrepublik, auf denen er v. a. junge Menschen erreichen wollte. W. verkörperte ein dt. Judentum, das bis weit in die Weimarer Republik hinein von einer geglückten Akkulturation überzeugt blieb. Im Kampf gegen den Antisemitismus setzte er auf Information und Aufklärung. Sein Lebenswerk, die Wiener Library, ist heute eines der bedeutendsten Holocaust-Dokumentations- und Forschungszentren.
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Auszeichnungen
|E. K. II. Kl.;
Eiserner Halbmond;
Gr. BVK (1955);
Heinrich-Stahl-Preis d. Jüd. Gde. Berlin (postum 1964);
– Mitgl. d. Bundesvorstands d. Reichsbunds jüd. Frontsoldaten, d. Vorstands d. Bundes d. Asienkämpfer, d. Jüd.-Rel. Mittelpartei (alles vor 1933) u. d. Loge B’nai B’rith;
ehrenamtl. Sekr. d. Dt. Ges. f. Islamkde.;
Vorstandsmitgl. d. Leo Baeck Inst. London (1955–64) u. d. Wiener Library (1961–1964);
Mitgl. d. Dt.-Ev. Ausschusses f. Dienst an Israel. -
Werke
|Die Faraǧba ͑ dašŠidda-Literatur, Von Madā͗in ībis Tanūh̆ī, Ein Btr. z. arab. Lit.gesch., 1913 (Diss.);
Das dt. Judentum in pol., wirtschaftl. u. kultureller Hinsicht, Vortr. d. Syndikus d. Centralver. dt. Staatsbürger jüd. Glaubens am 25. Febr. 1924 (gekürztes Stenogramm), 1924;
Krit. Reise durch Palästina, 1927, Neuaufll. 1927 u. 1928;
Der Kirchenstreit in Dtld., Bibel u. Rasse, hg. v. K. Baschwitz, 1934;
– Bibliogr.: B. Barkow, A. W. (…), 1997 (s. L), S. 196–206;
– Qu u. Nachlaß: Wiener Library, London;
Jewish Nat. and Univ. Archive, Jerusalem;
Ruth Wiener Klemens Collection;
Leo Baeck Inst., London;
Univ.archiv Heidelberg;
Univ.archiv d. HU Berlin;
– zu Margarete W.: Vom nat.sozialist. Wirtsch.progr., Eine krit. Betrachtung, 1931. -
Literatur
|R. Weltsch, in: The Leo Baeck Inst. Year Book 9, 1964, S. XXVIII–XXX;
E. Reichmann, A. W., The German Jew, in: Wiener Library Bull. 19, Jan. 1965, S. 10 f.;
A. Paucker, Der jüd. Abwehrkampf gegen Antisemitismus u. NS in d. letzten Jahren d. Weimarer Rep., 1968;
C. C. Aronsfeld, A. W. (1885–1964), in: Theokratia, Jb. d. Institutum Judaicum Delitzschianum 1, 1967–69, S. 144–59;
B. Barkow, A. W. and the Making of the Holocaust Library, 1997 (P);
ders., The Wiener Library, Founding Vision and Early Hist., in: A. Grenville u. A. I. M. Reiter (Hg.), „I Didn’t Want to Float, I Wanted to Belong to Something“, Refugee Organizations in Britain 1933–1945, 2008, S. 137–51 (P);
A. Barkai, „Wehr Dich!“, Der Centralver. dt. Staatsbürger jüd. Glaubens (C.V.) 1893–1938, 2002;
BHdE I;
Enc. Jud.;
Munzinger;
Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L). -
Porträts
|Photogrr. (Wiener Library, London), Abb. in: B. Barkow, 1997 u. 2008 (s. L).
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Autor/in
Cordula Lissner -
Zitierweise
Lisner, Cordula, "Wiener, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 90-91 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119543230.html#ndbcontent