Lebensdaten
1901 bis 1983
Geburtsort
Wien
Sterbeort
New York
Beruf/Funktion
Photographin
Konfession
katholischer Vater
Normdaten
GND: 119048604 | OGND | VIAF: 7469443
Namensvarianten
  • Stern, Lisette (seit 1903)
  • Seybert, Lisette (bis 1903)
  • Model, Lisette
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Zitierweise

Model, Lisette, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119048604.html [13.04.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Viktor Stern (seit 1903 Seybert, 1866–1924, isr.), Dr. med., bis 1917 Militärarzt in W., Teilhaber e. pharmazeut. Fabrik in Mailand, S d. Bernhard, Kaufm. aus Böhmen, u. d. Elisa Pacifico aus Venetien M Félicie (* 1866, kath.) aus Albens (Savoyen), T d. François Picus u. d. Michelle Matrod;
    B Salvator (* 1900), Fabr. in Mailand;
    Schw Olga (* 1909), Photographin in Frankreich, dann in Venezuela;
    Paris 1937 Evsa Model (* 1899, isr.) aus Nikolajewsk/Amur, verließ 1917 Rußland, kam 1920 – über China, Japan, Indien, Ägypten, Italien – nach Paris, um Malerei zu studieren, eröffnete hier 1927 e. Kunstbuchhandlung u. Gal.; kinderlos.

  • Leben

    Der Vater, ein wohlhabender, sehr gebildeter, musischer Arzt, der jedoch unter Depressionen litt und 1917 an Krebs erkrankte, ließ seinen drei Kindern Privatunterricht erteilen. M. sprach seit ihrer Kindheit Deutsch, Italienisch und Französisch und spielte Violine. Sexuelle Belästigungen durch ihren Vater führten zu prägenden traumatischen Erfahrungen. Erst Jahre später konnte sie sich einigermaßen davon lösen, nachdem sie sich in Paris einer psychoanalytischen Behandlung unterzogen hatte. Seit 1918 erhielt M. Klavierunterricht von Eduard Scheuermann. 1920 trat sie in die 1903 von Eugenie Schwarzwald gegründete private Mädchenschule ein, an der u. a. Arnold Schönberg, Oskar Kokoschka und Adolf Loos unterrichteten. M. widmete sich nun – mit dem Wunsch, Pianistin und Sängerin zu werden – bei Schönberg ganz der Musik. Ihre Familie war mit jener Schönbergs eng befreundet. Nach dem Tod seiner Frau Mathilde 1923 zog Schönberg in das Haus der Familie Seybert, der er ein Streichquartett widmete. Die Freundschaft M.s mit Schönbergs Tochter Trudi (1902–47) bewährte sich vor allem im gemeinsamen amerikan. Exil. 1926 kehrte M.s Mutter mit ihren beiden Töchtern in ihre Heimat zurück. Sie lebte mit der jüngeren Tochter Olga in Nizza bei einem Onkel, der Geistlicher war, während M. sich in Paris niederließ. Sie nahm Gesangsunterricht bei Marie Gutheil-Schoder und bei Maria Freund, die sie von Wien her kannte. 1933 mußte sie sich eingestehen, daß ihre musikalische Begabung nur mittelmäßig war. Sie ging zu André Lhote, um Malerei zu studieren. In dieser Situation wurde eine Wiederbegegnung mit dem Komponisten Hanns Eisler (1898–1962), einem Mitschüler bei Schönberg, wichtig, der sie unumwunden aufforderte, etwas Sinnvolles zu erlernen, und sie auf die Photographie verwies.

    Olga, die in Wien bei Lotte Meitner-Graf und in Paris bei Ergy Landau, Kamilla Koffler („Ylla“) und Nora Dumas gelernt hatte, führte ihre Schwester in die Technik der Photographie ein. Ausgerüstet mit einer Rolleiflex, wanderte M. mit der Photographin Rogi André durch Paris. In Nizza photographierte sie mit Vorliebe auf der Promenade des Anglais, die sie als eine Art Freilichtstudio voller interessanter Menschen empfand. Ihre Aufnahmen zeigen den Einfluß des österr. Expressionismus. Sie sind intuitiv und einfühlsam – später gab M. ihren Schülern immer wieder den Rat: „Schießt aus dem Bauch heraus!“ Sie entblößen und durchdringen die äußere Fassade, häufig überzeichnen und karikieren sie, meist spricht aus ihnen unmittelbarer Witz und warme Menschlichkeit. Eine Reihe ihrer Aufnahmen aus Nizza, die sehr sozialkritisch, fast satirisch wirken, erschienen im Februar 1935 in der kommunistischen Zeitschrift „Regards“ als Illustrationen zu einem Artikel über die Côte d'Azur.

    Im Oktober 1938 verließen M. und ihr Mann Frankreich, um sich in New York niederzulassen, wo sie in deutschen und österr. Emigrantenkreisen rasch Aufnahme und Unterstützung – etwa durch den Bildredakteur Ralph Steiner – fanden. M. widmete sich hauptsächlich drei Themen: Fensterspiegelungen, laufenden Beinen und Porträts. Es faszinierte sie, Schaufenster zu photographieren, in denen sich das Leben auf der Straße spiegelt, durch die aber auch der Raum dahinter hindurchscheint. Auf diese Weise gelang ihr eine Vereinigung zweier Welten, des Innen- und Außenbereichs. In den teils surrealistisch wirkenden „Laufenden Beinen“ wollte M. nicht nur die Hektik der Straßen einfangen, sondern die Vereinsamung des Menschen in der Masse darstellen. Andererseits war sie beeindruckt von der multikulturellen Prägung des amerikan. Alltags. Bei den Porträts interessierte sich M. für die kleinen Schauspieler, Sänger, Gaukler, Transvestiten und Außenseiter, wie sie auf der Straße, in Bars und Clubs anzutreffen sind. So entstand eine Galerie von skurrilen Individualisten und Exzentrikern.

    Beaumont Newhall und Edward Steichen vom New Yorker Museum of Modern Art wurden sehr bald auf M. aufmerksam; seit 1940 kauften sie Photographien von ihr und ermöglichten ihr die Ausstellung ihrer Werke. 1941-55 arbeitete M. für die Zeitschrift „Harpers Bazaar“. Seit 1949 lehrte sie an der California School of Fine Arts in San Francisco, seit 1951 auch an der New School for Social Research in New York. Zu ihren Schülern zählten Larry Fink und vor allem Diane Arbus, deren Schaffen sehr stark von M. geprägt ist. 1953 und 1966 kehrte sie besuchsweise nach Europa zurück, 1954 photographierte sie auf Einladung der venezolan. Regierung in Caracas, der Wahlheimat ihrer Schwester Olga.

  • Werke

    Künstler. u. schriftl. Nachlaß (Negativ-Archiv, Vorlesungsmss., Korr. etc.) in d. National Gallery of Canada, Ottawa;
    Photographien in zahlr. Museen, bes. Nordamerikas.

  • Literatur

    D. Arbus, An Aperture Monograph, 1972;
    Joan A. Smith, Schoenberg and his Circle, A Viennese Portrait, 1986;
    L. M., in: Camera 56, Nr. 12, Dez. 1988 (Einl. v. A. Porter, Darst. v. B. Abbott, Autobiogr. M.s, Abb. v. W, Liste d. Ausstellungen);
    M. Israel (Hrsg.) u. B. Abbott (Vorwort), L. M., 1979 (dt. 1980, Abb. v. W, L); Ausst.kat. u. a.: Washington 1976, New York 1981, Essen 1981, Ottawa 1990 (bes. ausführlich), Köln 1992 (alle mit Abb. v. W, L, P
    ).

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Model, Lisette" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 595-597 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119048604.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA