Speier, Hermine

Lebensdaten
1889 – 1989
Geburtsort
Frankfurt am Main
Sterbeort
Montreux (Kanton Waadt)
Beruf/Funktion
Archäologin ; Fotothekarin ; Archäologin ; Museumsleiterin
Konfession
jüdisch, seit 1939 römisch-katholisch
Normdaten
GND: 1015325815 | OGND | VIAF: 12822032
Namensvarianten

  • Speier, Hermine
  • Speier, Eminia

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Zitierweise

Speier, Hermine, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1015325815.html [03.04.2026].

CC0

  • Speier, Hermine

    1898 – 1989

    Archäologin, Fotothekarin

    Die Archäologin Hermine Speier war eine Pionierin der fotothekarischen Praxis. Dank ihres Engagements entstanden seit 1928 am Deutschen Archäologischen Institut in Rom und seit 1934 an den Vatikanischen Museen systematisch geordnete Fototheken. Seit Ende der 1950er Jahren koordinierte sie die Neuauflage des römischen Antikenführers „Helbig“ (4 Bde., 1963–1972). Speier war eine der ersten Frauen mit besoldeter Arbeitsstelle im Vatikan und leitete von 1962 bis 1966 die Antikenabteilung der Vatikanischen Museen.

    Lebensdaten

    Geboren am 28. Mai 1898 in Frankfurt am Main
    Gestorben am 12. Januar 1989 in Montreux (Kanton Waadt)
    Grabstätte Campo Santo Teutonico in Vatikan
    Konfession jüdisch, seit 1939 römisch-katholisch
    Hermine Speier, DAI Rom, Archiv (InC)
    Hermine Speier, DAI Rom, Archiv (InC)
  • 28. Mai 1898 - Frankfurt am Main

    - bis 1918 - bis 1916 Frankfurt am Main; 1918 Wiesbaden

    Schulbesuch (Abitur: Abitur als Externe)

    bis 1916 Viktoria-Schule (Städtische Höhere Mädchenschule); 1918 privates Institut

    1918 - 1919 - Frankfurt am Main; 1919 Gießen

    Studium der Philosophie

    Universität

    1919 - 1925 - Heidelberg

    Studium der Germanistik, seit 1922 der Klassischen Archäologie

    Universität

    1925 - Heidelberg

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1925 - 1928 - Königsberg (Preußen, heute Kaliningrad, Russland)

    Archäologisches Seminar und Museum der Universität

    1928 - März 1934 - Rom

    wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Ludwig Curtius (1874–1954); archäologische Fotothekarin

    Deutsches Archäologisches Institut

    1934 - 1943 - Rom

    wissenschaftliche Mitarbeiterin; Fotothekarin

    Vatikanische Museen

    1943 - Juni 1944 - Rom

    Leben im Untergrund

    Benediktinerinnenkloster an den Priscilla-Katakomben

    1945 - 1961 - Rom

    Fotothekarin

    Vatikanische Museen

    1956 - 1963 - Rom

    Arbeit am Antikenführer „Helbig“

    1961 - 1966 - Rom

    Leiterin

    Antikenabteilung der Vatikanischen Museen

    1965 - 1973 - Rom

    ehrenamtliche Bibliothekarin

    Päpstliche Römische Akademie für Archäologie

    ca. 1983 - Montreux (Kanton Waadt)

    Übersiedlung

    12. Januar 1989 - Montreux (Kanton Waadt)

    Speier wuchs in einer gutbürgerlichen jüdischen Unternehmerfamilie in Frankfurt am Main auf und bestand 1918 ihr Abitur an einer privaten Studienanstalt in Wiesbaden. Im Anschluss studierte sie 1918/19 Philosophie in Frankfurt am Main und Gießen, ehe sie an die Universität Heidelberg wechselte, um u. a. bei Friedrich Gundolf (1880–1931), über den sie Zugang zum Heidelberger George-Kreis fand, Germanistik zu studieren. 1922 entschied sich Speier unter dem prägenden Einfluss ihres wichtigsten akademischen Lehrers Ludwig Curtius (1874–1954) für ein Studium der Klassischen Archäologie. In dieser Zeit entstanden lebenslange Freundschaften zu Reinhard Herbig (1898–1961), Otto J. Brendel (1901–1973) und v. a. Ernst Langlotz (1895–1978).

    1925 wurde Speier mit der von Curtius betreuten Dissertation „Die Gruppen angelehnter Figuren im V. und IV. Jahrhundert“ (gedr. 1932 u. d. T. „Zweifiguren-Gruppen im fünften und vierten Jahrhundert vor Christus“) zur Dr. phil. promoviert. Im selben Jahr wechselte sie als Assistentin an das von Bernhard Schweitzer (1892–1966) geführte Archäologische Seminar und Museum der Universität Königsberg (Preußen, heute Kaliningrad, Russland), wo sie bis 1928 eine rudimentäre archäologische Fotosammlung aufbaute und die Sammlung der Gipsabgüsse neu organisierte.

    Als Curtius 1928 Erster Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Rom wurde, betraute er Speier dort mit dem Aufbau einer Fotothek. Speier ordnete den Bestand tausender Fotografien antiker Objekte, davon rund 3000 aus dem Nachlass des früheren Institutsleiters Walther Amelung (1865–1927). Ihre systematische Erfassung des Bildmaterials ermöglichte erstmals gezielte Zugriffe auf die Fotografien, die als Medium im Begriff waren, die Archäologie als vergleichende Disziplin auf eine neue wissenschaftliche Ebene zu heben. Am Institut begegnete sie u. a. Guido Kaschnitz von Weinberg (1890–1958), Karl Schefold (1905–1999) und Erich Boehringer (1897–1971). Dessen in Genf ansässiger Bruder, der Unternehmer und Dichter Robert Boehringer (1884–1974), unterstützte Speier als Mentor über Jahrzehnte materiell und geistig.

    Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland konnte Curtius Speier noch bis März 1934 am DAI halten, ehe sie aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen wurde. Dank seiner Kontakte zu Bartolomeo Nogara (1868–1954), dem Direktor der Vatikanischen Museen, gelang es Curtius, Speier eine analoge Position an den päpstlichen Sammlungen zu vermitteln. Im Vatikan lagerte eine ungeordnete Fotosammlung von rund 30 000 Negativen auf Glasplatten und weitaus mehr Abzügen, die Speier in den folgenden Jahren katalogisierte. Hierbei arbeitete sie eng mit dem Archäologen Filippo Magi (1905–1986) und dem Direktor der Vatikanischen Pinakothek, Deoclecio Redig de Campos (1905–1989), zusammen.

    Zu Speiers Freundeskreis in Rom zählten u. a. der Gesandtschaftsrat Albrecht von Kessel (1902–1976) und der deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl, Ernst von Weizsäcker (1882–1951), den Speier zeitlebens gegen den Vorwurf des Antisemitismus und der Tatenlosigkeit angesichts der Judenverfolgung verteidigte. 1940 zerschlug sich ihre Verlobung mit dem italienischen General Umberto Nobile (1885–1978) aufgrund von dessen vorübergehendem Exil in den USA. Ein Visum nach Brasilien, das der Vatikan ihr 1940 verschaffte, nutzte Speier nicht. Während der Besetzung Roms durch die Wehrmacht 1943/44 hielt sie sich im Benediktinerinnenkloster an den Priscilla-Katakomben in Rom versteckt.

    Nach Ende des Zweiten Weltkriegs entschied sich Speier für einen Verbleib an den Vatikanischen Museen, wo sie 1959 eine Festanstellung erhielt. 1946 gelang ihr ein international aufsehenerregender archäologischer Fund, als sie einen Marmor-Pferdekopf aus den Magazinen der Vatikanischen Museen als griechisches Original aus dem Westgiebel des Parthenon auf der Akropolis identifizierte. 1961 wurde sie als einzige verbliebene Archäologin de facto Leiterin der vatikanischen Antikenabteilung.

    Neben ihrer Museumsarbeit koordinierte Speier seit 1956 die vierte, völlig neu bearbeitete Auflage von Wolfgang Helbigs (1839–1915) erstmals 1891 veröffentlichtem „Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom“ (4 Bde., 1963–1972). Zur Redaktion der Texte gewann sie junge Archäologinnen und Archäologen wie Bernard Andreae (geb. 1930), Klaus Fittschen (1936–2026), Wolf-Dieter Heilmeyer (geb. 1939), Erika Simon (1927–2019) und Paul Zanker (geb. 1937). Aufgrund ihres Wirkens in den Vatikanischen Museen und ihres weitverzweigten Netzwerks aus befreundeten Kirchenmännern und Gelehrten der Archäologie und Kunstgeschichte galt Speier noch lange nach ihrer Pensionierung 1966 als feste Größe des deutsch-römischen Kulturlebens.

    1943–1989 ordentliches Mitglied der Confraternitas Campi Sancti de Urbe (Erzbruderschaft zur Schmerzhaften Muttergottes am Campo Santo der Deutschen und Flamen)
    1950–1989 korrespondierendes Mitglied der Päpstlichen Römischen Akademie für Archäologie (seit 1963 ordentliches Mitglied)
    1953–1989 ordentliches Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts
    1964 Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1973 Großes Verdienstkreuz)
    1965 Päpstliches Ehrenkreuz Pro Ecclesia et Pontifice

    Nachlass:

    Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts, Rom.

    Weitere Archivmaterialien:

    Universitäts- und Landesbibliothek, Bonn. (Korrespondenz mit Ernst Langlotz)

    University of Southern California Libraries Special Collections, Los Angeles. (Korrespondenz mit Umberto Nobile)

    Monografie und Herausgeberschaft:

    Zweifiguren-Gruppen im fünften und vierten Jahrhundert vor Christus, in: Römische Mitteilungen 47 (1932), S. 1–94. (Diss. phil.)

    Wolfgang Helbig, Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom, 4. völlig neu bearb. Aufl., 4 Bde., 1963–1972. (Hg.)

    Aufsätze und Artikel:

    Römische Skulptur im Vatikan, in: L'Illustrazione Vaticana 6 (1935), S. 257–261.

    Fragment eines tarentinischen Tonreliefs in römischem Privatbesitz (1937), in: Römische Mitteilungen 62 (1955), S. 132–138.

    Frammento di una testa di cavallo proveniente dai Magazzini dei Musei Vaticani, in: Atti della Pontificia Accademia Romana di Archeologia. Rendiconti 13/14 (1947–1949), S. 58–74.

    Die Vatikanische Nekropole. Unter den „Grotten“ des Petersdoms, in: Wort und Wahrheit 4 (1949), S. 481–489.

    Musei Pontifici, in: Fasti Archaeologici 2 (1949), S. 38–40.

    Fragment eines Pferdekopfes aus dem Westgiebel des Parthenon. Ein Fund aus den Magazinen des Vatikanischen Museums in Rom, in: Reinhard Herbig (Hg.), Vermächtnis der antiken Kunst. Gastvorträge zur Jahrhundertfeier der Archäologischen Sammlungen der Universität Heidelberg, 1950, S. 101–116.

    Die neuen Ausgrabungen unter der Peterskirche in Rom, in: ebd., S. 197–218.

    Memoria Sancti Petri. Die Auffindung des Apostelgrabes, in: Wort und Wahrheit 7 (1952), S. 262–272.

    Enrico Josi/Filippo Magi/Deoclecio Redig de Campos/Hermine Speier, Monumenti, Musei e Gallerie Pontificie nel quinquennio 1949–1953, in: Atti della Pontificia Accademia Romana di Archeologia. Rendiconti 27 (1952–1954), S. 389–399.

    Un sarcofago delle muse nel cimitero di Priscilla, in: Miscellanea Giulio Belvederi. Società Amici delle Catacombe presso Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana, 1954, S. 473–493.

    Die Iliupersisschale aus der Werkstatt des Euphronios, in: Reinhard Lullies (Hg.), Neue Beiträge zur klassischen Altertumswissenschaft. Festschrift zum 60. Geburtstag von Bernhard Schweitzer, 1954, S. 113–124.

    Ein griechisches Original aus den Vatikanischen Museen, in: Erich Boehringer/Wilhelm Hoffmann (Hg.), Robert Boehringer. Eine Freundesgabe, 1957, S. 605–623.

    Filippo Magi/Enrico Josi/Hermine Speier, Monumenti, Musei e Gallerie Pontificie nel quinquennio 1954–1958, in: Atti della Pontificia Accademia Romana di Archeologia. Rendiconti 30/31 (1957–1959), S. 245–271.

    Art. „Curtius, Ludwig“, in: Josef Höfner/Karl Rahner (Hg.), Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 3, 21959, S. 110 f.

    Art. „Eros“, in: Giovanni Pugliese Carratelli (Hg.), Enciclopedia dell‘Arte Antica, Classica e Orientale, Bd. 3, 1960, S. 426–433.

    Art. „Helbig, Wolfgang“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 8, 1969, S. 459 f. (Onlineressource)

    Monografie:

    Gudrun Sailer, Monsignorina. Die deutsche Jüdin Hermine Speier im Vatikan, 2015.

    Aufsätze:

    Georg Daltrop, „Leben ist Liebe“. Hermine Speier 1898–1989. Eine Archäologin erobert die Vatikanischen Museen, in: Antike Welt 29 (1998), S. 473–475.

    Irma Wehgartner, Zwischen Anspruch und Wirklichkeit. „Gelehrte Frauen“ in der Klassischen Archäologie Deutschlands, in: Sylvie Bergmann/Sibylle Kästner/Eva M. Mertens (Hg.), Göttinnen, Gräberinnen und Gelehrte, 2004, S. 159–169.

    Irma Wehgartner, Hermine Speier. Eine jüdische Wissenschaftlerin im Vatikan, in: Jana Esther Fries/Doris Gutsmiedl-Schümann (Hg.), Ausgräberinnen, Forscherinnen, Pionierinnen. Ausgewählte Porträts früher Archäologinnen im Kontext ihrer Zeit, 2013, S. 151–159.

    Hubertus Manderscheid, Hermine Speier (1898–1989). Ein Leben in drei Welten, in: Atti della Pontificia Accademia Romana di Archeologia. Rendiconti 86 (2013/14), S. 205–267.

    Paul Zanker, Hermine Speier (1898–1989). Eine Klassische Archäologin am Vatikan, in: Michael Matheus/Stefan Heid (Hg.), Orte der Zuflucht und personeller Netzwerke. Der Campo Santo Teutonico und der Vatikan 1933–1955, 2014, S. 123–136.

    Nachrufe:

    Bernard Andreae/Carlo Pietrangeli, In memoriam Hermine Speier. 28.5.1898–11.1.1989, in: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts. Römische Abteilung 96 (1989), S. 1–6.

    Carlo Pietrangeli, Ricordo di Deoclecio Redig de Campos, Hermine Speier e Filippo Magi, in: Bollettino. Monumenti, Musei e Gallerie Pontificie 9 (1989), S. 443–449.

    Hans von Steuben, Hermine Speier, in: Gnomon 62 (1990), S. 379–381.

    Fotografien, Archiv des Deutschen Historischen Instituts, Abteilung Rom.

  • Autor/in

    Gudrun Sailer (Rom)

  • Zitierweise

    Sailer, Gudrun, „Speier, Hermine“ in: NDB-online, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd1015325815.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA