Lebensdaten
1810 oder 1809 bis 1874
Geburtsort
Posen
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schauspieler
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118671650 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Dessauer, Leopold (eigentlich)
  • Dessoir, Ludwig
  • Dessauer, Leopold (eigentlich)
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Zitierweise

Dessoir, Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118671650.html [20.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Dessauer, Kaufmann in Posen;
    B Rudolf (1799–1833), Schauspieler in Braunschweig u. Mainz;
    Schw ( Karl Lobe, Theaterdirektor in Ratibor);
    1) 1834 ( 1836) Therese (1810–66), Schauspielerin, als Liebhaberin u. a. in Leipzig (1832), Breslau, Mannheim (1848), Stuttgart (1851), T des Feldapothekers Conrad Reimann, 2) 1844 Helene Pfeffer ( 1859) aus angesehener Budapester Fam., 3) Auguste Grünemeyer ( um 1924);
    S aus 1) Ferdinand (1836–92), Schauspieler (Charakterfach u. komische Rollen) in Breslau, Dresden, Petersburg u. Wien, S aus 3) Max s. (2);
    N Theodor Lobe (1833–1905), Schauspieler (s. H. A. Lier, in: BJ X, S. 202-07).

  • Leben

    Innerhalb der Schauspielerfamilie D., deren Mitglieder einen virtuosen, den darzustellenden Charakter zunehmend realistisch nachzeichnenden Spielstil vertraten, ist Ludwig D. der künstlerisch bedeutendste gewesen. Seine Karriere begann in der Heimatstadt, führte über Spandau, Wiesbaden und Mainz, Leipzig (1834–36), Breslau (1836–37) an das Burgtheater (1839). In Karlsruhe war D. 1839-49 Nachfolger Carl Devrients. Vom Liebhaber ins Charakterfach wechselnd, kam er 1849 nach Berlin, wo er bis 1867, dem Höhepunkt seiner Laufbahn, über 100 Rollen spielte, unter anderem Faust, Mephisto, Richard III., Hamlet. In seinen körperlichen Mitteln begrenzt, jedoch unterstützt von einem metallischen Organ, war D.s Schauspielernaturell bei völliger Hingabe an die schwierigsten Aufgaben seiner Kunst eher intellektuell als mimisch wandelbar, mehr der tragischen und klassischen als der komischen Muse zugewandt. Bei dem Londoner Gastspiel 1853 wurde sein Othello von G. H. Lewes und selbst von Kean bewundert. Zur Steigerung seiner Menschendarstellung benutzte D. eine ausgeprägte Charaktermaske. D. wurde von Tieck, Hebbel, Laube, G. Freytag anerkannt. Er regte A. E. Brachvogel zur Gestalt des für D. geschriebenen, überaus erfolgreichen „Narziss“ an.

  • Literatur

    ADB V (L);
    O. F. Gensichen, Berliner Hofschauspieler, 1872;
    K. Frenzel, Berliner Dramaturgie, 1877;
    H. L. Stahl, Shakespeare u. d. dt. Theater, 1947 (P);
    Die Bühnengenossenschaft, 6. Jg., 1954, Nr. 9 (P);
    Kosch, Theater-Lex.;
    Eisenberg (auch f. Therese, B Rudolf u. S Ferd.).

  • Autor/in

    Karl Richter
  • Empfohlene Zitierweise

    Richter, Karl, "Dessoir, Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 617 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118671650.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Dessoir: Ludwig D. (eigentlich Leopold Dessauer), einer der bedeutendsten Schauspieler des 19. Jahrhunderts, geb. 15. Decbr. 1809 zu Posen, 30. Decbr. 1874 zu Berlin. Wollte man zwischen dem berühmten Dawison und dem hervorragenden D. einen Vergleich anstellen, bei dem die Popularität der Künstler entscheiden sollte, so würde ohne Zweifel der erstere im Vortheil sein; fragt man jedoch, wessen Bedeutung für die Kunst am größten gewesen ist, so muß unbedingt D. die Palme zuerkannt werden. Letzterer war in vieler Beziehung das grade Gegentheil seines von äußerem Glücke im ganzen weit mehr begünstigten Collegen, denn während dieser mehr und mehr dem künstlerischen Egoismus verfiel, folgte jener in den meisten seiner Darstellungen dem allein richtigen Grundsatz: der einzelne Theil muß harmonisch dem Ganzen sich einfügen. Mit ebensoviel edler Bescheidenheit, als gerechtem Selbstbewußtsein sagte er von sich selbst: „Bessere Schauspieler als mich gibt es und hat es gegeben; aber in der wahren, völligen Hingabe an die Kunst weiche ich keinem.“ D. entwickelte seine Aufgaben nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen heraus; er gehörte nicht zu den mit Routine reproducirenden Schauspielern, vielmehr zu den selbstschöpferischen, durch ihr Genie den Dichter unterstützenden Künstlern. Wie er bei der Verkörperung des dichterischen Werkes auf das Ganze sah, so speciell bei der Darstellung seiner Partie auf das Große, d. h. er war kein Künstler in der Manier der fein detaillirenden holländischen Meister, sondern schuf aus dem Vollen, zeichnete in kühnen, markigen Strichen. Das innerste Seelenleben, namentlich der tiefe Seelenschmerz und das Dämonische, wie alle, hieraus sich entwickelnden Erscheinungen fanden in ihm einen trefflichen, schwerlich oft übertroffenen Darsteller. Aus diesem Grunde waren Shakespeare'sche Charaktere sein hauptsächlichstes Feld, und es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn man ihn den namhaftesten Shakespeare-Interpreten auf der Bühne beizählt. Stellte doch der feinsinnige Goethebiograph Lewes in „The Leader“ Dessoir's Othello über den Kean's, das „Athenäum“ dieselbe Leistung über die eines Brooks und Macready. Und bei alledem war D. nicht allzugünstig von der Natur bedacht. Im Gegentheil! Seine Figur war nur mittelgroß, sein Organ hier und da nicht so biegsam, seine Haltung nicht immer so geschmeidig, wie es wol für den Künstler wünschenswerth gewesen wäre; aber die Kraft seines genialischen Geistes obsiegte über die Mängel und Laien wie Kenner fühlten sich hingerissen angesichts seiner gigantischen Schöpfungen.

    Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns, hatte D. seine erste Bildung durch Privatlehrer und den Besuch der Bürgerschule zu Posen erhalten; ebenda eröffnete er 1825 mit der kleinen Rolle des Nanky in Körner's „Toni“ seine theatralische Laufbahn. Nachdem er vom Director Couriol anderthalb Jahre|ebensowol als Schauspieler, wie als Secretär, Billeteur und Rollenschreiber verwendet war, machte nur Couriol's Bankerutt dieser zwar vielseitigen, aber wenig ersprießlichen Thätigkeit ein Ende. Nachdem D. die Fruchtlosigkeit seines Bestrebens am Berliner Hof- oder Königsberger Stadttheater zu gastiren eingesehen hatte, ging er auf Veranlassung des Königsberger Regisseurs Nagel zu Krausnik nach Spandau, erwarb sich hier Saphir's Anerkennung, bereiste dann mit ambulanten Truppen eine Anzahl kleinere Städte (Coburg, Schönebeck, Wriezen, Krossen), bis ihn Haake von Lübeck aus für die vereinigten Theater von Wiesbaden und Mainz, hierauf Ringelhardt von 1834—36 für Leipzig engagirte. Von 1836—37 dem Breslauer Stadttheater gewonnen, gastirte er in letzterem Jahre in Prag, Brünn, am Wiener Burgtheater und in Pest, wo er bis 1839 ein Engagement annahm. Von Fr. Haizinger wurde er zum Nachfolger Karl Devrient's nach Karlsruhe, von da durch Hrn. v. Küstner an Hoppé's Stelle nach Berlin berufen. D., der von Karlsruhe aus Gastspiele in Stuttgart, Wien, St. Gallen, Mannheim etc. unternommen hatte, war auch in Berlin schon 1847 an sechs Abenden als Hamlet, Bolingbroke, Uriel Acosta und Othello mit glänzendem Erfolg aufgetreten und wurde nun durch sein dauerndes Engagement eine der kräftigsten Stützen der dortigen Hofbühne. Von seinem Debut als Othello (6. Oct. 1849) bis zu seinem letzten Auftreten (10. Juli 1872) als Talbot in der „Jungfrau von Orleans“ hat D. in Berlin 110 Rollen gespielt. Neben dieser regen Thätigkeit gastirte er auch während dieser Zeit an vielen Bühnen, u. a. 1853 in London neben Lina Fuhr und Emil Devrient. Bis 1849 hatte D. mit Ausnahme des Othello, Hamlet und Tasso ausschließlich dem Liebhaberfach angehört, von diesem Zeitpunkt an ging er zum Charakterfach über und trat zumeist nur in classischen Schöpfungen auf. — Außer in den Shakespeare'schen Rollen: Richard III., Hamlet, Othello, Lear, Shylock, Dromio von Ephesus, Marc Anton, Marcus Brutus, Narr (Was ihr wollt und Lear), Coriolan, König Johann, Clarence, Macduff, H. Percy und Jachimo zeigte D. seine seltene Künstlerschaft auch in Faust, Mephistopheles, Tasso, Tempelherr, Derwisch, Alba, Muley Hassan, Geßler, Philipp II., ferner Narciß, Caligula (Fechter von Ravenna). Aegisth (Klytämnestra), Ludwig XI. (Gringoire) u. a.

    In der Ehe war D. weniger glücklich, als in der Kunst. Von seiner ersten Gattin (s. u.) trennte er sich kaum ein Jahr nach der Verheirathung; die zweite, Helene Pfeffer aus Pest, die er 1844 ehelichte, verfiel beim Tod ihres Kindes unheilbarem Wahnsinn.

    Therese D., geb. Reimann, beliebte Schauspielerin, geb. 12. Juli 1810 in Hannover, 7. April 1866 zu Mannheim. 1835 mit D. verheirathet. trennte sie sich schon 1836 von ihm. Die gerichtliche Scheidung wurde 1842 in Karlsruhe vollzogen. Therese, die Tochter des Oberfeldapothekers Reimann, betrat 1827 die hannoversche Hofbühne in „Die kleine Zigeunerin“, wurde infolge des Beifalls, den sie in der Titelrolle des Stückes fand, sogleich engagirt und kam, nachdem sie sich unter Holbein tüchtig ausgebildet hatte, als erste Liebhaberin 1832 nach Leipzig. Hierauf einige Zeit in Breslau engagirt, kehrte die Künstlerin nach ihrer Trennung von dem Gatten nach Leipzig zurück, machte Gastreisen an die bedeutendsten Theater mit glänzendem Erfolg und folgte 1845 einem Ruf nach Mannheim. Bereits aus dem Fach jugendlicher Heroinen und munterer Liebhaberinnen in das der älteren Heldinnen und Anstandsdamen übergegangen, vertauschte sie 1848 Mannheim mit Stuttgart, kehrte aber nach drei Jahren für immer in erstere Stadt zurück. In ihrer Glanzperiode gleich vortrefflich in tragischen, wie munteren Rollen, waren ihre Hauptleistungen: Griseldis, Julia, Maria Stuart, Katharina v. Rosen (Einfalt vom Lande), Baronin (Ball zu Ellerbrunn), Isaura (Schule des Lebens) u. a. — Aus der Künstlerin|Ehe mit dem vorigen stammt der (am 29. Jan. 1836 zu Breslau geborene) Schauspieler Ferdinand D.

    • Literatur

      Vgl. E. M. Oettinger, Prachtalbum für Theater und Musik, Heft V; Max Ring in der Gartenlaube 1863, auch Rötscher's Kritiken und dramaturg. Abhandlungen, Leipzig 1859; Fischer, Schiller als Komiker, Frankf. a. M. 1861; Philarète Chasles, La littérature et les moeurs de l'Allemagne au XIX e siècle, Paris 1861, vol. II, namentlich aber Gensichen's vorzügliche Analyse in den „Berliner Hofschauspielern“, Berlin 1872, desselben Verfassers Aufsatz Zur Erinnerung an Lud. Dessoir in Gettke's Almanach der Gen. deut. Bühnen-Angeh., 1876, S. 108—114 und endlich den gleichfalls von Gensichen verfaßten, erst in der Voss. Ztg., dann im Entsch'schen Bühnen-Almanach 1876, S. 173—179, erschienenen Nekrolog.

  • Autor/in

    Jos. Kürschner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kürschner, Joseph, "Dessoir, Ludwig" in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 75-77 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118671650.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA