• Leben

    Zarnack: Joachim August Christian Z., ein hervorragender Schulmann, geboren am 21. September 1777 zu Mehmke bei Salzwedel, am 11. Juni 1827 in Potsdam, war eines Predigers Sohn. Er bezog 1795 die Universität Halle als Studiosus der Theologie und wurde, nachdem er sieben Jahre hindurch in Frankfurt a. O. und Berlin im Hause der verwittweten Regierungsräthin Freder, späteren Frau Justizräthin Möller als Hauslehrer thätig gewesen war, 1805 als zweiter Prediger der Stadtkirche nach Veeskow berufen. In seiner dortigen zehnjährigen Thätigkeit hatte er sich besonders der Schulen angenommen und eine neue Schule für Töchter aus den gebildeten Ständen gegründet und geleitet. Seine pädagogischen Erfolge veranlaßten auf Vorschlag des Oberconsistorialraths Natorp seine Wahl zum pädagogischen Director des Militärwaisenhauses in Potsdam, das er in Bezug auf den Unterricht und die Erziehung der Zöglinge reformirte und in kurzem zu hoher Blüthe brachte. Wiederholentlich wurde von seinen Vorgesetzten seine segensreiche Wirksamkeit und sein ausgezeichnetes Lehr- und Erziehungsgeschick anerkannt und rühmend hervorgehoben. Leider aber wurde seine Thätigkeit schon im Jahre 1822 dadurch gehemmt, daß er auf die verleumderische Aussage eines Waisenmädchens in widrige Processe verwickelt wurde. Zwar endeten diese sechs Monate vor seinem Tode mit seiner völligen Freisprechung, aber sie hatten seine Lebenskraft völlig verzehrt. Wer die Auszüge aus seinen vertrauten Briefen der letzten Jahre gelesen hat, die sein Biograph Spieker uns aufbehalten hat, der weiß auch ohne die gerichtliche Freisprechung, daß dieser edle Mann einer unlauteren Handlungsweise schlechterdings unfähig gewesen wäre. Er, der im Elternhause der Treuherzige hieß, dessen fast jungfräuliche Reinheit und Züchtigkeit in Worten und Werken von seinen Jugendgenossen besonders bemerkt war, wurde durch solche Beschuldigungen doppelt angewidert und tödlich getroffen. Sinnig ward zur Inschrift seines Grabkreuzes das Bibelwort gewählt: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr.

    Sein ganzes Leben hindurch begleitete ihn die Muse der Dichtkunst, und sie allein vermochte auch neben den stillen Freuden im Hause an seiner treuen Gattin Rosine geb. Richter und seinen wohlgerathenen Kindern den Tiefgebeugten in seinen letzten Lebensjahren zu zerstreuen, zu beglücken und vor Verbitterung und Verzweiflung zu bewahren. Auch seine schriftstellerische Thätigkeit war rege und bedeutsam. Ich nenne hier folgende Schriften, ohne für die Vollständigkeit zu bürgen, namentlich soll er noch viele Aufsäße in Zeitschriften veröffentlicht haben, die ich nicht kenne: „Sammlung geistlicher Lieder als Anhang zum Porstischen Gesangbuch"; „Ueber die beste Art, neue geistliche Lieder in Kirchen und Gemeinden einzuführen mit besonderer Rücksicht auf das Porstische Gesangbuch.“ (In Hanstein's homiletischen Blättern Bd. 19, Berlin 1808); „Preußens Erinnerung an 1813 und 1814 oder Kriegs- und Siegespredigten“ (Berlin 1814); „Abschiedspredigt am 29. Oct. 1815 gehalten zu Beeskow“ (Berlin); „Christliche Religionslehre für Kinder im Gange der göttlichen Offenbarung dargestellt“ (Berlin 1816, 2. Aufl. 1821); „Der Schulinspector Heister oder die Elementarmethode zu Süderhausen. Ein pädagogischer Roman“ (Berlin 1817. Gegen die Nachbeter Pestalozzi's); „Pädagogische Nachrichten von dem gegenwärtigen Zustande des Militärwaisenhauses“ (Berlin 1817); „Daß zweckmäßig eingerichtete Waisenhäuser die vollkommensten und nützlichsten Erziehungsanstalten in dem Staat und für den Staat werden können“ (Berlin 1819?); „Deutsche Volkslieder mit Volksweisen für Volksschulen“ (Berlin 1818—1820); „Deutsche Sprichwörter zu Verstandesübungen. Ein Handbuch für Lehrer und Erzieher“ (Berlin 1820); „Lustgänge in die Reiche der Natur, des menschlichen Lebens, der Geschichte und der Dichtung. Ein Lesebuch“ (Berlin 1821); „Ueber Kinderfeste in öffentlichen Erziehungsanstalten, und wie dieselben in der unsrigen gefeiert werden“ (drei Programme, 1820, 1821, 1822); „Geschichte des Königl. Potsdamschen Militärwaisenhauses von seiner Entstehung bis auf die jetzige Zeit“ (Berlin und Posen 1824); „Agis, König in Sparta. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen“ (Potsdam 1826); „Siegfrieds Tod. Ein Trauerspiel in vier Aufzügen“ (1826). Eine dramatische Bearbeitung des Cid, von der ich gehört habe, kann ich gedruckt nicht nachweisen; „Leben des Schulraths Neumann“ (im dritten Bande des neusten Archivs für Pastoralwissenschaft), (Berlin 1826). Lateinische Epigramme aus seinem Nachlaß sind gedruckt in seiner Biographie von Spieker und in der Kritischen Bibliothek für das Schul- und Unterrichtswesen 2. Jahrg. I, Nr. 27. — „Sophronia. Oder Unterredungen, Erzählungen und dramatische Spiele über deutsche Sprichwörter von August Zarnack. Herausgegeben von Dr. Christian Wilhelm Spieker“ (Leipzig 1831).

    Als Lehrer und Director pflegte Z. besonders die deutsche Sprache, den Gesang und das Turnen. Von seinem Organisationstalent schrieb der spätere Schulrath Striez bewundernd, wer das Militärwaisenhaus früher gekannt habe, habe die neue Schöpfung in dem kurzen Zeitraum einiger Jahre kaum begreifen können. Sein unermüdlicher Eifer trotz häufiger Erkrankungen, die Heiterkeit seines Gemüths und besonders sein lauterer Charakter wirkten anregend auf seine Zöglinge und erwarben ihm viel Liebe. Der Name des durch üble Nachrede im Leben schwergeprüften Mannes lebt in ungetrübten Ehren nach seinem Tode fort.

    Zum Schlusse folge noch ein Beispiel seines heiteren Witzes in einigen Zeilen, die sich in seinem Nachlaß gefunden haben:

    Der Theologen Wunderkraft, die bringt uns in den Himmel, Der Philosophen Wissenschaft, die bringt uns um den Himmel, Der Aerzte ars methodica, die bringt uns in die Erde, Der Rechtsgelehrten Praktika, die bringt uns um die Erde.

    • Literatur

      Das Leben Joachim Aug. Christ. Zarnacks von C. W. Spieker (Frankfurt a. O. 1830), und briefliche Nachrichten von Nachkommen Zarnack's.

  • Autor/in

    F. Jonas.
  • Empfohlene Zitierweise

    Jonas, Fritz, "Zarnack, August" in: Allgemeine Deutsche Biographie 44 (1898), S. 699-700 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd121143015.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA