Lebensdaten
1799 bis 1841
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Dresden
Beruf/Funktion
Übersetzerin
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 11737606X | OGND | VIAF: 54399574
Namensvarianten
  • Tieck, Dorothea
  • Tieck, Dorothea Sophie

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Zitierweise

Tieck, Dorothea, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11737606X.html [08.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Ludwig (s. 1);
    M Amalie Alberti;
    Ov Friedrich (s. 2);
    1 Schw Agnes Alberti; – ledig.

  • Leben

    T.s Erziehung war geprägt von den Einflüssen beider Elternteile. Ihr Vater bildete sie zur Philologin der neueren Sprachen (v. a. Französisch, Spanisch u. Englisch) aus; ihre Sprachkenntnisse erweiterte sie durch eigene Studien (Portugiesisch sowie Lateinisch u. Griechisch). Die durch die Mutter initiierte frühe Konversion zum Katholizismus bestimmte ihre Lebensanschauung. 1815 erwog T. den Eintritt in ein Kloster. Sie blieb unverheiratet und verbrachte ihr Leben bei ihren Eltern (Kindheit in Berlin und Jena bis 1802, Jugend bis 1819 in Ziebingen, danach in Dresden). Sie galt als ernsthaft und bescheiden, mit einem Hang zur Schwermut.

    T., die früh intellektuelle Fähigkeiten erkennen ließ, wurde seit 1819 als Mitarbeiterin ihres Vaters tätig. Sie übersetzte Texte aus dem Spanischen und Englischen, die Ludwig Tieck seit 1823 unter seinem Namen herausgab. Zwischen 1820 und 1826 schuf sie die erste dt. Übersetzung sämtlicher Sonette Shakespeares. Besonders beachtenswert ist ihr Anteil an der heute als Standardwerk geltenden „Schlegel-Tieck-Ausgabe“ der Werke Shakespeares. Für dieses gemeinsam mit Wolf Heinrich Gf. v. Baudissin (1789–1878) unter der Anleitung ihres Vaters durchgeführte Unternehmen übersetzte T. 1831–33 sechs Shakespeare-Dramen und beteiligte sich engagiert an der Übersetzung von zwei weiteren. In den Folgejahren übersetzte sie Cervantes und trug damit weiterhin zur finanziellen Absicherung der Familie bei. Im Auftrag Friedrich v. Raumers (1781–1873), eines engen Freundes ihres Vaters, bewerkstelligte sie eine zusammenfassende Übersetzung der 12bändigen „Life and Writings of George Washington“ von Jared Sparks, die unter Raumers Namen erschien. Als Mitglied in einem kath. Frauenverein unterstützte sie seit 1839 eine Armenschule, indem sie u. a. junge Mädchen unterrichtete. 1841 starb sie an den Folgen einer Masernerkrankung.

    T. bestand gemäß den Normvorstellungen ihrer Zeit darauf, nicht als literarisch aktive Frau hervorzutreten. Keine ihrer Übersetzungen wurde unter ihrem Namen veröffentlicht. Dennoch war Freunden und Verlegern ihres Vaters sowie englischsprachigen intellektuellen Kreisen der herausragende Wert ihrer Übersetzungen bekannt. Ihre Briefe lassen darüber hinaus ein feines Gespür für Literatur- und v. a. Theaterkritik erkennen. Roger Paulins Auseinandersetzung mit der Biographie Ludwig Tiecks in den 1980er Jahren|führte auch zu einer Wiederentdeckung von T.s Wirken.

  • Werke

    W Ueber Shakespears Sonette einige Worte, nebst Proben e. Uebers. ders., in: Penelope, Tb. f. 1826, hg. v. Th. Hell, 15. Jg, 1826, S. 314–39;
    Überss.: Marcos Obregon v. Espinel, 1827;
    Leiden d. Persiles v. Cervantes, 1837;
    Shakespeare’s Vorschule, hg. v. u. mit Vorreden begleitet v. Ludwig Tieck, 2 Bde., 1823/29, (vermutl. 2–5 Dramen v. T. übers.);
    Shakspeare’s dramat. Werke, übers. v. A. W. v. Schlegel, erg. u. erl. v. L. Tieck, Bd. 5: Coriolanus, 1831, Bd 7: Die beiden Veroneser, 1832, u. Timon v. Athen 1832, Bd. 8: Das Wintermärchen, 1832, Bd. 9: Cymbelin, 1833, u. Macbeth, 1833;
    Leben u. Briefwechsel d. George Washington, Nach d. Engl. v. Jared Sparks im Auszuge bearb., hg. v. F. v. Raumer, 2 Bde., 1839;
    Shakespeares Sonette in d. Übers. D. T.s, hg. v. C. Jansohn, 1992;
    Briefe: F. Uechtritz, Erinerungen an Friedrich v. Uechtritz u. seine Zeit in Briefen v. ihm u. an ihn, hg. v. H. v. Sybel, 1884 (21 Briefe v. T.);
    Letters of Ludwig Tieck, Hitherto unpublished 1792–1853, hg. v. E. Zeydel u. a., 1937 (2 Briefe v. T.);
    Letters to and from Ludwig Tieck and his Circle, hg. v. P. Matenko u. a., 1967 (5 Briefe v. T.);
    Nachlaß: einzelne Schrr. im Nachlaß Ludwig Tiecks, Staatsbibl. Berlin.

  • Literatur

    L ADB 38;
    R. Köpke, Ludwig Tieck, Bd. 2, 1855, Nachdr. 1970, S. 58–62, 92, 94 u. 99 f.;
    F. v. Raumer, Lebenserinnerungen u. Briefwechsel, Bd. 2, 1861, S. 305–07;
    Aus Tiecks Novellenzeit, Briefwechsel zw. L. Tieck u. F. A. Brockhaus, hg. v. H. Lüdeke v. Möllendorf, 1928, S. 26;
    K. Stricker, D. T. u. ihr Schaffen f. Shakespeare, in: Shakespeare-Jb. 72, 1936, S. 79–92;
    J.-W. Winter, D. T.s MacbethÜbers., 1938;
    G. Hoffmann, Zur Shakespeare-Übers. D. T.s, in: Jb. d. dt. Shakespeare-Ges. West, 1971, S. 69–84;
    C. Jansohn, Zum 150. Todestag D. T.s, Bisher unveröff. Proben ihrer Sonettübers., ebd., 1991, S. 181–96;
    dies., Shakespeare Sonette in d. Übers. D. T.s, 1992;
    dies., D. T.s Übers. d. „Arden of Faversham“, in: dies., Zweifelhafter Shakespeare, Zu d. Shakespeare-Apokryphen u. ihrer Rezeption v. d. Renaissance bis z. 20. Jh., 2000, S. 170–91;
    U. Schweikert (Hg.), Ludwig Tieck, Bd. 9,2, 1971;
    R. Paulin, Ludwig Tieck, A Literary Biogr., 1985, dt. 1988;
    ders., Luise Gottsched u. D. T., Vom Schicksal zweier Übersetzerinnen, in: Shakespeare-Jb. 134, 1998, S. 108–22;
    M. Haberstok, Sophie Tieck, Leben u. Werk, Schreiben zw. Rebellion u. Resignation, 2001;
    A. Baillot, „Ein Freund hier würde diese Arbeit unter meiner Beihülfe übernehmen“, Die Arb. D. T.s (1799–1841) an d. Überss. ihres Vaters, in: B. Wehinger u. H. Brown (Hg.), Übers.kultur im 18. Jh., 2008, S. 187–206;
    Kosch, Lit.-Lex. 3 (W, L);
    Killy.

  • Portraits

    P Ölgem. „Ludwig T., v. David d’Angers porträtiert“ v. C. Ch. Vogel v. Vogelstein, 1834 (Leipzig, Mus. d. bildenden Künste)

  • Autor/in

    Anne Baillot
  • Empfohlene Zitierweise

    Baillot, Anne, "Tieck, Dorothea" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 256-257 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11737606X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Tieck: Dorothea T., älteste Tochter Ludwig Tieck's. Sie wurde zu Berlin im J. 1799 geboren. Durch ihre Mutter Amalie Alberti, welche wohl nach mehr als einem Jahrzehnt nach ihrer Verheirathung zur römischen Kirche übertrat, wurde sie noch als Kind veranlaßt gleichfalls katholisch zu werden, während der Vater trotz katholisirender Richtung, die nicht nur in den früheren Schriften z. B. in der Genoveva und im Octavian sich zeigt, sondern auch noch 1839 in der Novelle der Schutzgeist scharf hervortritt, protestantisch blieb. Dorothea war ein Mädchen von seltener Begabung und hervorragendem Wissenstrieb. Frühzeitig erlernte sie neuere Sprachen: französisch, englisch, italienisch, spanisch. Als die Tieck'sche Familie nach dem Tod des Grafen Finkenstein ihren festen Wohnsitz 1819 in Dresden aufschlug, wurde die zwanzigjährige Dorothea die dauernde litterarische Gehülfin ihres Vaters. Ihr Antheil an der Uebersetzung des Shakespeare und älterer englischer Schauspiele ist in dem Artikel Ludwig Tieck S. 251 f. angegeben. Doch wußten nur die näheren Bekannten von ihren Arbeiten, die unter ihres Vaters Namen in die Welt gingen. Auch aus dem Spanischen hat sie mehrere Uebersetzungen geliefert. 1827 erschien: Leben und Begebenheiten des Escudero Marcos Obrégon. Aus dem Spanischen zum ersten Male in das Deutsche übertragen, und mit Anmerkungen und einer Vorrede begleitet von L. Tieck. 2 Bde. Breslau. (Die Vorrede wiederholt in Tieck's krit. Schr. II, 59). Die Uebersetzung ist Dorothea's Werk. Ebenso ist von ihr: Cervantes, Leiden des Persiles und der Sigismunda. Aus dem Spanischen übersetzt. Mit einer Einleitung von L. Tieck. 2 Bde. Leipzig 1837. Auch von den alten Sprachen erwarb sie bedeutende für eine Frau ungewöhnliche Kenntnisse, so daß sie Homer und Herodot, das Neue Testament, Livius, Horaz und Vergil in der Ursprache las. Insbesondere gefiel ihr die Aeneis, welche sie fünf Mal von Anfang bis zu Ende las. Von den italienischen Dichtern schätzte sie Dante, den sie ebenfalls wiederholt eifrig studirte, am höchsten; dem Ariost vermochte sie Tasso gegenüber kein Interesse abzugewinnen. Von den Spaniern beschäftigte sie sich viel mit Calderon. Tiefen Eindruck machte auf sie der Tod der Mutter im J. 1837. Sie fühlte sich seitdem als Fremdling im väterlichen Hause. So sehr sie ihren Vater liebte, empfand sie die Zugehörigkeit der Gräfin Finkenstein zu diesem tief und schmerzlich. So schreibt sie am 7. Januar 1839 an Fr. v. Uechtritz (Erinnerungen an Fr. v. Uechtritz, her. v. Sybel, S. 218): „Ich weiß nicht, worin es liegt, es ist aber, als wäre mit dem Scheiden der Mutter Alles weit schlimmer geworden, und doch wünsche ich sie nicht zurück. Weshalb sollte sie das auch noch empfinden, was mich so tief betrübt, und was sie nun im helleren Lichte sieht. Wenn ich daran denke, was mein Vater mit seinem großen Geiste für Deutschland und für künftige Geschlechter hätte sein können, wie er durch sein herrliches Gemüth die Seinigen hätte beglücken können, so ergreift mich bei diesem Gedanken eine Schwermuth, ein so tiefer Lebensüberdruß, daß ich schwere Kämpfe mit mir selbst durchzumachen habe, um das Gleichgewicht nur einigermaßen wieder herzustellen. Wie schrecklich sind die Folgen dieser unnatürlichen Verbindung für den armen Vater in seinem ganzen Leben gewesen. Seine schriftstellerische Laufbahn ist dadurch gehemmt, seine|schönste Kraft gebrochen worden, sie hat ihn verhindert, sich eine sorgenfreie Existenz zu begründen, alles häusliche Glück und Familienleben für immer zerstört, und welche bittere Früchte trägt sie nun seinen Kindern und ihm selbst in seinem Alter.“ — Die Briefe an Uechtritz, deren 21 gedruckt sind (a. a. O. S. 156—225), geben ein schönes Bild ihres edlen Charakters, ihrer hohen Begabung, ihrer Aufopferungsfähigkeit. Schwermüthige Entsagung durchdringt ihr ganzes Wesen, das von religiöser Heiligkeit wie verklärt erscheint. Sie würde, wie sie sagt, am liebsten ins Kloster gegangen sein, wenn sie nicht für den Vater zu sorgen hätte. Jeden Morgen um 6 Uhr ging sie in die Messe, sie leitete eine Schule, in der arme Mädchen aus den untersten Ständen unterrichtet wurden. Ihre letzte litterarische Arbeit war eine abkürzende Uebersetzung von Spark's Leben und Briefe Washington's, zu welcher sie Fr. v. Raumer veranlaßte. Sie starb am 21. Februar 1841 unvermählt zu Dresden.

    • Literatur

      Vgl. Köpke, L. Tieck, II, 58—62, 92—94 u. 99 f. — Erinnerungen an Fr. v. Uechtritz, her. v. H. v. Sybel, S. 154—228. — Ein Brief an Fr. v. Raumer, Lebenserinnerungen u. Briefwechsel II, 305—307.

  • Autor/in

    Wilhelm Bernhardi.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bernhardi, Wilhelm, "Tieck, Dorothea" in: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 246-247 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11737606X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA