• Leben

    Staub: Johannes St., Lehrer und Schriftsteller, wurde 1813 in Zürich geboren. Sein Vater, Handelsmann daselbst, starb acht Tage nach der Geburt des Knaben; die Mutter, eine gemüthreiche und energische Frau, führte das Geschäft mit Umsicht fort und erzog ihre Kinder in ziemlichem Wohlstande. Nachdem Johannes die Staatsschulen Zürichs besucht, kam er, da er gut und gern zeichnete, zu einem Steingutmaler in die Lehre, wo er harte Zeit durchzumachen hatte. Mit 16 Jahren ging er auf die Wanderschaft und durchzog ganz Deutschland, bis er endlich in dem oberpfälzischen Städtchen Hirschau Anstellung fand. Hier blieb er von 1830 bis 1836, arbeitete fleißig an seiner Fortbildung, wie er denn jeden Sonntag die Gewerbeschule in Amberg besuchte, und machte sich durch Schreiberdienste vielfach nützlich. Seinem Principal, einem hochgebildeten Manne, verdankte er die erste Anregung zu poetischer Thätigkeit und eine gründliche Einführung in die Metrik. Ein kleines Erbe von 500 Gulden ermöglichte es ihm, seinen Lieblingsplan der Jugend, sich dem Lehrerberufe zu widmen, wieder aufnehmen zu können. Er kehrte in die Schweiz zurück, trat in das von Thomas Scherr geleitete Lehrerseminar zu Küßnacht ein, bestand 1839 seine Lehrerprüfung und erhielt seine erste Anstellung in Gringen bei Winterthur. Schon im folgenden Jahre wurde er nach Fluntern berufen, wo er 34 Jahre in seinem Berufe wirkte und gleichzeitig als Schriftsteller nach verschiedener Richtung hin thätig war. Das erste Erzeugniß seiner Muse war ein Tendenzroman „Drei Nächte" (1842), der die staatlichen Zustände von 1804 behandelte. Ihm folgten drei ähnliche Arbeiten, „Drei Tage" (1844), welche die staatliche Umwälzung im J. 1830 zum Gegenstande hat. „Die Jesuiten auf dem Rigi“ (1846), welche den Züriputsch im J. 1839 behandelt, und „Die Freischärler“ (II, 1848), die sich auf die Begebenheiten des Sonderbundskrieges (1847) aufbaut. Doch waren diese Romane nach Plan und Ausführung noch recht unreif, und St. selbst bezeichnete sie später als seine litterarischen Jugendsünden. Großen Erfolg dagegen erzielte er mit seinen Dichtungen für Kinder. St. wurde auf dieses Gebiet durch die Erfahrung gedrängt, daß die zu jener Zeit in den|Schulen gebräuchlichen Liederbüchlein wegen ihres vorwiegend dogmatisch-religiösen Inhalts pädagogisch werthlos waren. Er fing nun an, selber geeignete Kinderliedchen zu dichten und sie in seiner Schule zu verwerthen; danach versuchte er es, solchen Lehrstoff auch seinen Collegen zugänglich zu machen, und er führte dies auch auf eine sehr praktische Weise durch. Es war Brauch, daß die Lehrer ihren Schülern, welche ihnen Neujahrsgaben darbrachten, kleine Gegengeschenke in Obst, Backwerk, Schreibutensilien etc. verabreichten. Um an Stelle dieser Dinge etwas Besseres zu setzen und zugleich moralisch auf das Kindesgemüth einzuwirken, gab St. vor Neujahr 1843 ein Heftchen illustrirter Kinderliedchen heraus und sandte es allen zürcherischen Lehrern zu. Die schöne, neue Idee hatte durchschlagenden Erfolg, und von da ab erschienen die „Staubebüchli“ durch 12 Jahre, bis eine Menge Nachahmungen den Verfasser bestimmten, von einer weiteren Vermehrung abzusehen. Diese „Kinderbüchlein“, die 1876 in 6. Aufl. (St. Gallen) erschienen, stehen noch heute bei Kindern und Müttern in der Schweiz in großer Gunst, und durch sie ist St. der Begründer der poetischen Jugendlitteratur in der Schweiz geworden. „Mit innig heiterer Religiosität, köstlichem Humor, sicherer Beobachtung und feiner Kenntniß des Seelenlebens führt er die junge Welt spielend an Vorbildern des Schönen und Guten den Weg zur Tugend und Veredelung, zur Belehrung und frohen Unterhaltung, regt sie an zur Gemüths- und Charakterbildung.“ Erst im J. 1872 trat St. mit einem „Neuen Kinderbuch, reich illustrirt" hervor, das gleichen Erfolg errang und auf der Wiener Ausstellung prämiirt wurde. Verwandt mit seiner Thätigkeit als Jugendschriftsteller ist die des Volksschriftstellers. Sein „Republikanerkalender“ (1847—50), mehr aber noch „Der Vettergötti-Kalender“ (1855—61) sind zum Volksbuch geworden. St. war auch der erste, der durch seine Schrift „Die Pfahlbauten in den Schweizerseen“ (1864) sein Volk auf jene uralte Epoche in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit hinwies. Nachdem er 1874 in den Ruhestand getreten war, lebte er in Fluntern bis 1876 als Privatmann, siedelte dann nach Riesbach über, und hier ist er am 11. April 1880 gestorben.

    • Literatur

      J. J. Honegger, Die poetische Nationallitteratur der deutschen Schweiz, IV, 342. — Directe Mittheilung.

  • Autor/in

    Franz Brümmer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brümmer, Franz, "Staub, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), S. 506-507 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd122991095.html#adbcontent

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