Lebensdaten
erwähnt 1534, gestorben nach 1539
Beruf/Funktion
Dichter ; westfälischer Minorit
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119129981 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Daniel von Soest
  • Haverland, Gerwin
  • Soest, Daniel von
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Zitierweise

Soest, Daniel von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119129981.html [17.10.2019].

CC0

  • Leben

    Haverland: Gerwin H., westfälischer Minorit im Anfang des 16. Jahrhunderts. Wahrscheinlich aus Soest gebürtig, wurde er Dr. theol. und Custos der Kölnischen Provinz, später Provinzial des Minoritenordens. Nach Hartzheim war er auch längere Zeit Guardian im Convent zu Soest (was sich urkundlich nicht nachweisen läßt) und schmückte das dortige Kloster mit einem schönen Kreuzgang; gleichfalls nach Hartzheim, der ex commentariis conventus Coloniensis conventualibus schöpft, gründete H. die Bibliothek des Minoritenklosters zu Duisburg und starb daselbst. Das Todesjahr ist ungewiß, wahrscheinlich aber 1534 oder 1535, denn in einem Schreiben des Minoriten-Guardians zu Soest an den dortigen Rath dd. 1535 op Dach Barnabe apostoli wird er verstorben genannt und über sein Erbe verhandelt. Hartzheim schreibt ihm die unter dem Pseudonym „Daniel von Soest“ verfaßten heftigen Streitschriften gegen die Lutheraner in Soest zu. Von diesen erschienen zwei 1539 im Druck und zwar in einer Oktavausgabe, die mehrfach in Bibliotheken vorkommt, und in einer Quartausgabe, welche bis jetzt nur in Einem Exemplar zu Soest aufgefunden ist (beschrieben bei Wackernagel, Bibliogr. zur Gesch. des deutschen Kirchenliedes, S. 129). Die erste in diesen Drucken enthaltene Schrift „Ein Gemeyne Bicht oder Bekennung der Predicanten tho Sost, bewyset wo und dorch wat maneren se dar tor stede dat wort Gods Hebben ingeuört vp dat aller korteste durch Daniel van Soest beschreuen Im Jar M. CCCCC. xxxiij“ schildert in Form einer Komödie die Einführung der Reformation in Soest und das Treiben der dortigen Prediger, nicht ohne Witz und Geschick, in frischer und lebendiger Darstellung, aber von dem Standpunkt eines erbitterten und maßlosen Gegners aus: sie erzählt mit Vorliebe von den Prädikanten und ihren Hauptanhängern die ärgsten Schmutzgeschichten und leitet die ganze Glaubensveränderung her von der Niederträchtigkeit, Selbstsucht, Gemeinheit und Unsittlichkeit jener. Man erkennt wohl, daß der Verfasser auf das Genaueste mit den Verhältnissen und Persönlichkeiten in Soest vertraut ist; aber wie viel Wahrheit unter den von ihm vorgebrachten Berichten steckt, können wir jetzt nicht mehr entscheiden, da für die größte Zahl der so arg mitgenommenen Prediger sich (wie Vorwerck angibt) in Soest weder ehrende noch anklagende Zeugnisse finden und die Gegenschrift von Joh. Pollius, Nachteule betitelt, bis jetzt noch nicht wieder aufgespürt werden konnte. Aehnliches Inhalts, wie die Gemeyne Bicht, ist die zweite Schrift in den Drucken von 1539: „Ein Dialogon darinne de sprock Esaie am ersten Capitel, nömlich, wu iß de getruwe Stadt eine Hore worden — — Vnd etlicke ander sproke meer, vp de Lutherschen bynnen Sost recht gedüdet wert. Im jar M. D. XXXVII“. Sie ist in Form eines Dialogs zwischen Daniel und Philochristus abgefaßt. Die Quartausgabe des Druckes in Soest ist mit zwei anderen handschriftlichen Werken desselben Verfassers zusammengebunden, nämlich 1) Apologeticon, dat ys ein Entschuldynge an dey achtbaren hoechgelerten, wolwysen Legaten der Stadt Soest — dorch D. v. S. beschreuen ym yar M. CCCCC. vnd xxxviij. 2) Ketterspegel, van arth, natuyr vnd herkompst der ketteren — dorch D. v. S. ym yar Dusent vyffhundert dree vnd dertych beschreuen“. Das Apologeticon ist gerichtet an die vom Rathe 1537 nach Schmalkalden abgeschickten beiden Rathsmitglieder Riemenschneider und Osterkamp und den zugleich abgesandten Prediger Briccius, welcher die Schmalkaldischen Artikel mit unterschrieben hat. Zur Ueberreichung an dieselben Abgeordneten hat der Verfasser eine erweiterte Bearbeitung seines bereits 1533 verfaßten Ketzerspiegels beigefügt. Die|Gemeyne Bicht ist vielleicht schon 1534 im Druck erschienen (doch hat sich kein Exemplar davon gefunden); nach Hamelmann (Opera, S. 1112) wurde sie in diesem Jahre auf den Straßen von Soest verbreitet und an den Kirchenthüren angeschlagen, und — wie man damals glaubte — auf Veranlassung der angesehenen Gropper'schen Familie (wahrscheinlich in Köln) gedruckt. Die letztere Annahme ist sehr wahrscheinlich und erklärt den Eindruck, den die Streitschriften Daniels zu ihrer Zeit machten. H. kann übrigens unmöglich der Verfasser sämmtlicher sein, da zwei derselben erst nach seinem Tode entstanden sind; wol aber mag er bei den ersten mitgearbeitet haben, so daß das Gerücht entstehen konnte, er habe alle verfaßt. (Die neue Ausgabe der Gemeynen Bicht, welche L. F. v. Schmitz 1848 zu Soest unter dem Titel „Soester Daniel oder Spottgedicht Gerhard (so!!) Haverland's“ besorgt hat, ist nicht nach den Originaldrucken, sondern nach einer späteren Abschrift gemacht, in Folge dessen völlig werthlos und unbrauchbar.)

    • Literatur

      Hamelmann, Opera (Lemgo 1711), S. 1095—1122. Hartzheim, Bibliotheca Coloniensis (1747), S. 102. Seibertz, westfälische Beiträge zur deutschen Geschichte (Darmstadt 1819), I, S. 267—270. Vorwerck, Daniel von Soest im Programm des Archivgymnasiums zu Soest. Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins XI, S. 212 ff.

  • Autor/in

  • Empfohlene Zitierweise

    Redslob, Gustav Moritz; Jostes, Franz, "Soest, Daniel von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 117-118 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119129981.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Soest: Daniel v. S., Dichter und Theolog. Im J. 1539 erschien ohne Angabe des Druckers und Ortes (wahrscheinlich in Köln): Ein gemeine bicht oder bekennung der predicanten to Soest, bewiset wu und dorch wat maneren de dar to stede dat wort gods hebben ingevort, up dat aller korteste dorch Daniel van Soest beschreven im jar MCCCCCXXXIIII. Vereinigt mit diesem war ein zweites gereimtes Werk, das „Dialogon“, in dem sich Daniel und Philochristus über die Soester Verhältnisse unterhalten. Beide Dichtungen wurden bald nach ihrem Erscheinen in irgend einer Westfälischen Stadt unter Weglassung der den Liedern beigefügten Melodien nachgedruckt. Das ist das einzige Mal, daß der Name Daniel v. S. in der Oeffentlichkeit auftaucht. Handschriftlich befinden sich indeß in der Soester Stadtbibliothek außerdem zwei prosaische Schriften von ihm, das „Apologeticon“, in welchem er sich seiner litterarischen Thätigkeit wegen vertheidigt, und der „Ketterspegel“, der theologisch-moralische Erörterungen über Ketzer und Ketzerei enthält.

    Im Eingange des „Apologeticon“ nennt er als weiteres Werk von ihm das „Pareneticon“ (wol identisch mit der im Dialogon erwähnten Parenesis) dat is ein underrichtinge over Omekens ordinancie ... und noch summige andere gesenge und gedichte mer.“ Aber weder diese noch das Pareneticon sind erhalten, wenigstens sind bis jetzt keine Exemplare davon bekannt geworden. Die erhaltenen Schriften sind mit Ausnahme des Ketterspegels gedruckt in — Daniel v. S. Ein westfälischer Satiriker des 16. Jahrhunderts. Herausgegeben und erläutert von Franz Jostes. Paderborn 1888.

    Die litterarische Thätigkeit des Daniel fällt in die Jahre 1534—1539, also in die Periode der stärksten kirchlich-socialen Gährung in Soest. Weber vorher noch nachher läßt sich eine Spur von ihm finden. Daß der Name Daniel v. S. ein angenommener war, geht, abgesehen von allem andern, aus seinem eigenen Geständnisse hervor. Weiterhin verräth er indirect, daß er ein Soester und ein gelehrter Geistlicher war, der aber (wenigstens zur Zeit des Druckes 1539) nicht mehr in Soest lebte. Obwol wir nun aber alle einigermaßen bedeutendere Geistlichen Soests kennen, will es doch nicht gelingen, ihn mit einem von diesen mit Sicherheit zu identificiren. Es ist das auch den Soestern seiner Zeit nicht einmal gelungen, wie wir aus den zu jenem Zwecke mit der Stadt Köln gewechselten Briefen sehen können. (Vgl. Jostes S. 55 ff.)

    Ich habe seiner Zeit die Hypothese aufgestellt, Daniel sei mit dem Kölner Scholasticus und späteren Kardinal Johannes Gropper identisch, wobei ich mich vor allem auf den Brief des Kölner Raths vom 3. Mai 1540 stützte, in welchen „van unserm burger Daniell van Soist schroider“ geredet wird. Nachdem aber Krause-Rostock im Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 1888 S. 15, die, wie ich meine, zweifellos richtige Erklärung jener Stelle dahin gegeben hat, daß sich der Kölner Rath damit höhnend hinter einem in Köln ansässigen, wirklich Daniel von Soest heißenden ehrsamen Schneider versteckt habe, ist die Hypothese noch zweifelhafter geworden, als sie von Anfang an schon war. Man kann aus dem Briefe nur schließen, daß der Kölner Rath den Dichter kannte, ihn aber nicht verrathen wollte und zwar wahrscheinlich nicht auf Fürsprache eines Gliedes der in Köln wohnenden Familie des ehemaligen Soester Bürgermeisters Gropper, in der man sicher von dem ganzen Sachverhalt die genaueste Kenntniß gehabt hat. Meine Hypothese ist auch von Anfang an nicht ohne Widerspruch geblieben, die ihr entgegengesetzten sind indeß nicht weniger willkürlich. Beachtung verdient nur die von Strauch (Zeitschrift für deutsches Alterthum XXXIII, S. 308 ff.), der hinter Daniel den Canonicus Jasper van der Borch sucht. Die heftige Sprache und der lebhafte, gewandte Stil in den Briefen dieses Mannes hatte auch mich schon an ihn denken lassen, allein die Stelle der „Gemeinen Beichte“, Vers 823 ff., wo der Vater des Canonicus, mit dem der Sohn nachweislich in guten Beziehungen stand, böse mitgenommen wird, blieb mir bei der Annahme psychologisch unerklärlich, und sie ist es mir auch jetzt noch. Soviel ich sehe, ist es auf Grund der bekannten Documente unmöglich, das Dunkel, welches den Namen Daniel v. S. umgibt, zu lichten.

    Interessant wäre es freilich im hohen Maße, wenn die Zukunft Aufschluß brächte, denn Daniel ist ein Mann von ganz hervorragender poetischer Begabung und ein Meister der Sprache, wie nur wenige Zeitgenossen. Wer den Eingang des Apologeticon liest, wird die Gewandtheit und Lebendigkeit seiner Prosa bewundern müssen und zugleich das Bedauern empfinden, daß der Verfasser seine eigentliche Kraft selbst nicht besser erkannt und geglaubt hat, am besten durch theologisch-moralische Erörterungen wirken zu können. Das Interesse für die theologischen Streitfragen jener Tage theilt er mit seinen Zeitgenossen, seine Haupttendenz ist nicht dichterischer, sondern confessioneller Natur: er will die altgläubige Partei in dem Kampfe gegen die Soester Reformation stärken. Da wo diese Tendenz nicht zu offen und aufdringlich hervortritt, sondern mehr in der Darstellung und Gruppirung der Thatsachen verborgen liegt, wie das meistentheils in der „Gemeinen Beichte“, vor allem in der zwar derben aber überaus wirksamen Hochzeitsscene der Fall ist, kommt seine satirische und dramatische Kraft am reinsten zum Vorschein. Hätte er seine Neigung, zu theologisiren und zu moralisiren überall in der Weise zu leiten verstanden, er hätte Meisterwerke|der Satire schaffen können. Aber auch so gehört die „Gemeine Beichte“ trotz mancher Fehler, die zum Theil aus einer überall sichtbaren Hast entsprungen sind, zu dem Besten, was wir an satirischen Dichtungen in unserer Sprache besitzen.

  • Autor/in

    Fr. Jostes.
  • Empfohlene Zitierweise

    CC-BY-NC-SA