• Leben

    Sieber: Franz Wilhelm S., botanischer Reisender, geb. zu Prag am 30. März 1789, ebendaselbst am 17. December 1844. Nach fünfjährigem Besuche des Gymnasiums seiner Vaterstadt, wandte sich S. zuerst, begünstigt durch ein bedeutendes Zeichentalent, der Bauwissenschaft zu, ging aber bald zum Ingenieurfach über, das er indessen nach dreijährigem Studium auch wieder aufgab, um sich ganz den Naturwissenschaften, vorzugsweise der Botanik zu widmen. Im Dienste dieser Wissenschaft wirkte er vornehmlich als Sammler und errang in dieser Eigenschaft durch seinen Fleiß und Speculationsgeist große Erfolge. Er selbst besuchte auf mehreren Reisen Italien, Kreta und die Inseln des griechischen Archipels, Aegypten, Palästina, und während einer zweijährigen Erdumsegelung das Cap, die Insel Mauritius und Neuholland, woselbst er sieben Monate zubrachte, von überall her erstaunliche Sammlungen an Pflanzen, Thieren, Kunst- und ethnographischen Gegenständen nach Europa überführend. In Amerika ist indessen S., entgegen einer in der botanischen Litteratur wiederholt auftauchenden Behauptung, nie gewesen. Es liegt hier eine Verwechslung vor mit dem schon viel früher, in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts auf Veranlassung des Grafen Hoffmannsegg nach Brasilien geschickten Sammler Friedrich Wilhelm Sieber. Abgesehen aber von seinen eigenen Reisen, ließ S. auch durch von ihm instruirte und bezahlte Sammler die verschiedensten Weltgegenden bereisen. So besuchte in seinem Auftrage der Böhme Franz Kohaut, sein Begleiter auf der orientalischen Reise, die Antillen, Theodor Hilsenberg aus Erfurt Isle de France und Mauritius, Pfeiffer aus Würzburg die Bocche diCattaro in Dalmatien, Wenzeslaus Bojer aus Böhmen Mauritius und Bourbon, während andere, wie Franz Wrbna aus Mähren und Carl Zeyher aus Neuwied, durch ihn angeregt, botanische Reisen ausführten, die den ersteren nach Cayenne und Trinidad, letzteren an das Cap der guten Hoffnung führten. Wenn es nun auch S. nicht gelang, alle diese Männer dauernd an sich zu fesseln, so bleibt ihm doch das Verdienst, die meisten von ihnen, die sonst wohl einfache Gärtner geblieben wären, für den Dienst der botanischen Wissenschaft gewonnen zu haben. Die Mittel zu allen diesen Expeditionen verschaffte sich S. auf folgende Weise. Er suchte sich Subscribenten zu werben auf die zu Specialherbarien zusammengestellten Pflanzen, die er centurienweise verkaufte, ja mitunter schon annoncirte, noch ehe die betreffende Reise angetreten war. Außerdem veranstaltete er Ausstellungen der mitgebrachten Kunst- und ethnographischen Gegenstände, wie er beispielsweise nach seiner Reise in den Orient ein „Aegyptisches Cabinett“ zusammenstellte, für dessen Besichtigung er einen Eintrittspreis von zwei Gulden forderte. Später glückte es ihm, nach vielen vergeblichen Unterhandlungen mit der österreichischen Regierung, die Sammlung, mit Ausschluß des botanischen Theils, an die bairische Akademie der Wissenschaften für 6000 Gulden zu verkaufen. Freilich entsprachen durchaus nicht immer die pecuniären Erfolge seinen Erwartungen. Dazu waren seine Pläne zu großartig angelegt. Hatte er doch die Absicht gefaßt, einen allgemeinen, weltumfassenden Naturalienhandel zu gründen, von dem er den Mittelpunkt bilden wollte. So kam es denn, daß er nicht selten in materielle Bedrängniß gerieth, infolge welcher sich seiner eine erbitterte Stimmung bemächtigte, die sich nicht nur in heftigen Invectiven gegen Behörden und höher gestellte Personen Luft machte, sondern schließlich zu einer Geistesumnachtung führte, die ihn im Alter von 55 Jahren im Prager Irrenhause nach längerem Siechthum den Tod finden ließ. Schon 1820, ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Aegypten, hatte ihn die fixe Idee ergriffen, ein Mittel gegen die Hundswuth entdeckt zu haben. Die Veröffentlichung desselben sollte ihm neue Subsistenzmittel verschaffen und da dies nicht gelang, steigerte sich die unglückliche Idee, die immer von neuem wieder bei ihm auftauchte, zum Wahnsinn. Nach seiner Rückkehr von Australien, 1824, hielt sich S. abwechselnd in Dresden und Leipzig auf, mit der Ordnung seiner reichen Sammlungen und mit litterarischen Publicationen beschäftigt, ging 1830 nach Paris, von wo aus er, um Pflanzen zu sammeln, einen Abstecher in die Dauphinée unternahm und verblieb den Rest seines Lebens in Prag. Soweit die Bearbeitung seiner Pflanzensammlungen in Frage kam, störte ihn seine geistige Abnormität nicht, in seinen litterarischen Pnblicationen machte sie sich dagegen häufiger bemerkbar. Geschrieben aber hat S. viel und vielerlei. Zuerst erschien 1819 ein Verzeichniß seiner in den Jahren 1817 und 1818 auf Kreta, in Palästina und Aegypten gesammelten Naturproducte, Alterthümer u. s. w., nebst einer Abhandlung über ägyptische Mumien. 1823 gab er sein zweibändiges Hauptwerk heraus: „Reise nach der Insel Kreta“, ein wirklich gutes Buch, das sich durch werthvolle naturhistorische Beobachtungen auszeichnet und noch in demselben Jahre erschien: „Reise von Kairo nach Jerusalem und wieder zurück, nebst Beleuchtung einiger heiligen Orte“. Kleinere Abhandlungen und Aufsätze über die mannigfaltigsten Gegenstände finden sich zerstreut in verschiedenen Zeitschriften von 1811—1823, so in Hoppe's botanischem Taschenbuch, André's Hesperus, Oken's Isis und in der Regensburger Flora. Einzelne Brochüren, die zum Theil schon durch ihre Ueberschrift die geistige Zerrüttung ihres Verfassers bekunden, mögen unerwähnt bleiben. Dagegen hat sich S. durch die Herausgabe seiner zahlreichen Herbarien um die Botanik wohl verdient gemacht. Nicht weniger als 23 solcher Floren sind erschienen. Die bedeutendsten unter ihnen|sind die Flora Creticae mit 450 Species, die Flora Martinicae mit 400, Flora Capensis mit 362, Flora Novae Hollandiae, 645 Phanerogamenarten enthaltend und die Flora mixta, welche 900 Arten aus den Florengebieten Neuhollands, vom Cap und den Inseln Mauritius und Martinique aufweist. Leider befinden sich diese Herbarien in vielen Händen, so daß eine allgemeine Zusammenstellung ihrer Resultate nicht gut möglich ist, doch ist der Beginn einer Veröffentlichung derselben mit der Herausgabe einer Uebersicht des Herbarium Florae Novae Hollandiae durch den unlängst verstorbenen Custos des Berliner botanischen Museums F. C. Dietrich in einem Anhange zu dem Nekrologe Sieber's gemacht worden.

    • Literatur

      F. C. Dietrich, F. W. Sieber, ein Beitrag zur Geschichte der Botanik vor 60 Jahren. — Pritzel, thes. lit. bot.

  • Autor/in

    E. Wunschmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wunschmann, Ernst, "Sieber, Franz Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 34 (1892), S. 177-179 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117339504.html#adbcontent

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