• Leben

    Schaufert: Hippolyt August S., dramatischer Dichter, geb. am 5. März 1835 zu Winnweiler in der baier. Rheinpfalz, bekundete frühe schon eine blühende Phantasie — S. galt damals schon als Märchenerzähler unter seinen Geschwistern und Gespielen — und Leselust, welche von seinem strengen Vater, seines Standes Gerichtsvollzieher, wenig Nahrung und reichlichen Stoff zu Ahndungen fanden. Die Jugend des Dichters war überhaupt hart und voll herber Erfahrungen. Unter Entbehrungen aller Art, wofür ihn nur seine geliebten Bücher entschädigten, studirte S. seit 1847 am Gymnasium zu Speyer, während welcher Zeit schon fleißig gedichtet wurde; 1852 bezog der „blasse, magere und immer melancholisch blickende Jüngling“ die Universität München als Studiosus der Rechtswissenschaft. Hier trat er in das Corps der „Nassauer“. Nach Hans Hopfen's drastischer Schilderung „sah S. entschieden so aus, wie sich der Philister den Poeten vorstellt: immer mit niedergeschlagenen Augen, die Mütze verschoben auf den zerstreut herabhängenden Haaren, immer mehr stolpernd als gehend"; dessenungeachtet wieder voll heiterer Laune und zwingender Komik. S. arbeitete schon damals an einem Drama „Otto III.“ und einem Lustspiel „Der Schmetterling“. Nach seiner Rückkehr in die Heimath 1856 begann der blutjunge Mann schon mit 22 Jahren die Vorbereitungspraxis für den Staatsdienst zu Zweibrücken, machte den Staatsconcurs mit ausgezeichneter Censur, trat in den Justizdienst, fand dann 1859 die erste Anstellung als Polizei-Actuar zu Waldmohr, dann als Assessor zu Dürkheim und 1868 zu Germersheim. In dieser Zeit entstanden viele Lustspiele und dramatische Stücke, welche von dem Dichter ebenso beharrlich an die verschiedensten Bühnen eingesendet wie von diesen mit dem landläufigen Ausdruck des Dankes und des aufrichtigsten Bedauerns abgelehnt wurden. Darunter befanden sich „Assessor Lackmann's Hochzeitsreise", Paganini's Brautwerbung", „Die Zipplinger", „Der kaiserliche Commandant", „Eine Frau um eine Schnepfe“ und die „Verwechselten Annoncen“, welche später nicht ohne Erfolg über die Bretter gingen. Vorerst aber erhielt nur „Der Gaisbock von Lambrecht“ bei seiner Aufführung zu Dürkheim einen phrenetischen succès d'estime, wie überall, wo eine bekannte und beliebte Persönlichkeit die Bühne der Provinz mit einem dramatischen Erzeugnisse beglückt. Vergebens bewarb sich S. im Sommer 1865 mit drei Lust spielen um den von der Verwaltung des Actien-Theaters in München ausgeschriebenen Preis — zwei seiner Stücke wurden als preiswürdig befunden, aber unbegreiflicherweise nie zur Aufführung gebracht. Indeß gelang ihm auf einmal der große Wurf. Als nach Heinrich Laube's Abgang vom Wiener Burgtheater zur Auffrischung des Repertoire eine Preisconcurrenz ausgeschrieben wurde und dabei 197 Komödien aus allen deutschen Landen einliefen, fesselte vor allen ein „Schach dem König“ betiteltes Stück die Aufmerksamkeit der Preisrichter. Manrieth auf alle möglichen Namen, suchte den Autor unter den ersten dramatischen Größen der Gegenwart und war — nachdem das Stück am 9. December 1868 mit ungetheiltem Erfolg die Probe der Bretter bestanden hatte —, nicht wenig überrascht, als schließlich herauskam, der Verfasser sei „Keiner vom Fach“, sondern ein in der litterarischen Welt völlig unbekannter Polizeibeamter Schaufert zu Germersheim in der baierischen Rheinpfalz. Das Stück spielt in der Zeit König Jacob I. von England und gipfelt in dem bekannten Haß des Königs gegen das Tobakrauchen, wovon indessen der Monarch schließlich im strengen Incognito selbst eine Probe macht und dabei von seinen Widersachern entdeckt und erkannt wird. Anfänglich erging sich die Kritik in uneingeschränktem Lobe über das vom Verfasser sowohl wie von anderen Händen alsbald nochmals überarbeitete Lustspiel (vgl. z. B. Beilage 350 „Allgemeine Zeitung“ vom 15. December 1868), man betonte das unverkennbare Vorbild Shakespeare's, aber es sei „eine freie Nachahmung mit selbständigem Geist, ohne das Räuspern und Spucken“. Es machte mit gleich günstigem Erfolge die Runde über alle größeren und kleineren Bühnen (nur den Theatern von Mannheim und Karlsruhe, welche frühere Arbeiten des Dichters, darunter vielleicht auch das in Rede stehende, abgelehnt hatten, verweigerte S. die Aufführung) und erschien Wien 1869 bei Wallishauser und später als Nr. 401 in Ph. Reclam's „Universal-Bibliothek“ zu Leipzig im Druck. Nachdem aber die Neugierde des Publicums — wozu auch der Witz gehörte, in einer Scene die sämmtlichen Schauspieler aus Tabakspfeifen allen möglichen Calibers rauchen zu sehen — einmal gestillt war, trat eine auch den weiteren Producten des Dichters schädliche Ernüchterung ein. Auch soll die Wiener Presse die Parole gegeben haben „den Dichter kalt zu stellen“. Thatsache ist, daß S. keinen weiteren Lorbeer in Wien errang. Denn als derselbe, mit einem einjährigen Urlaub von seiner amtlichen Stellung verseben, nach dieser Stadt kam und das vielleicht nur zu schnell ausgearbeitete Schauspiel „1683“ (welches die Belagerung Wiens durch die Türken und dessen Befreiung behandelt — ein den Wienern sozusagen auf den Leib geschriebenes Stück) mitbrachte, verhielt sich das Publicum still und abweisend. S. wurde deshalb gerade kein Melancholiker und Misanthrop — wie man unnöthigerweise in die Welt schrieb — sondern setzte noch zwei weitere Lustspiele „Der Erbfolgekrieg“ und „Rathlese Erben“ an die Restitution seines früheren Ruhmes. Wien blieb ruhig, obwohl anderswo ein erfreulicher Erfolg nicht ermangelte, welcher nun auch frühere Stücke, insbesondere die „Verwechselten Annoncen“ wieder in Fluß brachte. Mehr Glück widerfuhr dem Trauerspiel „Vater Brahm“ (Mainz 1871), welches insbesondere im National-Theater zu Berlin enthusiastische Aufnahme fand, den Dichter aber ganz unverdienter Weise in den Ruf brachte, mit der socialistischen Partei zu coquettiren. Er selbst äußerte sich im Vorwort deutlich und möglichst objectiv: „Indem ich zwei Gegensätze der Zeit, den herzlosen tyrannischen Capitalismus und die zügellos treibende Kraft des vierten Standes einander gegenüber stelle und den feindlichen Zusammenstoß dieser Gegensätze in ein Bild zu bringen versuche, nehme ich selbst weder für den einen noch für den andern Partei. Wohl aber will das Bild im Kleinen vor dem warnen, was im Großen über uns hereinbrechen müßte, falls eine Versöhnung zwischen Capital und Arbeit nicht gefunden würde — und daß diese Versöhnung nur gelingen kann auf Grundlage des Christenthums und des christlichen Staats, ist meine innige Ueberzeugung. — Aber der Standpunkt, den ich festhalte, hindert mich keineswegs, für das Interesse des vierten Standes einzutreten. Ich thue damit nicht mehr als der Samariter, da er dem unter die Räuber Gefallenen, hülflos am Wege Liegenden zu Hülfe kam. Ein solcher Hülflose ist der vierte Stand, das Capital, gelinde gesagt, der Pharisäer, der achselzuckend vorübergeht. — Wenn ich die Verbesserung des Looses der Arbeiter zur Aufgabe des Staates rechne, so ist am allerwenigsten die Partei zum Widerspruch berechtigt, die unter Hegel's Anführung den alten Gott gestürzt und den Staat an seine Stelle gesetzt hat. Kein Gott ohne Liebe, keine Liebe ohne That!"|Die Structur des Dramas verräth eine bewährte, bühnenkundige Hand; die Handlung ist mit solchem Geschick angelegt, daß sie in stetiger Steigerung sich auswächst und bis zum letzten Act in Spannung erhält ... Im übrigen ist das Stück so aus einfachen, natürlichen Elementen der greifbaren Wirklichkeit aufgebaut, daß sie die volksthümliche Kraft des Stoffes nur erhöhen können. Dabei sind die Charaktere der Hauptfiguren bestimmt gezeichnet und in ihren Abstufungen, bei denen selbst das komische Element nicht fehlt, folgerichtig durchgeführt. Die Sprache ist Prosa, aber knapp zusammengefaßte, körnige Prosa, mit einem belebten, oft drastischen Dialog ... Das Stück nimmt im Gebiete des Drama dieselbe Stelle ein, wie etwa Karl Hübner's Bild „die Schlesischen Weber“ im Fache der Malerei. Socialistische Tendenz ist keine darin, nur kurzsichtige Angst kann dergleichen wittern. In Wien verbot jedoch die Censurbehörde die Aufführung des Stückes, welches, wie bemerkt, in Berlin keinen Anstoß erregte. Heutzutage wo Bilder mit sinkenden Arbeitern in allen Kunstausstellungen unbeanstandet erscheinen und es keinem Kritiker beifällt, einen Maler deshalb politisch verdächtigen zu wollen, wäre es geradezu unmöglich einen Dichter, welcher solche Stoffe behandelt, mit dem Polizeistock zu bedrohen. Gleiches Unrecht geschah dem Poeten, als man ihn als ein Schooßkind des Ultramontanismus in Verruf brachte und der schwärzesten Tendenzen beschuldigte. S. hatte während eines späteren Aufenthaltes zu Wien (daselbst traf ihn übrigens auch das Unglück im Januar 1870 in der Bognergasse überfahren zu werden, ein Unfall, welcher ihn mehrere Wochen an das Krankenlager fesselte) den Hofrath Professor Dr. Arndts von Arnesberg, dessen Vorträge über Pandekten S. schon zu München frequentirte, als dankbarer Schüler wieder besucht, dabei dessen Stieftochter Marie, eine Enkelin des alten Joseph v. Görres kennen gelernt und im Januar 1871 einen beglückenden Ehebund geschlossen. Die Verbindung sollte nun nach einer ebenso frivolen Anklage seinen „Dichtergeist in rückschrittliche Bewegung“ gebracht haben. Sein eheliches Glück blieb übrigens leider nur von kurzer Dauer; ein rasch entwickeltes, unheilbares Lungenleiden verzehrte Schaufert's Lebensrest rasch in wenigen Monaten. Im Zusammenhange mit seiner Krankheit nagte an ihm auch die poetisch-aufgeregte, fieberhafte Thätigkeit und der Gram über angebliche Zurücksetzung bei amtlichen Beförderungen. Vergeblich war der Umzug von dem ungesunden Germersheim nach Speyer, wohin den Dichter liebe Jugenderinnerungen zogen, umsonst blieb die aufopferungsvollste Pflege von Seite seiner jungen Gattin, welche ihn am 18. December 1871 durch die Geburt einer Tochter erfreute, indeß der arme Dichter schon seinem Heimgange entgegensah, welcher am 18. Mai 1872 erfolgte. Als letzte Arbeit hinterließ S. ein ziemlich weit vorgeschrittenes Fragment eines Schauspieles, „welches den alten Adel und die moderne Haute-Finance in schroffen Gegenständen vorführt und der kühnen und schwungvollen Anlage nach zu urtheilen, ein höchst glücklicher, dramatischer Wurf zu werden versprach“. Seit seinem Tode ging außer dem „Erbfolgekrieg“ (München 1873) seltsamer Weise keines seiner Stücke mehr über die Bretter; es wäre immerhin noch der Mühe werth, mit einem oder dem anderen der bisher ungedruckt geblichenen Lustspiele einen Versuch zu machen, da das Grab alle Parteilichkeit glättet. Aus seinem Nachlasse erschien nur noch eine schon 1859 verfaßte Novelle „Dorothea“ (Regensburg 1873), welche in der Zeit des Jahres 1849 oder 1850 spielt, einen theilweise sehr crassen Stoff behandelt, trotz einzelner Mängel aber große Schönheiten in Sprache, Gedanke und Empfindung bietet und für den Entwicklungsgang des Dichters lehrreich bleibt. S. besaß ein großes instinctives Gefühl für das Dramatische, er wußte was bühnengerecht sei und „was sich gut macht“, aber die Leichtigkeit seines Schaffens und sein frisch sprudelndes Pfälzerblut riß ihn zu immer neuen Stoffen; der überraschende Erfolg diente nicht dazu, sich in Handlung und Charaktere zu vertiefen|und dadurch zum durchgebildeten Kunstwerk zu gestalten, sondern verleitete ihn zu immer neuen sich überstürzenden Produktionen, welche seine flüchtige Natur noch mehr verflachten. Wahren litterarischen Beirath scheint S. nie gesucht oder gefunden zu haben. Daß die Kritik in Lob und Tadel an ihm Manches verbrach ist sicher. Thatsache bleibt, daß beim Ableben des Dichters fast alle Nekrologisten in den verschiedenen Zeitungen darüber einig waren, daß sie den Dichter gegen frühere ungerechte Zumuthungen und Angriffe in Schutz zu nehmen suchten. So gesteht Bruno Meyer, der Dichter sei ungerechtfertigter Weise bald zu den Socialisten oder zu den Ultramontanen gezählt worden; „obwohl er für seine Person keine Spur leidenschaftlichen Parteieifers zeigte“. Der Nekrologist in der „Leipziger Illustrirten Zeitung“ betont ausdrücklich, S. habe „viele harte und ungerechte Beurtheilungen erfahren. Die schiefsten sind sicherlich diejenigen, welche sich auf seine confessionelle Stellung bezogen. Sein Gemüth war auch viel zu weich besaitet, um ihn zum Ultramontanen oder gar zum fanatischen Eiferer zu stempeln“. Der Biograph in der „Allgemeinen Zeitung“ äußerte, S. sei „vielfach hart und ungerecht beurtheilt worden .. aber in diesem weichen Gemüth war nicht die Spur irgend eines fanatischen Parteieifers zu finden“. Und die „Neue Freie Presse“, mit deren Redacteuren und Mitarbeitern S. während seiner Wiener Glanzzeit vielfachen Umgang hatte, gab dem Verstorbenen das ehrenvolle Zeugniß mit ins Grab: „Er war ein treues Herz, ein tüchtiger Charakter und besaß ein selten naives Gemüth.“ — Seine Wittwe heirathete im Herbst 1874 den Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Victor Fuchs in Wien.

    • Literatur

      Vgl. Nr. 148 Allgemeine Zeitung 27. Mai 1872. — Nr. 1515 Illustr. Ztg. Leipzig, 1872 (mit Porträt). — Bruno Meyer Deutsche Warte 1872, III, 62 ff. —
      R. v. Gottschall Unsere Zeit 1872; II, 355. —
      Gartenlaube 1869, XVII. Jahrgang S. 9 und 32 (mit Porträt). —
      Hans Hopsen, Streitfragen und Erinnerungen 1876, S. 101 ff. —
      Histor. Polit. Blätter 1871, S. 68, 948 ff. — Wurzbach, Biogr. Lexikon 1875, XXIX, 129 ff.

  • Autor/in

    Hyac. Holland.
  • Empfohlene Zitierweise

    Holland, Hyacinth, "Schaufert, Hippolyt August" in: Allgemeine Deutsche Biographie 30 (1890), S. 634-637 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd174046561.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA