Lebensdaten
1815 bis 1858
Beruf/Funktion
Naturforscher ; Zoologe ; Forschungsreisender im Orient
Konfession
evangelischer Vater
Normdaten
GND: 116638028 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Roth, Johannes Rudolf
  • Roth, Johannes
  • Roth, Johannes Rudolf
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Quellen(nachweise)

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Zitierweise

Roth, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116638028.html [17.10.2019].

CC0

  • Leben

    Roth: Johannes Rudolf R., Naturforscher und Reisender, wurde am 4. September 1815 zu Nürnberg als Sohn des damaligen kgl. bairischen Oberfinanzrathes, späteren Präsidenten des protestantischen Oberconsistoriums Carl Johann Friedrich R. (s. A. D. B. XXIX, 317—333), eines um das evangelische Kirchen- und Schulwesen in Baiern hochverdienten Mannes von seltener Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Thatkraft geboren. Nachdem er die Kinderjahre im väterlichen Hause zu München verlebt hatte, kam er 1826 in die Obhut seines als Schulmann rühmlichst bekannten Oheims, des Gymnasialrectors Karl Ludwig Roth in Nürnberg (s. A. D. B. XXIX, 333—338). Unter dessen Leitung eignete er sich gründliche Kenntnisse in den classischen Sprachen an, doch vermochte er keine rechte Begeisterung für die Philologie zu gewinnen. Vielmehr zog ihn eine wachsende Neigung zu den Naturwissenschaften, namentlich zur Zoologie. In seinen Mußestunden und während der Ferien beobachtete er auf ausgedehnten Wanderungen die Thier- und Pflanzenwelt der Umgebung Nürnbergs, legte sich umfangreiche Sammlungen von Naturgegenständen aller Art an und wohnte so oft als möglich den Fachvorträgen in der Polytechnischen Schule bei. 1832 wurde er vom Vater wieder nach Hause berufen. Er besuchte noch zwei Jahre lang das Münchener Gymnasium und trat dann zur Universität über, um sich dem Studium der Medicin und der Naturwissenschaften zu widmen. Nun konnte er sich auch ausgiebiger als bisher seiner Vorliebe für weite Fußwanderungen hingeben. Eine Ferienreise, die ihn über die Alpen bis nach Italien führte, hinterließ in ihm eine unstillbare Sehnsucht nach fernen Ländern, und er betrachtete es als ein großes Glück, daß sich ihm bald darauf Gelegenheit bot, seinen Drang zu befriedigen. Unter den Lehrern der Münchener Hochschule war ihm namentlich der Professor der allgemeinen Naturgeschichte, Gotthilf Heinrich v. Schubert, nahe getreten. Als dieser 1836 eine wissenschaftliche Expedition nach Palästina plante, lud er seinen Schüler ein, ihn zu begleiten, und dieser sagte mit Freuden zu. Zwei andere junge Leute, der Geolog Michael Pius Erdl und der Maler Martin Bernatz, schlossen sich ebenfalls an. Die Reisegenossen begaben sich im September 1836 zunächst nach Wien, fuhren die Donau abwärts bis zur Mündung und über das Schwarze Meer nach Constantinopel, wo sie längere Zeit verweilten, besuchten dann mehrere Inseln des griechischen Archipels, hielten sich einige Wochen in Smyrna und Umgegend auf, lernten Alexandrien und Kairo ziemlich eingehend kennen und durchstreiften das Nilthal nach allen Richtungen, um Alterthümer und Naturmerkwürdigkeiten zu sammeln. Hierauf folgten sie den Spuren der Kinder Israels durch die Sinaihalbinsel, erstiegen den Djebel Musa und zogen auf der uralten Carawanenstraße über Akabah und Hebron nach Jerusalem. Der Besichtigung der heiligen Stadt und ihrer Umgebungen widmeten sie mehrere Monate. Besonders ergebnißreich waren ihre Forschungen im Jordanthal und am Rothen Meer. Durch barometrische Messungen, allerdings mit einem sehr unvollkommenen Instrument, entdeckten sie die bis dahin unbekannte tiefe Einsenkung dieses Salzsees unter den Spiegel des Mittelmeers. Der Weitermarsch ging durch Galiläa nach dem Libanon und dann über Damaskus nach Beirut. Nach kurzem Aufenthalte in Griechenland und Italien traf die Gesellschaft im September 1837, etwas über ein Jahr, nach ihrer Abreise, wohlbehalten wieder in München ein. Als Ergebniß der Expedition veröffentlichte Schubert ein dreibändiges Werk „Reise in das Morgenland“ (Erlangen 1838—1839) und Bernatz ein wiederholt aufgelegtes „Album des heiligen Landes“ in 50 Ansichten in Farbendruck mit erläuterndem Text, der zum Theil von R. verfaßt war. Dieser nahm nun in der Heimath seine medicinischen Studien wieder auf, bestand die ärztliche Staatsprüfung|und erwarb im Frühjahr 1839 durch eine Dissertation: „Molluscorum species, quas in itinere per Orientem facto M. Erdl et J. Roth collegerunt“ den Doctortitel. Während er nun im Begriff stand, sich nach einer Lebensstellung umzusehen, eröffnete sich ihm abermals ganz unverhofft eine sehr erwünschte Gelegenheit, fremde Länder und Völker zu besuchen. Der englische Major Jervis, der seit Jahren in Ostindien lebte und eine Schilderung der britischen Besitzungen in diesem Lande herausgeben wollte, fragte nämlich in München an, ob man ihm nicht einen Naturforscher und einen Maler als Hülfskräfte für die Bearbeitung dieses Werkes nachweisen könne. R. erklärte sich sogleich bereit, auf den Antrag einzugehen, und überredete auch seinen Freund Bernatz, sich ihm anzuschließen. Im Juli 1840 reisten beide auf einem englischen Segelschiffe von London ab und erreichten nach übermäßig langer und beschwerlicher Fahrt Ende December den Hafen von Calcutta. Sechs Wochen lang ließen sie hier und in der Umgegend die Wunder der Tropenwelt auf sich einwirken. Dann zogen sie quer durch die Halbinsel nach Bombay, wo sie mit Jervis zusammentrafen. Dieser erklärte ihnen wider Erwarten, daß er zur Zeit von der Ausführung des geplanten Werkes absehen müsse. Um sie aber anderweit zu entschädigen, schlug er ihnen vor, daß sie sich einer Expedition anschließen sollten, welche die Ostindische Compagnie mit Unterstützung der britischen Regierung zur Anknüpfung von Handelsbeziehungen nach Abessinien schicken wollte. Sie begaben sich deshalb im April 1841 nach Aden und wurden hier von dem Leiter des Unternehmens, dem Capitän Cornwallis Harris, sehr freundlich aufgenommen. R. erhielt den Auftrag, die Naturverhältnisse der zu besuchenden Gegenden zu erforschen und Sammlungen aller Art anzulegen, Bernatz dagegen sollte alles Neue und Bemerkenswerthe zeichnerisch darstellen. Im Mai brach die Gesandtschaft von Aden auf, fuhr nach dem gegenüberliegenden afrikanischen Hafen Tadjura und drang landeinwärts nach dem Hochlande von Schoa vor. Hier hielt sie sich fast zwei Jahre lang auf. R. benutzte diesen Zeitraum zur eindringenden Erforschung des Gebietes. Auch unternahm er mehrere Züge nordwärts nach Amhara, südwärts zu den unabhängigen Gallastämmen und westwärts in das Gebiet des Blauen Nils und seiner Zuflüsse. Schon faßte er den Plan, noch mehrere Jahre in Abessinien zu bleiben, um das Land nach allen Richtungen hin gründlich kennen zu lernen, als ein Brief seines Vaters eintraf, der ihm den Tod der Mutter meldete und ihn aufforderte, sobald als möglich nach Hause zu kommen. Er kehrte deshalb im März 1843 mit seinen englischen Gefährten über Aden nach Bombay zurück, lieferte seine reichen Sammlungen ab und traf im August wieder in München ein. Hier stellte er zunächst die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Beobachtungen und Untersuchungen zusammen, die als Remarks on the Geology, Botany, and Zoology of the Highlands of Southern Abyssinia in den beiden ersten Bänden (S. 418—428, bezw. 398—430) des von Harris herausgegebenen amtlichen Berichtes über die Expedition (The Highlands of Aethiopia, London 1844, 3 Bände, auch deutsch: Gesandtschaftsreise nach Schoa und Aufenthalt in Südabyssinien, Stuttgart und Tübingen 1845—47) erschienen. Dann sah er sich nach einem Amte um, das ihm Gelegenheit und Muße zu Arbeiten auf naturgeschichtlichem Gebiete gewährte. Er fand eine Stelle als Adjunct an der zoologisch-zootomischen Sammlung der Münchner Museen und beschäftigte sich nun jahrelang mit der Bestimmung, Ordnung und Katalogisirung der daselbst aufbewahrten Insekten und Conchylien. Bald wurde er auch zum außerordentlichen Professor der Zoologie an der Universität und zum außerordentlichen Mitglied der kgl. bairischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Von größeren Reisen mußte er längere Zeit|hindurch absehen, da sein alter Vater ihn nicht von sich lassen wollte. Erst als im Januar 1852 der Vater gestorben war, konnte er an die Ausführung neuer Reisepläne gehen. Zunächst knüpfte er Verhandlungen mit der Ostindischen Compagnie an, um einen amtlichen Auftrag zur naturwissenschaftlichen Erforschung Indiens zu erhalten, doch gingen seine Wünsche nicht in Erfüllung. Deshalb begnügte er sich, auf eigene Kosten eine Fahrt nach Palästina anzutreten. Er wollte namentlich die Gegend um das Todte Meer und das noch wenig bekannte Ostjordanland genau kennen lernen, aber die Unsicherheit der politischen Verhältnisse und die Unzulänglichkeit seiner Geldmittel nöthigten ihn bald zur Umkehr. Er begab sich deshalb nach Griechenland, um die gewaltigen Massen fossiler Knochen zu untersuchen, die man bei Pikermi am Fuße des Pentelikon entdeckt hatte. Seine Ausgrabungen führten zu wichtigen Ergebnissen, über die er später in den Abhandlungen der math.-phys. Classe der bairischen Akademie (Band VII, Abtheilung 1, Jahrgang 1853) Bericht erstattete. Aber durch den langen Aufenthalt in der sumpfigen Niederung zog er sich ein hartnäckiges Wechselfieber zu, das ihn schließlich zur Heimkehr zwang. Nach seiner völligen Wiederherstellung begann er sogleich mit der Ausarbeitung eines umfassenden Planes über die wissenschaftliche Erschließung des Ostjordanlandes. Zur Beschaffung der dafür nothwendigen Mittel wendete er sich an seinen Landesherrn, den König Maximilian II., und dieser bewilligte ihm auch eine namhafte Summe. Wohl ausgerüstet und voll großer Hoffnungen trat er im Herbst 1856 seine dritte Reise nach Palästina an. Zunächst verweilte er einige Monate in Jerusalem, um sich durch Verträge mit den türkischen Behörden und einigen Beduinenhäuptlingen möglichst gegen räuberische Ueberfälle, Erpressungen und andere Begleiterscheinungen der herrschenden Anarchie zu sichern. Nachdem er eine berittene Schutztruppe aus landeskundigen Eingeborenen angeworben hatte, begab er sich Anfang April 1857 nach dem Todten Meere, bestimmte dessen Salzgehalt und stellte durch zahlreiche Barometerablesungen den Betrag der Einsenkung unter den Spiegel des Mittelmeeres wenigstens annähernd genau fest. Dann wanderte er im Wadi el Arabah südwärts, um die Ausdehnung der Depression nach Süden zu ermitteln und um die Berechtigung der weitverbreiteten Meinung zu untersuchen, daß der Jordan ehemals ins Rothe Meer geflossen sei und diese Mündung erst in historischer Zeit durch die Entstehung des Todten Meeres, also durch ein Naturereigniß eingebüßt habe, das man von jeher mit der biblischen Catastrophe von Sodom und Gomorrha in Zusammenhang brachte. Auf Grund seiner Beobachtungen und Messungen erklärte er beide Annahmen für begründet. Nachdem er noch die Ruinen von Petra und das türkische Castell Akabah am Meerbusen gleichen Namens besucht hatte, kehrte er, wiederholt durch räuberische Beduinen belästigt, nach Jerusalem zurück. Die folgenden Monate verbrachte er mit einer gründlichen Untersuchung der geologischen Verhältnisse, sowie der Thier- und Pflanzenwelt in der Umgegend der heiligen Stadt. Auch bereiste er das Jordanthal vom Todten Meer bis zum See Genezareth, um die Ausdehnung der dort vorhandenen Depression festzustellen, und hielt sich längere Zeit an der Mittelmeerküste auf, wo er die Ueberreste phönicischer Cultur und das Vorkommen der Purpurschnecke studirte. Im März 1858 wanderte er um die Südspitze des Todten Meeres nach den Gebirgen der alten Moabiter und Edomiter und nahm zahlreiche Höhenmessungen vor, doch mußte er wegen der herrschenden Unsicherheit bereits in Kerak wieder umkehren. Bald darauf rüstete er sich zu einer größeren Reise, die ihn durch Samaria und Galiläa nach dem Libanon und dann rückwärts durch Hauran und Gilead nach dem Ammoniterlande führen sollte. Er kam glücklich bis an den See Merom und|wollte hier feststellen, ob dieser bereits der Jordandepression angehört. Aber während des Aufenthaltes in der sumpfigen und ungesunden Gegend zog er sich ein heftiges Fieber zu, daß ihn auch nicht verließ, als er den Weitermarsch nach Norden antrat. Mit Aufbietung aller Kräfte gelang es ihm noch, den Gipfel des Großen Hermon zu besteigen, aber in Hasbeja am Fuße des Berges traf ihn ein Sonnenstich, und nun brach er völlig zusammen. Zwar fand er in dem Hause des amerikanischen Missionars Wartabet freundliche Aufnahme und Pflege, aber die angewandten Heilmittel vermochten ihn nicht mehr zu retten. Eine Gehirnentzündung brach aus, Delirium und Raserei stellten sich ein, und am 25. Juni 1858 wurde er durch den Tod von seinen Leiden erlöst. Auf dem Friedhofe der kleinen protestantischen Gemeinde des Ortes fand er seine letzte Ruhestätte. Seine Tagebücher hatte er schon früher in die Heimath gesandt und auszugsweise in Petermann's Mittheilungen veröffentlicht (1857, S. 260—265, 413—416; 1858, S. 1—5, 112, 158 f., 267—272, wo er aber überall irrthümlich J. B. Roth genannt wird). Seine reichen Sammlungen, die namentlich Insecten, Conchylien, getrocknete Pflanzen und Gesteinsproben umfaßten, wurden zum großen Theil den bairischen Museen überwiesen. Er war ein Mann von umfassendem Wissen, seltener Arbeitskraft, strengster Gewissenhaftigkeit und Uneigennützigkeit, größter Einfachheit und Bescheidenheit, ein vielseitiger Gelehrter, dessen früher Tod ein hoffnungsvolles Leben zerstörte, das noch reiche und werthvolle Früchte verhieß.

    • Literatur

      Denkrede von A. Wagner in den Gelehrten Anzeigen der kgl. bairischen Akademie d. Wissenschaften 1859, Nr. 3—5, Sp. 33—46 (mit Bibliographie).

  • Autor/in

    Viktor Hantzsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hantzsch, Viktor, "Roth, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 53 (1907), S. 530-533 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116638028.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA