Lebensdaten
1815 bis 1863
Geburtsort
Brüx (Böhmen)
Sterbeort
Sigmaringen
Beruf/Funktion
Rechtshistoriker ; Bibliothekar
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118790927 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rößler, Emil Franz
  • Röessler, E. F.
  • Rössler, Emil F.
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Zitierweise

Rößler, Emil Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118790927.html [26.06.2019].

CC0

  • Genealogie

    V N. N., Justiziär im grundherrschaftl. Dienst in B.;
    M N. N.;
    Erlangen 1859 Bertha ( 1881), T d. Karl Friedrich Rr. v. Heres, ca. 1845-54 Vorstand d. bayer. Steuerkatasterkomm., 1847/48 Verweser d Staatsmin. d. Finanzen (s. Schärl);
    1 S Wilhelm, Offz. in Erfurt.

  • Leben

    R. wurde nach Abschluß des Rechtsstudiums an der Univ. Prag aufgrund einer rechtshistorischen Dissertation 1842 promoviert. Danach war er kurzzeitig als Supplent für österr. Zivilrecht (1843/44) in Prag tätig. Im Anschluß an die Historische Rechtsschule in Deutschland konnte sich R. nach aufwendigen Archivforschungen in deren germanist.|Zweig 1845 durch die Herausgabe von Quellen zur Geschichte des dt. Bauernstandes und des Städtewesens in Böhmen und Mähren profilieren, dem ersten Teil der vierbändig geplanten Sammlung „Dt. Rechtsdenkmäler“. Auf Einladung Jakob Grimms, Verfasser des Vorworts der „Rechtsdenkmäler“, nahm R. 1846 auch an der 1. Germanistenversammlung in Frankfurt/M. teil. Im selben Jahr wurde er in Prag Dozent für die erst 1855 im Studienplan etablierte österr. Rechtsgeschichte und damit wegweisend: 1846/47 wurde er versuchsweise für rechtshistorische Vorlesungen an die Univ. Wien berufen. Sein mangelndes rhetorisches Talent nahm ihm jedoch die Aussicht auf eine Lehrkanzel. Eine als 1. Band für die von der Österr. Akademie der Wissenschaften herausgegebene Reihe „Fontes rerum austriacarum“ (FRA) konzipierte Quellensammlung zur Besitzgeschichte des Bistums Freising in Österreich (Notitia bonorum ecclesiae Frisingensis in Austria) ging wegen des Ausbruchs der Revolution 1848 nicht mehr in Druck. Als Anhänger des Konstitutionalismus von seinem dt.-böhm. Heimatbezirk Saaz 1848 in die Dt. Nationalversammlung in Frankfurt/M. gewählt, votierte R. dort für den Verfassungsentwurf und bekannte sich zum preuß. Erbkaisertum, was ihm eine Rückkehr nach Österreich unmöglich machte. Sein weiterer Lebenslauf – Dozent für Rechtsgeschichte und Agrarrecht sowie Bibliothekar an der Univ. Göttingen (1849–58), Bibliothekar hier und an der Univ. Erlangen (1858–62), Hofbibliothekar zu Hohenzollern-Sigmaringen (1862–66) – bildete eine Kette von beruflichen Mißerfolgen; Bemühungen um eine politische Rehabilitation und die Rückkehr ins Lehramt in Österrreich scheiterten. Aufgrund einer sich abzeichnenden Geisteskrankheit beging er Selbstmord.

    R. zählt zu den eher vergessenen, aber in ihrer Zeit und damit für die Wissenschaftsgeschichte bedeutenden Juristen; seine Wiener Vorlesungen zur Rechtsgeschichte (gedr. 1847) sind Marksteine für den Fortschritt der Historischen Rechtsschule in Österreich. Nur vereinzelt wurde er von Zeitgenossen wie Wilhelm Wattenbach oder dem tschech. Historiker Vaclav Tomek als Pionier der österr. Rechtsgeschichte anerkannt. Die 1864 an seinem Geburtshaus in Brüx angebrachte Gedenktafel existiert vermutlich heute nicht mehr.|

  • Auszeichnungen

    hohenzoller. Hofrat (1863); Mitgl. d. böhm. Ges. d. Wiss. (1853).

  • Werke

    Über d. Ausgedinge auf Bauerngütern;
    nach d. bestehenden gesetzl. Vorschrr. in Österr. mit bes. Rücksicht auf d. Kgr. Böhmen, 1842 (Diss.);
    Über d. Erbrecht u. d. Erbfolge d. Bauernstandes, in: J. Wessely (Hg.), Themis VII, 1843 (auch selbständig ersch.);
    Darst. d. vorbestandenen u. gegenwärtigen bürgerl. Ger.stellen u. d. sog. Nebenrechte Prags, ebd. VIII, 1844 (auch selbständig ersch.);
    Über d. Bedeutung u. Behandlung d. Gesch. d. Rechts in Österr., 1847;
    Btrr. z. Staatsgesch. Österr. aus d. G. W. v. Leibniz'schen Nachlasse in Hannover, in: SB d. Wiener Ak., phil.-hist. Kl., XX, 1856, S. 267 ff. – Hg.: Dt. Rechtsaltertümer aus Böhmen u. Mähren, I: Das altprager Stadtrecht aus d. XIV. Jh., 1845, Nachdr. 1963, II: Die Stadtrechte v. Brünn aus d. XIII. u. XIV. Jh., nach bish. ungedr. Hss., 1852 Nachdr. 1963;
    Die Gründung d. Univ. Göttingen, Entwürfe, Berr. u. Briefe d. Zeitgenossen, 1855. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: fast 400 Bücher u. 42 Konvolute Mss. vermachte R. 1862 d. Ver. f. d. Gesch. d. Deutschen in Böhmen (vermutl. verschollen).

  • Literatur

    ADB 29;
    M. v. Stubenrauch (Hg.), Bibliotheca juridica austriaca, 1847, Nr. 3265, 3434-3436 (W-Verz.);
    Nekr. u. a. in: Allg. Österr. Ger.-Ztg. 1863, Nr. 152, S. 605 f.;
    ZSRGG 4, 1864, S. 204-06;
    Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Dt.tums in Böhmen 2, 1864, S. 135-42;
    J. Chmel, in: SB d. Wiener Ak., phil.-hist. Kl., I, 1848, S. 17;
    ders., Vorher., in: ders. (Hg.), Urkk. z. Gesch. v. Österr., Steiermark, Kärnten, Krain, Görz, Triest, Istrien, Tirol (FRA II 1), 1849, S VI;
    J. Pfitzner, in: Sudetendt. Lb. II, 1930, S. 237-43 (P);
    H. Lentze, Die Univ.reform d. Min. Gl. Leo Thun-Hohenstein, 1962, S. 60, 117, 269 f.;
    ders., Gf. Thun u. d. dt. Rechtsgesch., in: MIÖG 63, 1955, S. 503 f.;
    W. Brauneder, Lesever. u. Rechtskultur, Der jurid.-pol. Lesever. zu Wien 1840-1990, 1992, passim;
    H. Baltl, E. F. R., Ein Rechtshist. zw. Österr. u. Preußen, in: FS f. H. Thieme z. 80. Geb.-tag, 1986, S. 329-39;
    Stintzing-Landsberg III/2, 537 f.;
    Wurzbach;
    K. Bader, Lex. dt. Bibliothekare im Haupt- u. Nebenamt, 1925;
    ÖBL (W-Verz.);
    Biogr. Lex. Böhmen;
    Biogr. Hdb. Frankfurter NV. |

  • Quellen

    Qu Österr. StA Wien, Abt. Allg. Verw.archiv (Akten d. Min. f. Kultus u. Unterr., Allg. Reihe 1848-1940, fasc. 590, Signatur 4).

  • Autor/in

    Christian Neschwara
  • Empfohlene Zitierweise

    Neschwara, Christian, "Rößler, Emil Franz" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 747-748 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118790927.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Rößler: Emil Franz R., Rechtshistoriker, geboren am 5. Juni 1815 zu Brüx in Böhmen, am 5. December 1863 in Sigmaringen. Als Deutschböhme und Sohn eines sehr geachteten und unterrichteten Justitiars, den er oft auf seinen amtlichen Reisen begleitete, wurde R. frühzeitig aufmerksam auf die Verschiedenheit der Bevölkerung und auf die Lage des Bauernstandes, welcher vielfach durch die Anwendung von Sätzen des römischen Rechts auf die völlig unverstandenen Verhältnisse der Abkommen freier Ansiedler zu leiden hatte. Die hierauf bezüglichen Studien betrieb er mit dem größten Eifer als Hörer der Rechte in Prag, und als Conceptspractikant der böhmischen Kammerprocuratur daselbst, begann auch schon hier seine Forschungen in Bibliotheken und Archiven, welche ihn zu so vielen glücklichen Funden geführt haben. Im J. 1842 promovirte er mit einer Dissertation über das Ausgedinge auf deutschen Bauerngütern, und lehrte dann als Supplent der Lehrkanzel für österreichisches Civilrecht an der Prager Universität. Als erste reife Frucht seiner besonderen Studien erschien 1845 der erste Band der „Deutschen Rechtsdenkmäler aus Böhmen und Mähren“, mit einer Vorrede von Jacob Grimm, dem er den Anfang übersandt und dessen warme Theilnahme er in vollem Maße sich gewonnen hatte. In der Einleitung zu dem Altprager Stadtrecht wies er hier, was damals völlig neu war, den Ursprung der Stadt aus der ersten deutschen Niederlassung nach, verbunden mit sehr eingehenden und lehrreichen Untersuchungen über die Verhältnisse des deutschen Bürgerthums und die Verwandtschaft der Stadtrechte unter einander. Der zweite Theil, welcher erst 1852 erschien, enthält die Stadtrechte von Brünn, vorzüglich das berühmte Schöffenbuch, ebenfalls mit ausführlicher Einleitung, welche in lichtvoller Weise die deutsche (Colonisation im Osten beleuchtete. Für Rechtsgeschichte war damals noch kein Raum in dem fest abgegrenzten Lehrkreise österreichischer Universitäten, die Fachmänner hielten sie für schädlich, und es war daher ein epochemachendes und bahubrechendes Ereigniß, daß es R. gelang, von der Studienhofcommission versuchsweise die Gestattung rechtsgeschichtlicher Vorlesungen an der Wiener Universität zu erwirken, wohin er 1846 übersiedelte. Es war die Glanzzeit Rößler's, als hier, weniger Studenten, als vielmehr eine große Anzahl z. Th. schon hochgestellter Männer zu seinen Vorträgen sich einfand, gefesselt durch sein reiches Wissen und viele hier ganz neue Gesichtspunkte, während die Form des Vortrages wenig fließend und durchgearbeitet war. Bezeichnend für die damalige Sachlage sind die zwei bei Eröffnung des folgenden Studienjahres gehaltenen Vorträge „Ueber die Bedeutung und Behandlung der Geschichte des Rechts in Oesterreich“, welche er 1847 mit einem Anhange rechtsgeschichtlicher Quellen veröffentlichte. Eine Professur war ihm in Aussicht gestellt, und voll froher Hoffnungen trat er 1847 eine Reise durch Deutschland an, welche ihn auch zu der Germanistenversammlung in Frankfurt a. M. führte. Endlich hatte er seinen Wunsch erfüllen, die Meister seines Faches persönlich begrüßen können, und auch an deutschen Universitäten die von der österreichischen ganz verschiedene Lehrweise kennen gelernt. Seitdem jedoch fühlte er sich in Oesterreich nicht mehr recht heimisch, die anfängliche Begeisterung für seine Vorträge war bald erkaltet, und er fand wenig gleichgesinnte und gleichstrebende Seelen. Da bereitete die Märzrevolution den Vorlesungen ein jähes Ende, und R., welchen der in Böhmen stark aufflammende|Nationalitätenhaß lebhaft berührt hatte, wurde für den Wahlbezirk Saaz zum Abgeordneten ins Frankfurter Parlament erwählt. Hier überzeugte er sich bald, vorzüglich aber mit voller Entschiedenheit nach dem Erlaß der neuen Verfassung für den Gesammtstaat, daß eine gemeinsame Verfassung für Deutschland und für Oesterreich ein Unding sei, und schloß sich der Gagern'schen Partei in der Abstimmung über das preußische Erbkaiserthum an, wodurch die Rückkehr in die Heimath für ihn zwar nicht unmöglich, aber doch erschwert wurde. Auch sehnte er sich nach dem freieren wissenschaftlichen Streben und Verkehr der deutschen Universitäten und vertraute auf die einflußreichen Freunde (u. a. auch G. Waitz), welche er unter den Professoren gewonnen hatte. Allein der Verlauf der Dinge verkehrte vielmehr seine Zugehörigkeit zur Kaiserpartei zu einem schweren Hinderniß seiner Beförderung, während zugleich gerade in entscheidenden Momenten eine Verwechselung mit dem radicalen Rösler von Oels (s. o. S. 240) ihm geschadet hat. Doch darf auch nicht verschwiegen werden, daß die Vorlesungen, welche er nun als Privatdocent in Göttingen hielt, zwar reich an anregenden Gedanken, aber zu wenig systematisch durchgearbeitet waren; er hatte als Docent wenig Erfolg, hat aber auf jüngere Gelehrte, welche sich ihm freundschaftlich anschlossen, im Privatverkehr eine dankbar anerkannte, sehr förderliche Einwirkung geübt. Auffallend war bei ihm eine große Unstätigkeit, das Ergreifen stets neuer Entwürfe, ohne etwas durchzuführen, vielleicht zeigte sich darin schon damals der Beginn des Gehirnleidens, dem er später erliegen sollte. Den zweiten Theil seiner „Rechtsdenkmäler“ mit der musterhaften Einleitung vollendete er 1851, dann veranlaßte ihn die Auffindung höchst werthvoller, bis dahin unbeachtet gebliebener Briefe und Acten zu dem Buche über „Die Gründung der Universität Göttingen“, 1855, dem letzten, welches er, unterstützt und gedrängt von seinen Freunden, zu Ende geführt hat. Sehr werthvolle Vorarbeiten über Leibniz, zu welchen ihn in Hannover gefundene wichtige Papiere veranlaßten, benutzte er zu einer Mittheilung in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie (Bd. 20), überließ sie aber dann, da er keinen Verleger fand, dem Franzosen Foucher de Careil. Nachdem jede Aussicht auf eine Beförderung in Göttingen abgeschnitten war, mußte R. sich entschließen, 1858 einer durch seinen Freund Aegidi vermittelten Berufung nach Erlangen als zweiter Bibliothekar zu folgen. Die Aufgabe, fast ohne Mittel und Hülfe die gänzlich verwahrloste Bibliothek in Ordnung zu bringen, war unausführbar, aber auch hier entdeckte er eine fast unbeachtete sehr kostbare Sammlung alter Handzeichnungen, Kupferstiche und Holzschnitte, deren Ordnung und Reinigung ihn nun ganz in Anspruch nahm; der Plan einer Veröffentlichung derselben beschäftigte ihn bis in die letzten Tage seines Lebens. In Erlangen hatte R. sich endlich auch ein häusliches Glück begründet durch die Verbindung mit Bertha Heres ( am 19. Februar 1881), Tochter des weiland bairischen Ministers v. Heres, aus welcher Ehe ein Sohn Wilhelm, jetzt Officier in Erfurt, entsprossen ist. Um so mehr aber bedurfte er einer Verbesserung seiner kärglichen Lage, und fand dieselbe (auf Empfehlung M. Duncker's) 1862, wenn auch in sehr bescheidener Weise, als Bibliothekar des Fürsten von Hohenzollern in Sigmaringen, mit dem Titel eines Hofraths. Die Bibliothek sollte größtentheils erst neu begründet werden; damit und zugleich mit der Durchsicht des ganz ungeordneten und lückenhaften Archivs, dessen Uebergabe ihm in Aussicht gestellt war, zugleich mit den vorher erwähnten Entwürfen, war er rastlos beschäftigt und auf einer deshalb unternommenen Reise fiel den Freunden seine krankhafte Aufregung sehr auf. Diese steigerte sich nach seiner Rückkehr, bis er plötzlich am 5. December 1863 seinem Leben selbst durch einen raschen Schnitt ein Ende machte; der Schmerz der Seinigen darüber wurde etwas gemindert durch die bestimmte Erklärung der Aerzte, daß ein unheilbares Gehirnleiden sonst unfehlbar sehr bald zum Ausbruch gekommen sein würde.

    R. gehörte zu den ersten geistigen Vermittlern zwischen Oesterreich und Deutschland in der Zeit, da jenes nach langer Entfremdung infolge der Revolution von 1848 in die deutsche wissenschaftliche Bewegung wieder einzutreten begann. Persönliche Liebenswürdigkeit, wie sie bei sanguinischen Naturen nicht selten ist, zeichnete ihn in hohem Maße aus, er besaß eine ungewöhnliche Gabe, den Menschen rasch näher zu treten und sie zu gewinnen, wozu sein Humor viel beitrug. Ungemein vielseitig in seinen Interessen, die sich in seiner Bücherliebhaberei widerspiegelten, wußte er von allen zu lernen, alle anzuregen, sehr vieles aber, was seinen reichen Geist beschäftigte, blieb unter äußeren wie inneren Hemmungen nur Entwurf.

    • Literatur

      Nekrologe von Prof. Wahlberg, Allg. österr. Gerichtszeitung 1863, Nr. 152 vom 19. Dec.; von Wattenbach, Südd. Zeit. 1864 Jan. Nr. 5. 7. 9; von Kluckhohn, Beil. zu Nr. 55 d. Allg. Z. vom 24. Feb. 1864; von A. Schmalfuß, Mittheilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen 2. Jahrg. Prag 1864, S. 135—142.

  • Autor/in

    Wattenbach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wattenbach, Wilhelm, "Rößler, Emil Franz" in: Allgemeine Deutsche Biographie 29 (1889), S. 264-266 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118790927.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA