Lebensdaten
erwähnt 1218, gestorben vermutlich nach 1231
Beruf/Funktion
Wunderheiler ; friesischer Bauer
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 138011486 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Otbertus
  • Otbrecht
  • Otbert
  • mehr

Zitierweise

Otbert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd138011486.html [25.02.2020].

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  • Leben

    O., ein „einfältiger Bauer“ unbekannter Herkunft, übte im zweiten Jahrzehnt des 13. Jh. und vielleicht auch schon vorher die Tätigkeit eines ländlichen Wunderheilers aus. Zu diesem Zweck nutzte er zwei Quellen in der Nähe des zur Börde Seisingen bzw. zur Gfsch. Stade gehörigen Meierhofes Bockel zu Trinkkuren. Dieser Hof liegt an dem Flüßchen Otter westl. des Kirchdorfs Bevern (Kr. Bremervörde). Der „Sültenborn“ war solehaltig, der „Hilgenborn“ (d. h. „Heiligenquelle“) ist noch heute mit Mineralien angereichert, die zur Linderung von Augenleiden geeignet sind. Eine Votivgabe von 1218/19 im Bockeier Schatzfund deutet auf die Heilung von Augenkrankheiten hin. Nach Botes Chronik leitete O. die Heilungsakte rituell ein: Auf einem rosenbestreuten Thron sitzend und nur mit einem Rock bekleidet, blies er ein Horn; den Heilzauber begleitete er mit selbsterfundenen Segensworten. War eine Heilung erfolgt, wurden laute Gesänge angestimmt. Das „gemeine Volk“ verehrte O. als Heiligen; die Lübecker Ratschronik notierte um 1349 die Redensart: „It helpt so wol also broder Otbertus segeninge“. Bf. Iso (Yso) von Verden ( 1231), ein Anhänger Kaiser Ottos IV., griff nicht ein, da Pfalzgf. Heinrich, der Bruder Ottos (und wohl auch dieser selbst) von den Einnahmen O.s profitierten.

    Der Hilgenborn galt auch in der volksmündlichen Überlieferung als Zielpunkt vieler Wallfahrer. Der erwähnte Bockeler Schatz von 8,43 kg Silber, der wegen eines Heilzauberringes und aufgrund der Münzen, die sich datieren lassen, zweifellos einen Teil der Einnahmen O.s darstellt, wurde 1928 in der Nähe des Sültenborns gefunden. Die Münzen dieses größten jemals in Niedersachsen geborgenen Fundes beweisen, daß die hilfesuchenden Menschen aus dem gesamten niedersächs. Raum kamen.

    1218/19 (jedenfalls nach dem Tod Ottos IV. am 19.5.1218) wurde O. von Ministerialen Ebf. Gerhards I. von Bremen, der wie Pfalzgf. Heinrich die Gfsch. Stade beanspruchte, vertrieben. Zuvor hatten die Kirchenministerialen die Feste Bremervörde eingenommen, von wo aus Heinrichs Vogt Heinrich v. Ochtenhausen O. beschützte und den Anteil des Landesherren am Gewinn einzog. Als weitere Stationen O.s werden Stade und Lübeck sowie der Todesort Riga angegeben. Vermutlich wohnte er so lange in Stade, bis die Welfen es aufgeben mußten (1227). Lübeck als der gewöhnliche Pilger- und Auswanderhafen nach Livland stellte wohl nur eine Zwischenstation dar.

    Der „Liber census Daniae“ von etwa 1231 erwähnt einen „Odbrict“, der zusammen mit einem anderen Vasallen namens Heinrich 22 Haken in Estland innehatte und ein Streitroß stellen mußte. Beide Vasallen waren Nachfolger eines vertriebenen Johannes „Fischbote“. Dessen Vertreibung könnte durch den Estenaufstand 1223 erfolgt sein. Wäre „Odbrict“ mit O. identisch, dann hätte er versucht, mit seinem Vermögen in den Stand der in Altlivland nicht durchweg adligen Grundbesitzer einzudringen und sich schließlich in Riga zur Ruhe zu setzen.

  • Quellen

    Qu Annales Hamburgenses a. 1218, MGH SS 16, 1859, S. 382 f.; H. Bote, Cronecken der Sassen a. 1221, Mainz 1492, ed. G. W. Leibniz, SS rer. Brunsvicensium 3, 1711, S. 360; Lübecker Ratschronik, Die Chroniken d. dt. Städte 30/31: Lübeck, Bd. IV u. V, hg. v. F. Bruns, 1910–1911, Registerbd. V/1, 1914; B. U. Hucker, Kaiser Otto IV., 1990, S. 697 f.; P. Johansen, Die Estlandliste d. Liber census Daniae, 1933. – Die Münzen d. Bockeler Hortes heute größtenteils im Kestner-Mus. Hannover (13 965 Exponate), d. Schmuck überwiegend im Bremer Landesmus. f. Kunst u. Kulturgesch. (einige Stücke auch im Kestner-Mus.); weitere Teile d. Münzhortes in Bremen, Landesmus. f. Kunst- u. Kulturgesch., Bremervörde, Kreismus. u. Berlin, Staatl. Münzkab.

  • Literatur

    ADB 24;
    A. Bachmann, Wem gehörte d. Beverner Schatz?, Eine Vermutung üb. Ursprung u. Eigentümer, Niedersachsenhaus, Beil. d. Bremervörder Ztg., Nr. 50, Dez. 1928;
    ders., O. v. Bokel, in: Arbb. v. August Bachmann (1893–1983), bearb. v. Elfriede Bachmann, 1993, S. 141-49 (Erstveröff. 1934);
    A. u. E. Bachmann, Bevern b. Bremervörde, Geschichtl. Überblick u. Qu.veröff., 1980;
    Ortwin Meier, Der Brakteatenfund v. Bokel b. Bevern Kr. Bremervörde, 1932;
    E. Grohne, Der ma. Schmuckfund v. Bokel b. Bremervörde, in: Niederdt. Zs. f. Volkskde. 12, 1934, S. 126;
    ders., Nachlese z. ma. Schmuckfund v. Bokel, in: ders., Alte Kostbarkeiten aus d. brem. Kulturbereich, 1956, S. 40-45;
    ders, Ein Fingerring mit magischer Umschrift aus d. Zeit u. Umgebung Heinrichs d. Löwen, Das Problem d. Thebalringe, ebd., S. 46-106;
    B. U. Hucker, Kaiser Otto IV., 1990;
    F. Berger, Die ma. Brakteaten im Kestner-Mus. Hannover, 2 T., 1993/1996.

  • Portraits

    O., auf d. Thron sitzend u. d. Horn blasend, Holzschn. in Botes Cronik, 1491, abgeb. in: SS rer. Brunsvicensium 3, S. 360.

  • Autor/in

    Bernd Ulrich Hucker
  • Empfohlene Zitierweise

    Hucker, Bernd Ulrich, "Otbert" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 641 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd138011486.html#ndbcontent

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  • Leben

    Otbert, oder wie Reimer Kock ihn nennt Otbrecht, ein Bauer zu Bokel an der Otter bei Bevern, Kirchspiels Selsingen, im Regierungsbezirk Stade, läuft beim Jahre 1218 als St. Otbert oder Bruder Otbert, nach Albrechts von Stade Vorgange in den Ann. Hamburg. durch alle norddeutschen Chroniken, von der Sachsenchronik bis Detmar und Kock und ist in von Kobbe's Herzogthum Bremen und Verden I. S. 115 mit neuen Erfindungen noch wieder aufgewärmt. Er besprach mit bäurischen Sprüchen Krankheiten, ließ baden, prophezeiete und fand Glauben, ungeheuren Zulauf und reiche Opferspenden, die er mit dem herzoglichen (d. h. pfalzgräflichen) Vogte auf der Burg Bremervörde, Heinrich von Ochtenhausen theilte, und dafür dessen Schutz fand. Als aber die Ministerialen des Bremer Erzbischofs im Kampfe um die Grafschaft Stade die Burg überrumpelten, flüchtete er nach Lübeck und soll von da nach Riga gegangen und verschollen sein. Uebrigens ließ man im Mittelalter und noch später, gern alles, was von der Elbe ab verscholl, über Lübeck nach Riga gehen. In Lübeck wollte man von ihm das plattdeutsche Sprüchwort ableiten: „It helpet so vele alse broder Otbrechts segeninge“. Mit dem tanzenden Otbern bei Alb. Stad. 1021 oder 1012 (M. G. SS. XVI, S. 213), ist er nicht zu verwechseln. In den Heiligenverzeichnissen kommt ein Otbert oder Otbrecht nicht vor, in das plattdeutsche (lübische) Passional aber ist er hineingerathen und noch R. Kock führt ihn daraus an als einen großgeachteten Heiligen mit einer großen Geschichte von seiner „Flasche“.

    Mon. Germ. SS. XVI, S. 381; über die von Lappenberg in den Hamb. Ann. ausgelassene aber bei Langebeck angegebene Geschichte vergl. Weiland in den Forschungen z. deutschen Gesch. XIII, S. 166 ff.

  • Autor/in

    Krause.
  • Empfohlene Zitierweise

    Krause, "Otbert" in: Allgemeine Deutsche Biographie 24 (1887), S. 529 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd138011486.html#adbcontent

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