• Leben

    Oesterlen: Friedrich Oe., Arzt, wurde am 22. März 1812 zu Murrhardt in Würtemberg geboren als Sohn des damaligen Unteramtsarztes und späteren fürstlich Hohenlohe-Oehringen'schen Leibarztes Dr. Christian Oe. Schon als Gymnasiast mit tüchtigen Kenntnissen in Botanik und Physik ausgestattet, widmete sich Oe. in Tübingen mit Eifer dem Studium der Medicin. Seine Bearbeitung der Preisaufgabe über „Einheit oder Mehrheit der venerischen Contagien“ wurde 1833 mit dem Preis gekrönt und nach glänzend bestandenen Prüfungen war Oe. bestrebt in Würzburg, Wien und Paris sich die technischen Fertigkeiten in Untersuchungsmethoden und Operationen zu eigen zu machen, zu deren Erwerbung das damalige Tübingen keine Gelegenheit geboten hatte. Als Unteramtsarzt 1835 in seiner Vaterstadt Murrhardt angestellt, vermählte sich Oe. 1838 mit der Tochter eines windigen Landgeistlichen. Die spärliche Zeit, welche der angestrengte ärztliche Dienst in bergiger Gegend frei ließ, benutzte Oe. zu wissenschaftlichen Arbeiten, und Untersuchungen, wie die über den Magen des Krebses (Müller's Archiv) und die in den beiden ersten Jahrgängen des Rofer-Wunderlich'schen Archivs erschienenen „Versuche über die Imbibition thierischer Gebilde“ und die bedeutenden „Versuche über den Uebergang des regulinischen Quecksilbers in die Blutmasse“ machten den Namen des jungen Landarztes in der wissenschaftlichen Welt bald bekannt. Im J. 1841 nahm Oe. einen längeren Urlaub, um bei Henle in Zürich mit der mikroskopischen Technik sich vertraut zu machen. Im J. 1843 habilitirte Oe. sich in Tübingen und las als Privatdocent mit großem Erfolg über Heilmittellehre, allgemeine Pathologie u. a. Die Vertiefung in das Studium der Heilmittellehre ließ ihn den traurigen Zustand erkennen, in welchem diese Disciplin sich damals befand und als ein reformirendes Werk erschien 1844 sein „Handbuch der Heilmittellehre“, welches zündend einschlug und vermöge seiner streng wissenschaftlichen Fassung und seiner Gründlichkeit selbst für solche ein werthvolles „Handbuch“ wurde und zwei Jahrzehnte lang blieb, welchen seine Kritik und sein Skepticismus zu weit zu gehen schienen. Im J. 1846 folgte Oe. einem Ruf als ordentlicher Professor an die Universität Dorpat. Hier las er zunächst Heilmittellehre und übernahm im zweiten Semester die Leitung der medicinischen Klinik. Sein ernstes Streben, seine ungewöhnliche Lehrgabe, sein bei aller Energie humanes Wesen erwarben ihm rasch die Liebe von Collegen und Schülern; allein er war überarbeitet, seine Frau wurde kränklich, ein Urlaubsgesuch wurde abgeschlagen (1848!) und so manches andere trat störend und verstimmend an ihn heran. So nahm er die ihm nicht gerne gewährte Entlassung aus dem russischen Staatsdienst und kehrte im Juni 1848 nach Deutschland, zunächst nach Stuttgart zurück. Mit diesem Schritt war die unter günstigen Auspicien begründete akademische Laufbahn Oesterlen's beendet. Er hatte nicht daran gezweifelt, an einer deutschen Universität wieder eine Stellung gewinnen zu können. In dieser Hoffnung sah er sich getäuscht, und so war er von nun an darauf angewiesen, ohne die mit einer akademischen Stellung verbundenen Förderungen für Sache und Person seiner Wissenschaft weiter zu dienen. In schwerem Ringen hat er die Wissenschaft hoch gehalten und nach Kräften gefördert, allein es konnte ihm nicht erspart bleiben zu sehen, daß so manches, was er gesäet hatte, von anderen gezeitigt wurde und daß der volle Erfolg ihm, dem auf sich selbst Angewiesenen und Isolirten, nicht zu Theil wurde. Nach einem in Stuttgart verbrachten Jahre, in welchem er bei Fehling einen praktischen Cursus in der Chemie durchgemacht hatte, übersiedelte er nach Heidelberg, hielt daselbst als Privatdocent Vorlesungen über Heilmittellehre und Hygieine und ließ 1850 das „Handbuch der Hygieine“ erscheinen. Dieses Werk lehnte sich zunächst an französische und englische Vorbilder an; es war das erste, das den in jenen Ländern gewonnenen Stand der öffentlichen und privaten Gesundheitspflege auch in Deutschland bekannt machte und das Interesse der Aerzte und weiterer Kreise für diese wichtigen Fragen zu erwecken suchte. In seiner Hoffnung, in Heidelberg eine außerordentliche Professur für Heilmittellehre zu erlangen (das Handbuch war schon in 5. Auflage erschienen), getäuscht, gab Oe. die Lehrthätigkeit, zu der er vor Vielen berufen war, auf. Er verlebte nun von 1854 an einige arbeitreiche Jahre in Stuttgart und machte dazwischen 1856 eine längere Reise in England und Belgien, welche ihm und den späteren Auflagen des Handbuchs der Hygieine sehr zu statten kam. Im J. 1858 nach Zürich übergesiedelt, gab er daselbst die erste deutsche Zeitschrift für Hygieine und medicinische Statistik heraus, für welche aber die Zeit noch nicht gekommen war. Als Frucht nahezu zwanzigjähriger, mühsamer Arbeit erschien 1865 das „Handbuch der medicinischen Statistik“, eine reiche Fundgrube für spätere Arbeiter auf diesem Gebiet. Land und Leute der Schweiz waren Oe. lieb geworden; Hochtouren in den Alpen waren die einzige Erholung, welche zeitweise sein immer mehr verdüstertes Gemüth aufheiterten. Um seinen geliebten Bergen näher zu sein war Oe. 1869 nach Glarus gezogen. Rücksicht auf die erschütterte Gesundheit seiner Frau und die Empfindungen, welchen jeder gute Deutsche 1870 sich hingab, bestimmten ihn, in diesem Jahre wieder nach Deutschland zurückzukehren. In Stuttgart vollendete er im Mai 1876 die dritte Auflage seiner Hygieine. Im September desselben Jahres verlor er, was seinem Leben Reiz und Glück verliehen hatte, seine treue Frau, und das Geschick hat es gut mit ihm gemeint, indem kaum ein halbes Jahr später, am 19. März 1877, ein Hirnschlag rasch und sanft sein Leben beendete. Bücher von Oe. sind außer den genannten: „Historisch-kritische Darstellung des Streites über die Einheit oder Mehrheit der venerischen Contagien", 1836; „Beiträge zur Physiologie des gesunden und tranken Organismus", 1843; „Medicinische Logik", 1852; „Der Mensch und seine Physische Erhaltung. Hygieinische Briefe für weitere Leserkreise“, 1859; „Die Seuchen, ihre Ursachen, Gesetze und Bekämpfung“, 1873.

  • Autor/in

    Otto Oesterlen.
  • Empfohlene Zitierweise

    Oesterlen, Otto, "Oesterlen, Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 24 (1887), S. 511-512 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117107115.html#adbcontent

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