Lebensdaten
um 1225 bis nach 1316
Beruf/Funktion
Dominikaner ; Arzt
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 10095524X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Niklas von Mumpelier
  • Nikolaus von Polen
  • Niklas von Mumpelier
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Zitierweise

Nikolaus von Polen, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd10095524X.html [25.06.2018].

CC0

  • Genealogie

    V N. N.;
    M N. N.;
    N. N.; mehrere K.

  • Leben

    N. war Arzt und Kanzleibeamter unter den poln. Herrschern Boleslaus V., Ladislaus I., Leszek d. Schwarzen, Primislaus II., unter dem schles. Hzg. Heinrich III. sowie unter den Pfalzgrafen Michael und Nikolaus v. Kalisch. Aufgrund seines Ansehens bei Hofe gelang es ihm, sich als Lokator zu betätigen, ein Territorium von sechs Dörfern zu erwerben, auf deutsches Recht umzustellen und fürstl. Gewalt darüber zu erhalten. „Natione teutonicus“, scheint er zunächst der schles., dann der (daraus abgezweigten) poln. Dominikanerprovinz angehört zu haben; spätestens 1296 war er laisiert. Seine medizinischen Kenntnisse erwarb er zwischen 1248 und 1271 (vermutlich am Studium generale seines Ordens) zu Montpellier. Ausgehend vom virtus occulta-Begriff des „Circa instans“, neuplatonisch beeinflußt und von seinem Ordensbruder Albertus Magnus angeregt, entwickelte N. das Konzept einer rotio-freien Alternativmedizin, das in scharfem Gegensatz zur quantifizierenden Pharmakologie der Schule von Montpellier steht und auf die Heilkraft seines (mit Laubfroschherzen, Maulwurfsgriffen, Otternfleisch gefüllten) „Empirikums“ gründet: Ein solches fetischartiges Arzneimittel repräsentierte die damalige „Erfahrungs“-Medizin, wirkte ganzheitlich-sympathetisch und war aufgrund reziproker Korrespondenz in der Lage, den tugendhaften Patienten zu heilen bzw. den lasterhaften umzubringen (sog. „virtus-virus“-Ambivalenz). N. propagierte seine Lehren durch den wissenschaftstheoretischen „Anti-Hippokrates“, eine in leoninischen Hexametern abgefaßte Kampfschrift. Mit den „Experimenta“, sechs organotherapeutischen Drogenmonographien, die früh ihren Weg in die altdeutsche Fachprosa fanden, versuchte er seinen Entwurf werbewirksam praktisch zu begründen. Als charismatischer Persönlichkeit gelang es N., sein Konzept einer „erfahrungsheilkundlichen Ganzheitsmedizin“ durchzusetzen und mit Hilfe von Greifin (grîfinne), der Herzogin von Sieradz und Landschütz, eine erste naturheilkundliche Welle auszulösen und sie auf Schlangenfraß zu gründen. Die bisherige Medizin verwarf er insgesamt; den Heiler ließ er an die Stelle des Arztes, die Natur an die der Medizin treten; die Wissenschaft ersetzte er durch Erfahrung. Besonders warnte er vor den Apothekern, denn diese seien nicht nur überflüssig, sondern obendrein gefährlich. – Zwar ebbte die naturheilkundliche Welle gegen 1440 wieder ab, aber N.s Einfluß dauerte an: Durch den „slangenvengaere“ erweiterte er die Palette pharmazeutischer Berufe; auf seiner „virtus astrigena“ fußte der „Arcanum“-Begriff des Paracelsus, und sein Arzneimittelmodell findet sich wieder im scholastischen Substanzbegriff des Thomas von Aquin.

  • Quellen

    Qu R. Ganszyniec, Brata Mikolaja z Polski pisma lekarskie, 1920; A. Hirschmann u. G. Stedtfeld, Die Leipziger Rogerglosse, Ein chirurg. Text aus d. meißn.-nordschles. Raum, I: Text, II: Roger-Konkordanz u. Wörterverz., Diss. Würzburg 1979/83 (I ersch. als Würzburger med.hist. Forschungen 33, 1984); G. Keil u. E. Würl, Die „Leipziger Rogerglosse“ u. d. „Hübsch Chirurgia“ d. N. v. Mumpelier, in: Jb. d. Schles. Friedrich-Wilhelms-Univ. Breslau 29, 1988, S. 15-71.

  • Literatur

    W. Eamon u. G. Keil, „Plebs amat empirica“, N. of P. and his critique of the mediaeval medical establishment, in: Sudhoffs Archiv 71, 1987, S. 180-86;
    G. Keil, Med. Bildung u. Alternativmed., in: „Nicht Vielwissen sättigt die Seele“, Wissen, Erkennen, Bildung, Ausbildung heute, hg. v. W. Böhm u. M. Lindauer, 1988, S. 245-71;
    ders., Der anatomie-Begriff in d. Paracelsischen Krankheitslehre, Mit e. wirkungsgeschichtl. Ausblick auf Samuel Hahnemann, in: Lebenslehren u. Weltentwürfe im Übergang vom MA z. Neuzeit, hg. v. H. Boockmann u. a., in: Abhh. d. Ak. d. Wiss. in Göttingen, phil.-hist. Kl., III, 179, 1989, S. 336-57;
    ders., „virtus occulta“, Der Begriff des empiricum bei N. v. P., in: Die okkulten Wiss. in d. Renaissance, hg. v. A. Buck, 1992, S. 159-96;
    K. Bergdolt, Arzt, Krankheit u. Therapie bei Petrarca, Die Kritik an Med. u. Naturwiss. im ital. Frühhumanismus, 1992, S. 180-90;
    A. Jonecko u. G. Keil, Stud. z. Dichterarzt N. v. P., in: Würzburger med.hist. Mitt. 11, 1993, S. 205-26;
    W. Eamon, Science and the Secrets of Nature, 1994, S. 76-79, 185;
    G. Keil u. J. J. Menzel (Hg), Anfänge u. Entwicklung d. dt. Sprache im ma. Schlesien, in: Schles. Forschungen, 6, 1995, S. 171 f., 176, 203-05, 207, 214, 218;
    V. Zimmermann (Hg.), Paracelsus, Das Werk – die Rezeption, Btrr. d. Symposiums z. 500. Geb.tag, 1995,|S. 189 f.;
    Vf.-Lex. d. MA VI, Sp. 1123–33, VII, Sp. 382-86, 807-09.

  • Autor/in

    Gundolf Keil
  • Empfohlene Zitierweise

    Keil, Gundolf, "Nikolaus von Polen" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 273 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd10095524X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA