Lebensdaten
1733 bis 1815
Geburtsort
Lüdingworth-Westerende (Land Hadeln)
Sterbeort
Meldorf (Dithmarschen)
Beruf/Funktion
Forschungsreisender ; Geograph ; Orientreisender
Konfession
lutherische Familie
Normdaten
GND: 118734784 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Niebuhr, C.
  • Niebuhr, Karsten
  • Nībūr, Kārstin

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Zitierweise

Niebuhr, Carsten, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118734784.html [23.07.2016].

CC0

Niebuhr, Carsten

Forschungsreisender, * 17.3.1733 Lüdingworth-Westerende (Land Hadeln), 26.4.1815 Meldorf (Dithmarschen).

  • Genealogie

    Die Vorfahren waren freie Marschbauern d. Landes Hadeln u. sind seit d. ersten Hälfte d. 16. Jh. in L. nachweisbar; – V Barthold (1704–49), Bauer in L., seit 1735 in Altenbruch, S d. Karsten (1681–1721) u. d. Marie Magdalena Lobeck (1683–1716); M Caecilie (1706–33), T d. Jürgen v. Duhn (1675–1724), Hausmann u. Landschöpf in Altenbruch, u. d. Rebecca Margarete Docke (1677–1723); Kopenhagen 1773 Christiane Sophie (1742–1807), T d. Dr. med. Henning Georg Blumenberg (1699–1745), aus Goslar, Leibmedicus in Kopenhagen, Justizrat, u. d. kgl. Kammerjungfer Christiane Dorothee Schmidt (1716–73); 1 S Barthold Georg (s. 2), 1 T; E Marcus v. N. (s. 3).

  • Leben

    N. verbrachte bis zum Tod des Vaters zwei Jahre auf der Lateinschule in Otterndorf und Altenbruch, lebte dann auf dem Bauernhof eines nahen Verwandten und ging 1755 nach Hamburg, wo er Privatunterricht nahm und das Gymnasium besuchte. 1757 begann er in Göttingen bei Abraham Gotthelf Kästner (1719–1800) ein Mathematikstudium. 1758 wurde N. als Geograph, insbes. als Geodät und Kartograph, für eine vom dän. Kg. Friedrich V. ausgerüstete Expedition nach Arabien verpflichtet und von dem Göttinger Mathematiker und Astronomen Johann Tobias Mayer (1723–62) mit der astronom. Ortsbestimmung vertraut gemacht. Ende September 1760 begab er sich nach Kopenhagen, wo er zum Leutnant im Ingenieurkorps ernannt wurde.

    Die Expedition war als umfassendes wissenschaftliches Unternehmen zur philologischen, naturkundlichen und geographischen Erforschung Arabiens im Geiste der Aufklärung geplant und wurde auf Grund einer detaillierten kgl. Instruktion 1761-67 durchgeführt. N. oblag neben der „Besorgung der Geographie“ auch „die Führung der Reise-|Casse und der Rechnungen“. Die übrigen Forschungsreisenden waren der dän. Philologe Frederik Christian v. Haven, der schwed. Naturforscher und Linné-Schüler Peter Forsskål, der Arzt Christian Carl Cramer, der Maler und Kupferstecher Georg Wilhelm Baurenfeind und der schwed. Dragoner Berggren. Die Expedition begann im Januar 1761 in Kopenhagen und führte über Konstantinopel nach Kairo. Ende August 1762 gelangten die Reisenden mit der Karawane der Mekkapilger nach Suez und von dort auf dem Roten Meer über Dschidda nach Luhayya im Jemen, wo sie Ende des Jahres eintrafen. Die Weiterreise verlief zu Lande über Bayt al-Faqîh nach Mokka und Saná. Der Jemen sollte das eigentliche Ziel der Forschungsreise sein. Ein Aufenthalt von zwei bis drei Jahren war vorgesehen. Die ungewohnten Lebensumstände, das beschwerliche Klima und eine bösartige Malaria führten jedoch zur Katastrophe und vorzeitigen Abreise. Binnen eines Dreivierteljahres starben alle Gefährten N.s: v. Haven Ende April 1763, Forsskål knapp einen Monat später, Baurenfeind und Berggren auf der im Aug. 1763 angetretenen Seereise von Mokka nach Bombay und zuletzt Cramer bald nach der Ankunft dort im Febr. 1764. Der ebenfalls schwer erkrankte N. erholte sich und trat im Dez. 1764 die Rückreise durch den Pers. Golf an. Er besuchte im März 1765 Persepolis und reiste über Basra, Bagdad, Mossul und Aleppo (mit Zwischenaufenthalten in Cypern u. Jerusalem) nach Konstantinopel, wo er Mitte Febr. 1767 eintraf. Anfang Juni kehrte er über das osmanisch beherrschte Südosteuropa, Polen, Sachsen und Norddeutschland nach Kopenhagen zurück, wo er am 20.11.1767 eintraf.

    Die Expedition war trotz ihres tragischen Verlaufs von reichem wissenschaftlichen Ertrag, dessen Bewahrung und Überlieferung großenteils N. zu danken ist. Es handelt sich im wesentlichen um die Aufzeichnungen der drei Forschungsreisenden, ihre Erkundungen, Sammlungen und Erwerbungen sowie die Zeichnungen Baurenfeinds. Die Kgl. Bibliothek in Kopenhagen verdankt v. Haven den Erwerb von 103 arab. und fünf hebr. Handschriften. Forsskål hatte zahlreiche Entdeckungen machen können, die seinen Namen bis heute in der Botanik und Zoologie bewahrt haben. Seine wegweisenden wissenschaftlichen Arbeiten „Flora Ægyptiaco-Arabica“ und „Descriptiones animalium“ wurden 1775 und die dazu gehörigen Abbildungen „Icones rerum naturalium“ nach Zeichnungen Baurenfeinds 1776 von N. herausgegeben. Er selbst hatte einen nicht minder bedeutenden Anteil an den Ergebnissen der Expedition. Mit den modernsten Observations- und Meßinstrumenten ausgestattet und mit den fortgeschrittensten Methoden der Geodäsie vertraut, hat er während der Expedition zahlreiche präzise astronomische Ortsbestimmungen durchgeführt, deren wissenschaftliche Bedeutung von der Fachwelt großenteils erst in Franz Xaver v. Zachs (1754–1832) „Monatlicher Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde“ 1801-04 zur Kenntnis genommen und gewürdigt worden ist. Aufgrund seiner Vermessungen und geographischen Erkundungen erstellte er Karten des Nildeltas, des Roten Meeres, des Jemen und des Pers. Golfs sowie diverse kleinere Karten, Risse, Pläne oder Ansichten bedeutender Städte und Orte. Nach Baurenfeinds Tod fertigte N. auch alle Zeichnungen. Er vermaß und zeichnete u. a. die Cheops- und die Chefrenpyramide sowie die Ruinen von Persepolis und nahm als erster altarab. Inschriften auf. Auf dem Djebel el-Mokateb und andernorts hat er Hieroglyphen- und in Persepolis Keilschriftinschriften kopiert, und zwar umfassender als jemals zuvor und überdies so exakt, daß der einschlägigen Forschung damit wertvolle, teils bahnbrechende Erkenntnisse ermöglicht wurden. So bildete seine Abzeichnung der Inschriften von Persepolis im 19. Jh. die Grundlage für die Entzifferung der altpers., der babylon. und der elamischen Keilschrift. N. zeichnete die ersten genauen Karten des Roten Meeres und des Jemen, die der Schifffahrt wie der Wissenschaft für gut ein halbes Jahrhundert als zuverlässigste Orientierung dienten.

    Nach seiner Rückkehr blieb N. zunächst in Kopenhagen, wo er 1772 seine systematisch und geographisch gegliederte „Beschreibung von Arabien, Aus eigenen Beobachtungen und im Lande selbst gesammelten Nachrichten abgefasset“ veröffentlichte (franz. 1773, 1774, 1779, niederländ. 1774). Ihr folgten 1774/78 die beiden ersten Bände seiner chronologisch konzipierten „Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern“ (niederländ. 1776, 1780, franz. 1776, 1780, schwed. 1787, engl. 1792). Der dritte Band erschien erst nach N.s Tod 1837. Beide Werke enthalten in klarer, nüchterner Diktion, unterstützt durch zahlreiche präzise Abbildungen von N.s oder Baurenfeinds Hand, eine Fülle neuer geographischer, landeskundlicher und historischer Informationen. Mit seinen Beschreibungen und Karten legte N. das Fundament der wissenschaftlichen Erkundung Arabiens im 19. und 20. Jh.|Er gilt als der erste moderne Forschungsreisende, der sich in den alltäglichen Lebensgewohnheiten, in Kleidung, Ernährung und Verhalten der fremden Zivilisation möglichst anpaßte und ihr mit Toleranz und Sympathie begegnete. Pläne für eine weitere Expedition über Tripolis und Fezzan bis an den Niger ließ er nach seiner Heirat fallen.

    N. avancierte 1768 zum Kapitän, 1778 verließ er Kopenhagen und übernahm als Justizrat in Meldorf das Amt des Landschreibers der Landschaft Süderdithmarschen, das er bis ins hohe Alter ausübte. Besonders bemühte er sich um die Landgewinnung an der Nordseeküste und die Kultivierung des Moores. 1781 trat Heinrich Christian Boie (1744–1808), Mitglied des Göttinger Hainbundes und Herausgeber des „Deutschen Museums“, das Amt des Landvogts in Süderdithmarschen an. Er gewann N.s Freundschaft, öffnete ihm seine literarischen und wissenschaftlichen Verbindungen und regte ihn zu verschiedenen Abhandlungen an, die er 1784-88 im „Deutschen Museum“ und 1789-91 im „Neuen Deutschen Museum“ veröffentlichte, darunter 1788/89 zwei größere Beiträge über die Verfassung des Osman. Reiches, die 1790 in dän. Übersetzung als eigene Schrift erschienen.|

  • Auszeichnungen

    Die Nobilitierung lehnte N. aus bäuerlichem Standesbewußtsein ab; Etatsrat (1808); Danebrogorden (1809); Mitgl. d. schwed. Ak. d. Wiss. (1776), d. Ges. Naturforschender Freunde zu Berlin (1778), d. franz. Nat.-inst. (1802); Carsten-Niebuhr-Inst. for nærorientalske oldtidskulturer d. Univ. Kopenhagen (1982).

  • Werke

    Beschreibung v. Arabien, Aus eigenen Beobachtungen u. im Lande selbst ges. Nachrr. abgefasset, 1772 (Nachdr. mit Vorwort v. D. Henze, 1969); Reisebeschreibung nach Arabien u. andern umliegenden Ländern, I u. II, 1774/78, III, hg. v. J. N. Gloyer u. J. Olshausen, 1837 (P) (Nachdr. mit Vorwort v. D. Henze, 1968; gekürzt in 1 Bd., 1992, P); Det tyrkiske Riges politiske og militaire Forfatning, 1790 (dän. Übers. aus: Dt. Museum 1788/89).– Hg.: Flora Ægyptiaco-Arabica, sive descriptiones plantarum quas per. Ægyptum inferiorem et Arabiam Felicem detexit, illustravit Pt. Forskål, 1775; Descriptiones animalium, avium, amphibiorum, piscium, insectorum, vermium, que in itinere orientali observavit Pt. Forskål, 1775; Icones rerum naturalium, quas in itinere orientali depingi curavit Pt. Forskål 1776.

  • Literatur

    ADB 23; B. G. Niebuhr, C. N.s Leben, in: Kieler Bll. 3, 1816, S. 1-86 (auch als selbst. Schr., 1817, u. in: B. G. Niebuhr, Kl. hist. u. philol. Schrr., 1828, S. 1-82); T. Hansen, Reise nach Arabien, Die Gesch. d. kgl.-dän. Jemen-Expedition 1761–67, 1965; T. Wolff, Danske ekspeditioner på verdenshavene/Danish expeditions on the seven seas, 1967, S. 13-41; ders., The danish expedition to „Arabia Felix“, in: Bull, de l'Inst. d'Océanographie Monaco 2, 1968, S. 582-601; D. Henze, C. N. u. sein Btr. z. Erforsch. d. Orients, Vorwort z. Nachdr. v. C. N.s Reisebeschreibung (s. o.), Bd. 1, 1968; ders., C. N.s Bedeutung f. d. Erdkde. v. Arabien, Vorwort z. Nachdr. v. C. N.s Beschreibung von Arabien (s. o.), 1969; C. N. u. d. Arab. Reise 1761-1767, Ausst.-kat. 1986 (W, L, P); Dansk Biogr. Leks.310 (W, L); Biogr. Lex. Schleswig-Holstein 5 (W, L, P).

  • Portraits

    Kupf. v. J. F. Clemens nach e. Zeichnung v. J. J. Bruun, in: Reisebeschreibung, I, 1774; Lith. v. A. Kneisel nach A. K. Paalzow, ebd. III, 1837; Ölgem. v. H. Hansen (Frederiksborg, Nat.-hist. Mus.); Kupf. v. C. C. Glassbach, nach 1770, danach Lith., 1868.

  • Autor

    Reimer Hansen
  • Empfohlene Zitierweise

    Hansen, Reimer, "Niebuhr, Carsten" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 217-219 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118734784.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Niebuhr, Carsten

  • Leben

    Niebuhr: Carsten N., berühmter Reisender. Er war geboten zu Lüdingworth im Lande Hadeln, Hannover, am 17. März 1733, ging nach Dänemark und ward in Kopenhagen 1760 Ingenieurlieutenant. Auf Antrieb des Professors J. D. Michaelis in Göttingen entschloß sich zu der Zeit der König Friedrich V., auf seine Kosten eine Reisegesellschaft nach Arabien auszurüsten, um Nachrichten über dieses, damals vielfach noch unbekannte Land zu sammeln. Als Geograph an dieser Reisegesellschaft theilzunehmen ward N. bestimmt. Dieselbe verließ im J. 1761 Kopenhagen und reiste über Konstantinopel, durch Aegypten nach Yemen. Es begab sich indeß, daß sämmtliche Reisegefährten (Cramer, Forskal, Bauernfeind, v. Hagen) außer N. den Beschwerden der Reise erlagen und innerhalb eines Jahres dahinstarben. Der Zweck der Reise wäre verfehlt gewesen, wenn nicht N. die Kühnheit gehabt, die Reise allein fortzusetzen und sämmtliche Arbeiten auf sich zu nehmen. Er kehrte 1767 zurück mit reichem Material versehen und verarbeitete nun dieses in ausgezeichneter Weise. So erschien von ihm seine berühmt gewordene "Beschreibung von Arabien", Kopenhagen 1772, und darauf "Reisebeschreibung nach Arabien und den angrenzenden Ländern", 1774/78, 2 Bde., die ins Dänische, Französische, Englische und Holländische übersetzt worden sind. Es sind Werke, die noch immer einen Werth haben. Ein dritter Band der Reisebeschreibung, enthaltend seine Reise durch Syrien und Palästina, Cypern, Kleinasien und die Türkei ist nach seinem Tode noch von Gloyer und Professor J. Olshausen edirt worden, 1838. Außerdem gab auch N. seines Mitreisenden Forskal Arbeiten heraus: "Descriptiones animaliuni, quae in itinere orientali observavit", 1775; "Flora Aegyptiaco-Arabica", 1776; "Icones rerum naturalium etc.", 1776. Dazu lieferte er später noch im Deutschen Museum nachträglich eine Reihe von Aufsätzen aus seinen Reisebeobachtungen. — 1768 avancirte er zum Capitän, 1778 trat er in den|Civildienst und ward zum königlichen Justizrath und Landschreiber zu Meldorf in Süder-Ditmarschen ernannt, wo er dann bis an sein Lebensende verblieben. Hier lebte damals der bekannte Boie (A. D. B. III S. 85) und sammelte um sich einen Kreis Gelehrter in lebhaftem Verkehr. N. ward 1808 königlicher Etatsrath, 1809 Ritter vom Danebrog. Das französische Nationalinstitut ernannte ihn 1802 zu seinem Mitglied. Er starb am 26. April 1815. Sein Sohn ist der berühmte B. G. Niebuhr, der auch seines Vaters Leben beschrieben in Kieler Blättern 1816 und separat. Eine classische Biographie.

    • Literatur

      Kordes u. Lübker-Schröder, Schlem.-Holst. Schriftstellerlex. s. v.

  • Autor

    Carstens.
  • Empfohlene Zitierweise

    Carstens, Carsten Erich, "Niebuhr, Carsten" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 661-662 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118734784.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA