Lebensdaten
1815 bis 1865
Geburtsort
Posen
Sterbeort
Bad Kissingen
Beruf/Funktion
Professor der Medizin in Berlin ; Embryologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118744461 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Remak, Robert

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Zitierweise

Remak, Robert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118744461.html [22.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Salomon Meyer, Kaufm. in P.;
    M Friederike Caro;
    Feodora (1828–63), T d. Eli Joachim Meyer (1780–1849), Bankier in Berlin, u. d. Betty Abraham (1788–1839);
    S Ernst Julius (1849–1911), Prof. d. Neurol. in Berlin (s. BLÄ; Fischer; BJ 16, Tl.); Schwager Richard Moritz Meyer (1860–1914), ao. Prof. f. Lit.gesch. in Berlin (s. NDB 17; Internat. Germanistenlex);
    E Robert (s. 2).

  • Leben

    R. erhielt zunächst Privatunterricht und besuchte dann das Gymnasium in Posen. Seit 1833 studierte er Medizin in Berlin, besonders bei dem Physiologen Johannes Müller (1801–58), und veröffentlichte schon vor dem Staatsexamen erste Arbeiten zur mikroskopischen Struktur des Nervensystems. 1838 wurde er mit einer Arbeit zum selben Thema zum Dr. med. promoviert (Observationes anatomicae et microscopicae de systematis nervosi structura). 1839 erhielt er seine Approbation als Arzt, blieb aber weiterhin mit Müller verbunden, arbeitete in dessen Labor und gab Privatunterricht in Mikroskopie (einer seiner ersten Schüler war Albert Koelliker, 1817–1905). Eine Anfrage an den preuß. Kultusminister Johann Albrecht Eichhorn, ob es ihm als Jude möglich sei, sich zu habilitieren, wurde 1843 abschlägig beantwortet. R. hatte enge Kontakte zu Alexander v. Humboldt, der ihn auch in seinem Bemühen um eine Universitätskarriere unterstützte. 1843-49 führte er als nichtangestellter Assistent an der Charité bei Johann Lucas Schönlein (1793–1864) mikroskopisch-pathologische Untersuchungen durch. 1847 konnte R. sich schließlich als erster jüd. Mediziner an der Univ. Berlin mit einer Sondergenehmigung von Kg. Friedrich Wilhelm IV. habilitieren. 1848 trat er engagiert für die Freiheit und Unabhängigkeit Polens ein und war im „Demokratischen Klub“ und in der universitären Opposition aktiv. Seit 1849 arbeitete er in eigener Praxis. Seine Forschungen in dieser Zeit betrafen vorrangig neurohistologische und embryologische Fragen sowie Untersuchungen zur tierischen Zellbildung und Zellvermehrung. Eine Berufung auf den Lehrstuhl für pathologische Anatomie in Krakau lehnte R. 1850 ab. Seine Bemühungen um eine ao. Professur in Berlin waren erst 1859 erfolreich. Bei der Besetzung des neugegründeten Lehrstuhls für pathologische Anatomie in Berlin 1856 hatte er auf der Berufungsliste auf dem 2. Platz hinter Rudolf Virchow gestanden.

    Seit 1855 wandte R. sich verstärkt der Behandlung von Nerven- und Muskelerkrankungen mittels der Elektrotherapie zu (Galvanotherapie d. Nerven- u. Muskelkrankheiten, 1858, franz. 1860), wenngleich seine Versuche, an der Berliner Charité eine eigene Station zur Erprobung seiner Methoden einzurichten, scheiterten. Bei seinen grundlegenden physiologisch-anatomischen Arbeiten war R. bestrebt, anatomische Gegebenheiten mit funktionellen Überlegungen zu verbinden und den Bezug zur Pathophysiologie herzustellen, wobei er sich des Mikroskops und teilweise auch des Tierexperiments bediente. Auf neurohistologischem Gebiet konnte er den Ursprung der Nervenfaser aus dem Ganglion feststellen und das Axon beschreiben. Im Rahmen seiner embryologischen Studien unterschied er erstmals drei Keimblätter. Arbeiten zur Entstehung kernhaltiger Zellen führten ihn bereits Anfang der 50er Jahre zu der Aussage, daß Zellen durch Zellteilung („Zerschnürung“) entstehen; schon 1842 wandte er sich gegen die Annahme, Zellen würden aus einer Art formlosem Substrat gebildet. Früher als Virchow nahm R. die Zellteilung auch in pathologischem Gewebe an, baute seine Ergebnisse allerdings nicht zu einer umfassenden Theorie aus. Mit seinen praktisch-klinischen Arbeiten zur Elektrotherapie bereicherte er die therapeutische Praxis und leistete Beiträge zur Differentialdiagnostik neurologischer Erkrankungen. Sein enthusiastisches Eintreten für den „galvanischen“ Strom stieß aber teilweise auf heftige Vorbehalte seiner Kollegen, die etwa Hugo Ziemssen (1829–1902) in sehr pointierter Weise äußerte.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Leopoldina (1843) u. d. Senckenberg. Naturforschenden Ges.

  • Werke

    u. a. Vorläufige Mitt. microscop. Beobachtungen über d. inneren Bau d. Cerebrospinalnerven u. über d. Entwicklung ihrer Formelemente, in: Müllers Archiv f. Anatomie, Physiol. u. wiss. Med., 1836, S. 145-61;
    Über d. Inhalt d. Nervenprimitivröhren, ebd. 1843, S. 197-201;
    Neurolog. Erläuterungen, ebd. 1844, S. 463-72;
    Über extracellulare Entstehung thier. Zellen u. über Vermehrung derselben durch Theilung, ebd. 1852, S. 47 ff;
    Über d. Theilung d. Blutzellen beim Embryo, ebd. 1858, S. 178-88;
    Über d. physiolog. Bedeutung d. organ. Nervensystems, bes. nach anatom Tatsachen, in: Mschr. f. Med., Augenheilkunde u. Chirurgie 3, 1840, S. 225-65;
    Diagnost. u. pathogenet. Unterss. in d. Klinik d. Geh. Rats Schönlein, 1845;
    Über e. selbständiges Darmnervensystem, 1847;
    Unterss. über d. Entwickelung d. Wirbelthiere, 3 T., 1850-55.

  • Literatur

    ADB 28;
    B. Kisch, in: Transactions of the American Philosophical Soc, New Series 44, 1954, S. 227-96 (unvollst W-Verz., P);
    H.-P. Schmiedebach, R. R., Ein jüd. Arzt im Spannungsfeld v. Wiss. u. Pol., 1995 (W-Verz., P);
    ders. u. N. Kampe, R. R. (1815-1865), A Case Study in Jewish Emancipation in the Mid-Nineteenth-Century German Scientific Community, in: LBI Year Book 34, 1989, S. 95-129;
    BLÄ;
    DSB;
    Lex. Naturwiss.

  • Autor/in

    Heinz-Peter Schmiedebach
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmiedebach, Heinz-Peter, "Remak, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 410-411 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118744461.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Remak: Robert R., Arzt und Embryolog, ist zu Posen am 26. Juli 1815 geboren. Er studirte in Berlin die Heilkunde, mit besonderem Eifer Physiologie unter Johannes Müller, dessen enthusiastischer Anhänger er wurde, und unter dessen Leitung er mit Vorliebe mikroscopischen Untersuchungen sich widmete. Nebenher beschäftigte er sich als Student auch vielfach in Jüngken's Augenklinik, bei Froriep's Sectionen, denen er mit Aufmerksamkeit folgte, und in der Barez'schen Kinderklinik. Schon 1836 publicirte er als das Resultat seiner physiologischen und mikroscopischen Studien in Joh. Müller's Archiv eine kleine Arbeit: „Vorläufige Mittheilung mikroscopischer Beobachtungen über den inneren Bau der Cerebrospinalnerven und über die Entwicklung ihrer Formelemente“, als deren Erweiterung im J. 1838, zugleich als seine Promotionsschrift, die „Observationes anatomicae et microscopicae de Systematis nervosi structura“ (Acced. II tabb. aeri incisae. 4 maj. Berolini 1838, Reimer) folgten. Später schlossen sich daran noch eine ganze Reihe weiterer Mittheilungen aus dem Gebiete der Physiologie bis zu dem Erscheinen der interessanten Arbeit: „Ueber ein selbständiges Darmnervensystem.“ (Mit 2 Kupfertafeln. Fol. Berlin 1847, Reimer.) Als Schönlein nach Berlin kam, trat R. zu ihm und seiner Klinik in ein näheres Verhältniß fungirte von 1843—1847 als Assistenzarzt und beschäftigte sich während dieser Zeit mit pathologischen und namentlich embryologischen Forschungen. Die erste Frucht dieser Arbeiten war eine Monographie, betitelt: „Diagnostische und pathogenetische Untersuchungen in der Klinik des Geh. Raths Dr. Schönlein, auf dessen Veranlassung angestellt und mit Benutzung anderweiter Beobachtungen veröffentlicht“ (mit 1 Kupferstich gr. 8. Berlin 1845, Hirschwald). 1847 habilitirte sich R. nach durch besondere Cabinetsordre Friedrich Wilhelm's IV. empfangener Erlaubniß, deren R. infolge seiner mosaischen Confession bedurfte, als erster jüdischer Privatdocent an der Berliner med. Facultät, erlangte aber erst 1859 die Ernennung zum Prof. e. o. Von 1856 ab wandte er sich mehr und mehr von seinen theoretischen physiologischen Forschungen ab und praktischen Studien zu. Speciell zog die größere Nutzbarmachung der Elektricität für therapeutische Zwecke sein Interesse auf sich, anfangs nur in Würdigung ihres wissenschaftlichen Werths in Bezug auf die Physiologie des Nervensystems, in der seine Untersuchungen vielfach wurzelten, dann aber auch hinsichtlich der praktischen Anwendung in bestimmten Krankheitsformen. Er begann mit Eifer als Elektrotherapeut zu prakticiren, erlangte sehr bald einen bedeutenden Clientenkreis, mußte aber seine anstrengende Beschäftigung mehrfach infolge von Kränklichkeit in seinen letzten Lebensjahren unterbrechen. Verschiedene herbe, äußere Schicksalsschläge, lange, gefährliche Erkrankung des einzigen Sohnes, der Tod seiner Gattin, auch Schönlein's plötzlicher Hingang wirkten so heftig auf seine, ohnehin schon reizbare Natur ein, daß er, erst 50 Jahre alt, am 29. August 1865 in Kissingen, wohin er sich zu seiner Erholung begeben hatte, starb. R. war ein selten begabter, fleißiger, strebsamer, von Ehrgeiz nicht freier Arzt. Seine Bedeutung für die Medicin ist eine dreifache. Einmal und in erster Linie sind seine, schon zum Theil oben angeführten, unsterblichen Arbeiten auf dem Gebiet der mikroscopischen Anatomie des Nervensystems zu nennen, denen auch die Entdeckung des sogen. „Axencylinders“ und der seinen Namen führenden Nervenfasern zu danken ist. Dann ist R. durch seine ausgezeichneten „Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbelthiere“ (Berlin 1850—55) und verschiedene andere, hierher gehörige Arbeiten der Schöpfer einer angemessenen Reform der Embryologie geworden, insofern, als er die großen Schwierigkeiten, welche die Schleiden-Schwann'sche Zellentheorie dieser Disciplin in den Weg gelegt hatte, beseitigte. Indem er fand, daß das Ei der Thiere stets eine einfache Zelle sei, daß die 3 Keimblätter, welche sich aus dem Ei entwickeln und nur|aus Zellen zusammengesetzt sind, sich flächenartig ausbreiten und aus ihnen die Hauptsysteme des Körpers und alle die verschiedenen Gewebe durch „Differenzirung“ sich bilden, und indem er schließlich den Antheil näher feststellte, welchen die verschiedenen Keimblätter an der Bildung der verschiedenen Gewebe und Organsysteme besitzen, vereinfachte und klärte er dieses Gebiet ganz außerordentlich und führte eine Theorie durch, die später von anderen Autoren bestätigt und im wesentlichen auch heute noch, wenigstens für den Wirbelthierstamm, gültig ist. Endlich hat sich R. auch noch um die praktische Medicin dadurch verdient gemacht, daß er die Anwendung des constanten Stromes in die Behandlung der Nervenkrankheiten einführte, speciell die centrale Application auf Gehirn und Rückenmark, die trotz mannigfacher, anfangs dagegen erhobener Einwände und Widersprüche später doch volles Bürgerrecht erlangte, und fortab als wirkliche Bereicherung der Heilkunde angesehen wird. — Hinsichtlich der äußeren und Charaktereigenschaften Remak's ist noch nachzutragen, daß er ein schlanker Mann mit hervorstechenden Gesichtszügen, lebhaften Augen und dunklem Haar war, in seinen jungen Jahren eine überaus frische, lebendige Natur besaß, von freundlichstem Entgegenkommen und immer bereit zu Gefälligkeiten und kleinen Aufmerksamkeiten, namentlich gegen die fremden Aerzte war, die sich nach vollendeten Studien zu weiterer Fortbildung in den Berliner Kliniken einfanden. Später brachten es Persönliche Ungunst der Verhältnisse, namentlich der Umstand, daß er durch zu langes Verharren in der bescheidenen Stellung als Privatdocent seine Thatkraft nach vielen Richtungen gelähmt sah, mit sich, daß sich Remak's ein gewisser Unmuth, eine Gereiztheit bemächtigte, die in wissenschaftlichen Fehden, wie in gesellschaftlichem Verkehr oft sogar verletzten. Zu seinen besondersten Eigenschaften gehörte eine lebhafte Phantasie, eine Neigung, an einmal erfaßte Dinge mit großem Enthusiasmus heranzutreten und sie weiter zu verfolgen. Nicht bloßer Ehrgeiz, auch der Wunsch, die Wissenschaft zu fördern und Anderen nützlich zu werden, leitete ihn bei seinen Arbeiten. Gern hätte er für seine Specialität der Elektrotherapie eine besondere klinische Abtheilung in der Charité errichtet gesehen, doch ist dieser Plan nicht verwirklicht worden.

    • Literatur

      Vergl. Biographisches Lexikon hervorragender Aerzte u. s. w., herausgegeben von A. Hirsch, Bd. IV, S. 702.

  • Autor/in

    Pagel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pagel, Julius Leopold, "Remak, Robert" in: Allgemeine Deutsche Biographie 28 (1889), S. 191-192 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118744461.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA