Lebensdaten
1896 bis 1960
Geburtsort
Kiel
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Soziologe ; Historiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11696068X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Meusel, Alfred
  • Meusel, Alfred Theodor Helmut

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Zitierweise

Meusel, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11696068X.html [18.02.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Lehrer- u. Offiziersfam.;
    V Carl Richard (1864–1926), Gymnasiallehrer in K.;
    M Magdalene Auguste Pankow (1865–1910);
    1923 Meta Weber (* 1895) aus K.; kinderlos.

  • Leben

    M. stammt aus einem vom Liberalismus geprägten Elternhaus. Er besuchte die Oberrealschule in Kiel; 1914 bestand er das Abitur und nahm als Kriegsfreiwilliger am 1. Weltkrieg teil, den er als Verteidigungskrieg rechtfertigte. Im Verlauf des Krieges änderte sich sein Urteil, beeinflußt durch erste Kontakte zu Männern der Arbeiterbewegung. 1917 wurde M. bei Aisne verschüttet. Er lag mehrere Wochen im Koma und litt infolge eines Nervenschocks bis an sein Lebensende an einem Zittern der Hände. Für den Frontdienst untauglich, verbrachte er zuerst einige Monate in einer Schreibstube und wurde dann beurlaubt. Bereits im Juni 1918 immatrikulierte sich M. an der Univ. Kiel. Nach ersten Versuchen in den Studienfächern Literaturgeschichte und Jurisprudenz entschied er sich für die Wirtschaftswissenschaften. Ende Oktober 1918 kam es auf der im Kieler Hafen liegenden Schlachtflotte zu Meutereien, die die Novemberrevolution auslösten. M. war von diesen Ereignissen stark beeindruckt. Er trat der USPD bei; ein Jahr später wurde er zum Vorsitzenden der Vereinigung sozialistischer Studenten an der Univ. Kiel gewählt, die allerdings nur kurze Zeit bestand. 1919 war M. zudem Mitglied im ersten deutschen Studentenrat in Kiel. Neben dem Studium hielt er Vorträge in der Arbeiterjugend und Kurse über Politische Ökonomie und Sozialismus.

    Schon im 3. Semester nahm M. das Angebot an, bei Bernhard Harms, dem Direktor des Weltwirtschaftlichen Instituts, zu promovieren. Nach einem nervösen Zusammenbruch im Herbst 1920 wechselte er an die Univ. Hamburg. 1922 wurde er summa cum laude in Kiel bei Harms promoviert („Untersuchungen über das Erkenntnisobjekt bei Marx“, 1925). Im Mai 1922 erhielt er eine Anstellung als Wissenschaftlicher Assistent am Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der TH Aachen. Nachdem M. im Juli 1923 mit der Arbeit „Zur Soziologie der Abtrünnigen“ für die Fächer Volkswirtschaftslehre und Soziologie habilitiert worden war, wurde er 1925 zum ao. Professor, 1930 zum o. Professor in Aachen berufen.

    Seit September 1922 war M. durch die Vereinigung der USPD mit der SPD Mitglied der SPD, ließ diese Mitgliedschaft aber seit 1925 ruhen. An die Stelle des parteipolitischen Engagements trat deshalb nach der wissenschaftlichen Etablierung verstärkt ein gesellschaftspolitisches Interesse. 1930 wurde M. Vorsitzender der Sozialwissenschaftlichen Vereinigung und der Ortsgruppe der Gesellschaft der Freunde des Neuen Rußland. Im Frühjahr 1933 wurde M. zwangsbeurlaubt und auf der Basis des § 2a des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im September 1933 entlassen. Von April bis Ende Mai 1933 befand er sich in Schutzhaft. Anlaß waren seine politischen Aktivitäten gegen den Nationalsozialismus vor der Machtergreifung. Ein zweites Mal wurde er von Ende Juni bis Mitte September inhaftiert, weil er der Verbindung mit einer illegalen Widerstandsgruppe verdächtigt wurde. 1934 emigrierte M. nach Dänemark, dann, nach einer Einladung des Academic Assistance Council, der späteren Society for the Protection of Science and Learning, nach London. Bis zum Herbst 1936 erhielt er ein Stipendium, danach wurde er ein halbes Jahr durch die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaftler im Ausland finanziert. Neben der dadurch ermöglichten wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitete er auch für die London School of Economics und das Institute of Sociology. 1934 erstellte er für das International Institute of Social Research (New York) einen Bericht über „Familienprobleme in der deutschen Soziologie“, und 1937/38 arbeitete er für das Royal Institute of International Affairs. M. bereiste als Sachverständiger für die Lage der deutschen Emigration Holland, Belgien, Frankreich, die Schweiz, Österreich, die ČSR, Polen, Dänemark und Schweden. 1938 arbeitete er im Auftrag des Londoner Ausschusses für deutsche und österr. Ausgewanderte über die Auswirkungen der Emigration auf den engl. Arbeitsmarkt. 1938 wurden M. Staatsbürgerschaft und Doktortitel in Deutschland aberkannt.

    Nach ersten Kontakten zu deutschen Kommunisten in Dänemark 1934 gehörte M. seit 1937 der Gruppe deutscher Kommunisten in England unter der Leitung von Jürgen Kuczynski an. Von 1938 bis zur Auflösung im Mai 1946 war er in der Exekutive des „Freien Deutschen Kulturbundes in London“, später umbenannt in „Freier Deutscher Kulturbund in Großbritannien“, tätig; er war neben A. Liebert (Birmingham) einer der Direktoren der 1942 gegründeten „Freien Deutschen Hochschule“. Es kam hier zu einer engen Zusammenarbeit mit der FDJ in Großbritannien.

    Ende Juni 1946 erhielt M. die Erlaubnis zur Rückkehr nach Deutschland. Bereits im September wurde er von der Zentralverwaltung für Volksbildung zum Professor für politische und soziale Probleme an der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Univ. Berlin ernannt. M. wurde 1946 Mitglied der SED. Die Zugehörigkeit zur Partei und die Tatsache, daß er zu den wenigen qualifizierten Wissenschaftlern der ersten Jahre nach Kriegsende in der Sowjetischen Besatzungszone gehörte, hatten zahlreiche Aufgaben im Hochschulbereich und im Rahmen der Kulturarbeit zur Folge. In den ersten Monaten des Jahres 1947 beteiligte sich M. unter Anleitung Paul Wandels, des Präsidenten der Zentralverwaltung für Volksbildung, an der Errichtung der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät in Leipzig. M. wurde dort zum Dekan ernannt und erhielt einen Ruf als o. Professor für Gesellschaftswissenschaften an die Univ. Leipzig. Er lehnte ab, da ihm die Univ. Berlin einen Lehrstuhl für Neuere Geschichte anbot (1947). Von November 1946 bis Juni 1950 war M. Dekan, danach Prodekan. Neben seiner Tätigkeit als Direktor des Seminars für Neuere Geschichte war er seit April 1951 auch Direktor des Historischen Instituts. Zugleich hielt er Vorlesungen für Studierende der Pädagogischen Fakultät. Seit Januar 1952 hatte M. die Stelle des Direktors des Instituts für Geschichte des deutschen Volkes an der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität inne. Als erster marxistisch-leninistischer Historiker wurde er vom Präsidium der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin auf Vorschlag der Klasse für Gesellschaftswissenschaften zum Mitglied der Sektion für deutsche Geschichte berufen (1953 o. Mitglied). Von 1949 bis zur Auflösung 1951 war M. Mitglied des wissenschaftlichen Senats bei der Deutschen Verwaltung für Volksbildung, Mitglied der Kommission für die Reform des geschichtlichen Studiums beim Staatssekretär für das Hochschulwesen und Mitglied des Förderungsausschusses für die deutsche Intelligenz. Außerdem war M. Mitglied der Volkskammer als Berliner Vertreter der Kulturbundfraktion, seit 1947 Mitglied des Präsidialrates des Kulturbundes und 1949/50 Mitglied der Kommission für die Verteilung des Nationalpreises, den er 1953 selbst erhielt. 1952 kam es zu einer letzten großen Veränderung in M.s wissenschaftlichem Leben. Im Januar wurde er zugleich zum Direktor des Museums für deutsche Geschichte und zum Präsidenten des Wissenschaftlichen Rates beim Museum sowie zum Vorsitzenden des Autorenkollektivs für das Lehrbuch „Geschichte des deutschen Volkes“ ernannt, Aufgaben, die ihn bis an sein Lebensende ausfüllten. M. trug die Verantwortung für die Leitung der Ausstellung zur Geschichte des deutschen Volkes von den Anfängen bis 1945 und für die erste Sonderausstellung im Mai 1953, die zentrale Karl-Marx-Ausstellung der DDR. Im April 1953 gehörte er zu den Mitbegründern und -herausgebern der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“. Durch sein Engagement für das Museum und die Zeitschrift war er entscheidend an der öffentlichen Repräsentation der DDR-Historiographie beteiligt. Im September 1953 bat er um die Entbindung von den universitären Verpflichtungen.

    In der DDR-Historiographie nahm M. eine Sonderstellung ein. Er galt als der erste marxistisch-leninistische Historiker an einer deutschen Universität. Sein im Exil vollzogener Wechsel von der Soziologie zur Geschichtswissenschaft wurde in der DDR fast ausschließlich als positive Entwicklung gewertet. Jürgen Kuczynski rühmte ihn als hervorragenden Essayisten. Walter Markov würdigte M.s Leistungen im kulturellen und organisatorischen Bereich, betonte aber auch die Problematik der Fachfremdheit. Nichtmarxisten zeigten sich eher skeptisch. Fritz Hartung kritisierte den tendenziösen Charakter von M.s Arbeiten und die mangelnde Quellenforschung. Er sei eine ausgesprochen politische Natur, kein Gelehrter. M.s wissenschaftliche Schwerpunkte lagen im Bereich der Reformation und des Bauernkrieges, der Revolution von 1848 und der engl. Revolution von 1688. Die jeweiligen Ereignisse untersuchte er unter marxistisch-leninistischen Prämissen. Die größten Erfolge hatte er jedoch nicht in der theoretischen, sondern in der praktischen Umsetzung von Geschichte zu verzeichnen, wie seine Tätigkeiten im Museum für deutsche Geschichte und sein Vorsitz im Autorenkollektiv für das Lehrbuch der deutschen Geschichte belegen. – Nat.-preis (1953); Vaterländ. Verdienstorden d. DDR (1959).

  • Werke

    Weitere W List u. Marx, Eine vgl. Betrachtung, 1928;
    Germany's Foreign Policy, 1939;
    Der Kampf um d. nat. Einheit in Dtld., 1947;
    Die dt. Rev. v. 1848, 1948;
    „Neue Gesch.wiss.“, in: Aufbau 6, 1950, S. 656 ff.;
    Thomas Münzer u. seine Zeit, Mit e. Auswahl d. Dokumente d. gr. dt. Bauernkrieges, hrsg. v. H. Kamnitzer, 1952;
    Aus d. Vorgesch. d. bürgerl. Rev. in England, SB d. Dt. Ak. d. Wiss. zu Berlin, Kl. f. Gesellschaftswiss., 1954/2, 1954;
    Btrr. z. neuen Gesch.bild. FS z. 60. Geb.tag v. A. M., hrsg. v. F. Klein u. J. Streisand, 1956 (P).Hrsg.: Lehrb. d. dt. Gesch., 1959 ff. (mit R. F. Schmiedt). |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Ak. d. Wiss., Berlin.

  • Literatur

    A. M. 50 J., in: Freies Dtld. v. 18.5.1946;
    Der Lebensweg e. Gelehrten, in: Forum 3, 1949, S. 340-43;
    Prof. Dr. A. M., in: Auditorium v. 25.4.1950;
    J. Streisand, A. M.s Weg v. bürgerl.-demokrat. Soziologen z. marxist.-leninist. Historiker, in: Zs. f. Gesch.wiss. 23, 1975. H. 9, S. 1021-31;
    W. Weber, Biogr. Lex. z. Gesch.wiss. in Dtld., Österreich u. d. Schweiz, 1984;
    H. Haun, A. M. (1896-1960), in: Wegbereiter d. DDR-Gesch.wiss., Biogrr., hrsg. v. H. Heitzer u. a., 1989, S. 149-68;
    BHdE I.

  • Autor

    Astrid Steger
  • Empfohlene Zitierweise

    Steger, Astrid, "Meusel, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 272-274 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11696068X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA