Lebensdaten
1898 bis 1977
Geburtsort
Kiew
Sterbeort
Los Angeles (USA)
Beruf/Funktion
Nationalökonom
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 119344521 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Marschak, Jacob
  • Marschak, J.
  • Marschak, Jakob
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Zitierweise

Marschak, Jacob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119344521.html [22.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Israel ( 1937), Juwelier, 1920 aus d. Sowjetunion nach Frankreich emigriert, S d. Abram in Jekatarinoslav;
    M Sophie (1868–1944), T d. Pavel Khailowsky in K.;
    Heidelberg 1927 Marianne Berta (* 1901), Dr. phil., Journalistin, T d. Sanitätsrats Dr. Simon Kamnitzer (1861–1930) in Berlin u. d. Selma Türk;
    1 S, 1 T Thomas (* 1930), Prof. d. Nat.ökonomie an d. University of California, Berkeley, Angela (* 1928), Psychotherapeutin.

  • Leben

    Weil M. als Juden die Aufnahme ins Gymnasium verweigert wurde, stand ihm nur die örtliche Handelsschule offen. Nach 1915 besuchte er das Technikum in Kiew, wo er, wie viele junge, dem Zarismus feindliche Intellektuelle, zum Sozialisten wurde. Im Dezember 1916 kam er als Menschewik ins Gefängnis, aus dem er erst nach dem Sturz des Zaren in der Februarrevolution freikam. Während der Revolutionswirren wirkte er als Handels- und Industrieminister in der kurzlebigen, von Menschewiki und Sozialrevolutionären gebildeten Republik von Terek im Kaukasus. Nach Zerschlagung dieser von ihm später so genannten „Pädokratie“ durch die Bolschewiki entschloß sich M. 1919 zur Emigration nach Deutschland, dessen Staatsbürgerschaft er 1928 erwarb. Zunächst studierte er Mathematik in Berlin bei Ladislaus v. Bortkiewicz, ehe er zu dem sozialistischen Ökonomen Emil Lederer nach Heidelberg ging; bei ihm und dem Soziologen Alfred Weber promovierte er 1922. Anschließend arbeitete M. als Wirtschaftsredakteur bei der Frankfurter Zeitung und seit 1926 in der Forschungsstelle für Wirtschaftspolitik des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. 1928-30 gehörte er zum Forschungsstab im Institut für Weltwirtschaft und Seeverkehr in Kiel, der die große Wirtschaftsenquete im Auftrag des Reichstages erarbeitete. Pläne, sich an der Univ. Kiel zu habilitieren, scheiterten an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, die M. als Juden und Sozialisten ablehnte, so daß er für die Habilitation wieder zu Lederer ging und anschließend 1930-33 als Privatdozent an der Univ. Heidelberg wirkte. Schon in den 20er Jahren war M. in zahlreichen Veröffentlichungen als Pionier der Ökonometrie hervorgetreten, die die Mathematik für die ökonomische Analyse zu nutzen suchte. Bald fand er internationale Aufmerksamkeit und wurde als einer der ersten deutschsprachigen Ökonomen auf Empfehlung des Norwegers Ragnar Frisch in die 1930 gegründete International Econometric Society aufgenommen.

    Durch die Nationalsozialisten im April 1933 vertrieben, erhielt er nach akademischen Zwischenaufenthalten in Spanien und Holland im Herbst des Jahres eine befristete Stelle als Dozent an der Univ. Oxford. Wenig später wurde er dort mit dem Aufbau eines Instituts für Statistik beauftragt und 1935 zu dessen erstem Direktor ernannt. Vor dem Hintergrund des drohenden Krieges erhielt M. während eines USA-Aufenthalts als Rockefeller Fellow (1938/39) eine Berufung an die Exil-Universität der New School for Social Research in New York. 1943 übernahm er einen Lehrstuhl an der Univ. Chicago als erster Direktor der neu gegründeten Cowles Commission for Research in Economics, die die mathematische Analyse der Ökonomie in Amerika zu verbreiten suchte. Dort verstand es M., einen Kreis jüngerer Ökonomen für die neuen Forschungsansätze zu gewinnen. Mehrere seiner Mitarbeiter sollten später den Nobelpreis erhalten (Tjalling Koopmans, Lawrence Klein, Franco Modigliani, Herbert Simon). M.s weitere Forschungen – seit 1955 in Yale und von 1960 bis zur Emeritierung 1965 an der University of California in Los Angeles – umfaßten vor allem mathematische Analysen der Informations-, Wahl- und Entscheidungsprozesse in größeren Gruppen, deren gesellschaftswissenschaftliche Relevanz darin liegt, daß sie die Bedeutung des Kommunikationsprozesses zum Abbau von Ungewißheiten und Fehlinformationen hervorheben. M. war der erste, der eine systematische Theorie des ökonomischen Wertes von Informationen entwickelte. Trotz seiner hochspezialisierten und formalisierten Ansätze geriet ihm die Analyse nie zur realitätsfernen Abstraktion. Darauf verweist auch der Umstand, daß die Bedeutung seiner Arbeiten zunächst weniger von Ökonomen als von Soziologen und Psychologen erkannt wurde. M. selbst verstand sich nicht als enger Spezialist, sondern wirkte in zahlreichen politiknahen Wissenschaftsorganisationen bis hin zur Commission on Scientific Aspects of Atomic Energy (seit 1946) mit. Gastprofessuren und Ehrendoktorate in den USA, in Europa und Israel sowie die Mitgliedschaft in amerikanischen, europäischen und internationalen Organisationen nach dem 2. Weltkrieg belegen den internationalen Rang dieses Gelehrten.|

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Bonn).

  • Werke

    u. a. Wirtsch.rechnung u. Gemeinwirtsch., 1923 (Diss.);
    Der neue Mittelstand, 1926 (mit E. Lederer);
    Zur Pol. u. Theorie d. Verteilung, 1930;
    Elastizität der Nachfrage, 1931 (Habil.schr.);
    Money and the Theory of Assets, 1938;
    Management in Russian Industry and Agriculture, 1944 (mit G. Bienstock u. a.);
    The Role of Liquidity under Complete and Incomplete Information, 1949;
    Economic Aspects of Atomic Power, 1950 (mit S. Schurr);
    Income, Employment, and the Price Level, 1951, 21965;
    Economic Measurements for Policy and Prediction, 1953;
    Decision Making Economic Aspects, 1968;
    Economics of Information Systems, 1971;
    Economic Theory of Teams, 1972 (mit R. Radner);
    Economic Information, Decision, and Prediction, 3 Bde., 1974 (ausgew. Essays);
    ca. 120 weitere Aufsätze; W-Verz.
    (bis 1972) in: C. B. McGuire u. R. Radner (Hrsg.), Decision and Organization, A Volume in Honour of J. M., 1972, S. 337-41 (P).

  • Literatur

    T. Koopmans u. K. Arrow, J. M., 1898-1977, in: American Economic Review 68, Nr. 2, 1978, S. IX-XIV;
    K. Arrow, in: Internat. Enc. of the Social Sciences 18: Bibliographic Suppl., 1979, S. 500-07;
    L. A. Coser, Refugee Scholars in America, 1984, S. 151-56;
    C.-D.Krohn, Wiss. im Exil, 1987 (eigene Archivstud.);
    BHdE II.

  • Autor/in

    Claus-Dieter Krohn
  • Empfohlene Zitierweise

    Krohn, Claus-Dieter, "Marschak, Jacob" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 251 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119344521.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA