Lebensdaten
um 1753 bis 1800
Geburtsort
Sukowiborg (Litauen)
Sterbeort
Nieder-Siegersdorf bei Glogau (Schlesien)
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 11857647X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Salomon ben-Josua (eigentlich)
  • Maimon, Salomon
  • Salomon ben-Josua (eigentlich)
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Zitierweise

Maimon, Salomon, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11857647X.html [19.07.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Josua, Gelehrter, Hauslehrer, Verwalter v. Pachtdörfern, S d. Joseph Heinemann;
    M N. N. ( 1764);
    1764 ( ca. 1785) Sara, T d. Wwe Risia, Gastwirtin in Nieschwiz (Litauen);
    K.

  • Leben

    M. wurde mit Bibel und rabbinischer Literatur in hebräischer Sprache schon in früher Jugend durch den Vater und die Talmudschule vertraut. Mit elf Jahren hatte er den Ausbildungsstand eines Rabbiners und konnte deshalb vom Vater gegen ein ansehnliches Entgelt verheiratet werden. Bereits nach einem halben Jahr verließ er sein Heim der Schwiegermutter wegen und verdingte sich als Hauslehrer. Nur an Festtagen zu Hause, wurde er mit 14 Jahren Vater eines Sohnes. Er beschäftigte sich nun im Selbststudium mit jüd. Mystik und dem Philosophen Maimonides, nach dem er sich später nannte. Mit sechzehn Jahren erlernte er die lat. Schrift durch das Dechiffrieren der Bogenzählungen hebräischer Bücher. Seinem Wunsch folgend, säkulare Wissenschaften zu studieren, verließ er um 1777 Heimat und Familie endgültig, um nach Königsberg zu gehen, und schlug sich im selben Jahr nach Berlin durch. Da man eine Schrift des Maimonides bei ihm fand, wurde er vom orthodoxen Vorstand der jüd. Gemeinde am Betreten der Stadt gehindert. Nach Monaten unsteten Vagabundierens in Gesellschaft eines Landstreichers fand er durch Zwi Hirsch ben Abraham eine Anstellung als Hauslehrer in Posen, wo er zwei Jahre blieb. Als er nach einer bewußten Provokation abergläubischer Juden der Häresie verdächtigt wurde, ging er 1780 wieder nach Berlin, wo er Aufnahme fand. Durch eine schriftliche Auseinandersetzung mit der Metaphysik Wolffs, die er Moses Mendelssohn zusandte, erlangte er Zugang zu dessen Kreis und erfuhr dessen Protektion. Er absolvierte nun eine ca. dreijährige Lehrzeit als Apotheker, ohne sich für die praktische Seite dieses Berufs zu interessieren. Dies, seine naive Offenheit und sein Benehmen, das oft den gesellschaftlichen Gepflogenheiten zuwiderlief und ihm den Vorwurf des Hochmuts und unpassender Lebensweise eintrug, waren Anlaß, ihn wieder zum Verlassen der Stadt zu bewegen. Mit einem Empfehlungsschreiben Mendelssohns begab er sich über Hamburg nach Gravenhage bei Amsterdam, wo er „ungefähr neun Monate“ verbrachte, aber seiner aufgeklärten Meinungen wegen ohne Anschluß blieb. Deshalb kehrte er nach Hamburg zurück, wo er, um mit „Sprache, Sitte und Lebensart“ in Deutschland besser bekannt zu werden, zum Christentum konvertieren wollte, aber nicht akzeptiert wurde, da er die christlichen Dogmen nicht als Gegenstand des Glaubens, sondern nur als allegorische Vorstellungen der Wahrheit der Vernunft anerkannte. „Sie sind zu sehr Philosoph um Christ zu sein“, erklärte der luth. Pastor. Aufgrund der Fürsprache des Kaufmanns Moses Wessely konnte er von Juni 1783 bis März 1785 im Christianeum in Altona Unterricht und Unterkunft erhalten. Mit dem Kompliment entlassen: „Beschäftigung der Denkkräfte scheint sein größtes und einziges Vergnügen zu sein“, reiste er über Berlin, wo er nur widerwillig aufgenommen wurde und keine angemessene Arbeit erhielt, nach Breslau. Dorthin waren ihm allerdings schon Briefe vorausgeeilt, die vor seiner Freigeisterei warnten. Durch die Vermittlung Christian Garves erhielt er nun ein karges Stipendium, gleichzeitig gab er Privatunterricht; er begann ein Medizinstudium, übersetzte Moses Mendelssohns „Morgenstunden“ und verfaßte eine hebräische Schrift über Newton. Hier stimmte er endlich auch einer Scheidung zu, die seine Frau schon während seines Aufenthalts in Hamburg hatte erreichen wollen.

    1786 (?) begab sich M., angezogen von der geistigen Atmosphäre dieser Stadt, ein viertes Mal nach Berlin. Obgleich Mendelssohn mittlerweile gestorben war, wurde er aufgrund der Bemühungen Lazarus Bendavids, des späteren Kantianers, von reichen Mitgliedern der Gemeinde erneut unterstützt. Er studierte nun Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und schrieb 1789 sein wichtigstes philosophisches Werk, den „Versuch über die Transcendentalphilosophie“. Kant, der diese Schrift durch Markus Herz erhalten hatte, sprach sich in einem Brief an diesen lobend über den „Versuch“ aus und eröffnete M. dadurch die Möglichkeit, das Buch 1790 drucken zu lassen und Aufsätze in verschiedenen wissenschaftlichen Journalen zu veröffentlichen (Berlinische Monatsschrift, Berlinisches Journal für Aufklärung, Deutsche Monatsschrift u. a.). 1791 erschien auch der erste Teil eines groß angelegten philosophischen Wörterbuchs. Das Interesse, das einige autobiographische Fragmente, die er im von K. Ph. Moritz herausgegebenen „Magazin für Erfahrungsseelenkunde“ veröffentlichte, fanden, veranlaßte ihn schließlich, eine „Lebensgeschichte“ zu schreiben, die Moritz mit einem Vorwort erscheinen ließ (1792/93). Das Buch hatte Erfolg und machte M. einem breiteren Leserkreis bekannt. Auch in Jena und Weimar begann man sich für ihn zu interessieren. Eine Existenzgrundlage konnte er sich durch seine Schriftstellerei allerdings nicht schaffen. Er blieb abhängig vom Wohlwollen jüd. Mäzene, die ihm allerdings seiner Anschauungen und seines unorthodoxen, als „liederlich“ geltenden Lebenswandels wegen ihre Unterstützung nach und nach entzogen, zuletzt Ende 1794 Samuel Levy. So folgte M. 1795 einer wiederholt ausgesprochenen Einladung von Adolf Gf. v. Kalckreuth auf dessen Gut bei Glogau, wo er wohlversorgt, aber isoliert nach fünf Jahren infolge Trunksucht starb. Sein gesamtes philosophisches Werk schuf M. in den letzten 10 Jahren seines Lebens.

    Mit seiner Autobiographie gibt M. eine „unparteiische und vorurteilsfreie Darstellung des Judentums“ (Moritz) seiner Zeit. Insofern stellt sie ein einzigartiges kulturhistorisches Dokument dar. Die eingefügten religions- und philosophiegeschichtlichen (Maimonides) Kapitel, in denen er die Übersetzbarkeit religiöser Vorstellungen in die Sprache der Vernunft zu zeigen sucht, lassen seine „Lebensgeschichte“ als „Beitrag zur Geschichte der Philosophie“ (Zweites Buch, Vorrede) erscheinen.

    Bei seiner Auseinandersetzung mit Kant ging M. wie F. H. Jacobi und G. E. Schulze von einer Kritik des Begriffs „Ding-an-sich“ aus. Dessen Konzeption als Grund jeder Erscheinung außerhalb des Verstandes steht nach M. im Widerspruch zum transzendentalen Standpunkt, wonach die Wahrheit nur durch die Gesetze der Vernunft bestimmt wird. Objektivität der Erkenntnis könne es nur geben, wenn das Kriterium für wahr und falsch innerhalb des Bewußtseins liege. In der Annahme eines „Dings-an-sich“ würde eine Vernunftidee, die ein bloß logisches Objekt ist – die Idee der Einheit des Mannigfaltigen –, als reelles unterstellt. An die Stelle der Bestimmung Kants setzt M. die Vernunftidee des „unendlichen Verstandes“; bei diesem müssen Sinnlichkeit und Verstand als ein und dasselbe gedacht werden. Raum und Zeit erfüllen durch ihre Eigenart – sie sind sowohl reine Begriffe der Verschiedenheit als auch empirische Anschauungen – die erforderlichen Bedingungen für das Erkennen, d. h. sie verbinden das Denken und Gründe, die außerhalb des Denkens liegen (Anschauung), zu einer Einheit des Bewußtseins. Der „unendliche Verstand“ ist eine Vernunftidee, die versucht, die formelle Vollständigkeit vom Begriff des Verstandes durch Fiktion – eine Operation der Einbildungskraft – zu erreichen, und als solche ein „Grenzbegriff“. Der mit dem Verhältnis von endlichem und unendlichem Verstand bestehende Widerstreit löst sich nach M. durch die unendliche Annäherung des Denkens an die|Totalität der Bestimmungen. Der unendliche Verstand ist also die höchste Einheit, die vom Bewußtsein her eine bloße Idee ist, die aber die notwendige Bedingung jeder Erkenntnis darstellt, der analytischen und der synthetischen. Die Idee des unendlichen Verstandes ist die einzige, die objektive Realität hat, aber, wie M. betont, nicht an sich betrachtet. Als Grundgesetz objektiver Erkenntnis faßt M. den „Grundsatz der Bestimmbarkeit“. Ausgehend von Kants Unterscheidung analytischer und synthetischer Urteile, erklärt M., daß in dem von ihm so genannten „reellen Denken“ jedes Subjekt und Prädikat nicht nur für sich, sondern auch an sich möglicher Gegenstand des Bewußtsein sein müsse. Am Beispiel des geschlossenen Raumes (bestimmbares Subjekt), der durch mindestens drei Linien begrenzt ist (Bestimmung durch das Prädikat), erläutert M., daß in objektiver Erkenntnis das Mannigfaltige nicht nur zur Synthese gebracht werde (wie bei der zufälligen Verknüpfung in rein empirischen Urteilen), sondern durch Synthese gegeben sei. Im Gegensatz zur kritischen Philosophie behauptet M., sichere Erkenntnis sei nur möglich aufgrund a priori gegebener Formen und Gegenstände. Diese Bedingung fand er allein in der Mathematik erfüllt. Die Anhänger der Kantischen Philosophie bezeichnete er deshalb als „empirische Dogmatiker“, während er sich selbst als „empirischen Skeptiker“ betrachtete, der nur die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit der Sätze, die der inneren Wahrnehmung nach bloß als Fakta gewiß sind, nicht zugibt, ihre Gewißheit als Fakta jedoch wohl. Er lehnt nur die Möglichkeit eines höchsten Prinzips als eines positiven ersten Grundsatzes ab. Die Möglichkeit eines Systems überhaupt leugnet er nicht. Die Philosophie ist für ihn die Wissenschaft von der Möglichkeit einer Wissenschaft überhaupt. Außer durch Mai-monides und Kant ist M.s Philosophie auch durch Spinoza, Leibniz und Hume beeinflußt. Trotz der Wertschätzung M.s durch bedeutende Zeitgenossen – Schelling hat wiederholt seine Hochachtung M.s geäußert und Fichte seine „Verehrung für das Talent dieses Mannes“ gegenüber Reinhold „grenzenlos“ genannt (März 1795) – fand nach seinem Tode sein Werk zunächst wenig Beachtung. J. E. Erdmann hat zuerst in seinem „Versuch einer wissenschaftlichen Darstellung der Geschichte der neueren Philosophie“ (Abt. 3, 1848-53, I, S. 510-37) M. in den Blickwinkel der philosophischen Forschung gerückt. Hermann Cohen und der Neukantianismus erhielten durch seine Schriften wesentliche Anregungen.

  • Werke

    u. a. Versuch üb. d. Transcendentalphilos. mit e. Anhang üb. d. symbol. Erkenntnis u. Anmerkungen, 1790 (Nachdr. 1963, 1972);
    Phil. Wb., 1. Stück, 1791 (Nachdr. 1970);
    S. M.s Lebensgesch. v. ihm selbst geschrieben, hrsg. v. K. Ph. Moritz, 1792, hrsg. v. J. Fromer, 1911 (W-Verz., L), hrsg. v. Zwi Batscha, 1984 (Nachwort), zahlr. Überss.;
    S. M.s Streifereien im Gebiete d. Philos., 1. T., 1793 (Nachdr. 1970);
    Über d. Progressen d. Philos., 1793 (Nachdr. 1969);
    Die Kathegorien d. Aristoteles …, 1794 (Nachdr. 1968);
    Versuch e. neuen Logik od. Theorie d. Denkens, Nebst angehängten Briefen d. Philaletes an Aenesidemus, 1794, hrsg. v. B. C. Engel, 1912;
    Krit. Unterss. üb. d. menschl. Geist od. d. höhere Erkenntniß- u. Willensvermögen, 1797 (Nachdr. 1969);
    Givat ha-Moreh, 1791 (hebräisch, Kommentar z. Maimonides' „More Nebokim“), hrsg. v. S. H. Bergman u. N. Rotenstreich, 1966. -
    Gesammelte Werke, 7 Bde., hrsg. v. V. Verra, 1965-76 (Nachdr. v. Einzelschrr.).

  • Literatur

    N. J. Jacobs, S. M., an Annotated Bibliogr., in: Kirjath Sepher, Bibliographical Quarterly of the Jewish National and University Library, 1966, S. 245-63. -
    F. Kuntze, Die Philos. S. M.s, 1912;
    M. Guéroult, La Philosophie transcendentale de S. M., 1929;
    S. H. Bergman, The Philosophy of S. M., 1932, 1967 (hebräisch), 1968;
    N. J. Jacobs, S. M.s Life and Philosophy, 1959;
    S. Atlas, From Critical to Speculative Idealism, The Philosophy of S. M., 1964;
    ders., S. M.s Doctrine for Fiction and Imagination, in: Hebrew Union Coli. Annual (40-41, 1969/70), S. 363-89;
    N. Rotenstreich, The Problem of the „Critique of Judgement“ and S. M.s Scepticism, in: Harry Austryn Wolfson Jubilee Volume on the Occasion of His Seventy-Fifth Birthday II, 1965, S. 677-702;
    L. Dujovne, S. M., 1970;
    F. Moiso, La filosofia di S. M., 1972;
    R.-R. Wuthenow, Das erinnerte Ich, 1974, S. 101-10;
    C. Wiedemann, Zwei jüd. Biogrr. im Dtld. d. 18. Jh.: Glückel v. Hameln u. S. M., in: Juden in d. dt. Lit., hrsg. v. S. Moses u. A. Schöne, 1986, S. 88-113. - Dissertationen:
    H. H. Potok, The Rationalism and Skepticism of S. M., University of Pennsylvania, 1965;
    E. Klapp, Die Kausalität b. S. M., München 1967;
    A. Harel, Das Problem d. Wahrheit b. S. M., München 1969;
    C. Katzoff, The Object of Knowledge in the Philosophy of S. M. and its Relationship to the Thing in itself in Kant's Critique of pure Reason, University of Columbia 1971. -
    Ziegenfuß;
    Überweg III;
    Enc. Jud. XI, 1971;
    Kosch, Lit.-Lex.3.

  • Portraits

    Slg. Schwadron, Jerusalem, Jewish National and University Library;
    Kupf. v. W. Arndt (Veste Coburg), Abb. b. Dt. Schriftsteller im Portrait III, hrsg. v. J. Göres, 1980.

  • Autor/in

    Aza Harel
  • Empfohlene Zitierweise

    Harel, Aza, "Maimon, Salomon" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 709-711 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11857647X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Maimon: Salomon M., geb. im J. 1754 auf einem Radziwil'schen Gute bei Mirz in polnisch Lithauen, am 22. November 1800 in Nieder-Siegersdorf im Regierungsbezirk Liegnitz, Sohn eines armen Rabbiners, besuchte die Talmudistenschule zu Iwenez (im russischen Gouvernement Minsk), woselbst er in Folge hervorragender Begabung und glühenden Eifers den Talmud gründlich kennen lernte, so daß er bereits als elfjähriger Knabe in Moghilnia (ebendaselbst), wohin sein Vater umgesiedelt war, den Ruf eines ausgezeichneten Talmudisten genoß. Darum konnte sein Vater daran denken, ihn als Schwiegersohn bei reichen Leuten zu verschachern, und nach mancherlei Fahrnissen (er wurde z. B. von einem Branntweinfabrikanten entführt) wurde er in seinem zwölften Lebensjahre der Gatte einer Wirthstochter in Neschwitz (in Lithauen), worauf der Vierzehnjährige bereits Vater war. Da ihn aber die Gattin im Vereine mit ihrer Mutter äußerst schlecht behandelte, verließ er (1768) das Haus und nahm eine Hofmeisterstelle an. Nun lernte er (1770) die deutsche und die lateinische Buchstabenschrift kennen und übte sich mit größtem Fleiße an Sturm's Physik und an medicinischen Schriften im Lesen deutscher Bücher. Da er einen ziemlich freisinnigen Commentar zu der bekannten Schrift des Moses Maimonides (Moreh Nebochim) schrieb, erregte er Anstoß bei den orthodoxen Juden und beschloß, nach Deutschland zu gehen und dort Medicin zu studiren. Nur durch die Beihilfe mitleidiger Menschen gelangte er nach Königsberg, dann nach Stettin und Berlin, wo er in äußerster Nothlage eintraf, aber von der dortigen Judengemeinde wegen seiner Freigeisterei nicht geduldet wurde. Somit bettelte er sich von da nach Posen durch, wo ihn der Oberrabbiner freundlich aufnahm und bald zu einer Hofmeisterstelle empfahl. Nachdem er hier einerseits wegen seiner Kenntnisse im Talmud geachtet und andererseits als Freigeist verlästert zwei Jahre zugebracht hatte, ging er (1773) wieder nach Berlin; hier stieß er zufällig auf ein Exemplar der Metaphysik Wolff's, und indem er sofort hebräische Erörterungen über dieses Buch niederschrieb und dieselben an Mendelssohn schickte, fand er auf Empfehlung des Letzteren Aufnahme bei vornehmen reichen Juden. Nun beschäftigte er sich eifrig mit Locke, Spinoza, Helvetius, Hume und Leibniz; auch auf Kant wurde er durch Marcus Herz (s. Allg. deutsche Biogr. Bd. XII S. 260) hingewiesen. Um aber irgend einen Lebensberuf zu ergreifen, trat er (1775) als Lehrling in eine Apotheke ein, führte jedoch allmählich ein ziemlich lockeres Leben, so daß selbst Mendelssohn ihm rieth, Berlin zu verlassen. So ging er (1778) zunächst nach Hamburg, hielt sich dann beschäftigungslos fast ein Jahr in Amsterdam auf, kehrte dann nach Hannover und hierauf wieder nach Hamburg zurück, wo er den Gedanken faßte, zum Christenthum überzutreten, was jedoch an den Bedenken jenes Pastors scheiterte, an welchen er sich gewendet hatte. Vermögliche Juden Hamburgs setzten ihn in den Stand, das Gymnasium zu Altona zu besuchen, wo er tüchtig Latein lernte, aber die dem Griechischen gewidmeten Unterrichtsstunden nicht besuchte (daher er Zeit seines Lebens griechische Worte verfehlt schrieb, z. B. Kathegorien, Methaphisik, Empyrisch u. dgl.). Mit einem sehr günstigen Abgangszeugnisse kehrte er (um 1782) von Altona nach Berlin zurück, welches er jedoch bald wieder verließ, da der Plan, durch hebräische Uebersetzungen wissenschaftlicher Bücher auf die polnischen Juden zu wirken, sich zerschlug. Er ging nun über Dessau nach Breslau, um sich dem Studium der Medicin zu widmen, welches ihn aber bald anwiderte; einige Unterstützung fand er bei Ephraim Kuh (s. Allg. d. Biogr. Bd. XVII S. 317) und dann besonders durch Garve, welcher ihn zu dem reichen|Bankier Sigman Meier als Hauslehrer empfahl, woneben er noch anderwärts Privatunterricht in der Mathematik ertheilte. Der Nahrungssorgen überhoben übersetzte er Mendelssohn's "Morgenstunden" ins Hebräische und verfaßte in gleicher Sprache eine Naturlehre nach Newton's Grundsätzen. Nun aber traf seine von ihm verlassene Frau nebst ihrem Sohne in Breslau ein und forderte entweder Heimkehr oder Scheidung; M. wählte das letztere und gab ihr seine letzte Baarschaft, woraus er (1786) in kläglichem Zustande wieder nach Berlin ging, wo er, nachdem Mendelssohn unterdessen gestorben war, in der That vom Bettel lebte. Neben einer Betheiligung an dem von K. Ph. Moritz herausgegebenen "Magazin für Erfahrungsseelenlehre" studirte er nun (um 1788) ernstlich Kant's Kritik der reinen Vernunft, wobei er im Lesen sofort Anmerkungen und Einwände niederschrieb, welche Marcus Herz an Kant schickte, und da Letzterer sich über das Manuscript schmeichelhaft äußerte, kam dasselbe zum Druck unter dem Titel "Versuch über die Transscendentalphilosophie" (1790). Unterdessen hatte M. endlich eine sorgenfreie Unterkunft im Hause des Grafen Kalkreuth in Nieder-Siegersdorf in Schlesien gefunden, so daß er sich einer weiteren schriftstellerischen Thätigkeit hingeben konnte. Er lieferte in verschiedene Zeitschriften kleinere Aufsätze, deren einige er wieder aufnahm in sein "Philosophisches Wörterbuch oder Beleuchtung der wichtigsten Gegenstände der Philosophie in alphabetischer Ordnung" (1791 erstes und einziges Stück), woran sich in Folge einer von K. L. Reinhold geschriebenen Recension ein bitterer Briefwechsel knüpfte, welchen M. in seinen "Streifereien im Gebiete der Philosophie" (1793) veröffentlichte. Außer Anmerkungen, welche er zu Bartholdy's Uebersetzung des baconischen Novum Organon (1793) beifügte, verfaßte er in Folge einer Berliner Preisaufgabe (an welcher auch Kant sich betheiligte) "Ueber die Progresse der Philosophie" (1793), worin er die skeptische Stellung kund gab, in welcher er sich sowol zu Wolfs als auch zu Kant befand. Dann folgten: "Die Kathegorien des Aristoteles mit Anmerkungen erläutert und als Propädeutik zu einer neuen Theorie des Denkens dargestellt" (1794) und "Versuch einer neuen Logik oder Theorie des Denkens nebst angehängtem Brief des Philaletes an Aenesidemus" (1794, 2. Aufl. 1798), endlich wohl das bedeutendste seiner Werke: "Kritische Untersuchungen über den menschlichen Geist oder das höhere Erkenntnißvermögen" (1797). Man darf annehmen, daß M. auf Grund einer ursprünglichen Begabung gerade durch seine Talmudstudien jenen haarspaltenden Scharfsinn erlangte, mittelst dessen er an jedes philosophische Buch sofort bei erster Lesung eine einschneidende Kritik anlegte und in solcher Weise auch innerhalb der kantischen Philosophie alle jene Punkte aufgriff, welche als bestreitbar oder irgendwie bedenklich erscheinen können; und zwar that er solches in einer Weise, daß Kant selbst ihn als den bedeutendsten unter seinen Gegnern anerkannte. M. bestritt die kantische Trennung zwischen Sinnlichkeit und Verstand, aber ebenso auch Reinhold's Vorstellungsvermögen, er bestritt die ausschließliche Subjectivität der Raum- und Zeitanschauung, sowie den Begriff des Dinges an sich, er kritisirte die Kategorien, die Causalschlüsse und die auf das Unbedingte gerichteten Ideen, kurz er vertrat die Skepsis innerhalb des Kriticismus.

    • Literatur

      Sal. Maimons Lebensgeschichte von ihm selbst beschrieben, herausgegeben von K. Ph. Moritz (1792). Sal. Jos. Wolff, Maimoniana (1813). J. H. Witte, Sal. Maimon (1876). Ueber die Philosophie M's s. insbesondere J. Ed. Erdmann, Gesch. d. neueren Philos., Bd. III, Abthl. 1, S. 510 ff., woselbst auch alle kleineren in Zeitschriften zerstreuten Aufsätze Maimon's angeführt sind.

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Maimon, Salomon" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 107-108 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11857647X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA