Lebensdaten
1901 bis 1972
Geburtsort
Klein-Wittenberg
Sterbeort
Wittenberg
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
evangelisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 118574272 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lorbeer, Hans

Orte

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Zitierweise

Lorbeer, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574272.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Unehel.;
    M Emma Kalb, Dienstmädchen; Adoptiveltern: V Hermann (* 1875), Schmied;
    M Pauline Altekrüger (* 1875), Dienstmädchen;
    1924 Elsa Bahms (* 1906);
    2 S, 3 T.

  • Leben

    L. wurde schon kurz nach seiner Geburt von Pflegeeltern aufgenommen. Er besuchte die Volksschule und begann danach eine Lehre als Installateur, die er nach einem Jahr abbrach. Nach wechselnden Tätigkeiten, zuletzt in einer Munitionsfabrik, arbeitete L. seit 1918 in der chemischen Industrie, die meiste Zeit im Mitteldeutschen Stickstoffwerk Piesteritz. Zunächst war er Mitglied einer christlichen Jugendgruppe, dann der Freien Sozialistischen Jugend, seit 1920 des Kommunistischen Jugendverbands, seit 1921 auch der KPD. L. begann um 1920 mit literarischen Versuchen. 1925 erschien sein erstes Buch|„Gedichte eines jungen Arbeiters“, das sich schon deutlich von den Romantizismen der gleichzeitigen sog. Arbeiterdichtung (M. Barthel, K. Bröger, H. Lersch u. a.) unterschied. L. begriff den Arbeitsprozeß als nackte Ausbeutung, die er kraß pamphletistisch und voller Haß angriff. Manche dieser Gedichte sind geradezu „aggressiv-terroristische Appelle“ (Fähnders/Rector), die L.s damalige Nähe zu linksradikalen bzw. anarchistischen Tendenzen – wie etwa die O. Kanehls – erkennen lassen. – 1925-33 war L. arbeitslos. Kurt Kläber und Johannes R. Becher halfen ihm in diesen Jahren über die schlimmste Not hinweg, indem sie die Veröffentlichung seiner Texte förderten. Seit 1927 erschienen Prosaskizzen und Gedichte in der „Roten Fahne“, in der „Deutschen Zentral-Zeitung“ (Moskau), in der „Arbeiterstimme“ (Dresden) sowie in mehreren kommunistischen Regionalzeitungen, seit 1929 auch in der „Linkskurve“. 1928 wurde die Reihe „Proletarisch-revolutionäre Dichtung“ im Internationalen Arbeiter-Verlag Berlin mit L.s Prosaband „Wacht auf!“ eröffnet. Im Vorwort dazu bezeichnete Kläber L. als „wohl den echtesten Typ des unmittelbar aus dem Betriebe kommenden Dichters“, der „auch sonst nicht mit Kulturtradition und anderen, der proletarischen Dichtung gefährlichen Gedankenrichtungen belastet“ sei. In der Tat ist L.s Prosa – mehr noch als seine Lyrik – in ihrer gefühlsgeladenen, aggressiven Vitalität, in ihrer hämmernden, ständig attackierenden Sprechweise ohne alles Dekor jedem bürgerlichen Schreibideal konträr. Es sind in der Mehrzahl mit spontanem Ingrimm geschriebene Erlebnisberichte aus der Revolutions- und Nachkriegszeit, die regelmäßig in eine agitatorische Kadenz einmünden und operativ wirken wollen.

    L. war einer der Mitbegründer des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS). Er gehörte zum vorläufigen Vorstand, wurde aber auf der ersten Mitgliederversammlung abgewählt. 1930 wandte sich L. der „rechten“ KP-Opposition (KPO) zu, wurde 1931 als sog. Brandlerianer aus der KPD ausgeschlossen und trat der KPO bei. Die Folge war, daß die orthodoxen KP-Zeitungen keine Texte mehr von ihm druckten (stattdessen aber die KPO-Zeitung „Arbeiterpolitik“) und auch eine Veröffentlichung des bemerkenswerten autobiographischen Romans „Ein Mensch wird geprügelt“ unterblieb (1930 war in Moskau die russ. Ausgabe „Čeloveka istjazajut“ erschienen, erst 1959 wurde in der DDR eine stark veränderte deutsche Ausgabe u. d. T. „Der Spinner“ gedruckt). – Nach 1933 war L., jetzt wiederum Fabrikarbeiter in der Wittenberger Gegend, aktiv im antifaschistischen Widerstand. 1933/34 war er im KZ Lichtenburg inhaftiert. 1937 wurde er erneut verhaftet und verbrachte zwei Jahre in Zuchthaus und Moorlager. 1939-45 war er Aushilfsarbeiter in verschiedenen Fabriken unter ständiger Gestapoaufsicht. Die in diesen Jahren entstandenen (sorgfältig versteckten) Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel „Die Gitterharfe“. – 1945-50 war L. Bürgermeister im heimischen Piesteritz, seit 1951 freischaffender Schriftsteller. Nachdem er bis 1933 agitatorischoperative Genres (Kampflied und -gedicht, Prosaskizze, Sprechchor) bevorzugt hatte, versuchte er sich nunmehr an umfangreichen Prosaprojekten. 1953 erschien der Betriebsroman „Die 7 ist eine gute Zahl“, 1956-63 die Luther-Trilogie „Die Rebellen von Wittenberg“ („Das Fegefeuer“, „Der Widerruf“, „Die Obrigkeit“) – ein breit angelegtes, mit klassenkämpferischen Farben ausgemaltes Panorama der Jahre 1517–25, das in das Fanal des Bauernkriegs einmündet. Von der marxistisch-sozialistischen Grundhaltung abgesehen, wird der Rahmen des historischen Romans weder inhaltlich noch erzählerisch überschritten. – Vaterländ. Verdienstorden (1958); Heinrich-Mann-Preis (1959), Nat.preis (1961), Händel-Preis d. Stadt Halle (1963), Lion-Feuchtwanger-Preis (1971); Mitgl. d. Ak. d. Künste d. DDR (1965); Dr. phil. h. c. (Halle 1971).

  • Werke

    Weitere W u. a. Der Trinker, 1925 (Tragikomödie);
    Liebknecht - Luxemburg - Lenin, 1927 (Sprechchor);
    Panzerkreuzer Potemkin, 1929 (Chorwerk);
    Phosphor, 1931 (Drama, russ.);
    Des Tages Lied, 1948 (Gedichte);
    Hunger, März (autobiogr. Berr.), in: Hammer u. Feder, Dt. Schriftsteller aus ihrem Leben u. Schaffen, 1955, S. 342-66;
    Die Straßen gehn, Verse aus 4 J.zehnten, 1961;
    Ges. Werke in Einzelausgg., hrsg. v. G. Noglik, 1974 ff. - W-Verz.:
    B. Melzwig, Dt. Sozialist. Lit. 1918–45, 1975, S. 240-42 (Buchveröff.);
    Veröff. dt. sozialist. Schriftsteller in d. revolutionären u. demokrat. Presse 1918–45, 1969, S. 342-49 (berücksichtigt nur d. orthodoxe KP-Presse).

  • Literatur

    K. Kläber, in: H. L., Wacht auf!, 1928, S. 7-10;
    O. Müller-Glösa, in: Die Front 2, 1929, S. 88 f.;
    D. Heinemann, Interview mit H. L., in: Weimarer Btrr. 17, 1971, H. 2;
    A. Klein, Im Auftrag ihrer Klasse, 1972, S. 421-32, 499-508 u. 751-56 (Dokumente);
    Gesch. d. dt. Lit. 10, hrsg. v. H. Kaufmann, 1973, S. 391-93 (P);
    F. J. Raddatz, Lied u. Gedicht d. proletar.-revolutionären Lit., in: W. Rothe (Hrsg.), Die dt. Lit. d. Weimarer Republik, 1974, S. 404 f;
    W. Fähnders u. M. Rector, Linksradikalismus u. Lit. II, 1974, S. 196-207, 294 f.;
    A. Klein, Wirklichkeitsbesessene Dichtung, 1977, S. 226-40;
    Kürschner, Lit.-Kal. 1930, 1949, 1973;
    Lex. sozialist. dt. Lit., 1963.

  • Autor/in

    Wolfgang Emmerich
  • Empfohlene Zitierweise

    Emmerich, Wolfgang, "Lorbeer, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 161 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574272.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA