Lebensdaten
1613 bis 1674
Geburtsort
Salins (Franche-Comté)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Diplomat
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11878014X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lisola, Franz Paul (bis 1659)
  • Lisola, Franz Paul Freiherr von
  • Lisola, Franz Paul (bis 1659)
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Zitierweise

Lisola, Franz Paul Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11878014X.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Die Vorfahren stammten aus Italien u. siedelten im 16. Jh. nach Lyon über;
    V Jérôme de L., seit 1592 in Besançon;
    M Susanne Rezy.

  • Leben

    L. studierte in Dôle Rechtswissenschaft und erwarb den Doktorgrad. Anschließend war|er als Advokat in Besançon tätig. Infolge von innenpolitischen Auseinandersetzungen verließ er 1638 seine Heimatstadt und begab sich in den Dienst Kaiser Ferdinands III. nach Wien. Hier gewann er rasch die Gunst des Obristhofmeisters der Kaiserin Maria Anna und Diplomaten Maximilian Gf. v. Trauttmansdorff. Auf dessen Rat hin wurde L. kaiserl. Vertreter in London, wo er sich seit Anfang 1640 um eine Annäherung der unterschiedlichen Standpunkte beider Höfe bemühte, doch vermochte er gegen die franz. Diplomatie wenig auszurichten. Während seiner zweiten Mission in London (1641–45) suchte er einen Ausgleich mit Karl Ludwig, dem Sohn des aus Böhmen und der Pfalz vertriebenen Kurfürsten und „Winterkönigs“ Friedrich V. Außerdem förderte er franz. Exulanten, die sich als Gegner der Könige Ludwig XIII. und Ludwig XIV. bzw. ihrer leitenden Minister Richelieu und Mazarin zu erkennen gaben. Auch dieser Mission war angesichts der innenpolitischen Konflikte zwischen der engl. Krone und dem Parlament wenig Erfolg beschieden. Außerdem zeigte sich, daß L. und seine Auftraggeber am Wiener Hof oft unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der zu treffenden Entscheidungen vertraten. An den Westfäl. Friedensverhandlungen war L. 1646 in Münster nur vorübergehend beteiligt, da seine prinzipiell antifranz. Haltung im Gegensatz zu den allseits erhofften Ausgleichsbestrebungen stand, so daß er sogar in Konflikt mit seinem bisherigen Gönner Gf. Trauttmansdorff geriet. Nach dem Tod des poln. Kg. Wladislaw IV. vertrat L. in Warschau die kaiserl. Interessen anläßlich der Neuwahl Johann Kasimirs, blieb jedoch, wie so oft während seiner diplomatischen Tätigkeit, über längere Zeit hin „ohne Instruktion, ohne Befehl, ohne Geld“. Angesichts des Frondeaufstandes in Frankreich (1648–53) suchte er 1651/54 im Elsaß die Gegner Mazarins zu einen, was allerdings an der mangelnden Unterstützung durch die span. Diplomatie scheiterte. Während des schwed.-poln. Krieges (1655–60) erreichte er 1657/58 ein Bündnis Leopolds I. mit Kf. Friedrich Wilhelm von Brandenburg sowie dessen Aussöhnung mit Polen und die poln. Anerkennung der Souveränität des Hauses Hohenzollern über das Hzgt. Preußen. Auch die Wahl Leopolds I. 1658 zum Kaiser wurde durch diese Ausgleichsbestrebungen gefördert. Ebenso waren die für das Haus Habsburg günstigen Bestimmungen des Friedens von Oliva (1660) nicht zuletzt eine Frucht seiner intensiven diplomatischen Bemühungen. Anläßlich der poln. Sukzessionsfrage vertrat L. 1662 die kaiserl. Interessen neuerdings am poln. Hof und suchte anschließend in Berlin (1663/64) eine weitere Annäherung an Friedrich Wilhelm von Brandenburg. 1665/66 gelang es L. in Spanien, die zwischen den beiden Linien der span. und österr. Habsburger bestehenden Spannungen abzubauen und eine engere Zusammenarbeit trotz franz. Widerstände anzubahnen. Der Ehevertrag zwischen Leopold I. und der span. Infantin Margarita Theresia 1666 war ein großer Erfolg dieser Politik und eröffnete dem habsburg. Kaiser Aussichten auf das span. Erbe.

    Während der Minister Johann Weikhard Fürst Auersperg einen Ausgleich mit Frankreich in der zu erwartenden span. Erbfolgefrage (Teilungsvertrag vom 19.1.1668) erstrebte, sah L. die Wahrung der österr. Interessen allein durch eine enge Verbindung des Kaisers mit jenen europ. Mächten gewährleistet, die sich gegen die Expansionspolitik Ludwigs XIV. wandten. Der Devolutionskrieg 1667/68 zeigte seiner Meinung nach eindeutig, daß die franz. Politik die Hegemonie in Europa erstrebte. In mehreren Publikationen verfocht er vehement seine politischen Maximen, warnte vor den schädlichen Folgen von Partikularinteressen und propagierte die Einheit der Mächte gegen Frankreich. 1672/73 Gesandter bei den Generalstaaten, erreichte er am 30.8.1673 den zweiten holländ.-österr. Allianzvertrag, der angesichts des 1672 ausgebrochenen Holländ. Krieges die bisherige Zurückhaltung Leopolds I. gegenüber Frankreich beendete und ein aktiveres Engagement zugunsten der Vereinigten Provinzen der Niederlande zur Folge hatte. L. gilt außerdem als geistiger Urheber der Gefangennahme des leitenden Kölner Ministers Wilhelm Egon v. Fürstenberg (14.2.1674), der in franz. Diensten stand. Infolgedessen löste sich der Kölner Kongreß auf, und die Opposition im Reich gegen die kaiserl. Politik konnte – mit Ausnahme von Kurbayern – weitgehend ausgeschaltet werden. Was L. in langwierigen diplomatischen Missionen, die häufig auch von Rückschlägen begleitet waren, vorbereitete, brachte die aktivistische Führungsgruppe am Wiener Hof um Raimund Gf. Montecuccoli, Johann Paul Frhr. v. Hocher, Johann Adolf I. Fürst v. Schwarzenberg, Karl V. von Lothringen und Prinz Eugen zum Erfolg. – L.s zahlreiche, meist in lat. Sprache verfaßten Gesandtschaftsberichte zeichnen sich durch Detailkenntnis, Weite des Blicks, Gedankenfülle sowie Kraft der Darstellung und des Urteils aus. Stets die Prinzipien der Staatsräson|vertretend, schreckte er auch vor ungewöhnlichen Maßnahmen nicht zurück, um seine Ziele zu erreichen und vor allem den oft zögernden Wiener Hof von der Richtigkeit seiner Ansichten zu überzeugen.

  • Werke

    Bouclier d'Etat et de justice contre le dessein manifestement découvert de la monarchie universelle, sous le vain prétexte des prétentions de la reine de France, 1667;
    Suite du Dialogue sur les droites de la reine très crétienne, 1667/68;
    La Politique du temps, ou le conseil fidèle sur les mouvements de la France pour servir d'introduction à la triple alliance, 1671, 1672;
    Dénoûment des intrigues du temps, 1672;
    La Sauce au Verjus, 1674 (Entgegnung auf d. franz. Ambassadeur Verjus de Crécy).

  • Literatur

    A. F. Pribram (Einl. u. Hrsg.), Die Berr. d. kaiserl. Gesandten F. v. L. aus d. J. 1655–60, in: AÖG 70, 1887;
    ders. (Hrsg.), Urkk. u. Aktenstücke z. Gesch. d. Kf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg, Bd. 14, Auswärtige Acten III, 1 (Österreich), 1890, bes. S. 125-88;
    O. Lorenz, Analecten z. engl. Gesch. d. 16. u. 17. Jh., in: HZ 21, 1869;
    J. Grossmann, Der kaiserl. Gesandte F. v. L. im Haag 1672–73, in: AÖG 51, 1873;
    H. Reynald, Le Baron de L., Sa jeunesse et sa première ambassade en Angleterre (1613–45), in: Revue historique 27, 1885;
    F. Hirsch, Der österr. Diplomat F. v. L. u. seine Thätigkeit während d. nord. Krieges in d. J. 1655–60, in: HZ 60, 1888;
    A. F. Pribram, F. P. Frhr. v. L. 1613-74 u. d. Pol. s. Zeit, 1894 (P);
    O. Redlich, Weltmacht d. Barock, Östereich in d. Zeit Kaiser Leopolds I., 41961;
    J. P. Spielman, Leopold I of Austria, 1977.

  • Autor/in

    Ludwig Hüttl
  • Empfohlene Zitierweise

    Hüttl, Ludwig, "Lisola, Franz Paul Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 686-688 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11878014X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA