• Leben

    Liebich: Christoph L., Forstmann, welcher sich selbst „Reformator des Waldbaues“ nannte, geb. am 9. October 1783 zu Falkenberg (preuß. Schlesien), am 11. Januar 1874 zu Prag. Er absolvirte zunächst das Gymnasium zu Neiße, bezog hierauf die königl. Oberbauschule in Breslau, bestand die Prüfung als Landmesser und Forstconducteur und wurde als solcher beeidigt. Nachdem er hierauf bei dem Revierförster Prauser einen dreijährigen praktischen Cursus durchgemacht hatte, wendete er sich, durch den Fürsten Hohenlohe-Ingelfingen empfohlen, nach Zillbach, um sich unter Cotta's Anleitung auch die forsttheoretische Grundlage anzueignen. Als dieser 1811 dem Rufe nach Tharand Folge leistete, siedelte er mit dorthin über. Er scheint hier sehr fleißig studirt und sich namentlich von den Extravaganzen der Commerse ferngehalten zu haben. Nach Abschluß seiner Studien fand er eine Anstellung als k. k. Cameralforstingenieur zu Lemberg, wo er u. a. eine Generalkarte Galiziens — mit besonderer Berücksichtigung der 52 Staatsdomänen — anfertigte. Später trat er in gleicher Eigenschaft nach Böhmen mit dem Wohnfitze in Prag über, wurde aber hier nach achtjähriger Dienstleistung wegen Verkaufs der Staatsgüter disponibel und warf sich nun mit regem Eifer, theils aus innerem Drang, theils aber auch|mit aus Gründen des Erwerbes auf die Schriftstellerei, indem er sich zugleich als Docent der Forstwissenschaft am Prager Polytechnicum habilitirte. Nebenbei wurde er von verschiedenen Großgrundbesitzern in forstlichen Angelegenheiten vielfach zu Rathe gezogen und allgemein „Forstrath“ titulirt. Seine Anstellung im Domänendienste scheiterte hauptsächlich an seiner im Allgemeinen unpraktischen Richtung, aber auch mit an seiner Streitlust. Er verbrachte daher — von seinen Gegnern der österreichische forstliche Don Quixote genannt — die zweite Hälfte seines Lebens in sehr dürftigen Verhältnissen. Es kam vor, daß er im Winter, weil es ihm oft an Mitteln zur Beschaffung von Brennholz fehlte und er die Unterstützung seiner Freunde aus falschem Stolze hartnäckig zurückwies, einen großen Theil des Tages schreibend im Bette verbrachte. Trotzdem erreichte er, von Jugend auf an Entbehrungen und Enthaltsamkeit gewöhnt, das hohe Alter von 92 Jahren. — L. gehörte in seiner Zeit wegen der Absonderlichkeit seiner Ideen und des Eifers, mit welchem er dieselben verfocht, zu den in forstlichen Kreisen bekanntesten Persönlichleiten. Er glaubte sich berufen, eine Umwälzung der im Gebiete des Waldbaues herrschenden Ansichten herbeizuführen und forderte daher die ganze forstliche Welt durch Wort und Schrift zum Kampfe heraus. Er verlangte räumliche Bestandesbegründung durch Pflanzung, möglichste Lichtstellung der einzelnen Baumindividuen, vor allem aber möglichst ausgedehnten Waldfeldbau im weitesten Sinne des Wortes bis zum Abtriebsalter. Sein Motto, welches er unter seinem lithographirten Porträt, das ihm seine „scheidenden Freunde und Hörer von 1854 aus Dankbarkeit gewidmet" hatten, eigenhändig niederschrieb, lautete: „Sylvan reicht Ceres und Pomona die Hand, — für Völkerglück, für Staatenwohl sei Euer Freundschaftsband". Mit inbegriffen in seinem Programme waren, wie hieraus ersichtlich, Obstbaumzucht, ferner Waldfutterwirthschaft, auch Begünstigung der Ziegenzucht, Anbau von Maulbeerbäumen und endlich Zulassung der Streunutzung. Daß er mit diesen Ansichten auf viele Widersacher unter den Forstwirthen stieß, kann nicht befremden. Seine Lehre fand aber auch Anhänger, welche sich den Namen der „Prager Schule“ beilegten. Sein „Waldbau nach neuen Grundsätzen, als die Mutter des Ackerbaues“ (1834) enthält die Quintessenz seiner reformatorischen, ohne Zweifel etwas überspannten Ideen. Bei Gelegenheit der 18. Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe zu Prag (1856) wurde, unter seiner Anwesenheit, die Waldfeldbaufrage gründlich abgehandelt, jedoch kein für sie günstiges Resultat erzielt. L. war ein Mann von Geist und Kenntnissen, jedoch überwog bei ihm die Phantasie. Er construirte a priori, ohne auf dem Boden der Erfahrung, noch demjenigen des Experiments zu stehen, mußte daher auf Irrwege gerathen. Was er für richtig erkannt hatte, vertrat er mit unerschütterlicher Ueberzeugungstreue. Rühmende Anerkennung verdienen außerdem seine unbestechliche Ehrlichkeit, vollendete Hingabe an seinen Beruf und sein unermüdlicher Fleiß. Er schrieb — außer der bereits erwähnten Schrift — noch folgende Werke: „Die Forstregulirung der Herrschaften Krzesetitz und Aumonin in Böhmen, nach den neuesten Grundfätzen bearbeitet" (1826); „Der höchste nachhaltige Forstertrag" etc. (1827); „Handbuch für Forsttaxatoren und die es werden wollen" (1830); „Die Forstbetriebsregulirung — mit Rücksicht auf das Bedürfniß unserer Zeit" (1836); „Die Reformation des Waldbaues im Interesse des Ackerbaues, der Industrie und des Handels" (2 Thle. 1844 u. 45); „Compendium der Forstwissenschaft" (1854); „Compendium der Jagdkunde" (1855); „Bodenstatik für Forst- und Landwirthschaft nach den Lehren der Prager Schule" (1855; 2. Aufl. 1859); „Die Forstwissenschaft nach der Prager Lehre" (1859); „Der Maulbeerbaum als Waldbaum und als die Grundlage des Deutsch-Oesterreichischen Seidenbaues" (1859); „Ueber Seidenzucht“ (1865); „Compendium des Waldbaues“ (2. Aufl.|1866); „Forstkatechismus oder erster Unterricht über das Forstwesen" (1869). Durch alle diese Schriften klingt als Grundton das Bestreben, die Forstwirthe für den Waldfeldbau zu erwärmen. Wiederholungen sind häufig, auch leidet die Darstellung nicht setten an Verworrenheit und Breite. — Außerdem gab er eine Reihe periodischer Zeitschriften heraus: „Der aufmerksame Forstmann" (1825—31); „Allgemeines Forst-, Jagd- und Seidenbaujournal“ (1831—37): „Organ für die Reformation des Waldbaues“ (1846) und „Oesterreichs Central-Forstorgan“ (1851—54). Auch in diesen Zeitschriften sind die Artikel über die Verbindung des Waldbaues mit dem Feldbau und über Forstsystemisirung am zahlreichsten vertreten. Er war theils wirkliches, theils correspondirendes, theils Ehrenmitglied zahlreicher gelehrter und gemeinnütziger Vereine, wurde auch durch Verleihung der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. — L. und seine Schule sind binnen kurzer Zeit in Vergessenheit gerathen, immerhin ist aber anzuerkennen, daß in den Schriften dieses streitbaren Reformators manche Goldkörner verborgen liegen, wodurch Anregung gegeben wurde.

    • Literatur

      Fraas, Gesch. der Landbau- und Forstwissenschaft, S. 599, 600 u. 614. Fr. v. Löffelholz-Colberg, Forstl. Chrestomathie, IV. S. 127, Nr. 2660 a, S. 140, Nr. 2682 a und S. 300, Nr. 3023 b; das. V. 1. S. 23, Nr. 87 u. S. 68, Nr. 255. G. v. Schwarzer, Biographien, S. 17. Allgemeine Forst- und Jagdzeitung, 1874, S. 285 (Nekrolog, der österreichischen Monatsschrift, 24. Bd., S. 251 entnommen). Forstliche Blätter, N. F., S. 240. Bernhardt, Geschichte des Waldeigenthums etc. III. S. 224 u. 225.

  • Autor/in

    R. Heß.
  • Empfohlene Zitierweise

    Heß, Richard, "Liebich, Christoph" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 582-584 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11699682X.html#adbcontent

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