• Leben

    Lebrecht: Michael L., — in der siebenbürgisch-sächsischen Mundart lautete der Name Löprich — ist der Sohn eines wohlhabenden Bürgerhauses in Hermannstadt, hier am 16. November 1757 geboren. Durch seine Freude an dem Studium überwand er den Willen seines Vaters, der ihn dem gewerblichen Leben zuführen wollte; das seit 1756 mit durch den trefflichen Felmer (Allg. d. Biogr. VI. 616) neu organisirte Hermannstädter Gymnasium nahm den Jüngling unter den Rectoren Mart. Arz und Jacob Aurel. Müller in seine Zucht, deren namentlich die excentrische Phantasie desselben bedurfte. Gin Zeugniß der letzteren bieten „Die Merkwürdigkeiten Samuel Hirtendorn's“ (Klausenburg, I. Bd. 1778, II. 1780), ein Roman, den L. noch als Gymnasialschüler schrieb, so abenteuerlich und Zügellos in der Erfindung, so ungelenk in der Darstellung, selbst sprachlich — im Zeitalter Klopstock's, Wieland's und Lessing's — so mangelhaft, daß es erklärlich ist, wie der Verfasser später das Buch „nicht geschrieben zu haben wünschte“. Vom April 1773 an in der höheren Abtheilung des Gymnasiums, verließ er dasselbe im April 1778 und trat auf den Rath des Rectors als Erzieher in ein ungarisch-adliges Haus im Hunyader Comitat; wie es die damalige Ordnung forderte, legte er 1779 die Maturitätsprüfung ab und bezog die Universität Erlangen, wo er besonders Succow, Seiler, Rosenmüller, Schreber, Isenflamm hörte. Am 26. Febr. 1784 trat er als öffentlicher Lehrer in den Dienst des Hermannstädter Gymnasiums, wurde 1789 Diaconus an der Kirche daselbst und am 11. Febr. 1796 von der Gemeinde Klein-Scheunern zum Pfarrer gewählt. Als solcher starb er am 30. August 1807. — Sofort nach dem Antritt seines Lehramts erhielt L. als „Lehrer der Redekunst und Geographie“ die Aufgabe, seine Schüler mit ihrem Vaterland bekannt zu machen; der Mangel fast aller Hilfsmittel in deutscher Sprache für diese Wissenschaft — in Folge dessen selbst Kaiser Josef II. laut Kundmachung der Statthalterei in Ofen 1785 einen Preis von 100 Ducaten für ein brauchbares Schulbuch der vaterländischen Geographie aussetzte — bestimmte ihn sofort zum Versuch, demselben abzuhelfen. Nach zweijährigem Sammeln legte er, gefördert, wie er dankbar bekennt, von vielseitiger Unterstützung auch aus der Ferne, Hand an's Werk; die Arbeit erschien vom 26. Mai 1785 an stückweise in der „Siebenbürger Zeitung“, die Mart. Hochmeister seit dem Januar 1784 in Hermannstadt herausgab; der durch nachträgliche Berichtigungen theilweise verbesserte Satz wurde dann zusammengestellt und erschien 1789 als „Versuch einer Erdbeschreibung des Großfürstenthums Siebenbürgen“. Es lag in der Natur der Sache und noch mehr in den schweren damaligen „Hindernissen der Schriftstellerei in Siebenbürgen“, daß das Buch mannigfach Lücken und Irrthümer bot; aber es ist als erster Schritt auf einer bis dahin fast unbetretenen Bahn aller Anerkennung werth und erhält dauernde Bedeutung dadurch, daß es die Josefinische Comitats- und Bezirkseintheilung|gibt. Eine zweite vermehrte und verbesserte Auflage auf Grund der 1790 wiederhergestellten alten politischen Eintheilung erschien mit einer kleinen Generalkarte von Siebenbürgen in Hermannstadt bei M. Hochmeister 1804; das Buch hat trotz mancher Mängel ein Jahrzehnt lang dem Bedürfniß fast allein genügen müssen. Die geographischen Studien führten L. naturgemäß auf das Feld der vaterländischen Geschichte, deren Stern eben damals in schönem Aufgang begriffen war. Aber die Werke, die sie behandelten, waren lateinisch, oder doch nicht für das Volk bestimmt; für sein Verständniß wollte L. die Vergangenheit des Landes darstellen, gemeinnützig, faßlich, nicht blos für das Gedächtniß, sondern für das Herz, das aus den Thathandlungen der auftretenden Personen ihren Charakter bestimmen und zur Menschenkenntniß geführt werden sollte. Auch die äußere Form diente jenem Zwecke; die Erzählung stießt in Abendunterhaltungen dahin, von Dialogen durchbrochen, nicht selten in „steifem, theologischem Ton“, lehrhaft, in gemächlicher Breite. Es ist ein stattlicher Band, diese „Geschichte von Siebenbürgen in Abendunterhaltungen vors Volk. 1. Theil. Vom Ansang der Bevölkerung Siebenbürgens bis auf die Gründung des ungarischen Reichs (997)“, die in Hermannstadt 1784 erschien, nach der Weise jener Zeit in die Geschichte unmittelbar vor und nach der Sündflut getheilt, in die Wirren der Gothen, Hunnen, Avaren viel tiefer eingehend, als der Zweck der siebenbürgischen Geschichte erforderte. Das Buch erschien 1791 in einer neuen (Titel-)Ausgabe, fast nur im ersten Bogen wenig geändert, als „Geschichte der aboriginen dacischen Völker in Abendunterhaltungen"; so wie es nun ist, hat es seiner Zeit nicht wenig dazu beigetragen, den Sinn für geschichtliche Lectüre in Land und Volk zu wecken und zu nähren. Dasselbe gilt von Lebrecht's anderem Werke „Siebenbürgens Fürsten", das als „Zeitschrift“ — warum er sie „statistische“ Zeitschrift nennt, ist unerklärlich — im Jahre 1791 und 1792 in Hermannstadt bei M. Hochmeister erschien. L. hatte ursprünglich die Geschichte Siebenbürgens durch alle Jahrhunderte zu schreiben beabsichtigt; nach Windisch's und Gebhardi's Geschichte von Ungarn stand er von der Darstellung der Zeit unter den ungarischen Königen ab, — blos eine Lebensskizze Johann Hunyadi's in der „Siebenbürger Quartalschrift" (Bd. I, Hermannstadt 1790) ist von seiner Hand — weil „die siebenbürgischen Begebenheiten“ während dieser Zeit „uns kaum so viel geben, daß man zehn Bogen damit füllen könnte, wenn man auch Alles sammelt, was nur etwas näheren Bezug auf unser Land hat“. So tiefes Dunkel deckte damals noch die Innerentwickelung von Siebenbürgen und seines reichen, vielgestaltigen Völkerlebens! Auch Lebrecht's Fürstengeschichte ist fast ausschließlich nur die Geschichte der Kriege, der großen Haupt- und Staatsactionen; auf Rechts- und Culturzustände geht sie nirgends ein; selbst die Reformation erwähnt sie nicht; doch in jenen Theilen schöpft sie meist aus guten Quellen und Hilfsmitteln, aus Istvansi, Khevenhüller, Bethlen, Pray u. s. w. und der Verfasser wächst zweifellos im Fortschritt seines Werkes. Eine Ergänzung zu Lebrecht's geographischen und historischen Arbeiten bildet seine Schrift „Ueber den Nationalcharakter der in Siebenbürgen befindlichen Nationen“, Wien 1792, die, wenn auch nicht ohne geschichtliche Irrthümer — die Szekler sind Nachkommen der Attilanischen Hunnen; unter den Sachsen ist noch deutsches Blut aus der Zeit der Gothen, der Züge Karls des Großen gegen die Avaren und den Tagen Stefans des Heiligen —, doch im Wesen und Leben derselben mit parteilosem Wohlwollen Licht und Schatten nachzuweisen versucht, zum Bild der Lebensart und Tracht jener Zeit auch heute noch lehrreiche Züge bietend. Welch ein treuer Sohn seines Volkes insbesondere L. war, geht auch aus der „Geschichte der Sachsen“ überschriebenen „Ballade“ hervor, die zur Volksfeier der Installation|des, nach der Wiederherstellung der siebenbürgischen Verfassung neu erwählten Comes Mich. Brukenthal 1790 im Druck erschien; den historischen Inhalt und die Belege dazu hatte L. zurecht gelegt; in die, lange Zeit gern gelesenen fließenden Verse hatte jenen Stoff Sam. Mohr, Buchhalter in der Hochmeister'schen Buchhandlung, gebracht. Größere dichterische Begabung hatte Lebrecht's Gattin, eine Tochter des Stolzenburger Pfarrers Thomas Filtsch, welche die Verfasserin heute noch wirksamer Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart ist. Zwei derselben: „Die Bauernhochzeit“ und „Unerträglich“ sind aus K. Schuller's „Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart“, Hermannstadt 1840, auch in Firmenich's „Germaniens Völkerstimmen“ (II. 823 und III. 427) übergegangen.

    • Literatur

      Kurze Mittheilungen über L. in: Siebenbürgische Provinzialblätter, Bd. III, Hermannstadt 1808 und J. Trausch, Schriftstellerlexikon der Siebenbürger Deutschen, Bd. II, Kronstadt 1870.

  • Autor/in

    G. D. Teutsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Teutsch, G. D., "Lebrecht, Michael" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 98-100 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd134077075.html#adbcontent

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