Lebensdaten
1843 bis 1914
Geburtsort
Prag
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Pazifistin ; Schriftstellerin ; Präsidentin der österreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde ; Nobelpreisträgerin für Frieden (1905)
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118620126 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Suttner, Bertha Freiin von
  • Suttner, Bertha Sophia Felicitas Freiin von
  • Kinsky, Bertha von (geborene)
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Zitierweise

Suttner, Bertha von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118620126.html [25.04.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Franz Joseph Kinsky v. Chinic (Wchinitz) u. Tettau (1769–1843), k. k. FML, Wirkl. Kämmerer (s. NDB XI, Fam.art.), S d. Franz Ferdinand (1738–1806), k. k. Major-Gen., FML, Oberdir. d. Mil.ak. in Wiener-Neustadt (s. ADB 15), u. d. Maria Christine Prinzessin v. u. zu Liechtenstein (1741–1819);
    M Sophie (1815–84), T d. Joseph v. Körner, k. k. Kpt. d. Kavallerie, u. d. Anna Hahn;
    B Arthur Kinsky v. Chinic (Wchinitz) u. Tettau (1837–1906);
    Wien-Gumpendorf 1876 Artur (Arthur) Gundaccar (1850–1902), Ing., Schriftst. (s. Brümmer; BJ VII, Tl.; ÖBL), S d. Karl Gundacker Frhr. v. Suttner (1819–98, österr. Frhr. 1866), auf Veste Harmannsdorf mit Zogelsdorf (Niederösterr.), 1842 Mitgl. d. k. k. Landwirtsch.-Ges., 1863 Vizepräs. d. Central-Ausschußrats ders., 1859 Mitgründer u. Vizepräs. d. patriot. Hilfsver. in W., 1861 Abg. d. niederösterr. LT, österr. Leopoldorden (s. ÖBL), u. d. Karoline Knolz (* 1822); Schwager Karl (1842–89), k. k. Min.sekr. im Ackerbaumin. in W.; Verwandter Theodor Körner (1791–1813), Rittmeister, Schriftst. (s. NDB XII).

  • Leben

    S. verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Brünn, seit 1856 in Wien und seit 1859 in Klosterneuburg bei Wien. Sie erhielt eine standesgemäße Ausbildung, beschäftigte sich mit Musik und erlernte mehrere Sprachen. Der Tod des Vaters und der mondäne Lebensstil der Mutter führten zu einer prekären finanziellen Situation, die S. dazu zwang, im Sommer 1873 in Wien eine Stellung als Erzieherin im Haus des Barons Karl v. Suttner anzunehmen. Dort entwickelte sich eine Beziehung zwischen ihr und dem sieben Jahre jüngeren Artur Gundaccar, dem dritten und jüngsten Sohn der Familie. Arturs Familie stellte sich gegen diese – als nicht standesgemäß eingestufte – Verbindung; S. mußte das Haus verlassen.

    1875 begann S. in Paris eine Tätigkeit als Hausdame und Privatsekretärin bei dem|schwed. Chemiker, Dynamit- und Waffenhersteller Alfred Nobel (1833–96), kehrte aber nach wenigen Tagen nach Wien zurück und heiratete Mitte 1876 heimlich Artur Gundaccar v. Suttner. Nobel blieb ihr bis an sein Lebensende ein treuer Freund und Mäzen; die Anregung zur Gründung der Nobelpreisstiftung geht auf S. zurück.

    In der Folge lebte das Ehepaar, ursprünglich auf Einladung der Fürstin Ekaterina Dadiani von Mingrelien, die S. 1864 kennengelernt hatte, neun Jahre lang in bescheidenen Verhältnissen im Kaukasus. S. arbeitete als Musik- und Sprachlehrerin und begann zu schreiben. Ein erstes Feuilleton (Fächer u. Schürze, 1878), unter Pseudonym (B. Oulot) verfaßt, wurde von der Wiener „Neuen Freien Presse“ gedruckt. Es folgten zahlreiche Artikel u. a. für die „Neue Illustrirte Zeitung“, „Die Gartenlaube“, das „Neue Wiener Tagblatt“, das „Berliner Tagblatt“, die „Dt. Romanbibliothek“ sowie für „Ueber Land und Meer“. Zwischen 1882 und 1911 veröffentlichte S. rund dreißig Romane sowie eine Vielzahl von Aphorismen, Tagebuchblättern, Erzählungen, Vorträgen und Sachbüchern; ihre 1907 erschienenen „Gesammelten Werke“ umfaßten 12 Bände. 1885 waren S. und ihr Mann – nach Aussöhnung mit der Familie – auf das Schloß der Suttners in Harmannsdorf (Niederösterr.) zurückgekehrt. Nach dem Tod ihres Mannes und der Versteigerung des Guts zog S. nach Wien.

    1887 hatte sie Kontakt mit der einzigen damaligen Friedensorganisation, der „International Arbitration and Peace Association“ (London, gegr. 1880) aufgenommen und publizierte 1889, nach intensiver Beschäftigung mit dem Pazifismus, den Roman „Die Waffen nieder!“. Zahlreiche Zeitschriftenverlage lehnten eine Drucklegung aus politischen Gründen ab, schließlich wurde er von Edgar Pierson (1848–1919) herausgebracht und danach in fast alle europ. Sprachen übersetzt. S. erreichte damit Weltruhm und trug wesentlich zur Popularisierung der Friedensidee in Europa und Amerika bei. 1913 wurde das Werk verfilmt; bis 1917 erschienen rund 40 Auflagen, zahlreiche Nachdrucke und Teilabdrucke.

    Nach einem Gründungsaufruf in der „Neuen Freien Presse“ vom 3. 9. 1891 wurde auf S.s Initiative die „Österr. Gesellschaft der Friedensfreunde“ ins Leben gerufen, und S. zu deren erster Präsidentin gewählt. Zur Gründungsversammlung kamen 2000 Personen in das Alte Rathaus nach Wien, unter ihnen Leo Tolstoi und Ernst Haeckel. Gemeinsam mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried (1864–1921), den sie 1891/92 in Berlin kennengelernt hatte, gab sie 1892–99 die Zeitschrift „Die Waffen nieder! Monatsschrift zur Förderung der Friedens-Idee“ (seit 1899 u. d. T. Die Friedens-Warte), heraus und begründete 1892 mit ihm die „Deutsche Friedensgesellschaft“. In der Folge nahm S. an fast allen Weltfriedenskongressen und interparlamentarischen Konferenzen teil.

    Auf S.s Anregung fand 1899 die „Erste Haager Friedenskonferenz“ (Den Haag, Niederl.) statt, wo seitens der Regierungsvertreter Fragen der nationalen und internationalen Sicherheit, des Abrüstens und der Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts behandelt wurden.

    1904 bereiste sie aus Anlaß des Weltfriedenskongresses in Boston die USA (Unterredung mit Th. Roosevelt im Weißen Haus). Im Dez. 1905 wurde ihr – nachdem sich das Nobel-Komitee vier Jahre lang geweigert hatte, eine Frau auszuzeichnen – der Friedensnobelpreis zuerkannt, den sie am 18. 4. 1906 in Christiania (Oslo) entgegennahm.

    Auf einer zweiten Amerikareise 1912 trat sie in mehr als 50 Städten als Vortragsrednerin auf, um über die gefährliche Lage in Europa aufzuklären und für das Ziel eines allgemeinen Friedens zu werben. Zwei Monate vor Beginn des 1. Weltkriegs und während der Vorbereitungen zu einem Weltfriedenskongress, den sie im Aug. 1914 nach Wien einberufen wollte, starb S. an Magenkrebs und allgemeiner Erschöpfung.

    Wesentlich geprägt von aufklärerischem Gedankengut, führte S. einen außergewöhnlich emanzipierten Lebensstil. Offensiv trat sie für die Rechte und Chancen der Frauen ein: für ein Frauenwahlrecht, Eröffnung der Bildungswege und eine eigene berufliche Tätigkeit. S. war überzeugt von den neuen Evolutionstheorien ihrer Zeit, welche ihren Fortschrittsoptimismus nährten: Die gegenseitige Angleichung der Geschlechter sah sie als Grundbedingung für eine „Erhöhung der Menschenwürde“, durch eine „Erziehung zum Frieden“ sollte „das Vorrecht des Stärkeren radikal ausgerottet“ werden.

    S. gilt heute als berühmteste Pazifistin ihrer Zeit. Sie legte den Grundstein für die internationale Friedensbewegung und vergleichbare soziale Bewegungen, die für Menschenrechte und globale Solidarität eintreten. Mit ihren Visionen eines friedlichen und sozialen Europa fern von Nationalismen und struktureller Gewalt und ihrer Kritik an einem zunehmend ausufernden Antisemitismus brach sie mit vielen damaligen Tabus. Die Idee der Abrüstung erschien jedoch der Mehrheit ihrer Zeitgenossen in Europa und den USA unverständlich und unannehmbar.

  • Auszeichnungen

    A zahlr. Straßen-, Platz-, Gebäude- u. Schulbenennungen in Österr. u. Dtld.; Suttner-Ges., Wien (1964, zuvor Österr. Ges. d. Friedensfreunde).

  • Werke

    Weitere W u. a. Das Maschinenalter, Zukunftsvorlesungen über unsere Zeit, 1889, 21891, 31899 u. d.T. Das Maschinenzeitalter, Nachdr. 1983;
    Die Waffen nieder! Eine Lebensgesch., 2 Bde., 1889, zahlr. weitere Aufll., Neuausg. v. S. u. H. Bock, 1990, engl. u. d. T. Lay Down Your Arms, The Autobiography of Martha v. Tilling, 1892, 21894;
    Marthas Kinder, Fortsetzung zu Die Waffen nieder, 1902;
    Memoiren, Mit drei Bildnissen d. Verfasserin, 1909 (P),engl. u. d. T. Memoirs, The Records of an Eventful Life, 1910, Nachdrr. 1960, 1965; – Nachlaß:
    Fried-Suttner Slg., Archive d. UNO-Bibl., Genf;
    Österr. Nat.bibl., Hss.slg.; – Korr.:
    Chère baronne et amie – cher monsieur et ami, Der Briefwechsel zw. Alfred Nobel u. B. v. S., hg. v. E. Biedermann, 2001.

  • Literatur

    L G. Brinker-Gabler (Hg.), B. v. S., Kämpferin f. d. Frieden, 1986;
    B. Hamann, B. v. S., 1986, 42002, tschech. 2006;
    G. Wirth, B. v. S. u. ihr Dresdner Verlag, 1987, erneut in: ders., Landschaften d. Bürgerlichen, hg. v. F.-L. Kroll, 2008, S. 357–63;
    A. Stalfort, Das Maschinenzeitalter u. Der Menschheit Hochgedanken, in: I. Brueckel u. a. (Hg.), Bei Gefahr d. Untergangs, FS f. Irmgard Roebling, 2000, S. 197–217;
    L. R. Cohen (Hg.), „Gerade weil Sie eine Frau sind . . .“, Erkundungen über B. v. S., d. unbek. Friedensnobelpreisträgerin, 2005;
    M. Enichlmair, Abenteurerin B. v. S., Die unbek. Georgien-Jahre 1876 bis 1885, 2005;
    B. Müller-Kampel (Hg.), „Krieg ist der Mord auf Kommando“, Bürgerl. u. anarchist. Friedenskonzepte, B. v. S. u. Pierre Ramus, 2005;
    Brümmer;
    A. T. Leitich, in: NÖB X, 1957, S. 66–75 (P);
    H. Lindner, in: A. M. v. Hauff (Hg.), Frauen gestalten Diakonie, II, 2006, S. 368–82 (P);
    C. Bernet, in: BBKL 24 (W, L);
    Personenlex. Österr. (P);
    B. Jahn, in: DBE;
    ÖBL.

  • Portraits

    P 11 Bildnisse (Photogrr., Karikaturen u. a.) im Bildarchiv d. Österr. Nat.bibl.;
    österr. Briefmarke, 1965;
    österr. 1000 Schilling-Banknote, 1966;
    dt. Briefmarke, 1991;
    österr. 2 I-Münze, 2002.

  • Autor

    Ilse Korotin
  • Empfohlene Zitierweise

    Korotin, Ilse, "Suttner, Bertha von" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 719-721 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118620126.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA