Lebensdaten
1766 bis 1819
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116169613 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kiesewetter, Johann Gottfried Karl Christian, Kiesewetter, Johann Gottfried
  • Keisewetter, Johann G.
  • Kiesewetter, J. G. C.
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Zitierweise

Kiesewetter, Johann Gottfried Karl Christian, Kiesewetter, Johann Gottfried, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116169613.html [19.02.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Christian, Küster u. Schullehrer im Rgt. Gens d'armes;
    M Sophia Elisabeth (* 1745), T d. Schuhmachermeisters Emanuel Gottfried Hardix in B. u. d. Maria Elisabeth Haberland;
    B Joh. Emanuel (* 1773), Auditeur, Christian Friedrich (* 1776), Hof-Staats-Sekr. d. Prinzen Heinrich v. Preußen.

  • Leben

    K. erhielt nach einer gründlichen Schulausbildung (Pädagogikum der Realschule 1776–79, Gymnasium zum Grauen Kloster 1779/80) auf Grund seiner Begabung weitere, nachhaltige Förderung, unter anderem durch General von Prittwitz, der Friedrich den Großen auf K. aufmerksam machte. Als kurmärkischer und magistralischer Stipendiat studierte K. seit 1780 an der zu jener Zeit führenden deutschen Aufklärungs-Universität Halle Theologie (Semler, Nösselt, Niemeyer, Kapp), Mathematik (Karsten, Klügel), Philologie (F. A. Wolf) und Philosophie (Eberhard, Jakob). Durch Jakob, der als erster Philosoph über Kants Transzendentalismus las, in dessen Gedankenwelt eingeführt, beschloß K., Kant persönlich in Königsberg aufzusuchen. Sein Plan wurde durch Empfehlungen des Geheimrats Förster und mit finanzieller Unterstützung durch Friedrich Wilhelm II. 1788 ermöglicht. K. wurde Kants eifrigster Schüler und schließlich neben Hippel, Kraus, Schultz und Stägemann dessen Tischgenosse. 1789 kehrte er nach Berlin zurück, 1790 wurde er in Halle zum Dr. phil. promoviert.

    K. entfaltete in Berlin als Kantianer eine umfassende Lehrtätigkeit: 1789 wurde er zum Privatlehrer und Erzieher der 3 jüngsten Kinder des Königs (Prinzessin Auguste, Prinz Heinrich und Wilhelm) bestellt, 1793 zum Professor der Philosophie und 1798 zum ordentlichen Professor der Logik mit Lehrauftrag für Philosophie und Mathematik beim Collegium medico-chirurgicum der Pepinière (seit 1798 Abteilung der Militärakademie) ernannt. Einer der Schüler K.s war Clausewitz. Nach Auflösung der Akademie (1807) und Umwandlung in die Kriegsschule setzte K. hier seine Lehrtätigkeit in Mathematik bis 1813 fort. Die Neuordnung dieser Bildungsanstalten wurde durch K.s Berichte über vergleichbare militärische Einrichtungen in Frankreich, der Schweiz, Italien und in anderen deutschen Ländern, die er persönlich aufsuchte, wesentlich beeinflußt. Von einer schweren Erkrankung, die er sich 1813 als Freiwilliger zuzog, erholte er sich nicht mehr. – K.s Bedeutung liegt nicht in der Entfaltung eigener Lehren, sondern in der erfolgreichen Verbreitung und Erläuterung der Philosophie Kants. Diesem Ziel ist sein umfangreiches Schrifttum gewidmet.

  • Werke

    u. a. Über d. ersten Grundsatz d. Moralphilos. (nebst e. Abh. üb. d. Freiheit v. d. Prof. Jakob), I, 1788, 21791, II, 1790, 21791;
    Grundriß e. reinen allg. Logik nach Kant. Grundsätzen … I, 1791, 41824, II, 1796, 31826;
    Neue phil. Bibl. (mit K. F. Fischer), 1. H., 1794;
    Einige Gedanken üb. d. Schwärmerei, in: Kosmanns Mgz. f. krit. u. populäre Philos., 2 Bde., 1792/94 (P);
    Versuch e. faßl. Darst. d. wichtigsten Wahrheiten d. neuen Philos. f. Uneingeweihte …, 2 T., 1795, 41824 (mit Biogr., red. v. Ch. G. Flittner);
    Gedrängter Auszug aus Kants prolegomena zu e. jeden künft. Metaphysik …, 1796;
    Logik z. Gebrauch f. Schulen, 1797, 31823;
    Prüfung d. Herderschen Metakritik z. Kritik d. reinen Vernunft … I, 1799, 21804, II, 1800;
    Die ersten Anfangsgründe d. reinen Mathematik, 2 T., 1799, 41818;
    Erll. d. ersten Anfangsgründe d. Math., 1802, 21804;
    Faßl. Darst. d. Erfahrungs-Seelenlehre, 1803, 21814;
    Rede am Stiftungstag d. Kgl. med. chirurg. Pepinière, 1808;
    Lehrb. d. Hodegetik, 1811;
    Reise durch e. Theil Teutschlands, d. Schweitz, Italiens u. d. südl. Frankreichs nach Paris, Erinnerungen aus d. denkwürd. J. 1813/14/15, 2 T., 1816;
    15 Briefe an Kant, in: Altpreuß. Mschr. 15, H. 3, 1878. -
    Übers.: C. Lacretelle, Gesch. v. Frankreich während d. Rel.kriege, 2 Bde., 1815.

  • Literatur

    ADB 15;
    K. Rosenkranz, Gesch. d. Kant'schen Philos., 1840, S. 294-96;
    G. v. Selle, Gesch. d. Albertus-Univ. zu Königsberg i. Pr., 1944, S. 173;
    Pogg. I;
    Überweg III;
    R. Eisler, Philosophenlex. 1912, S. 350;
    Jöcher-Adelung;
    Meusel, Gel. Teutschland.

  • Autor

    Friedbert Holz
  • Empfohlene Zitierweise

    Holz, Friedbert, "Kiesewetter, Johann Gottfried Karl Christian, Kiesewetter, Johann Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 597 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116169613.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kiesewetter: Joh. Gottfr. Karl Christian K., geb. am 4. Novbr. 1766 in Berlin, ebendort am 19. Juli 1819, Sohn eines Küsters, welcher zugleich als Schullehrer im Gensdarmenregiment fungirte, besuchte seit 1776 das Pädagogium der Realschule und trat 1780 auf ein Jahr in die Oberclasse des Gymnasiums zum grauen Kloster ein, von wo er durch ein kurmärkisches und ein magistratisches Stipendium unterstützt, sofort an die Universität Halle überging. Dort hörte er theologische Vorlesungen bei Semler und Niemeyer. Philosophie bei Eberhard und Jakob, welch' letzterer ihn zum Studium Kant's anregte, ferner Philologie bei Fr. Aug. Wolf und Mathematik bei Karsten; noch als Student gab er im Halleschen Waisenhaus mathematischen Unterricht. Von der philosophischen Fakultät wärmstens empfohlen, erhielt er ein Reisestipendium von 300 Thlrn., sodaß er im Herbste 1788 sich nach Königsberg begeben konnte, um Kant's Vorlesungen zu besuchen und demselben persönlich näher zu treten. Nach Berlin zurückgekehrt (1789), erhielt er den Auftrag, den drei jüngsten Kindern des Königs Unterricht in Mathematik und Philosophie zu ertheilen, und nachdem er 1790 von Halle aus das philosophische Doctordiplom empfangen hatte, wurde er nach einer kürzeren abermaligen Reise nach Königsberg im J. 1793 in Berlin zum Professor der Philosophie ernannt mit der Obliegenheit, an der damaligen medicinisch-chirurgischen Pepinière Mathematik und Philosophie zu lehren, welche Thätigkeit ihm auch verblieb, als jene Anstalt (1798) eine Abtheilung der Militärakademie wurde, und ebenso, als 1807 die Kriegsschule entstand. Im J. 1804 unternahm er im Auftrag der Regierung eine Reise durch Deutschland, Frankreich, Schweiz und Italien, um über die Militärbildungsanstalten dieser Länder Bericht zu erstatten. Bei Beginn des Befreiungskrieges (1813) zog er sofort als Freiwilliger mit und wurde dem Wittgenstein'schen Hauptquartiere zugetheilt, erkrankte aber bereits in Weimar und sah sich genöthigt, nach Berlin zurückzukehren, wo er nie mehr volle Genesung fand und nach zweijährigem Krankenlager starb. — Stets für Kant schwärmend, war er in Berlin der maßgebendste Verbreiter der Philosophie desselben geworden, indem er theils Einzelnausführungen kantischer Grundlagen gab, theils durch popularisirende Auszüge den Uneingeweihten (auch den Damen) die Sache mundgerecht zu machen sich bemühte. Er schrieb: "Ueber die ersten Grundsätze der Moralphilosophie" (1788 f., 2. Aufl. 1804), "Versuch einer süßlichen Darstellung der wichtigsten Wahrheiten der neuen Philosophie für Uneingeweihte" (1795, 2. Bd. 1803; in 4. Aufl. in einem Bande redigirt von Flittner, 1824), "Auszug aus Kant's Prolegomena" (1796), "Grundriß einer allgemeinen Logik nach kantischen Grundsätzen" (1796. 4. Aufl. 1824), "Prüfung der Heider'schen Metakritik" (1799), "Faßliche Darstellung der Erfahrungs-Seelenlehre" (1803, 2. Aufl. 1806), "Die ersten Anfangsgründe der reinen Mathematik" (1804, 4. Aufl. 1818), "Hodegetik" (1811); außerdem eine Uebersetzung von Lacretelle's Geschichte Frankreichs (1815). In der "Altpreußischen Monatsschrift", Bd. XV, Heft 3, sind 15 Briefe Kiesewetter's an Kant veröffentlicht.

    • Literatur

      Chr. Gottfr. Flittner in der erwähnten 4. Auflage unter dem Titel: "Kiesewetter's Darstellung der wichtigsten Wahrheiten der kritischen Philosophie nebst Lebensbeschreibung des Verfassers" (1824).

  • Autor

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Kiesewetter, Johann Gottfried Karl Christian" in: Allgemeine Deutsche Biographie 15 (1882), S. 730 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116169613.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA