• Leben

    Kern *)Zu S. 114.: Hermann K., Schulmann und Philosoph der Herbartischen Schule, am 4. Juli 1891. K. wurde am 12. September 1823 in Jüterbog als Sohn eines Lehrers geboren. Aus dem Elternhause nahm er das Interesse für die Schule und die Vorliebe für den Lehrerberuf mit sich hinaus ins Leben. Auf seine echt märkische Abstammung pflegte er selbst den festen Glauben an Preußens deutschen Beruf zurückzuführen, der auch in den trübsten Tagen niemals wankte und ihn im höheren Lebensalter mit heller Begeisterung an dem Aufschwunge Preußens und Deutschlands theilnehmen ließ. Auch ein treuer Sohn seiner Vaterstadt blieb er zeitlebens und war stolz darauf, daß ihn diese bei einem festlichen Anlasse später zum Ehrenbürger erwählt hatte. Nach vollendetem Gymnasialcursus bezog K. zunächst die Universität Berlin, um Philologie und Philosophie zu studiren, ging aber bereits 1841 nach Leipzig. In der Philologie war hier Gottfried Hermann sein verehrter Meister und blieb ihm in wissenschaftlicher Hinsicht wie als Mensch in seinem ganzen Auftreten lebenslang Vorbild. Im Seminare Hermann's war K. jahrelang strebsames Mitglied. Nach ganz anderer Seite beeinflußte den fleißigen Studenten der Herbartianer Moritz Wilhelm Drobisch, der ihn nicht nur für immer der Philosophie seines Meisters gewann, sondern überdies für mathematische und naturkundliche Studien lebhaft zu interessiren wußte. Im J. 1846 trat K. als Hülfslehrer bei dem Pädagogium der Francke'schen Stiftungen in Halle ein, wo er das Vertrauen des damaligen Directors Hermann Agathon Niemeyer rasch in dem Maaße zu gewinnen verstand, daß dieser ihm alsbald den Unterricht der obersten Classe in der philosophischen Propädeutik übertrug und seine litterarische Erstlingsarbeit: „De Leibnizii scientia generali commentatio“ im Programme des Pädagogiums für 1847 veröffentlichte. Diese Dissertation und eine Reihe kritischer Aufsätze in der Hallischen „Allgemeinen Litteraturzeitung“ machten den Namen des jungen Lehrers bald bekannt, Niemeyer's Empfehlung mochte mitgewirkt haben: kurz|bereits 1848 erhielt er einen Ruf als Professor an das Gymnasium Casimirianum zu Coburg, dem er folgte. Dreizehn Jahre regster Thätigkeit brachte er in dieser Stellung zu. Am Gymnasium waren ihm vorzugsweise die Realfächer anvertraut, was ihn veranlaßte, ein Lehrbuch der Physik herauszugeben, das freilich wohl heute kaum noch gebraucht wird. Daneben nahmen die philosophischen Studien ihren Fortgang. Die „Einladungsschrift zur Stiftungsfeier des herzoglichen Gymnasiums in Coburg" brachte 1849 aus seiner Feder einen „Beitrag zur Rechtfertigung der Herbart'schen Metaphysik“. Der allgemeinen Bewegung der Gemüther in den ersten Jahren seiner Coburger Wirksamkeit suchte er einen einheitlichen Zusammenschluß des gesammten thüringischen Schulwesens abzugewinnen; dies freilich ohne dauernden Erfolg. Das Interesse an der Bildung auch der weiblichen Jugend bewegte ihn zur Gründung und Leitung einer privaten höheren Mädchenschule (1852), die als öffentliche Anstalt unter dem Namen Alexandrinenschule noch heute besteht. Auch eine Zeitschrift gründete und leitete er: die „Pädagogischen Blätter“ (1853—56). Es scheint aber, daß er selbst genöthigt war, für diese auch die meisten Aufsätze zu liefern, und darum die Sache wieder aufgab. Diese rührige vielseitige Thätigkeit zog die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf den schaffensfrohen Professor. Eine Probe davon gab die Theilnahme des Prinzgemahles der Königin Victoria, Albert, der bekanntlich sachsen-coburgischer Prinz war, an seinen Arbeiten. Prinz Albert verschaffte ihm die Möglichkeit einer Reise nach England zum Studium des dortigen Unterrichtswesens mit Rückkehr über Paris. Gern dachte er später an diese lehrreiche Studienreise zurück. Außerdem begründete in Coburg K. seine Häuslichkeit, indem er dort einen Ehebund schloß, der ihm ein ganzes Menschenalter hindurch Quelle des reinsten Glückes war. — Das Jahr 1861 entführte ihn nach Mülheim a. d. Ruhr als Director der dortigen mit einer höheren Mädchenschule verbundenen Realschule. Vier Jahre lang leitete er die vereinigten Anstalten. Als Lehrer übernahm er besonders Latein und Mathematik in der obersten Realclasse, als Leiter machte er sich mannichfach verdient um deren Lehrpläne und um die Methode des Unterrichtes. Eine längere Studienreise, die dem Realschulwesen des preußischen Staates gewidmet war, brachte ihm manche erfreuliche Bekanntschaften und Anregungen ein und knüpfte die durch längere Jahre gelockerten Bande mit der märkischen Heimath wieder enger. Vielleicht hing es damit zusammen, jedesfalls war es K. sehr erwünscht, daß ihm das Jahr 1865 einen Ruf nach Berlin brachte, den er gern annahm. „Es galt die Begründung einer Anstalt eigenartigen Charakters, der Luisenstädtischen Gewerbeschule, die eine höhere Bildung vermittelst der Naturwissenschaften, der historischen Fächer und der modernen Sprachen, mit Ausschluß des Lateinischen, zu geben bestimmt war.“ Es handelte sich also um eine Schwesteranstalt der Friedrichswerder'schen, Gallenkamp'schen Gewerbeschule, um eine der allerersten Anstalten, in denen der Typus der seither zur Gleichberechtigung mit Gymnasium und Realgymnasium — Realschule erster Ordnung hieß es damals — emporgediehenen Oberrealschule sich ankündigte. „In einer tiefgründenden Auseinandersetzung wies K. damals die Realschule an, ihre Aufgabe nicht in einem unfruchtbaren Wetteifer mit dem Gymnasium zu suchen; vielmehr sollte sie rücksichtslos die Consequenzen ihrer eigenthümlichen Anlage ziehen, ihren Weg selbständig für sich gehen und sich als besonderes Ziel die Vorbildung der höheren gewerblichen, nicht der gelehrten Stände setzen“ (Mayer). Gleichzeitig forderte er eine Entlastung der höheren Lehranstalten durch Gründung niederer Real-, Mittel- oder höherer Bürgerschulen. Auch in der Lösung dieser neuen Aufgabe bewies K. seine geschickte, zuverlässige Hand. „Ihm“,|schreibt sein Nachfolger, „nächst den königlichen und städtischen Schulbehörden verdankt die Luisenstädtische Gewerbeschule ihre innere und äußere Organisation, ihm verdankt sie ihren schnellen Aufschwung, ihr Ansehen und ihren Ruf, und sein Name wird in ihrer Geschichte stets mit Ehre und Auszeichnung genannt werden.“ Von dem hohen Ansehen, das K. binnen kurzer Zeit sich in Berlin erwarb, zeugt seine 1868 erfolgte Berufung in die wissenschaftliche Prüfungscommission für das höhere Lehramt, sowie seine Theilnahme an den vom Minister Falk 1872 veranstalteten Berathungen von Vertrauensmännern über das höhere Schulwesen Preußens. In der Prüfungscommission hatte er Philosophie und Pädagogik zu prüfen. Diese Aufgabe legte es ihm besonders nahe, sein längst innerlich zur Reife gediehenes pädagogisches System auch äußerlich zum Abschluß und zu abgerundeter Darstellung zu bringen. So entstand sein Hauptwerk: „Grundriß der Pädagogik“ (Berlin 1873), das bei seinen Lebzeiten noch dreimal aufgelegt wurde. Weit über die Grenzen der Herbartischen Schule hat dies Buch dankbaren Beifall gefunden und zu einer besseren methodisch-didaktischen Vorbildung des höheren deutschen Lehrerstandes beigetragen. Auch in mehrere fremde Sprachen ist es übersetzt worden. — Noch einmal wechselte K. das Feld seiner Thätigkeit. Als Ferdinand Ranke 1876 in Ruhestand treten wollte, den er übrigens nicht mehr erlebte, wurde K. zu seinem Nachfolger ausersehen. So übernahm er Ostern die Leitung des königlichen Friedrich Wilhelmsgymnasiums, des mit ihm verbundenen Realgymnasiums, der Vorschule und des Seminares für Lehrer der Mathematik und Physik. Die höhere Mädchenschule, Elisabethschule, die bis dahin auch als Nebenanstalt dazu gehört hatte, wurde gleichzeitig abgezweigt und selbständig gemacht. Das Realgymnasium schied erst drei Jahre später aus dem Verbande. Hatte K. in dreißigjähriger Lehrthätigkeit Verständniß und warmes Interesse für Schulen aller Art bewiesen, so war doch seine erste Liebe immer dem humanistischen Gymnasium treu geblieben. Er konnte es nur dankbar begrüßen, daß seine Laufbahn ihn schließlich zu diesem zurückführte, und hat noch drei Lustra, davon wenigstens zwei noch in rüstiger Gesundheit, dem ihm anvertrauten Gymnasium gewidmet, daneben noch in allerlei ehren- und nebenamtliche Thätigkeiten verflochten und namentlich durch längere Jahre mit der Redaction der Berliner „Zeitschrift für das Gymnasialwesen“ beschäftigt. Wie er in diesen Jahren der Reife erschien, mögen die Worte eines früheren Mitarbeiters (Mayer) andeuten: „Die ungeheure Geschäftslast, die er sich aufgebürdet hatte, zu tragen, befähigte ihn eine Gesundheit, die — vom letzten Lustrum abgesehen — allen Strapazen Trotz bieten durfte. Dazu kam ein eiserner Wille, eine oft bis zu scheinbarer Schroffheit sich steigernde Energie und ein außerordentlich klarer, in jeder Lage sich schnell fassender Geist. — Trotzdem thäte man ihm Unrecht, wollte man ihn einen Verstandesmenschen nennen. Die ihm näher traten, erkannten bald seine im Grunde kindliche Natur, den reichen Schatz von Freundlichkeit und Gutmüthigkeit, über den er stets verfügte.“ Ostern 1891 trat K. in Ruhestand. Im Sommer reiste er nach Tirol, das er in den Leiden der letzten Jahre öfter aufgesucht und liebgewonnen hatte. Dort verschied er am 4. Juli in Bruneck. Sein sterbliches Gebein ruht in märkischer Erde auf dem Friedhofe der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin.

    • Literatur

      Vgl. besonders E. W. Mayer, Zu Hermann Kern's Gedächtniß. (Zeitschrift für das Gymnasialwesen. Berlin. Jahrgang 1892. S. 509 ff.)

  • Autor/in

    Sander.
  • Empfohlene Zitierweise

    Sander, "Kern, Hermann" in: Allgemeine Deutsche Biographie 51 (1906), S. 511-513 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116140283.html#adbcontent

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