• Genealogie

    Liese (* ca. 1875), T d. Julius Seligsohn in Berlin u. d. Berta Alexander;
    1 S, 1 T.

  • Leben

    Nach Medizinstudium (in Breslau?) und Fachausbildung für Psychiatrie bei Wernicke war J. in der Städt. Anstalt Berlin-Herzberge bei Möhli und dann viele Jahre als Oberarzt im Sanatorium „Berolinum“ von Fränkel und Oliven in Berlin-Lankwitz tätig. Dann ließ er sich als frei praktizierender Psychiater in Berlin W nieder. Anfang Juli 1941 mußte er nach den USA emigrieren.

    Als Sozialpsychiater arbeitete J. an der Berliner Fürsorge für Geisteskranke und Rauschgiftsüchtige. Er wurde früh unter Einfluß von A. Forel „Guttempler“, hielt viele Autklärungsvorträge in Kreisen von Sozialisten und Pazifisten, z. B. im Arbeiter-Abstinentenbund. Er setzte sich für einen liberalen Strafvollzug ein. Auch förderte er kulturelle Gründungen der Arbeiterklasse und verband wissenschaftlich-philosophische Ideen mit populärer Aufklärungsarbeit.

    Die Grundpfeiler von J.s Weltbild sind zeitgeschichtlich geprägt: Der Darwinismus in Abwandlung Haeckels machte ihn zum Entwicklungsdenker; in der Biologie übertrug Ottomar Rosenbach den „Accumulator“ auf ein grundsätzlich energetisches Denken, das J. dann auch auf dem Weg über Fechner, J. M. Guyeau und Fouillée auf die Psychopathologie anwandte. Abseits jeder Phänomenologie blieb er Evolutionist. Schopenhauers Pessimismus folgend, bestritt er jegliche Teleologie weltlichen Geschehens. Die|denkerischen Folgen für das medizinischpsychiatrische Gebiet sind leicht abzuleiten. Wernickes einstige allgemeine Systematik, von der Neurologie (Aphasielehre) ausgehend, wurde nun energetisiert. Der Mensch als psychophysische Einheit wurde als „Akkumulation und Transformation“ solcher Energien aufgefaßt, und unter Benutzung der „idée force“ Guyeaus setzte er den zwar schon bekannten Begriff der „überwertigen Idee“ in der Psychiatrie durch. Die „überwertige Idee“ führt sowohl positiv wie negativ seelisch wirkend zu einer Einheitspsychose, deren Einzelerscheinungen J. als „circumskripte Psychose“ beschrieb. Dieser dann forensisch verwendete Begriff hat den Juristen viel Sorge gemacht, da die „überwertige Idee“ als Krankheitswert für die Inanspruchnahme der Zurechnungsfähigkeit benutzt werden sollte.

  • Werke

    u. a. Biozentr. Psychoanalyse, in: Psychiatr.-Neurolog. Wschr. 30, 1928, S. 20 f.;
    Ein Fall v. polymorpher Perversion, in: Dt. Zs. f. d. gesamte Gerichtl. Med. 13, 1929, S. 69-75 (mit W. Leibbrand);
    Btr. z. Neurosenlehre, in: Mschr. f. Psychiatrie u. Neurol. 75, 1930, S. 367-72 (mit dems.;
    gegen V. v. Weizsäckers Valenzlehre).

  • Autor/in

    Werner Leibbrand
  • Empfohlene Zitierweise

    Leibbrand, Werner, "Juliusburger, Otto" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 658 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11723141X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA