Lebensdaten
erwähnt 1250, gestorben 2. Hälfte 13. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Maler
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 136199186 | OGND | VIAF: 80585295
Namensvarianten
  • Johann Wale
  • Gallicus, Johannes
  • Johannes
  • mehr

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Zitierweise

Johannes Gallicus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd136199186.html [25.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    Eine Fam. Gallicus ist seit 1145 in Hildesheim nachweisbar. Deren Vorfahren sind spätestens in d. 1. Hälfte d. 12. Jh. von Westen nach Köln eingewandert, wo sie im Viertel d. Kaufleute wohnhaft (eine „platea Gallicorum“ ist überliefert) mit Tuchen handelten u. als Fernhändler bald Verbindungen nach Osten knüpften. Mitglieder d. Hildesheimer Linie traten dort mehrfach als Ratsherren u. Bürgermeister hervor. Zu d. Fam. gehören: jener Johannes Gallicus ( 1211), der Pfarrer v. St. Andreas, Domherr, Notar Heinrichs d. Löwen, „Kanzler“ Ottos IV. u. Stifter d. Schule an St. Andreas war (er wird auch mit d. Maler gleichgesetzt u. auf ihn geht wohl d. Hildesheimer Briefslg. zurück, s. L), d. Goldschmied Johannes, der um 1400 d. Prunksarkophag f. d. Gebeine d. hl. Bernward anfertigte, sowie e. weiterer Goldschmied gleichen Namens (1430/40) u. wohl auch d. Augustiner-Chorherr Johannes Gallicus in Kl. Marienrode b. Hildesheim (um 1250/60). 1538 stirbt d. Fam. in Hildesheim aus. - Ein Zweig d. Fam. ist wohl in d. 2. Hälfte d. 13. Jh. nach Schlesien weitergewandert, ihr gehört u. a. d. Breslauer Kanzler Walter ( 1338) an (s. L).

  • Biographie

    Der Maler J. ist aus einer in leoninischen Hexametern abgefaßten, in schwarzer Farbe aufgebrachten Pfeilerinschrift im Braunschweiger Dom (erster nördl. Langhauspfeiler, von Westen gesehen) bekannt, die 1881 aufgedeckt wurde. Ihr teilweise lückenhafter Zustand hat zu unterschiedlichen Lesungen und Ergänzungen (bzw. Restaurierungen) Anlaß gegeben. Die letzte kritische Untersuchung schlägt folgende Lesung vor: „Norint hoc omnes / quod Gallicus ista / Johannes pinxit. eum / calvum Deus ut det vivere / salvum. …… Johan Wale / …… Que scio formare si scirem vivificare / corpora deberent merito cum diis habitare“.

    Zunächst nur zögernd hat die Forschung den J., der „dieses gemalt hat“, mit den 1845 wiederentdeckten Wandgemälden in Chor, Vierung und südl. Querhausarm in Verbindung gebracht. Während deren vorletzter Restaurierung (1937–41) jedoch wurde in der Ostkappe des Vierungsgewölbes der in den Putzgrund eingeritzte Name „Joh Wale“ gefunden. Da an der Echtheit dieser Signatur kein Zweifel bestehen kann, darf das Wirken J.s, der auch in der Pfeilerinschrift die deutsche Form seines Namens nennt, mit Recht auf die Gemälde in der Ostpartie des Domes bezogen werden. An dem erzählfreudigen Bildprogramm, das außer Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament auch solche aus den Legenden mehrerer Heiliger (u. a. Johannes d. Täufer, Blasius Thomas Becket) enthält, ca. 800 qm Fläche bedeckt und somit eines der umfangreichsten des Mittelalters ist, kann die Beteiligung mehrerer Künstlerhände abgelesen werden, die nebeneinander in kurzer Zeitspanne an den ihnen übertragenen Aufgaben arbeiteten. Wenn man in dem Wort „calvus“ (kahl) einen Hinweis auf das Alter J.s erblicken will, könnte man diesen Maler als betagten Mann ansehen, der einem vielköpfigen Werkstattbetrieb als Meister vorstand und in dieser Eigenschaft sich mit der „zugleich stolzen und demütigen Beurteilung seines künstlerischen Schaffens“ (Berges/Rieckenberg) verewigte.

    Die Gemälde lassen sich nach stilistischen Vergleichen mit anderen, annähernd datierten Kunstdenkmälern in die Zeit um 1250 einordnen. Deshalb kann der Maler J. nur schwer mit Johannes Gallicus, „Kanzler Ottos IV.“, identifiziert werden, der zwar in Braunschweig und Hildesheim um 1200 mehrfach nachweisbar ist, aber am 22.11.1211 starb. Ein 3. Träger dieses Namens, ein Mönch aus Kloster Marienrode b. Hildesheim, ist in Urkunden 1257 und 1259 faßbar. Wenn auch diese beiden Jahreszahlen gut zu der für die Wandgemälde vorgeschlagenen Datierung passen, so fehlen doch bisher Anhaltspunkte für dessen künstlerische Tätigkeit im Braunschweiger Dom. Franz. Forscher haben den Namen Johannes Gallicus mit „Jean-le-Français“ übersetzt und in seinem Namensträger einen franz. Wanderkünstler sehen wollen. Jedoch lassen sich die Braunschweiger Monumentalmalereien der letzten Stilphase des in Niedersachsen und Thüringen verbreiteten „Zackenstils“ mühelos einordnen. Ihnen nahe verwandt sind – neben mehreren Beispielen aus der Buchmalerei – die Deckenbilder in St. Michael in Hildesheim und die Wandgemälde im Kloster Marienberg in Helmstedt. Die auch dort anzutreffenden westlichen Elemente sind nicht mit der Tätigkeit einer einzigen, auswärtigen|Künstlerpersönlichkeit zu erklären, sondern vielmehr einem breiten Einflußstrom zuzuschreiben, der von Westen seit dem 12. Jh. auf dieses Gebiet eingewirkt hat.

  • Literatur

    P. Clemen, Die roman. Monumentalmalerei in d. Rheinlanden, 1906, S. 806 f.;
    F. de Mély, Les primitifs français et leurs signatures - les sculpteurs, 1908, S. 12, 17 u. 89;
    P. J. Meier u. K. Steinacker, Die Bau- u. Kunstdenkmäler d. Stadt Braunschweig, 1926, S. 11;
    J. Gerhardt, Die spätroman. Wandmalereien im Dom zu Braunschweig, in: Niedersächs. Jb. f. Landesgesch. 11, 1934;
    W. Berges u. H. J. Rieckenberg, Eilbertus u. J. G., in: Nachrr. d. Ak. d. Wiss. in Göttingen, phil.-hist. Kl., Jg. 1951, Nr. 2;
    diess., Eilbertus u. J. G. -
    Bemerkungen zu e. Rezension, in: Niedersächs. Jb. f. Landesgesch. 25, 1953;
    R. Drögereit, Eilbertus u. J. G., ebd. 24, 1952;
    ders., Eilbertus u. J. G. -
    Feststellungen zu e. Erwiderung, ebd. 25, 1953;
    J.-Chr. Klamt, Die ma. Monumentalmalereien im Dom zu Braunschweig, Diss. Berlin 1968;
    H. Dobertin, Zur Herkunft d. Breslauer Kanzlers u. Domscholasters Walter, in: Forschungen u. Qu. z. Kirchen- u. Kulturgesch. Ostdtld.s 6, 1969 (mit Stammtafeln);
    ThB (unter Wale).

  • Autor/in

    Johann-Christian Klamt
  • Zitierweise

    Klamt, Johann-Christian, "Johannes Gallicus" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 551-552 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd136199186.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA